Friedhöfe werden sich wandeln müssen

Friedhöfe, Biodiversität und urbane Lebensqualität

Ändernde Trauer- und Bestattungskultur stellt Friedhöfe vor neue Herausforderung

Berlin. Der Tod ist mittlerweile vielerorts zu Hause – in Friedwäldern unter Bäumen, auf See oder als Diamant im Ring am Finger. Ein Holzsarg auf dem Friedhof muss es längst nicht mehr sein. Das hat zur Folge, dass allein auf Berlins Friedhöfen circa 340 Hektar (476 Fußballfelder) nicht mehr für Gräber gebraucht werden. „Über Jahrhunderte dehnten sich Friedhöfe aus, sodass sie vor den Toren der Siedlungen und Städte angelegt werden mussten. Nun haben wir erstmals die Situation, dass die Friedhöfe zu viel Fläche haben. Diese Entwicklung zeichnet sich seit den 1980er-Jahren ab und ist unter anderem Ausdruck einer sich verändernden Trauer- und Bestattungskultur“, erzählt Dr.-Ing. Sylvia Butenschön, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Städtebauliche Denkmalpflege und Urbanes Kulturerbe.

Zuflucht vor Lärm und Hitze

Das Zuviel an Fläche stellt die Friedhofsverwaltungen vor die Frage: Was tun damit? Und mit dieser Frage beschäftigte sich auch unlängst die Fachtagung „Vom Grab zum Grün. Zur Transformation historischer Friedhöfe“, die in Zusammenarbeit vom Edible Cities Network, der HU Berlin und dem Fachgebiet Städtebauliche Denkmalpflege und Urbanes Kulturerbe der TU Berlin veranstaltet wurde. Die Flächen angesichts der Wohnungsnot in den Städten kurzerhand in Bauland umzuwidmen, liegt nahe. Das ließe jedoch außer Acht, so Butenschön, dass Friedhöfe längst mehr sind, als nur Begräbnisstätte zu sein: In den vom Verkehr lärmenden und vom Klimawandel geplagten Städten sind sie Orte der Erholung, der Ruhe, Orte kühlender Frische in hitzigen Sommern, Orte der Naturerfahrung und des kulturellen Gedächtnisses und ein Hotspot der Artenvielfalt, worüber der ehemalige TU-Professor Dr. Ingo Kowarik auf der Fachtagung sprach. Die Friedhöfe leisten also viel für die Menschen. Diese Fülle an Funktionen hat die Wissenschaft in das etwas sperrige Wort Ökosystemleistung gepackt.

Die Orte des Todes sind höchst lebendig

„Auf Friedhöfen findet sich unter anderem oft ein guter Gartenboden, in der Fachsprache Hortisol oder – noch spezifischer – Nekrosol genannt, der humusreich, locker, von Pilzen, Bakterien, Würmern und Insekten ‚bevölkert‘ ist sowie Nährstoffe, Wasser und CO2 speichert“, weiß die Landschaftsarchitektin, die zu Gartenkulturgeschichte und Gartendenkmalpflege habilitierte. Auch fänden sich auf den Friedhöfen neben den vor 100, 150 Jahren gepflanzten Bäumen Gehölze, Büsche, Stauden, Blumen und Gräser, die man auf anderen Grünflächen nicht fände, weil sie vorrangig auf dem Todesacker ausgebracht wurden wie zum Beispiel immergrüne Pflanzen als Symbol für die Unvergänglichkeit der Seele. Butenschön: „Aus Sicht von Fauna und Flora sind die Orte des Todes höchst lebendig.“

Um zu verstehen, wie die Begräbnisstätten zu grünen Lungen wurden, verweist die Wissenschaftlerin noch einmal auf die Geschichte: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden die damals typischen Alleequartierfriedhöfe mit ihren Alleen und rechteckigen Bestattungsfeldern vor den Toren der Stadt. Und auch die neuen Zentralfriedhöfe größerer Städte, die man zeitgemäß im landschaftlichen Stil als Parkfriedhöfe gestaltete, wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts an den damaligen Stadträndern angelegt. Mit dem starken Wachstum der Städte und der Zunahme der Siedlungsfläche seit jener Zeit wurden aus ehemals vorstädtischen Friedhöfen nun Grünflächen in Innenstadtlage.

Kohlköpfe auf dem Gottessacker?

Dass die freiwerdenden Friedhofsareale möglichst als Grünflächen erhalten bleiben, ist in der Wissenschaft und der Stadtgesellschaft weitestgehend unstrittig. Aber, ergänzt Sylvia Butenschön, es wäre wichtig, die spezifischen Qualitäten eines jeden einzelnen Friedhofes hinsichtlich seiner Grabstellen und besonderen Pflanzen und Tiere zu untersuchen, um daraus passende Transformationsideen zu entwickeln und den Genius Loci des jeweiligen Friedhofes zu bewahren und erlebbar zu machen. Der ehemalige Neue St. Thomas-Friedhof in Berlin-Neukölln sei da ein ganz lehrreiches Beispiel. Zwar habe man ihn in eine öffentliche Grünanlage umgewidmet, aber der Anita-Berber-Park, wie der Friedhof nun heißt, bewahre in seiner jetzigen Gestaltung und Atmosphäre nur noch wenig Erinnerung an die vormalige Funktion. „Das mag für diesen ehemaligen Friedhof nachvollziehbar sein, weil dort seit den 1980er-Jahren keine Beerdigungen mehr stattfanden. Eine Blaupause für die Transformation von Friedhöfen generell sollte dies aber nicht sein“, sagt Dr.-Ing. Sylvia Butenschön.

Immer intensiver werde neuerdings auch eine gärtnerische Nutzung nicht mehr gebrauchter Friedhofsflächen in Betracht gezogen. Inwiefern es jedoch pietätlos ist, auf ehemaligen Gräbern Kohlköpfe anzubauen – diese Diskussion müsse in der Gesellschaft noch geführt werden, so Butenschön.

Vorträge während der Fachtagung „Vom Grab zum Grün. Zur Transformation historischer Friedhöfe“: https://www.youtube.com/watch?v=2XpOX2QPt0A&list=PLm5HeTHGcH_wwTjAupMhrCHtz1…

Vortrag des ehemaligen Leiters des Fachgebiets Ökosystemkunde / Pflanzenökologie Prof. Dr. Ingo Kowarik auf der Fachtagung „Vom Grab zum Grün. Zur Transformation historischer Friedhöfe“ über Berliner Friedhöfe als Hotspot der Artenvielfalt.

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