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Zwischen Frust und Aufbruch: Warum der Osten seine eigene Geschichte neu schreibt

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Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall fühlen sich 43 Prozent der Ostdeutschen im eigenen Land als Bürger zweiter Klasse. Ein reines Bauchgefühl? Keineswegs. Wer genauer hinschaut, erkennt handfeste strukturelle Risse in der deutschen Einheit. Doch aus der tiefen Skepsis wächst allmählich eine neue, selbstbewusste Stimme.

Es ist ein Befund, der die politische Mitte der Republik regelmäßig aufschrecken lässt: Laut einer aktuellen Studie der Universität Leipzig misstrauen über 80 Prozent der Ostdeutschen der amtierenden Bundesregierung, beinahe die Hälfte fühlt sich schlichtweg als „Bürger zweiter Klasse“. Im Westen reagiert man darauf oft mit Unverständnis. Wurden nicht Milliarden in blühende Landschaften investiert? Warum also diese anhaltende Wut, dieses vermeintlich unbelehrbare Trotzen gegen „die da oben“?

Wer diese Fragen ernsthaft beantworten will, muss die Komfortzone der westdeutsch geprägten Erzählung verlassen. Der Podcast „Unglaublich… über Medien, Macht und Wahrheit“ der Journalisten Peter Stawowy und Robert Kuhne legt genau hier den Finger in die Wunde – und liefert Zahlen, die das diffuse Gefühl der Benachteiligung in harte gesellschaftliche Realitäten übersetzen.

Das Narrativ vom undankbaren Osten bröckelt sofort, wenn man sich die Verteilung von Macht und Kapital in Deutschland ansieht. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung sind in gesamtdeutschen Spitzenpositionen – sei es in der Wirtschaft, der Justiz oder der Wissenschaft – gerade einmal zwölf Prozent Ostdeutsche zu finden. Von den 40 DAX-Konzernen haben lediglich zwei ihren Sitz in den neuen Bundesländern.

Noch gravierender klafft die Schere beim Thema Vermögen auseinander. Während in Westdeutschland jährlich rund 400 Milliarden Euro vererbt werden und familiärer Wohlstand oft über Generationen weitergegeben wird, erbt die ostdeutsche Generation der Nachwendezeit nur einen Bruchteil davon. Wer in den ostdeutschen Innenstädten durch die sanierten Straßen spaziert, bewegt sich oft auf Boden, der zu 80 Prozent westdeutschen Eigentümern gehört. Es ist schwer, sich als gleichberechtigter Teil eines Systems zu fühlen, in dem man faktisch meist nur Mieter oder Angestellter ist.

Doch die tiefsten Narben sind psychologischer Natur. Die ostdeutsche Seele ist geprägt von den Umbrüchen der 1990er Jahre. Eine friedliche Revolution, die das Volk selbstbestimmt auf die Straßen trug, mündete rasch in einer gefühlten Übernahme. Die Treuhand wickelte Lebenswerke ab, Abschlüsse wurden aberkannt, Biografien über Nacht entwertet. Wer als 45-Jähriger plötzlich als „Systemverlierer“ galt und umschulen musste, vergisst dieses Gefühl der Ohnmacht nicht – und vererbt diese Skepsis gegenüber dem Staat an die nächste Generation.

Verstärkt wird dieses Gefühl durch eine Medienlandschaft, die lange Zeit fast ausschließlich durch eine westdeutsche Brille blickte. Der Osten taucht in überregionalen Medien oft nur als Sorgenkind auf: wahlweise als wirtschaftliches Problemgebiet oder als politischer Gefahrenherd. Dass Projekte wie die Neugründung der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung derzeit viel Aufmerksamkeit erfahren, zeigt, wie groß der Hunger nach einer eigenen Stimme und einer Repräsentation ohne ständigen Filter von außen ist.

Wer nun aber glaubt, der Osten versinke in einer ewigen Opferrolle, irrt gewaltig. Was als Wut und Misstrauen sichtbar wird, ist im Kern der laute und völlig legitime Ruf nach echter Augenhöhe. Und genau hier liegt die große Chance für die gesamte Bundesrepublik.

Die Menschen in Ostdeutschland haben etwas bewiesen, was im Westen oft fehlt: die beispiellose Fähigkeit, radikale gesellschaftliche und wirtschaftliche Brüche zu überstehen und sich völlig neu zu erfinden. Diese historische Resilienz und Anpassungsfähigkeit sind keine Schwächen, sondern Eigenschaften, die Deutschland in den aktuellen globalen Krisenzeiten dringender braucht denn je.

Der Osten hat gelernt, aus dem Nichts Neues aufzubauen. Wenn wir aufhören, übereinander zu urteilen, und stattdessen beginnen, diesen unschätzbaren ostdeutschen Erfahrungsschatz als Stärke für das ganze Land zu begreifen, können die alten Gräben endlich geschlossen werden.

Der aktuelle Diskurs ist kein Zeichen von Spaltung, sondern der überfällige, ehrliche Frühjahrsputz der deutschen Einheit. Und das ist eine hervorragende Nachricht für unsere gemeinsame Zukunft – eine Zukunft, die wir nur gestärkt und auf Augenhöhe miteinander gestalten können.

Zwischen Bauklötzen und Spielzeugpanzern – Wie Politik in den DDR-Alltag einzog

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Es ist nur eine Randnotiz in einem alten Kindergartenbericht. Zwischen Bauklötzen, Puppen und Bilderbüchern werden auch Spielzeugpanzer erwähnt. Ein kleiner Hinweis in vergilbten Akten, der heute Fragen aufwirft.

Wer sich durch pädagogische Materialien und Erinnerungen aus der DDR liest, stößt immer wieder auf solche Details. Erziehung beschränkte sich nicht auf Betreuung und Wissensvermittlung. Kinder sollten früh lernen, wie die Welt aus Sicht des Staates erklärt wurde. Das geschah nicht nur im Unterricht, sondern oft beiläufig – im Spiel, in Geschichten oder bei Feiern im Kindergarten.

Viele ehemalige DDR-Bürger erinnern sich an diese Zeit unterschiedlich. Manche haben die Spielzeuge und Rituale kaum wahrgenommen, andere erinnern sich noch genau an Fahnenappelle, Pioniernachmittage oder Besuche von Soldaten in Schulen und Kindergärten. Was für die einen selbstverständlich zum Alltag gehörte, blieb für andere eher Kulisse.

Spätestens in der Schule wurden politische Inhalte sichtbarer. Ende der 1970er Jahre hielt der Wehrunterricht Einzug in die Klassenzimmer. Schülerinnen und Schüler lernten militärische Grundbegriffe, übten Marschformationen oder beschäftigten sich mit Fragen der Landesverteidigung. Für viele war es ein Fach wie jedes andere. Andere betrachteten die Übungen mit Skepsis oder versuchten, sich innerlich davon zu distanzieren.

Beim Blick in alte Schulbücher fällt auf, wie konsequent politische Deutungen vermittelt wurden. Die NATO erschien häufig als Bedrohung, internationale Konflikte wurden aus einer klar festgelegten Perspektive erklärt. Wer heute diese Bücher durchblättert, erkennt, wie eng Politik und Unterricht miteinander verbunden waren.

Gleichzeitig zeigen Briefe, Tagebücher und Interviews aus den 1980er Jahren, dass nicht alle Menschen diese Sichtweisen widerspruchslos übernahmen. In Künstlerkreisen, an Universitäten und auch in vielen Familien wurde diskutiert. Die Ausbürgerung von Wolf Biermann, Westfernsehen oder Gespräche im privaten Kreis führten dazu, dass manche begannen, offizielle Darstellungen mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Nach dem Herbst 1989 verschwanden viele vertraute Bilder innerhalb weniger Monate. Lehrpläne wurden überarbeitet, Unterrichtsfächer abgeschafft und Symbole entfernt, die jahrzehntelang zum Schulalltag gehört hatten. Für Kinder geschah dieser Wandel oft beiläufig. Erwachsene hingegen erinnern sich bis heute daran, wie schnell sich eine vertraute Welt veränderte.

Wer heute alte Akten, Schulbücher oder Fotoalben betrachtet, begegnet deshalb nicht nur Geschichte. Er begegnet den Lebenswelten von Menschen, die mit bestimmten Vorstellungen aufgewachsen sind, sie übernommen, hinterfragt oder verworfen haben. Und genau darin liegt die eigentliche Geschichte – nicht in den Vorschriften, sondern in dem, was Menschen daraus machten.

Netzwerke im Schatten der Einheit

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Wer heute Protokolle von Gewerkschaftskongressen, Sitzungen und Arbeitsgruppen aus den frühen 1990er Jahren durchblättert, begegnet immer wieder denselben Namen. Während sich Betriebe auflösten, Belegschaften um ihre Arbeitsplätze bangten und viele Ostdeutsche vor einem völlig neuen Alltag standen, blieben manche politische und gewerkschaftliche Netzwerke erstaunlich stabil.

In den Unterlagen tauchen früh Kontakte zwischen ehemaligen Funktionären der westdeutschen DKP und Vertretern der PDS auf. Die Gespräche fanden nicht nur in den neuen Bundesländern statt. Auch in westdeutschen Gewerkschaftshäusern, auf Kongressen und bei regionalen Veranstaltungen entstanden neue Verbindungen. Dort trafen Menschen aufeinander, die unterschiedliche politische Erfahrungen mitbrachten, aber oft ähnliche Vorstellungen von Gewerkschaftsarbeit und Arbeitnehmervertretung hatten.

Besonders häufig erscheint in den Quellen die IG Medien. In Sitzungsprotokollen, Delegiertenlisten und Berichten finden sich immer wieder bekannte Namen wie Gisela Kessler oder Detlev Hensche. Sie gehörten zu jenen Funktionären, die sich in den Strukturen der Gewerkschaften auskannten, über langjährige Kontakte verfügten und die Debatten jener Jahre mitprägten.

Die Dokumente zeichnen dabei kein Bild geheimer Absprachen. Vielmehr zeigen sie Versammlungen, Diskussionsrunden und Kongresse, auf denen um Positionen gerungen wurde. Gleichzeitig lässt sich beobachten, wie die PDS Schritt für Schritt als politischer Gesprächspartner wahrgenommen wurde. Veranstaltungen in Städten wie Duisburg geben davon einen Eindruck. Was wenige Jahre zuvor noch ungewöhnlich erschien, wurde zunehmend Teil des politischen Alltags.

Beim Lesen der Akten entsteht das Bild einer Zeit, in der sich vieles gleichzeitig veränderte und doch manches bestehen blieb. Während neue Parteien entstanden und alte Gewissheiten verschwanden, nutzten erfahrene Akteure ihre Kontakte und ihre Kenntnis der Institutionen. Netzwerke lösten sich nicht einfach auf. Sie passten sich neuen Bedingungen an.

So erzählt die Geschichte der deutschen Einheit auch von Menschen, die den politischen Umbruch nicht als Neuanfang auf leerem Blatt erlebten. Sie brachten Erfahrungen, Beziehungen und organisatorisches Wissen mit in die neue Zeit – und genau diese Kontinuitäten lassen sich zwischen den Zeilen vieler Dokumente bis heute nachlesen.

Zwischen Erinnerung und Deutungshoheit – ein weiterer Blick auf DDR und Wende

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Auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR drehen sich viele Gespräche noch um dieselbe Frage: Wie haben die Menschen den Umbruch erlebt? Der vorliegende Videobeitrag sucht die Antwort nicht in Parteibeschlüssen oder historischen Dokumenten, sondern in Erinnerungen, Biografien und persönlichen Erfahrungen.

Im Mittelpunkt stehen Menschen, die ihre Arbeit, ihren Betrieb oder ihr vertrautes Umfeld verloren haben. Erzählt wird von Lebensläufen, die nach 1990 plötzlich eine neue Richtung nahmen. Wo früher ein Arbeitsplatz im Kombinat oder im volkseigenen Betrieb sicher schien, standen viele innerhalb weniger Jahre vor Arbeitsämtern, Umschulungen oder der Suche nach einer neuen Perspektive. Manche fanden ihren Weg, andere sprechen bis heute von einem Bruch in ihrer Biografie.

Der Beitrag greift diese Erfahrungen auf und zeichnet das Bild einer Generation, die den Wechsel von einem Staatssystem in ein anderes unmittelbar erlebt hat. Die Erinnerungen reichen von alltäglichen Szenen aus der DDR bis zu den Unsicherheiten der frühen neunziger Jahre. Es sind Geschichten von Neuanfängen, aber auch von Abschieden – von Betrieben, die verschwanden, von Berufen, die nicht mehr gebraucht wurden, und von Gewissheiten, die innerhalb kurzer Zeit verloren gingen.

Auffällig ist, dass die Erzählung stark aus der Perspektive dieser Verlusterfahrungen entwickelt wird. Die DDR erscheint dabei vor allem als Lebenswelt der Menschen, weniger als politisches System. Dadurch entstehen eindringliche Schilderungen persönlicher Schicksale. Gleichzeitig werden individuelle Erfahrungen stellenweise zu allgemeinen Aussagen über „den Osten“ oder „die Politik“ verdichtet. Die Übergänge zwischen persönlicher Erinnerung und gesellschaftlicher Analyse bleiben dabei fließend.

Gerade darin spiegelt sich eine Debatte, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Wer über DDR und Wende spricht, spricht oft auch über Anerkennung, Zugehörigkeit und die Frage, welche Erfahrungen im öffentlichen Gedächtnis sichtbar werden. Der Beitrag ist deshalb weniger als historische Einordnung zu verstehen, sondern als Teil einer fortlaufenden Diskussion darüber, wie Ostdeutsche ihre Geschichte erzählen – und wie diese Geschichten im vereinten Deutschland wahrgenommen werden.

Buchenwald zwischen Staatsmythos und neuer Erinnerungskritik

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Für viele Menschen in der DDR gehörte ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald zur Schulzeit. Die Eindrücke waren oft prägend: die Überreste des Lagers, Berichte über Leid, Hunger und Gewalt sowie die Konfrontation mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Gleichzeitig war Buchenwald mehr als ein Ort des Gedenkens. Die Geschichte des Konzentrationslagers wurde zu einem wichtigen Bestandteil der staatlichen Erinnerungspolitik.

Im Zentrum stand die Erzählung von der Selbstbefreiung der Häftlinge im April 1945. Sie wurde als Beweis für den Widerstand deutscher Kommunisten verstanden und diente zugleich als symbolischer Ausgangspunkt des antifaschistischen Selbstverständnisses der DDR. Mit der Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald im Jahr 1958 erhielt diese Deutung eine feste Form.

Historiker weisen heute darauf hin, dass die Erinnerung selektiv war. Während kommunistische Widerstandskämpfer stark im Mittelpunkt standen, wurden andere Opfergruppen des Nationalsozialismus deutlich weniger sichtbar gemacht. Diese Schwerpunktsetzung entsprach dem politischen Selbstbild des Staates.

Neue Forschungen beschäftigen sich zunehmend mit den vielschichtigen Realitäten des Lageralltags. Sie beleuchten soziale Hierarchien unter den Häftlingen, Konflikte zwischen politischen Gruppen und bislang wenig beachtete Aspekte der Lagergeschichte. Dadurch entsteht ein differenzierteres Bild, ohne die Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen in Frage zu stellen.

Aktuell sorgt das Buch „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“ von Ines Geipel für Diskussionen. Das für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominierte Werk untersucht nicht nur die Geschichte des Konzentrationslagers, sondern auch die unterschiedlichen Formen des Erinnerns in Ost- und Westdeutschland.

Buchenwald steht damit heute nicht nur für die Vergangenheit. Der Ort ist zugleich ein Spiegel wechselnder Deutungen und Debatten. Die Frage, wie Geschichte erinnert wird und welche Perspektiven dabei sichtbar werden, bleibt bis in die Gegenwart von Bedeutung.

Über 90 Prozent der Frauen in der DDR waren berufstätig.

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Diese Zahl wird häufig genannt, wenn es um das Leben von Frauen im Osten Deutschlands geht. Sie begegnet einem in Statistiken, Dokumentationen und Erinnerungen. Tatsächlich gehörte die arbeitende Frau zum vertrauten Bild der DDR: die Ingenieurin im Kombinat, die Verkäuferin im Konsum, die Krankenschwester im Schichtdienst oder die Facharbeiterin am Fließband.

Morgens wurden Kinder in die Krippe oder den Kindergarten gebracht, anschließend ging es zur Arbeit. In vielen Städten und Gemeinden gehörte dieser Ablauf zum Alltag. Während in der Bundesrepublik viele Frauen nach der Geburt eines Kindes ihre Erwerbstätigkeit unterbrachen, blieben Mütter in der DDR meist im Beruf.

Wer mit Frauen spricht, die diese Zeit erlebt haben, hört unterschiedliche Erinnerungen. Viele erzählen mit Stolz von ihrem Beruf. Sie verdienten eigenes Geld, lernten Fachberufe und standen im Arbeitsleben auf eigenen Beinen. Für manche bedeutete das eine Selbstverständlichkeit, die sie nie infrage stellten.

Doch zum Arbeitstag gehörte oft mehr als die Schicht im Betrieb. Nach Feierabend begann für viele Frauen die nächste Etappe des Tages. Es musste eingekauft werden, manchmal nach längerer Suche, weil bestimmte Waren gerade nicht verfügbar waren. Kinder wollten betreut werden, Wäsche musste gewaschen, Essen gekocht und der Haushalt organisiert werden. Viele erinnern sich an Tage, die früh begannen und erst spät endeten.

In den Betrieben waren Frauen überall anzutreffen. Sie arbeiteten in Laboren, Schulen, Krankenhäusern, Büros und Produktionshallen. Wer allerdings die Gruppenfotos der höchsten Parteigremien oder die Besetzung wichtiger Führungspositionen betrachtet, entdeckt dort überwiegend Männer. Frauen waren präsent, aber an den Spitzen von Partei, Wirtschaft und Staat deutlich seltener vertreten.

Nicht jede Frau erlebte den Alltag auf die gleiche Weise. Alleinerziehende Mütter standen häufig unter besonderem Druck, wenn ein Kind krank wurde oder Betreuungsmöglichkeiten ausfielen. Ältere Frauen mussten mit kleinen Renten auskommen. Wer gesundheitliche Probleme hatte, stieß oft auf zusätzliche Schwierigkeiten. Solche Lebensgeschichten finden sich selten in Statistiken, aber häufig in Erinnerungen und Familienerzählungen.

Deshalb erzählt die Zahl von über 90 Prozent berufstätigen Frauen nur einen Teil der Geschichte. Hinter ihr stehen Millionen Frauen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Sie arbeiteten in Werkhallen, Arztpraxen, Schulen und Büros. Sie organisierten Familien, versorgten Kinder und bewältigten den Alltag. Ihr Leben bestand nicht aus Zahlen und Quoten, sondern aus Frühschichten, Einkaufsnetzen, Kinderwagen, Familienfeiern und den vielen kleinen Aufgaben, die jeden Tag aufs Neue erledigt werden mussten.

Barkas B1100 – Versteckt vor der Verschrottung

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Die Geschichte des Barkas B1100 beginnt nicht auf einer Automobilausstellung, sondern in abgelegenen Scheunen. Dort standen in den 1980er Jahren die Prototypen eines Transporters, der den Barkas B1000 ablösen sollte. Kaum jemand bekam die Fahrzeuge zu Gesicht.

Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich an Fahrten über Landstraßen zu versteckten Unterständen. In Scheunen bei Langstrieges wurden die Versuchswagen untergebracht. Mechaniker mussten regelmäßig nach ihnen sehen, Batterien laden, Öl wechseln und die Motoren laufen lassen. Probefahrten fanden oft erst nach Einbruch der Dunkelheit statt.

Dabei arbeiteten die Entwickler an einem deutlich moderneren Fahrzeug. Der B1100 erhielt eine neue Karosserie, eine verbesserte Vorderachse und verschiedene Motorvarianten. Unter anderem wurde ein Viertaktmotor aus sowjetischer Produktion getestet. Im Vergleich zum vertrauten B1000 wirkte der Prototyp wie ein Blick in die Zukunft.

Um den technischen Abstand zu westlichen Herstellern einschätzen zu können, beschaffte Barkas auch Vergleichsfahrzeuge von Volkswagen und Mercedes. Die Ingenieure untersuchten deren Konstruktionen und suchten nach Lösungen, die sich mit den eigenen Möglichkeiten umsetzen ließen.

Viele Pläne scheiterten jedoch an den Bedingungen der Zeit. Moderne Fertigungsanlagen fehlten, Zulieferer konnten neue Bauteile oft nicht in ausreichender Zahl bereitstellen. Während die Entwickler noch an Verbesserungen arbeiteten, veränderte sich das wirtschaftliche Umfeld grundlegend. Nach 1989 standen plötzlich moderne Transporter aus dem Westen zur Verfügung.

Damit schien auch das Ende des B1100 besiegelt. Die Prototypen sollten verschrottet werden. Doch einige Mitarbeiter und Verantwortliche entschieden sich, die Fahrzeuge zu verstecken und zu erhalten. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass die wenigen verbliebenen Exemplare bis heute existieren.

Wer vor einem Barkas B1100 steht, sieht deshalb mehr als einen Transporter, der nie in Serie ging. Er sieht ein Stück Entwicklungsarbeit aus den letzten Jahren der DDR – und die Menschen, die trotz aller Schwierigkeiten an ihrem Projekt festhielten.

Die Mauerbrauer – Warum wir im Osten keine neuen Grenzen brauchen

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Es gibt Politiker, die reden über den Osten, als wäre er ein verstaubtes Freilichtmuseum für Frustrierte. Wenn Björn Höcke ernsthaft behauptet, die Menschen hier würden sich die Mauer zurückwünschen und wir bräuchten eine „Sezession“ von Westdeutschland, dann frage ich mich: Über wen redet dieser Mann eigentlich? Über mich und meine Generation jedenfalls nicht.

Wer 1967 hier im Osten geboren wurde, wer in seinen frühen Jahren oft in Magdeburg unterwegs war und den grauen Alltag der Republik kannte, der weiß, wovon er spricht, wenn es um die DDR geht. Wir kennen die Geschichte nicht aus Büchern oder politischen Debatten. Wir haben sie erlebt. Wir wissen, was der Preis für die oft beschworene soziale Sicherheit war: Es war die Unfreiheit. Es waren Reisebeschränkungen, politische Bevormundung und die Gewissheit, dass der Staat bis tief in das Leben seiner Bürger hineinwirken konnte.

Gerade deshalb irritiert es, wenn ausgerechnet ein westdeutscher Politiker den Ostdeutschen erklären möchte, was sie angeblich denken, fühlen oder sich wünschen. Björn Höcke wurde in Westdeutschland geboren und arbeitete dort als Lehrer, bevor er Politiker wurde. Das ist selbstverständlich nicht das Problem. Die Frage ist vielmehr, mit welcher Legitimation er Millionen Ostdeutschen unterstellt, sie würden von neuen Mauern, neuen Grenzen oder einer Abspaltung träumen. Die Menschen im Osten brauchen niemanden, der ihnen ihre eigene Geschichte erklärt. Sie haben sie selbst erlebt.

Niemand bestreitet, dass die Jahre nach dem Mauerfall für viele hart waren. Wer miterlebt hat, wie Betriebe geschlossen wurden, wie ganze Berufsbiografien ihren Wert verloren und wie viele Familien sich neu orientieren mussten, der trägt diese Erfahrungen bis heute mit sich. Dass der Osten wirtschaftlich vielerorts noch immer hinterherläuft und wichtige wirtschaftliche Entscheidungen oft anderswo getroffen werden, ist eine Realität. Darüber muss gesprochen werden.

Aber daraus den Schluss zu ziehen, wir sollten uns wieder voneinander abgrenzen, ist der falsche Weg. Wir haben nach 1990 nicht aufgegeben. Wir haben Unternehmen gegründet, Häuser saniert, Vereine aufgebaut, Verantwortung übernommen und unsere Städte verändert. Die Widerstandskraft der Ostdeutschen ist vielleicht das Wertvollste, was aus den Brüchen der vergangenen Jahrzehnte entstanden ist.
Gleichzeitig bedeutet die Ablehnung neuer Mauern nicht, dass wir die Augen vor Fehlentwicklungen verschließen sollten. Gerade Menschen, die die DDR erlebt haben, besitzen oft ein feines Gespür dafür, wenn Macht sich konzentriert und Bürger den Eindruck gewinnen, immer weniger Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. Demokratie lebt von Beteiligung, von Widerspruch und von einer starken Zivilgesellschaft. Sie lebt davon, dass Menschen ihre Meinung äußern können und sich ernst genommen fühlen.

Die Lehre aus der DDR besteht deshalb nicht darin, überall eine neue Diktatur zu erkennen. Aber sie besteht sehr wohl darin, aufmerksam zu bleiben, wenn Strukturen entstehen, die Bürgern das Gefühl vermitteln, nicht mehr gehört zu werden oder immer weniger Gestaltungsmöglichkeiten zu besitzen. Die Friedliche Revolution von 1989 entstand nicht aus dem Wunsch nach Abschottung. Sie entstand aus dem Wunsch nach Freiheit, Mitbestimmung und Eigenverantwortung.

Wer heute im Stadtrat um Lösungen ringt, wer ehrenamtlich Verantwortung übernimmt, wer Unternehmen führt oder Nachbarschaften zusammenhält, der hat wenig Zeit für Sezessionsfantasien. Wir haben 1989 eine Mauer eingerissen, weil wir Freiheit wollten. Weil wir reisen, diskutieren, wählen und unser Leben selbst gestalten wollten. Warum sollten wir uns heute freiwillig neue Grenzen errichten lassen?

Deshalb wirkt die Sehnsucht mancher Politiker nach Trennung und Abschottung so fremd. Die Mauer war nie die Lösung. Sie war das Symbol einer gescheiterten Politik, die ihre Bürger nicht überzeugen konnte und sie deshalb einsperrte. Wer heute erneut von Trennung, Abgrenzung und Sezession spricht, knüpft an ein Denken an, das wir eigentlich hinter uns gelassen haben sollten.

Die Zukunft gehört nicht den Mauerbrauern. Sie gehört den Menschen, die Brücken bauen. Denjenigen, die Probleme benennen, ohne neue Gräben aufzureißen. Denjenigen, die aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen, ohne in ihr wohnen zu bleiben. Und sie gehört denen, die wissen, dass Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Zusammenhalt immer stärker sind als jede Mauer – aus Beton oder in den Köpfen.

Die Station Marlow: Wie aus einem Schulgarten ein Treffpunkt für junge Naturforscher und Techniker wurde

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Wer in den 1960er- und 1970er-Jahren als Schüler nach Marlow kam, fand dort mehr als nur Beete und Gewächshäuser vor. Auf dem Gelände der späteren „Station Junger Naturforscher und Techniker“ wurde gepflanzt, gebaut, geforscht und experimentiert. Für viele Kinder aus dem Kreis gehörten die Tage in Marlow zu den Erlebnissen, die lange in Erinnerung blieben.

Die Anfänge waren bescheiden. 1960 wurde der Marlower Schulgarten offiziell zur „Station Junger Naturforscher“ erklärt. Hinter dem Vorhaben stand der Biologie- und Mathematiklehrer Willi Pieplow. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern errichtete er ein Stationsgebäude und mehrere Gewächshäuser. Zwischen Gemüsebeeten, Frühbeetkästen und jungen Obstbäumen lernten Schülerinnen und Schüler den praktischen Umgang mit Pflanzen und Tieren.

Schon wenige Jahre später wurde es auf dem Gelände eng. 1963 und 1964 entstanden Unterkunftsbaracken sowie eine Wirtschaftsbaracke mit Küche. Nun konnten Kinder und Jugendliche aus dem gesamten Kreisgebiet für mehrere Tage oder Wochen in Marlow bleiben. Der Ort entwickelte sich zu einem festen Anlaufpunkt für naturwissenschaftlich interessierte Schüler.

Mit dem Leitungswechsel zu Rudi Tews im Jahr 1966 wurde das Angebot erweitert. Neben Arbeitsgemeinschaften wie „Junge Gärtner“, „Junge Geflügelzüchter“ und „Junge Imker“ kamen technische Zirkel hinzu. In Werkstätten wurde an Modellflugzeugen gebaut, Funktechnik ausprobiert oder mit elektrischen Schaltungen experimentiert. Während draußen in den Gewächshäusern Tomaten und Gurken heranwuchsen, entstanden drinnen erste technische Projekte.

Besonders gefragt waren die Spezialistenlager in den Sommerferien. Hier verbrachten Jugendliche ihre Ferientage nicht am Schreibtisch, sondern bei praktischer Arbeit, Exkursionen und gemeinsamen Unternehmungen. Freundschaften entstanden oft zwischen Kindern aus Dörfern und Städten, die sich ohne die Station vermutlich nie begegnet wären.

Ab 1979 gehörten die Recknitzexpeditionen zu den Höhepunkten des Jahres. In Paddelbooten ging es mehrere Tage über den Fluss. Die Teilnehmer beobachteten Pflanzen und Tiere, untersuchten Gewässer und erkundeten die Landschaft aus einer Perspektive, die vielen zuvor unbekannt war.
Auch die Geschichte der Region wurde greifbar. Unter Leitung des Lehrers Rudolf Mamerow beteiligten sich Schüler ab 1967 an Ausgrabungen auf dem Marlower Burgberg. Mit Spaten, Kelle und Pinsel legten sie historische Fundstücke frei und arbeiteten dort, wo Jahrhunderte zuvor Menschen gelebt hatten.

So wurde aus einem Schulgarten ein Ort, an dem Natur, Technik und Heimatgeschichte nicht nur Unterrichtsstoff waren, sondern Teil des Alltags vieler Kinder und Jugendlicher.

Versteckte Privilegien: Freifahrtscheine und Spesen im Sozialismus

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Wenn die Volkskammer in Ost-Berlin tagte, reisten die Abgeordneten aus allen Teilen der DDR an. Offiziell waren sie Arbeiter, Ingenieure, Lehrer oder Funktionäre, die neben ihrem Beruf ein Mandat als Volksvertreter ausübten. Das Amt galt als Ehrenamt und wurde nicht als bezahlte parlamentarische Tätigkeit dargestellt.

Im Alltag brachte das Mandat jedoch Vorteile mit sich, die vielen DDR-Bürgern verschlossen blieben.
Nach § 45 der Geschäftsordnung der Volkskammer erhielten Abgeordnete und Nachfolgekandidaten eine steuerfreie Aufwandsentschädigung. Historische Untersuchungen nennen dafür meist rund 500 Mark monatlich, einzelne zeitgenössische Berichte sprechen sogar von bis zu 1.000 Mark. Für viele Familien entsprach das dem halben oder sogar fast einem gesamten Monatslohn eines Industriearbeiters.

Während Arbeiter ihr Einkommen durch Schichtarbeit, Überstunden oder Prämien aufbesserten, floss diese Pauschale unabhängig von tatsächlich entstandenen Kosten. Quittungen oder detaillierte Nachweise waren nicht erforderlich. Das Geld stand den Mandatsträgern direkt zur Verfügung.
Hinzu kam ein weiterer Vorteil, der im DDR-Alltag spürbar war. Wer regelmäßig mit der Deutschen Reichsbahn unterwegs war, kannte die Kosten für Fahrkarten und die Mühen längerer Reisen. Volkskammer-Abgeordnete dagegen konnten die öffentlichen Verkehrsmittel des Landes kostenlos nutzen. Dienstreisen nach Berlin, Fahrten zu Veranstaltungen oder private Reisen belasteten die Haushaltskasse deutlich weniger.

Für die meisten Menschen bestand der Alltag aus Arbeit, Einkaufen, Organisieren und dem ständigen Umgang mit knappen Ressourcen. Die Mitglieder der Volkskammer lebten nicht in einer anderen Welt, verfügten jedoch über Vergünstigungen, die ihnen manches erleichterten. Die steuerfreie Pauschale und die freie Nutzung des Verkehrsnetzes sorgten dafür, dass sich ihr Lebensalltag in einigen Punkten von dem vieler Bürger unterschied – auch wenn das Mandat offiziell als Ehrenamt geführt wurde.