agathe – Thüringer Initiative gegen Einsamkeit stellt Ergebnisse vor

Jena. „Reichlich deprimiert, den Computer strapaziert und die Couch ruiniert“, so beschreibt Volker Pokluda aus Jena seinen Zustand, bevor er durch das Projekt agathe beraten wurde. Als er das sagt, geht ein verständnisvolles Raunen durch das Publikum. Der rüstige Herr sprach über seine Erfahrungen als Vertreter der Zielgruppe bei der jetzt stattgefundenen Podiumsdiskussion in Erfurt zur Präsentation der Evaluation von agathe.

agathe – Thüringer Initiative gegen Einsamkeit

Agathe ist eine Thüringer Initiative gegen die Einsamkeit von Seniorinnen und Senioren. Das Programm richtet sich vor allem an Personen im Rentenalter, die alleine leben und bietet niedrigschwellige Beratungs-, Informations- und Weitervermittlungsangebote an. Ziel ist es, die Einsamkeit zu verringern sowie die Gemeinschaft und gesellschaftliche Teilhabe im Alter zu fördern.

Untersucht und präsentiert wurde die Wirksamkeit des Beratungsangebotes federführend durch OptiMedis, ein Sozialforschungsinstitut. Ministerin Heike Werner belegte anhand von über 9.500 erfolgten Hausbesuchen die Wirksamkeit und den Bedarf der Initiative. In der Auswertung der mit den Seniorinnen und Senioren geführten Interviews beschrieb OptiMedis, wie in den individuellen Situationen konkret geholfen werden konnte.

„Ich hatte das Gefühl, unter die Räder zu kommen“, berichtete Pokluda und erzählte weiter über das Schreiben der Stadt Jena, mit dem Angebot von agathe. Er rief an und bekam schnell Besuch und konkrete Anregungen für seine Situation. Gut fand er die vorgeschlagenen Kontaktangebote, die er gerne annahm. Einen Stammtisch für Alleinstehende und agathe-Spaziergänge zu Angeboten im Stadtteil besucht er bis heute. Auch an Informationsveranstaltungen zu Themen wie Sicherheit im Alltag oder zur Vorsorge nahm er teil. Ein Highlight war für ihn der Besuch einer Weihnachtsfeier, hatte er doch seit Jahren keine mehr miterlebt. Der Kontakt zu den Menschen hat ihm wieder Lebensmut gegeben, die Interessen kamen zurück.

Unterstützungsbedarf von allein lebenden älteren Menschen

Diskutiert wurde durch die Teilnehmenden der Podiumsrunde der große Unterstützungsbedarf von allein lebenden älteren Menschen, um ein langes und zufriedenes Leben, möglichst in der eigenen Wohnung, führen zu können. Entscheidenden Einfluss dabei hat die Stärkung der aktiven Teilhabe bzw. die Integration in die Gemeinschaft und die Vermittlung bedarfsgerechter Hilfen. Die Schilderungen von Volker Pokluda gaben den vorgetragenen Fakten eine ganz persönlich-praktische Perspektive.

agathe-Angebot in Jena

Franziska Wächter, die Altenhilfeplanerin der Stadt Jena, skizzierte, ausgehend von der belegten Notwendigkeit des agathe-Beratungsangebotes, die Planungen für die Stadt Jena. Ursprünglich in Lobeda 2021 gestartet, ist agathe seit 2024 für den gesamten Stadtraum zuständig. Dazu wurden die Stellenanteile im Projekt erhöht und die Projektarbeit für die neuen Stadtteile weiterentwickelt. Der Plan ist, das agathe-Angebot als einen Bestandteil der Altenhilfe dauerhaft zu etablieren.

Kontakt/ Mehr Informationen

Das agathe-Team ist unter 03641-806857 / 0173-4303842 und agathe@ueag-jena.de erreichbar.
https://üag.de/beratung/generationenarbeit/agathe

Titelfoto: v. l.: Volker Pokluda, Franziska Wächter (Altenhilfeplanerin Jena), Prof. U. Lakemann (Sozialwissenschaftler), Frau Michelfeit (Thüringer Ministerium), Frau Kahler (BAGSO), Frau Graul (Landesseniorenrat Thüringen), Frau Schollmeyer (agathe Qualifizierung) – Stadtverwaltung Jena

Die Waisen der Freiheit: Wenn Eltern gehen und Kinder bleiben

3 Teaser 1. Persönlich Verlassen, vergessen, verraten. Christine sitzt in der leeren Wohnung, neben sich der Säugling, auf dem Tisch das Fotoalbum. Sie ist elf Jahre alt und wartet. „Morgen holen wir euch nach“, hatten die Eltern gesagt, bevor sie in den Westen gingen. Doch morgen kam nie. Christine wurde zur Waise wider Willen, eine Geisel des Kalten Krieges. Wie lebt es sich mit dem Wissen, dass die eigene Freiheit für die Eltern weniger zählte als die Flucht in den goldenen Westen? Eine Geschichte über das Warten. 2. Sachlich-Redaktionell Tausendfaches Schicksal. Die Flucht aus der DDR ist ein historisch gut aufgearbeitetes Thema, doch ein Aspekt blieb lange ein Tabu: Die "republikflüchtigen" Eltern, die ihre Kinder zurückließen. Zwischen 1958 und 1989 wurden Tausende Minderjährige in staatliche Heime eingewiesen, weil ihre Erziehungsberechtigten das Land verließen. Waren es politische Zwänge oder niedere Motive? Der Beitrag analysiert die rechtlichen und sozialen Folgen für die zurückgelassenen Kinder der DDR-Diktatur. 3. Analytisch und Atmosphärisch Kalter Rauch und leere Versprechen. Die Luft in den verwaisten Wohnungen roch nach überstürztem Aufbruch. Der Riss, der durch Deutschland ging, verlief nicht nur entlang der Mauer, sondern direkt durch die Herzen der Familien. Die Analyse seziert die Ambivalenz des Freiheitsbegriffs: Während die Eltern im Westen von "Selbstverwirklichung" träumten, erlebten ihre Kinder im Osten die Kälte der staatlichen Fürsorge. Ein psychologisches Psychogramm einer Gesellschaft, in der die Flucht oft auch eine Flucht vor der Verantwortung war.