Der Entwurf für ein freies Mediengesetz im Dezember 1989

In den Sitzungsräumen der Regierungskommission liegen am 21. Dezember 1989 die Entwürfe auf dem Tisch, während draußen der Winter über einer sich auflösenden DDR liegt. Papierstapel mit zehn nummerierten Punkten wandern durch die Hände von Verbandsvertretern und Politikern, die über die Neuordnung der Kommunikation beraten, noch bevor das alte Jahr zu Ende geht.

Dieser Moment markiert einen radikalen Bruch mit der bisherigen Praxis der staatlichen Lenkung, da die vorliegenden Thesen nicht von der Parteiführung, sondern von einer gemeinsamen Kommission aus Journalisten, Künstlern und Schriftstellern erarbeitet wurden. Sie stellen den Versuch dar, das Machtvakuum der Wendezeit mit einer rechtlich bindenden Struktur zu füllen, die Meinungsfreiheit nicht als Gnade, sondern als einklagbares Grundrecht definiert. Es geht dabei um weit mehr als nur kosmetische Korrekturen am bestehenden System.

Zentrales Element des Entwurfs ist die unmissverständliche Definition der Medienfreiheit als Abwesenheit staatlicher Eingriffe, womit die bisherige Zensurpraxis für unzulässig erklärt wird. Die Autoren der Thesen verlangen eine verfassungsrechtliche Garantie für die ungehinderte Artikulation aller gesellschaftlichen Interessen. Damit wird den Massenmedien eine neue Rolle als Instrument der öffentlichen Kontrolle zugewiesen, statt wie bisher als Transmissionsriemen der staatlichen Macht zu fungieren.

Ein bemerkenswerter Aspekt ist die Umkehr der Beweislast und die Einführung einer Auskunftspflicht für staatliche Organe gegenüber der Presse. Wo früher Informationen gefiltert oder zurückgehalten wurden, soll nun jeder Bürger ein Recht auf Information haben, das die Behörden zur Wahrheit verpflichtet. Diese Pflicht soll laut dem Entwurf sogar gerichtlich durchsetzbar sein, was die Position der Journalisten gegenüber dem Apparat massiv stärken würde.

Die Thesen widmen sich ausführlich dem Schutz der journalistischen Arbeit und führen das Recht auf Verweigerung ein, sollte ein Auftrag der persönlichen Überzeugung widersprechen. Dies zielt direkt auf die Gewissensfreiheit der Autoren, die in der Vergangenheit oft gezwungen waren, gegen ihre innere Haltung zu schreiben. Ergänzend wird ein umfassender Quellenschutz gefordert, der Informanten vor Repressalien schützen soll und nur durch richterlichen Beschluss aufgehoben werden kann.

Hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse öffnet der Entwurf den Weg für eine pluralistische Medienlandschaft, indem er alle Eigentumsformen zulässt, solange die Inhaber aus der DDR stammen. Gleichzeitig wird der Status von Rundfunk, Fernsehen und der Nachrichtenagentur ADN als Anstalten des öffentlichen Rechts definiert. Dies soll verhindern, dass wichtige Informationskanäle unter direkte staatliche oder rein kommerzielle Kontrolle geraten.

Ein fast revolutionärer Punkt findet sich am Ende des Papiers in der Regelung der inneren Pressefreiheit und der Mitbestimmung in den Redaktionen. Die Forderung, dass Chefredakteure und Intendanten nur mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit der Mitarbeiter bestätigt werden können, zeugt von einem tiefen Misstrauen gegen von oben eingesetzte Führungskader. Es ist der Versuch, Demokratie direkt in den Arbeitsstrukturen der Medienhäuser zu verankern.

Das Fest zwischen den Welten: Weihnachten 1989 in der DDR

Teaser 1. Persönlich Plötzlich standen sie vor der Tür: Ein Kamerateam aus dem Westen, einfach so, an Heiligabend. Was heute undenkbar wäre, wurde 1989 bei Familie Häring in Zwickau zur schönsten Erinnerung ihres Lebens. Die Wohnzimmertür öffnete sich nicht nur für fremde Gäste, sondern für eine neue Zeit. Tränen der Rührung, improvisierte Geschenke und eine Gastfreundschaft, die keine Grenzen kannte. Dieses Weihnachten war mehr als ein Fest – es war das emotionale Tauwetter nach Jahrzehnten der Kälte, ein Moment, in dem wildfremde Menschen zu Brüdern wurden. 2. Sachlich-Redaktionell Mangelwirtschaft trifft auf Konsumrausch: Das Weihnachtsfest 1989 markiert eine historische Zäsur. Während die D-Mark in den Osten flutet und das Begrüßungsgeld in den grenznahen Städten für leere Regale sorgt, bricht die Währung der DDR zusammen. Unser Rückblick beleuchtet die ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen dieser Tage – vom Sturm auf die West-Kaufhäuser über die Enthüllung der Privilegien in der Waldsiedlung Wandlitz bis hin zum staatlich organisierten Postraub der Stasi. Eine Analyse der chaotischen Übergangszeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. 3. Analytisch und Atmosphärisch Niemandsland zwischen Gestern und Morgen. Weihnachten 1989 ist ein Tanz auf dem Vulkan, eine Zeit der anarchischen Freiheit. Die alte Ordnung hat ihre Macht verloren, eine neue ist noch nicht etabliert. In der Luft liegt der Geruch von Zweitaktgemisch und West-Orangen, während in den Wohnstuben krumme Kiefern mit viel Fantasie zu Tannenbäumen umgebaut werden. Es ist eine Atmosphäre von fragiler Euphorie, die in der gefährlichen Eskalation der Silvesternacht am Brandenburger Tor ihren dramatischen Höhepunkt findet. Ein Fest der Extreme, das den Takt für das Schicksalsjahr 1990 vorgab.