Katharina Thalbach bei Gaus: Von der Utopie und der Fremdheit im Westen

In einem Gespräch aus dem Jahr 1996 blickt die Schauspielerin nicht im Zorn zurück, sondern analysiert präzise, was vom Leben in der DDR bleibt, wenn der Staat verschwunden ist.

Es ist das Jahr 1996. Die Mauer ist seit sieben Jahren gefallen, die Euphorie der Wendezeit ist einem nüchternen Alltag gewichen. In dieser Atmosphäre der Bestandsaufnahme sitzt Katharina Thalbach dem Journalisten Günter Gaus gegenüber. Wer Polemik erwartet oder eine simple Abrechnung mit der DDR, wird enttäuscht. Was Thalbach liefert, ist eine ruhige, fast analytische Betrachtung ihrer Herkunft und der zwei deutschen Systeme, die sie durchwandert hat. Sie, die 1976 von Ost- nach West-Berlin ging, verweigert sich der Rolle der klassischen Dissidentin. Ihr Weggang war pragmatisch, solidarisch mit ihrem Partner Thomas Brasch, der im Osten nicht arbeiten konnte, aber er war keine Absage an die Ideen, mit denen sie aufwuchs.

Thalbachs Prägung ist spezifisch. Als Ziehtochter von Helene Weigel, der Witwe Bertolt Brechts, erlebte sie eine Jugend im Zentrum der DDR-Kulturelite. Die Erziehung beschreibt sie als streng, fast mitleidlos, aber überlebenswichtig. Doch jenseits dieser biografischen Besonderheit formuliert sie Erfahrungen, die viele Ostdeutsche teilen. Es ist die Unterscheidung zwischen dem Staat, dem man mit einem „natürlichen Misstrauen“ begegnete, und einer gesellschaftlichen Utopie, die sie bis heute nicht ablegen will.

Bemerkenswert ist ihre Perspektive auf die Emanzipation. Auf die Frage, wie sie sich emanzipiert habe, reagiert sie zunächst verständnislos. Der Begriff der Emanzipation sei für sie eine Vokabel des Westens, der Frauenbewegung der Bundesrepublik. In ihrer ostdeutschen Realität war die Gleichstellung – ökonomisch wie strukturell – eine Selbstverständlichkeit. Frauen arbeiteten, Kinderbetreuung war gesichert. Das Ringen um die eigene Rolle, wie sie es später im Westen beobachtete, war ihr fremd. Hier zeigt sich ein Selbstbewusstsein, das nicht aus theoretischen Debatten stammt, sondern aus der gelebten Normalität der DDR-Frauenbiografie.

Als Thalbach 1976 in den Westen kommt, trifft sie auf einen Kulturbetrieb, der ihr fremd bleibt. Sie beschreibt die westliche Theaterszene jener Zeit, geprägt von den Nachwehen der 68er, als stark ich-bezogen. Die Frage „Wie komme ich darin vor?“ stand oft über dem Werk selbst. Im Kontrast dazu schildert sie die Kunst in der DDR als ein politisches Medium, eine Art Geheimsprache, die eine hohe Relevanz für das Publikum hatte. Es gab eine Korrespondenz zwischen „unten und oben“, eine Reibung, die dem Theater eine Schwere und Bedeutung verlieh, die sie im Westen vermisste. Dort, so ihre Beobachtung, sei vieles beliebiger, weniger dringlich.

Ihr Blick auf das vereinte Deutschland der Neunzigerjahre ist ambivalent. Sie genießt die „Baustelle Berlin“, den Zustand des Werdens. Doch sie fürchtet den Moment, wenn alles „fertig“ ist. Die neue Gesellschaft empfindet sie oft als kalt, dominiert von der Verkäuflichkeit der Dinge, während die Utopien verschwinden. Wenn sie der DDR den Vorwurf der Entmündigung macht, so entlässt sie auch die Bundesrepublik nicht aus der Verantwortung: Auch hier sieht sie eine Form der Entmündigung, subtiler zwar, aber vorhanden.

Katharina Thalbach bewahrt sich in diesem Gespräch eine Haltung, die weder verklärt noch verdammt. Sie trauert nicht dem Staat DDR nach, wohl aber der Wichtigkeit von Kunst und dem Glauben an eine gerechtere Gesellschaft. Es ist das Festhalten an einem inneren Kompass, der im Osten geeicht wurde und im Westen nicht einfach neu kalibriert werden kann.

Das Sicherheitsgefühl in der DDR als soziale und biografische Erfahrung

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Sicherheit ist für viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kein abstrakter Begriff aus der Kriminalstatistik, sondern eine Erinnerung an ein Lebensgefühl der Vorhersehbarkeit. Teaser: Wer heute zuhört, wenn Ostdeutsche über ihre Vergangenheit sprechen, stößt oft auf eine Diskrepanz zwischen der historischen Realität einer Diktatur und dem persönlichen Erleben eines geschützten Alltags. Diese Wahrnehmung basiert stark auf der Erfahrung einer fast lückenlosen sozialen Absicherung. Der Arbeitsplatz war garantiert, die Miete festgeschrieben, und der Lebensweg verlief oft in geregelten Bahnen, die kaum individuelle Risiken bargen. Diese staatlich garantierte Statik nahm dem Alltag eine existenzielle Schärfe, die erst mit den Umbrüchen der Nachwendezeit in das Leben vieler Menschen trat. Hinzu kam ein öffentlicher Raum, der durch eine hohe soziale Kontrolle und geringe Mobilität geprägt war. Man blieb oft über Jahrzehnte im gleichen Wohnviertel, kannte das Umfeld und bewegte sich in einer homogenen Gesellschaft, in der Fremdheit die absolute Ausnahme bildete. Die staatliche Ordnungsmacht sorgte zudem rigoros dafür, dass Konflikte selten sichtbar im Straßenbild ausgetragen wurden. In der Rückschau verschmelzen diese Faktoren – die soziale Planbarkeit, die vertraute Umgebung und die sichtbare Ruhe – zu einem Sicherheitsbegriff, der sich fundamental von heutigen Definitionen unterscheidet. Er beschreibt weniger den Schutz vor Verbrechen als vielmehr die Abwesenheit von unvorhersehbaren Veränderungen. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Wenn Ostdeutsche sagen, früher sei es sicherer gewesen, vergleichen sie die Gegenwart oft nicht mit dem politischen System der DDR, sondern mit einer spezifischen Form der sozialen Stabilität. Teaser: Die Analyse dieses Gefühls zeigt, dass Sicherheit in diesem Kontext vor allem als Planbarkeit des eigenen Lebens verstanden wird. In der DDR waren Erwerbsbiografien und Wohnsituationen langfristig gesichert, was eine mentale Entlastung von existenziellem Wettbewerb bedeutete. Der abrupte Wegfall dieser Strukturen nach 1990 und die Erfahrung massiver Unsicherheit prägen den rückblickenden Vergleich bis heute. Verstärkt wird dies durch den Kontrast zwischen der damaligen medialen Filterung, die Konflikte ausblendete, und der heutigen Informationsdichte, die Risiken permanent sichtbar macht. Sicherheit erscheint in dieser Lesart als ein Zustand, in dem die Komplexität der Welt noch überschaubar war. QUELLE Basis: Video-Analyse „Warum viele Ostdeutsche sagen: ‚In der DDR war es sicherer‘“