Kindheit im Osten: Wigwam bauen, Bücher tauschen, Helden finden

Was verbindet Karl May, den sächsischen Abenteuerautor, mit Gojko Mitić, dem berühmten DEFA-Indianerhauptling, und einem tief sitzenden Gerechtigkeitsgefühl? Dieser Frage geht ein Podcast der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, „Einmal klingeln“, nach und taucht in Kindheitserinnerungen und kulturelle Prägungen in der DDR ein. In einer Episode sprechen die Moderatorin Dr. Eva Maria Zerer und der Schriftsteller Marco Martin über ihre Erfahrungen, ausgehend von einer gefundenen Indianerfigur. Beide sind in der DDR aufgewachsen, wenn auch unterschiedlichen Jahrgangs und unterschiedlich sozialisiert. Der Podcast möchte unverklärt, persönlich und facettenreich sein und zum eigenen Nachdenken oder Austausch anregen.

Indianerspiele waren ein prägender Teil der Kindheit vieler DDR-Bürger, besonders der Generation um 1970, wie Marco Martin berichtet. Er erinnert sich an kleinere Indianerfiguren, die neben Matchbox-Autos auf dem Board standen. Diese Indianerfiguren empfand er als weitaus interessanter, da sie zu fantasievollen Kinderspielen anregten. Diese Spiele fanden nicht im offiziellen Rahmen statt – weder im Hort noch bei den Pionieren oder in Ferienlagern –, sondern im privaten Umfeld: Auf Wiesen, in Gärten oder im Wald wurden Zelte gebastelt oder Wigwams gebaut.

Interessanterweise wollte in diesen Spielen niemand den Cowboy spielen; es war viel spannender, ein Apache oder Dakota zu sein. Diese Rollenwahl war maßgeblich von den westdeutschen Karl May Verfilmungen (den Winnetou Filmen) beeinflusst, die in den DDR-Kinos liefen und zur Weihnachtszeit im Fernsehen gezeigt wurden. In diesen Filmen waren die Apachen die Guten, die Komantschen hingegen die Bösen. Die Komantschen waren – in der filmischen Fiktion – die Kollaborateure, da sie sich mit den weißen Eisenbahner-Gesellschaften zusammentaten, die Schienen durch Indianerland zogen. Das halte zwar keiner historischen Prüfung stand, sei aber im fiktionalen Raum, der für Kinder Realität darstelle, prägend gewesen. Auch Mädchen fanden ihre Rollen, beispielsweise als Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Sie wurde damals sehr wertschätzend und ehrenhaft dargestellt und war ein positives Bild für ein Mädchen, auch wenn dies einem heutigen Frauenbild vielleicht nicht standhalten würde.

Der Umgang mit Karl May war in der DDR einem Wandel unterworfen. Während Karl Mays Bücher für die ältere Generation, wie Eva Maria Zerer berichtet, noch als „Schmutz und Schundliteratur“ galten und aus Schulranzen konfisziert wurden, war dies für Marco Martins spätere Jahrgänge nicht mehr der Fall. Karl May Bücher, oft aus Westpaketen oder vom Bamberger Verlag, wurden getauscht. Eigene DDR-Ausgaben, die sukzessive ab Mitte der 1980er Jahre erschienen, waren hingegen oft schwer erhältlich („Bückware“).

Eine wichtige Rolle bei der Wiederentdeckung Karl Mays als „progressiver Autor“ in der DDR spielte der Leipziger Forscher Christian Hermann. Laut Martin bedurfte dies keiner großen ideologischen Verdrehung, denn May war kein reaktionärer Kitschautor. Seine Bücher enthielten durchaus progressive Elemente, wie die Darstellung der sogenannten „48er“ (Revolutionäre von 1848), die in der Prärie auf die Seite von Winnetou und Old Shatterhand traten. Auch Karl Mays Freundschaft mit der Pazifistin Berta von Suttner am Ende seines Lebens und sein letztes Buch als visionärer Roman für Völkerverständigung wurden ihm angerechnet. Karl Mays eigene sächsische Biografie – seine Herkunft aus Hohenstein-Ernstthal, kleine Delikte, die zu Inhaftierungen führten, und der Beginn seiner Schriftstellerei im Zuchthaus Waldheim – wurde in der DDR wahrgenommen. Dies wurde in einer Serie in der viel gelesenen Wochenpost von Christian Hermann als spannende Geschichte erzählt. Das Karl May Museum in Radebeul wurde ab Mitte der 1980er Jahre zu einem beliebten Ausflugsziel.

Neben Karl May prägte vor allem eine andere Autorin das Indianerbild in der DDR: Liselotte Welskopf-Henrich. Martin widmete ihr ein Kapitel in seinem Buch „Die verdrängte Zeit“. Sie wurde als „nicht der Karl May des Ostens“, sondern als Verfasserin von „literarischem Realismus vom Feinsten“ betrachtet. Ihre mehrbändige Romanreihe „Die Söhne der Großen Bärin“ beschrieb das Leben der Dakota realistischer. Diese Bücher wurden generationsübergreifend gelesen, von Vätern an Söhne weitergegeben und enthielten prägende Figuren wie den Häuptlingssohn Harka oder den Häuptlingsvater Mattotaupa. Im Gegensatz zu Karl May ist Welskopf-Henrich in den alten Bundesländern bis heute weitgehend unbekannt. Die DEFA verfilmte ihre Bücher ebenfalls, mit dem serbischen Schauspieler Gojko Mitić in der Hauptrolle des Harka. Mitić erlangte eine immense Popularität als Indianerdarsteller, vergleichbar mit Pierre Brice als Winnetou. Seine Filme sind heute noch auf DVD erhältlich.
Auch nach der Wende blieb Gojko Mitić präsent. Er spielte unter anderem Winnetou bei den Karl May Festspielen. Besonders bedeutsam für DDR-Sozialisierte war sein Auftritt in der sehr gelungenen Verfilmung von Thomas Brussigs Wenderoman „Helden wie wir“. In einer Szene schützt er als ziviler Retter junge Demonstranten auf der U-Bahnstation Alexanderplatz. Dieses Signal war klar: Gojko Mitić ist da, er ist weiterhin präsent. Marco Martin sieht das Erinnern an solche Figuren und Geschichten als gutes Gegenmittel gegen eine gewisse Larmoyanz, die behauptet, die Helden der Kindheit seien verschwunden – sie seien nicht verschwunden, sie seien da. Eva Maria Zerer und Marco Martin diskutieren, ob Mitić und andere bekannte oder weniger bekannte DDR-Persönlichkeiten eine Art „Hinweis“ sein könnten auf wertvolle Dinge, die nur in der DDR eine Rolle spielten. Durch seine Präsenz, auch in zeitgenössischen Werken, lenke er die Aufmerksamkeit auf ostdeutsche Biografien und Kulturaspekte, die im Westen oft unbekannt sind.

Jenseits der Indianer-Thematik gab es in der DDR weitere bedeutende Kinder- und Jugendliteratur, die zum Nachspielen anregte. Genannt wird Alex Weddings Roman „Ede und Unku“, dessen Geschichte (in der Weimarer Republik spielend, mit damals nicht abwertend gemeintem Sprachgebrauch) von Kindern nachgespielt wurde. Besonders hervorgehoben werden spannende Abenteuerbücher des Verlags Neues Leben, oft geschrieben von Autoren, die als jüdische Kommunisten ins Exil gehen mussten und in Lateinamerika lebten (z.B. Liselotte Lenz, Walter Klein). Diese Bücher beschrieben spannend und realistisch die Zeit der Kolonisierung in Ländern wie Brasilien oder Peru. Sie vermittelten nicht didaktisch, sondern durch die spannende Erzählung ein Bewusstsein für Machtstrukturen und Ungerechtigkeit, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Sie zeigten die Ausdifferenzierung auch innerhalb der „fremden“ Kulturen, im Gegensatz zu unsinnigen Begriffen wie „globaler Süden“. Diese Literatur wurde auch von Kindern gelesen, die nicht aus Akademikerfamilien stammten, weil sie spannend war und ein Eintauchen in andere Welten ermöglichte. Sie trug dazu bei, dass Kinder in der DDR ein Gefühl für Gerechtigkeit und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse entwickelten.

Dieses Gerechtigkeitsgefühl wird im Podcast als möglicherweise stärker ausgeprägt bei ostdeutschen Menschen diskutiert. Eine mögliche Erklärung für heutige Unzufriedenheit könnte sein, dass man sich in der DDR „prophylaktisch klein gemacht“ und vieles hat gefallen lassen („Mund halten und mitmachen“, „Uns braucht ja eh niemand“). Dies führe nun in Form von „nachgeholtem Widerstand“ zum Ausdruck, der sich manchmal auch über Kleinigkeiten zeige. Dies sei eine Art Grundierung für Menschen in den neuen Bundesländern, wenn sie über ihr Verhalten reflektieren.

Das Gespräch schließt mit der philosophischen Perspektive, dass das Interessante im Leben nicht sei, zu sich selbst zu kommen, sondern wie wir zu den anderen kommen, wie der Philosoph Emmanuel Levinas es formulierte. Kunst und Literatur können dabei helfen, den Alltag nicht nur als „Jammertal“ zu sehen, sondern den Mitmenschen mit Gemeinsamkeiten (wie der „skandalösen Endlichkeit“) zu erkennen.

Die Diskussion von Marco Martin und Eva Maria Zerer zeigt, dass die Kindheit in der DDR und ihre kulturellen Helden wie Karl May (neu gelesen) und Gojko Mitić sowie die vielfältige Jugendliteratur nicht nur einfache Unterhaltung boten, sondern auch Werte wie Gerechtigkeit, Respekt vor anderen Kulturen und ein kritisches Bewusstsein für Machtstrukturen prägten. Das Erinnern an diese Geschichten sei ein wichtiger Teil der Reflexion über die selbsterlebte Vergangenheit.

Suchttransformation in den neuen Bundesländern nach 1990

Journalistischer Text - Seite (Teaser) Wandel der Suchtbiografien in Ostdeutschland Zwischen den gewohnten Strukturen der Arbeit und dem privaten Rückzugsort blieb die Abhängigkeit von Medikamenten in der DDR oft unsichtbar und statistisch kaum erfasst. Ich nehme wahr, dass diese "stille Sucht" neben dem Alkohol eine enorme Rolle spielte, bevor mit der Grenzöffnung 1990 plötzlich Heroin und Ecstasy in Städte wie Leipzig drängten. Mir scheint, dass die bloße Übernahme westdeutscher Therapiemodelle an den komplexen Lebensläufen der Menschen scheiterte. Wer seine Sozialisation im Osten erlebt hatte, brauchte in der Behandlung einen Raum für diese spezifische Herkunft, weshalb der Aufbau eigener sächsischer Kliniken eine notwendige Reaktion auf die völlig neuen Drogenmärkte der Nachwendezeit war.

Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal entscheidet ein einziger Tag darüber, ob man Opfer oder Täter wird, wenn ein Staat beschließt, dass man nicht mehr dazugehört. Teaser: Nadja Klier war 15 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlor. Nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Als Tochter der Bürgerrechtlerin Freya Klier wurde sie 1988 über Nacht aus ihrem Leben in Ost-Berlin gerissen und in den Westen abgeschoben. Was politisch wie eine Lösung aussah, war für die Jugendliche ein traumatischer Bruch: keine Freunde mehr, keine vertraute Umgebung, nur Fremde. Zur gleichen Zeit saß Ingo Hasselbach in einem DDR-Gefängnis. Er war als „Rowdy“ verhaftet worden, weil er gegen sein linientreues Elternhaus rebellierte. Doch statt ihn zu brechen, formte ihn der Knast neu. In den Zellen traf er auf Alt-Nazis, die den jungen Mann radikalisierten. Der Hass auf den SED-Staat wurde zum Motor für eine neue, rechtsextreme Ideologie. Während Nadja im Westen versuchte, Boden unter den Füßen zu bekommen, bereitete sich Hasselbach darauf vor, im Machtvakuum der Wendezeit Neonazi-Strukturen aufzubauen. Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Ursprung haben. Sie erzählen von der Unbarmherzigkeit eines Systems, das keine Abweichung duldete, und von den langen Schatten, die diese Erziehungsmethoden bis heute werfen. Die Narben bleiben sichtbar, auch wenn die Mauern längst gefallen sind. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dass Gefängnisse in der DDR oft als Brutstätten für Rechtsextremismus fungierten, widersprach der offiziellen Staatsdoktrin, war aber bittere Realität. Teaser: Die Biografien von Nadja Klier und Ingo Hasselbach stehen exemplarisch für das Versagen der DDR-Pädagogik und die Härte des staatlichen Zugriffes. Während Klier als Jugendliche 1988 zwangsausgesiedelt wurde, weil ihre Mutter Freya Klier Reformen forderte, durchlief Hasselbach eine Radikalisierung im Strafvollzug. Historisch interessant ist hierbei der Mechanismus der Haftanstalten. Hasselbach, ursprünglich wegen unpolitischer Delikte („Rowdy“) inhaftiert, kam dort in Kontakt mit NS-Kriegsverbrechern. Der staatlich verordnete Antifaschismus verhinderte eine offene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen; stattdessen wuchs im Verborgenen eine Szene heran, die nach 1989 gewaltbereit das öffentliche Bild dominierte. Hasselbachs Weg vom Häftling zum Anführer der „Nationalen Alternative“ und sein späterer Ausstieg über EXIT-Deutschland zeichnen diese Entwicklung präzise nach. Es zeigt sich, wie staatliche Repression Dynamiken freisetzen kann, die später kaum noch kontrollierbar sind. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Eine Abschiebung ist kein Umzug, und ein Gefängnis ist keine Schule – beides sind Orte, an denen Biografien brechen. Teaser: Wir sprechen oft über die Wende als Moment der Befreiung. Für Nadja Klier war das Jahr 1988 bereits das Ende ihrer Kindheit, erzwungen durch die Ausbürgerung aus der DDR. Für Ingo Hasselbach waren die Wendejahre der Startschuss für organisierte Gewalt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Radikalisierung wirft Fragen auf. Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass der Staat manche Kinder vertrieb und andere zu Extremisten erzog? Die Aufarbeitung dieser individuellen Brüche ist oft komplexer als die rein historische Betrachtung von Daten und Fakten. Die Spuren dieser Jahre verblassen nur langsam.