Grenzenloser Mut: Norbert Nachtweys Sprung in den Westen

Norbert Nachtweys Name steht für eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, die weit über fußballerische Erfolge hinausgeht. Der ehemalige DDR-Fußballer, der später als unscheinbarer Held im dominanten Bayern-Team der späten 80er-Jahre glänzte, beging einen waghalsigen Schritt, der ihn zum Symbol der Flucht aus der DDR und zum erfolgreichsten Ost-Deutschen in der Bundesliga machte.

Frühe Jahre und sportlicher Aufstieg
Bereits im zarten Alter von sechs Jahren erlernte Norbert Nachtwey das Fußballspielen bei Motor Sangerhausen. Seine fußballerische Ausbildung setzte er fort und durchlief bis zu seinem 17. Lebensjahr namhafte Vereine wie Traktor Polleben, Stahl Eisleben und den Halleschen FC Chemie. Für Chemie bestritt er zwischen 1974 und 1976 35 Spiele in der DDR-Oberliga und erzielte dabei zwei Tore – der Beginn einer Karriere, die später durch zahlreiche Titel und Pokale gekrönt werden sollte.

Flucht in die Bundesrepublik – Ein riskanter Neuanfang
Es war der 16. November 1976 in Bursa, als Nachtwey gemeinsam mit seinem Mannschaftskameraden Jürgen Pahl eine Gelegenheit ergriff, die ihr beider Leben verändern sollte. Während der U-21-Fußball-Europameisterschaft fand nach dem Spiel der DDR gegen die Türkei ein heimlicher Abschied aus dem Hotel statt. Mit Hilfe der türkischen Behörden und des deutschen Konsulates gelang es den beiden, über Istanbul nach München auszureisen. Dabei spielten wirtschaftliche Überlegungen eine entscheidende Rolle – ein Grund, der sie vom Verbleib in der DDR und einem politisch motivierten Weg unterschied.

Dramatische Flucht und der Weg in die Freiheit
Die Flucht führte die beiden Athleten über einen geheimen Plan, der in einem schicksalhaften Gespräch in einem Hotel in Bursa seinen Anfang nahm. Mit klopfendem Herzen und einem eigens ausgetüftelten „Schlachtplan“ setzten sie ihren Mut in die Tat um. Nach der riskanten Reise über Istanbul, die sie mit Hilfe ihres amerikanischen Mittelsmanns und unter dramatischen Umständen über den deutschen Konsulat unterstützten, fanden sie in München den Startpunkt für ihr neues Leben. Trotz intensiver Verhöre durch den Verfassungsschutz und der ständigen Bedrohung durch den allgegenwärtigen Blick der Stasi, war dies der Beginn eines Abenteuers, das weit über den Fußball hinausging.

Der Aufstieg in der Bundesliga
In München öffnete sich das erste Fenster zur sportlichen Zukunft: Ein Funktionär von Eintracht Frankfurt erkannte das enorme Potenzial des jungen Spielers und holte ihn ins Team. Nachdem eine Sperre des DDR-Fußballverbandes die ersten Monate erschwerte, durfte Nachtwey ab März 1978 in der Bundesliga endlich auflaufen. Mit seiner Vielseitigkeit und seinem unerschütterlichen Einsatz beeindruckte er nicht nur seine Trainer, sondern auch die Fans. Sein Aufstieg erreichte seinen Höhepunkt beim FC Bayern München, wo er über sieben Jahre hinweg als integraler Bestandteil der dominanten Mannschaft der späten 80er-Jahre sieben Titel gewann – ein Beleg dafür, dass sein Mut und seine Entschlossenheit ihn zu einem der erfolgreichsten Ost-Deutschen im westdeutschen Fußball machten.

Leben zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Nach seiner aktiven Zeit als Spieler setzte Nachtwey seine Laufbahn fort – zunächst beim französischen AS Cannes und später als engagierter Trainer in der Fußballschule der Eintracht Frankfurt. Doch sein persönlicher Weg blieb von den Schatten der Vergangenheit begleitet. Über drei Jahrzehnte nach der Wende entschied sich der ehemalige Profispieler, einen Blick in seine Stasi-Akte zu werfen – ein Schritt, der ihn und seine Familie erneut mit der schwierigen Frage nach Identität, Schuld und Versöhnung konfrontiert.

Norbert Nachtweys Lebensweg ist eine Geschichte von Mut, Risikobereitschaft und unbeirrbarem Willen. Sein Sprung ins Ungewisse – der Fluchtversuch, der ihm nicht nur den Weg in die Freiheit, sondern auch in die Bundesliga ebnete – macht ihn zu einem Symbol der Selbstbestimmung und des Erfolgs. Heute steht er nicht nur als leuchtendes Beispiel sportlicher Triumphe, sondern auch als Mahnmal für die Kraft, über politische und wirtschaftliche Grenzen hinauszuwachsen.

Tips, Hinweise oder Anregungen an Arne Petrich

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