Ostdeutsche Identität(en) – Neue Zugänge zur Erinnerung an die DDR

Ein Gespräch zwischen Olivia Wenzel und Steffen Mau
Moderation: Jeanne Bindernagel (Kulturstiftung des Bundes)

Trotz der biographischen Verschiedenheiten der Autoren und der Unterschiedlichkeit ihrer Zugangsformen weisen Olivia Wenzels Roman „1000 Serpentinen Angst“ und Steffen Maus Studie „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ in ihrem Erinnern an die DDR der 1980er Jahre einige Ähnlichkeiten auf. Im Gespräch über individuelle und kollektive Erfahrungen unternehmen beide den Versuch, die DDR entlang innerdeutscher Entwicklungs- und Konfliktlinien von heute aus neu zu erinnern.

Die 1985 bei Weimar geborene Dramatikerin und Musikerin Olivia Wenzel beschreibt in ihrem Buch die Erfahrung von Rassismus, der sie und ihre Familie zu DDR-Zeiten und danach ausgesetzt war und erkennt darin, dass die Sprachpolitik der DDR keine Worte für die Erfahrung des Herausfallens aus dem Kollektiv hatte. Der 17 Jahre ältere, aus Rostock stammende Soziologe und Leibniz-Preisträger Steffen Mau erzählt in seinem Buch von seiner Kindheit und Jugend im Rostocker DDR-Modellbezirk Lütten-Klein: von der von diesem Stadtviertel ausgehenden Hoffnung auf die Modernität eines Staates, der gleichwertige Lebensverhältnisse für seine Bürger ermöglicht; und von den politischen Verordnungen und Repressionen, unter denen sich diese Hoffnung in den Zwang zur Gleichförmigkeit verkehrte. Der Unterschied zwischen beiden liegt in der Empathie von Mau und der Wut von Wenzel. Steffen Mau bemüht sich, die Entwicklung einer von ihm so umrissenen Ost-Mentalität nachzuvollziehen. Deren Wertschätzung speist sich vor allem daraus, dass er die Idee der gesellschaftlichen Gleichheit als emanzipatorische Errungenschaft würdigt. In Olivia Wenzels Roman erleben wir die Wut der Protagonistin darüber, dass ihr in der DDR die Sprache für den Rassismus genommen wurde und auch in der heutigen Erinnerungskultur nicht wiedergegeben wird – außer in einem Ost-Bashing, das den Osten als rassistisch markiert und sie darüber erneut in dieser Facette ihrer Identität diskriminiert.

Über Erkenntnisse und Versäumnisse im Umgang mit der Erinnerung an die DDR nach 1989 möchten sich Wenzel und Mau austauschen und dabei auch über die Notwendigkeit neuer Erzählformen des zeitgeschichtlichen Erinnerns in künstlerischen und wissenschaftlichen Medien sprechen.

Wenn die Stille tötet: Das Drama von Frankfurt (Oder)

Teaser 1. Persönlich Stille. Tödliche Stille, die erst eintrat, nachdem das Weinen verklungen war. Kevin und Tobias warteten. Auf Mama, auf ein Glas Wasser, auf ein Geräusch an der Tür. Doch niemand kam. Zwei Wochen lang saßen die kleinen Jungen in der Hitze ihrer Wohnung, während ihre Mutter nur wenige Kilometer entfernt ein neues Leben probte. Wie fühlt es sich an, vergessen zu werden? Diese Geschichte handelt nicht nur von einem Verbrechen, sondern von der beklemmenden Einsamkeit zweier Kinder, deren einziger Fehler es war, auf Hilfe zu vertrauen, die niemals kam. Ein Blick in den Abgrund menschlicher Kälte. 2. Sachlich-Redaktionell Frankfurt (Oder), Sommer 1999. Ein Fall, der Rechtsgeschichte schrieb und eine ganze Region erschütterte: Zwei Kleinkinder, zwei und drei Jahre alt, sterben qualvoll in ihrer elterlichen Wohnung. Die Ursache: Verdursten. Die Mutter, Daniela J., hatte die Wohnung für 14 Tage verlassen, um bei ihrem neuen Lebensgefährten zu sein. Trotz Schreien und Hinweisen aus der Nachbarschaft griffen weder Anwohner noch das Jugendamt rechtzeitig ein. Wir rekonstruieren die Chronologie eines angekündigten Todes, analysieren die Versäumnisse der Behörden und beleuchten die forensischen Beweise, die zur Verurteilung wegen Mordes führten. 3. Analytisch und Atmosphärisch Wegsehen. Es ist der unsichtbare Akteur in dieser Tragödie. Der Plattenbau in Frankfurt (Oder) wird zur Kulisse eines sozialen Dramas, das die Risse unserer Gesellschaft offenlegt. Es geht hier nicht nur um die individuelle Schuld einer überforderten Mutter, sondern um die Systematik des Ignorierens. Wie dünn ist die Wand zwischen Privatsphäre und tödlicher Vernachlässigung? Die Dokumentation seziert die Atmosphäre einer Nachbarschaft, in der man alles hört, aber nichts tut. Eine Analyse der Dynamik zwischen Hilflosigkeit, behördlicher Routine und der banalen Böseartigkeit des Verdrängens, die am Ende zwei Menschenleben kostete.