
Es gibt Politiker, die reden über den Osten, als wäre er ein verstaubtes Freilichtmuseum für Frustrierte. Wenn Björn Höcke ernsthaft behauptet, die Menschen hier würden sich die Mauer zurückwünschen und wir bräuchten eine „Sezession“ von Westdeutschland, dann frage ich mich: Über wen redet dieser Mann eigentlich? Über mich und meine Generation jedenfalls nicht.
Wer 1967 hier im Osten geboren wurde, wer in seinen frühen Jahren oft in Magdeburg unterwegs war und den grauen Alltag der Republik kannte, der weiß, wovon er spricht, wenn es um die DDR geht. Wir kennen die Geschichte nicht aus Büchern oder politischen Debatten. Wir haben sie erlebt. Wir wissen, was der Preis für die oft beschworene soziale Sicherheit war: Es war die Unfreiheit. Es waren Reisebeschränkungen, politische Bevormundung und die Gewissheit, dass der Staat bis tief in das Leben seiner Bürger hineinwirken konnte.
Gerade deshalb irritiert es, wenn ausgerechnet ein westdeutscher Politiker den Ostdeutschen erklären möchte, was sie angeblich denken, fühlen oder sich wünschen. Björn Höcke wurde in Westdeutschland geboren und arbeitete dort als Lehrer, bevor er Politiker wurde. Das ist selbstverständlich nicht das Problem. Die Frage ist vielmehr, mit welcher Legitimation er Millionen Ostdeutschen unterstellt, sie würden von neuen Mauern, neuen Grenzen oder einer Abspaltung träumen. Die Menschen im Osten brauchen niemanden, der ihnen ihre eigene Geschichte erklärt. Sie haben sie selbst erlebt.
Niemand bestreitet, dass die Jahre nach dem Mauerfall für viele hart waren. Wer miterlebt hat, wie Betriebe geschlossen wurden, wie ganze Berufsbiografien ihren Wert verloren und wie viele Familien sich neu orientieren mussten, der trägt diese Erfahrungen bis heute mit sich. Dass der Osten wirtschaftlich vielerorts noch immer hinterherläuft und wichtige wirtschaftliche Entscheidungen oft anderswo getroffen werden, ist eine Realität. Darüber muss gesprochen werden.
Aber daraus den Schluss zu ziehen, wir sollten uns wieder voneinander abgrenzen, ist der falsche Weg. Wir haben nach 1990 nicht aufgegeben. Wir haben Unternehmen gegründet, Häuser saniert, Vereine aufgebaut, Verantwortung übernommen und unsere Städte verändert. Die Widerstandskraft der Ostdeutschen ist vielleicht das Wertvollste, was aus den Brüchen der vergangenen Jahrzehnte entstanden ist.
Gleichzeitig bedeutet die Ablehnung neuer Mauern nicht, dass wir die Augen vor Fehlentwicklungen verschließen sollten. Gerade Menschen, die die DDR erlebt haben, besitzen oft ein feines Gespür dafür, wenn Macht sich konzentriert und Bürger den Eindruck gewinnen, immer weniger Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. Demokratie lebt von Beteiligung, von Widerspruch und von einer starken Zivilgesellschaft. Sie lebt davon, dass Menschen ihre Meinung äußern können und sich ernst genommen fühlen.
Die Lehre aus der DDR besteht deshalb nicht darin, überall eine neue Diktatur zu erkennen. Aber sie besteht sehr wohl darin, aufmerksam zu bleiben, wenn Strukturen entstehen, die Bürgern das Gefühl vermitteln, nicht mehr gehört zu werden oder immer weniger Gestaltungsmöglichkeiten zu besitzen. Die Friedliche Revolution von 1989 entstand nicht aus dem Wunsch nach Abschottung. Sie entstand aus dem Wunsch nach Freiheit, Mitbestimmung und Eigenverantwortung.
Wer heute im Stadtrat um Lösungen ringt, wer ehrenamtlich Verantwortung übernimmt, wer Unternehmen führt oder Nachbarschaften zusammenhält, der hat wenig Zeit für Sezessionsfantasien. Wir haben 1989 eine Mauer eingerissen, weil wir Freiheit wollten. Weil wir reisen, diskutieren, wählen und unser Leben selbst gestalten wollten. Warum sollten wir uns heute freiwillig neue Grenzen errichten lassen?
Deshalb wirkt die Sehnsucht mancher Politiker nach Trennung und Abschottung so fremd. Die Mauer war nie die Lösung. Sie war das Symbol einer gescheiterten Politik, die ihre Bürger nicht überzeugen konnte und sie deshalb einsperrte. Wer heute erneut von Trennung, Abgrenzung und Sezession spricht, knüpft an ein Denken an, das wir eigentlich hinter uns gelassen haben sollten.
Die Zukunft gehört nicht den Mauerbrauern. Sie gehört den Menschen, die Brücken bauen. Denjenigen, die Probleme benennen, ohne neue Gräben aufzureißen. Denjenigen, die aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen, ohne in ihr wohnen zu bleiben. Und sie gehört denen, die wissen, dass Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Zusammenhalt immer stärker sind als jede Mauer – aus Beton oder in den Köpfen.






Der Morgen des 22. Februar 1960 begann in Zwickau wie viele Wintermorgen im Revier. Bergleute fuhren im Steinkohlenwerk „Karl Marx“ ein, verabschiedeten sich von ihren Familien und verschwanden mit dem Förderkorb in der Tiefe. Für die Männer unter Tage war es ein gewöhnlicher Montag.
Als Matthias „Matz“ Domaschk am Karfreitag 1981 mit seinem Freund Peter Rösch in den Zug nach Ost-Berlin stieg, ahnte niemand, dass er wenige Tage später tot sein würde. Der 23-Jährige aus Jena gehörte zu jener Generation junger DDR-Bürger, die ihren eigenen Weg suchte, sich in kirchlichen Kreisen engagierte und politische Entwicklungen offen diskutierte.
Ein Blick in die Kommentarspalten der sozialen Netzwerke offenbart ein bizarres Geschichtsbild: Dort war die DDR ein blühendes Wirtschaftswunderland, das vom bankrotten Westen aus reiner Gier „feindlich übernommen“ wurde. Wer so argumentiert, sucht Trost für gekränkte Seelen – und blendet die Realität dabei gezielt aus.
Was geschah eigentlich mit den Goldreserven der DDR nach dem Fall der Mauer? Eine Frage, die kaum öffentlich diskutiert wurde, obwohl sich dahinter ein bemerkenswertes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte verbirgt. Mit dem Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion im Juli 1990 übernahm die Deutsche Bundesbank die geldpolitische Hoheit über die DDR. Damit gingen auch deren Goldbestände in den Besitz der Bundesrepublik über.
Das Ministerium für Staatssicherheit entwickelte sich in der DDR schrittweise zu einer Machtinstanz, die weit über die Aufgaben eines klassischen Geheimdienstes hinausging. Als „Schild und Schwert der Partei“ sollte das MfS nicht nur Informationen beschaffen, sondern vor allem die Herrschaft der SED absichern. Diese besondere Rolle führte dazu, dass andere Sicherheitsorgane zunehmend an Einfluss verloren – besonders die Deutsche Volkspolizei.
Der Urlaub gehörte in der DDR nicht allein zur privaten Freizeitgestaltung, sondern war Teil eines umfassenden sozialpolitischen Systems. Eine zentrale Rolle spielte dabei der 1947 gegründete Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, kurz FDGB. Sein Anspruch war klar formuliert: Erholung sollte kein Luxus sein, sondern möglichst allen Bürgern offenstehen – unabhängig vom Einkommen. Deshalb wurden Reisen massiv staatlich subventioniert. Urlauber zahlten häufig nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten, oft weniger als ein Drittel. Den Rest übernahmen Gewerkschaft und Staat. Allein 1989 flossen rund 550 Millionen Mark an direkten und indirekten Zuschüssen in dieses System.
In der streng säkularen und von der SED kontrollierten DDR bot die evangelische Kirche über viele Jahre hinweg den einzigen echten Freiraum für Oppositionelle, Andersdenkende und kritische Bürger. Während unabhängige politische Gruppen kaum geduldet wurden, fanden Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen unter dem Dach der Kirche einen geschützten Raum für Diskussionen, Austausch und Organisation.