Initiative „Quote-Ost“ fordert 20 Prozent Ostdeutsche in der Filmbranche

Berlin. Eine neue Initiative sorgt für Debatten in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft: „Quote-Ost“, mitbegründet vom Schriftsteller und Drehbuchautor Professor Torsten Schulz, verlangt eine verbindliche 20-prozentige Teilhabe Ostdeutscher in den Entscheidungspositionen der Branche. Dies entspreche ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung und sei eine Reaktion auf jahrelange Ignoranz und Benachteiligung, so die Initiatoren.

Der offene Brief, unterzeichnet von prominenten Schauspielern wie Milan Peschel und Fritzi Haberlandt sowie Autoren wie Jakob Hein und eben Torsten Schulz, formuliert klare Forderungen. Doch warum dieser Schritt, der unweigerlich eine neue Debatte um Identitätspolitik entfacht? „Der Osten wurde und wird von vielen schlicht ignoriert“, erklärt Schulz. Für andere sei das Thema seit den Neunzigerjahren „durchdiskutiert und auserzählt“. Ein Trugschluss, meint Schulz, denn gerade die 30- bis 45-Jährigen mit ausgeprägter Ostidentität würden systematisch benachteiligt und erhielten ihnen zustehende Jobs nicht, weil diese an Westdeutsche gingen. Diese Ungerechtigkeiten seien „zu massiv und verfestigt“, um seine grundsätzliche Skepsis gegenüber Quoten aufrechtzuerhalten. Aktuell liege der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen bei lediglich sieben bis acht Prozent.

Vier Kernforderungen für mehr Sichtbarkeit

Die Initiative „Quote-Ost“ stellt vier spezifische Forderungen:

  • Eine Quote für Ostdeutsche entsprechend dem Bevölkerungsanteil in Entscheidungspositionen (Redaktionen, Gremien, Intendanzen, kreative Schlüsselpositionen).
  • Die Einsetzung von Findungskommissionen bei der Besetzung solcher Positionen.
  • Mehr fiktionale Produktionen, die wirklich im Osten Deutschlands realisiert werden.
  • Die Etablierung von Ansprechpartnern in Sendern, Förderinstitutionen, bei Streamern und in Ministerien für die Belange Ostdeutscher.
    Zwischen Identitätspolitik und Notwendigkeit

Torsten Schulz räumt ein, dass eine Ostquote ebenfalls identitätspolitisch sei. Er vergleicht die Forderung mit der Frauenquote, der er ambivalent gegenübersteht. Zwar habe sie Frauen genutzt, doch sei sie an Universitäten bisweilen als „Interesseninstrument“ missbraucht worden, das nicht immer den Leistungsorientiertesten zugutegekommen sei. Dennoch sieht er die Notwendigkeit angesichts der tief sitzenden Benachteiligung. Die Definition, wer als „ostdeutsch“ gilt, orientiert sich an der Migrationsdefinition: eine Person selbst oder mindestens ein Elternteil wurde nicht mit bundesdeutscher Staatsangehörigkeit geboren. Schulz fügt die Begriffe „Bio-, Geo- und vor allem Sozioostdeutsch“ hinzu.

Ein zentrales Anliegen ist auch die Darstellung des Ostens. Es fehle oft an „Entdeckungslust, am Blick für Überraschendes, an Neugierde“. Stattdessen dominierten Klischees von Neonazis und alten Stasi-Seilschaften, oft weil westdeutsche Autoren recherchierten oder Ostautoren sich aus Anpassungsdruck diesen Stereotypen fügten. Die Forderung, ostdeutsche Rollen nur mit Ostdeutschen zu besetzen, hält Schulz hingegen für „identitätspolitische Unart“ und „totalen Quatsch“. Wünschenswert sei jedoch häufiger ein „Erzählen von innen heraus“.

Netzwerke, Ignoranz und die Hoffnung auf Aufmerksamkeit
Die geringe Anzahl Ostdeutscher in Gremien erklärt Schulz mit dem „Grundsog der Gesellschaft“, bei dem Menschen in Machtpositionen dazu neigen, ähnliche Leute heranzuziehen. Ostdeutsche seien hier oft „die anderen“. Es gehe um den „eigenen Stallgeruch, die Sicherheit, die herrschenden Netzwerke“.

Die Initiative sei auch ein Versuch, „auf den Putz zu hauen und zu nerven“. Schulz kritisiert, dass das Thema Diversity zwar begrüßenswert sei, aber oft eine „bigotte Angelegenheit“ darstelle, da es „für Ostdeutsche jedenfalls nicht gilt“. Das Timing der Initiative, auch vor dem Hintergrund aktueller Wahlergebnisse, die einen Keil zwischen Ost und West offenbaren, sei möglicherweise günstig. Schulz ist überzeugt, dass das mediale Bild des Ostdeutschen als Problemfall erheblich zu diesem Keil beitrage.

Die Reaktionen auf den offenen Brief sind bisher verhalten. Das ZDF signalisierte Gesprächsbereitschaft, andere verwiesen auf Datenschutz oder antworteten gar nicht. Trotz der Unterstützung, auch von Westdeutschen, glaubt Schulz nicht an einen Erfolg wie bei der Frauenquote. Dennoch sei die Identitätsverortung im Osten, auch bei Jüngeren, sehr ausgeprägt. Es gehe darum, dass ostdeutsche Geschichten endlich erzählt und ihre Erfahrungen wahr- und ernstgenommen werden – ein Bedürfnis, das lange unterschätzt wurde und sich über Generationen vererbt habe. Die oft unbedachte Ignoranz und Arroganz des Westens, fasst er in dem oft gehörten Satz zusammen: „Du bist aus dem Osten? Merkt man gar nicht!“ – ein Satz, der das Problem auf den Punkt bringe.

Henry Hübchen über die DDR und die Arroganz des Überlebens

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn Henry Hübchen über die DDR spricht, vergleicht er das Land mit Atlantis – einem versunkenen Kontinent, dessen Konturen im Nebel der Geschichte langsam unscharf werden. Teaser: In der Rückschau auf sein Leben, das er zu gleichen Teilen in zwei verschiedenen Systemen verbracht hat, verweigert sich der Schauspieler den einfachen Kategorien von Täter und Opfer. Vielmehr beschreibt er eine Haltung der „Renitenz“, die sich nicht in politischem Widerstand, sondern in einer spezifischen Arbeitshaltung ausdrückte. Besonders eindrücklich ist seine soziologische Beobachtung der Machtverhältnisse: Während er den Westdeutschen als Souverän in der Freizeit, aber als angepasst im Berufsleben wahrnahm, war es im Osten genau umgekehrt. Der Mangel zwang im Privaten zur Unterordnung, doch im Betrieb herrschte oft eine anarchische Gleichheit, in der der Arbeiter dem Meister die Stirn bot. Diese Erfahrung eines Zusammenbruchs und Neuanfangs hat bei Hübchen keine Unsicherheit hinterlassen, sondern eine „große Arroganz“ des Überlebenden. Wer das Scheitern eines Staates erlebt hat, blickt mit anderen Augen auf die Krisen der Gegenwart. Seine Skepsis gegenüber aktuellen politischen Narrativen ist keine bloße Laune des Alters, sondern das Resultat einer Biografie, die gelernt hat, hinter die Kulissen der Macht zu schauen. Es ist der Blick eines Mannes, der weiß, dass keine Ordnung für die Ewigkeit gebaut ist. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Der Systemwechsel 1989 war für viele Ostdeutsche ein Schock, für Henry Hübchen jedoch eher die Bestätigung eines Erfahrungsvorsprungs. Teaser: Der Schauspieler spricht von einer inneren Unabhängigkeit, die weit vor dem Mauerfall begann. Interessant ist dabei seine Analyse der Anpassungsleistungen nach der Wende: Während man sich ökonomisch und beruflich in die Bundesrepublik integrierte, blieb eine kulturelle und mentale Differenz bestehen. Hübchen identifiziert dies nicht als Defizit, sondern als Ressource. Die Erfahrung, dass gesellschaftliche Verhältnisse fragil sind und Ideologien wechseln können, schützt vor einer allzu naiven Haltung gegenüber der Gegenwart. Diese ostdeutsche Skepsis, die sich heute oft in politischen Dissonanzen zeigt, wurzelt tief in der Erkenntnis, dass Wahrheit oft eine Frage der Perspektive und des Zeitgeistes ist. Die Geschichte lehrt hier nicht Eindeutigkeit, sondern Vorsicht. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Im Osten war der Arbeiter im Betrieb oft der König, während er in der Mangelwirtschaft der Freizeit zum Bittsteller wurde – eine Umkehrung der westlichen Verhältnisse. Teaser: Henry Hübchen analysiert präzise, wie diese spezifische Sozialisation bis heute nachwirkt. Die im Arbeitsleben der DDR erlernte Respektlosigkeit gegenüber Hierarchien und die Fähigkeit, Autoritäten infrage zu stellen, sind geblieben. Es ist eine Form der Renitenz, die sich schwer in gesamtdeutsche Strukturen einfügen lässt, weil sie aus einer völlig anderen Logik von Abhängigkeit und Freiheit entstanden ist. Das Verständnis für diese feinen Unterschiede schwindet, je weiter das Land in der Vergangenheit versinkt. https://www.ardmediathek.de/video/suite-der-kulturtalk-mit-serdar-somuncu/muessen-wir-uns-an-die-ddr-erinnern-henry-huebchen/rbb/Y3JpZDovL3JiYl83YzUyNmMwYy00MzZmLTQyNzItOWYzMi04NDMyNjE0ODFiN2NfcHVibGljYXRpb24