Versteckte Privilegien: Freifahrtscheine und Spesen im Sozialismus


Wenn die Volkskammer in Ost-Berlin tagte, reisten die Abgeordneten aus allen Teilen der DDR an. Offiziell waren sie Arbeiter, Ingenieure, Lehrer oder Funktionäre, die neben ihrem Beruf ein Mandat als Volksvertreter ausübten. Das Amt galt als Ehrenamt und wurde nicht als bezahlte parlamentarische Tätigkeit dargestellt.

Im Alltag brachte das Mandat jedoch Vorteile mit sich, die vielen DDR-Bürgern verschlossen blieben.
Nach § 45 der Geschäftsordnung der Volkskammer erhielten Abgeordnete und Nachfolgekandidaten eine steuerfreie Aufwandsentschädigung. Historische Untersuchungen nennen dafür meist rund 500 Mark monatlich, einzelne zeitgenössische Berichte sprechen sogar von bis zu 1.000 Mark. Für viele Familien entsprach das dem halben oder sogar fast einem gesamten Monatslohn eines Industriearbeiters.

Während Arbeiter ihr Einkommen durch Schichtarbeit, Überstunden oder Prämien aufbesserten, floss diese Pauschale unabhängig von tatsächlich entstandenen Kosten. Quittungen oder detaillierte Nachweise waren nicht erforderlich. Das Geld stand den Mandatsträgern direkt zur Verfügung.
Hinzu kam ein weiterer Vorteil, der im DDR-Alltag spürbar war. Wer regelmäßig mit der Deutschen Reichsbahn unterwegs war, kannte die Kosten für Fahrkarten und die Mühen längerer Reisen. Volkskammer-Abgeordnete dagegen konnten die öffentlichen Verkehrsmittel des Landes kostenlos nutzen. Dienstreisen nach Berlin, Fahrten zu Veranstaltungen oder private Reisen belasteten die Haushaltskasse deutlich weniger.

Für die meisten Menschen bestand der Alltag aus Arbeit, Einkaufen, Organisieren und dem ständigen Umgang mit knappen Ressourcen. Die Mitglieder der Volkskammer lebten nicht in einer anderen Welt, verfügten jedoch über Vergünstigungen, die ihnen manches erleichterten. Die steuerfreie Pauschale und die freie Nutzung des Verkehrsnetzes sorgten dafür, dass sich ihr Lebensalltag in einigen Punkten von dem vieler Bürger unterschied – auch wenn das Mandat offiziell als Ehrenamt geführt wurde.

Silvester 1989: Ein Jahreswechsel im politischen Niemandsland

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es gibt Nächte, die riechen anders als alle anderen zuvor, eine Mischung aus Schwefel, Sekt und einer Kälte, die man in der Aufregung kaum spürt. Teaser: Wer sich an den 31. Dezember 1989 erinnert, denkt oft zuerst an die Bilder vom Brandenburger Tor. An die Menschenmassen, die sich dort drängten, wo wenige Wochen zuvor noch Schießbefehl herrschte. Doch die Realität dieser Nacht war komplexer als die Fernsehbilder. Es war eine Nacht des absoluten Vakuums. Die alte Ordnungsmacht, die Volkspolizei, hatte sich fast vollständig zurückgezogen. Sie stand am Rand, defensiv, unsichtbar gemacht durch die eigene Geschichte. Das schuf Raum für Euphorie, aber auch für eine gefährliche Form der Anarchie. Millionen D-Mark, ausgezahlt als letztes Begrüßungsgeld, waren in den Tagen zuvor in westdeutsches Feuerwerk umgesetzt worden. Der Himmel über dem Osten leuchtete so hell und laut wie nie zuvor. Es war ein fast trotziges Verprassen, getrieben von der Freude über die Freiheit, aber auch von der klammheimlichen Angst, was das eigene Geld bald noch wert sein würde. Während in Berlin die Gerüste unter der Last der Feiernden wankten, kämpfte die Regierung Modrow im Hintergrund schlicht darum, dass in den Kraftwerken die Kohle nicht ausging. Diese Gleichzeitigkeit von Rausch und Kollaps, von privatem Glück an der geöffneten Grenze im Harz oder Thüringen und der staatlichen Agonie in Ost-Berlin, macht diesen Jahreswechsel so einzigartig. Es war der Moment, in dem die DDR zwar noch auf der Landkarte existierte, aber in den Köpfen der Menschen bereits Geschichte war. Als die Sonne am Neujahrsmorgen über den Müllbergen aus West-Verpackungen und Ost-Glas aufging, war die Stille fast lauter als der Lärm der Nacht. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Zwischen dem juristischen Fortbestand der DDR und ihrem faktischen Ende lag in dieser Nacht nur eine dünne Schicht aus Feierlaune und Chaos. Teaser: Die Silvesternacht 1989/90 markiert eine historische Anomalie. Völkerrechtlich war die DDR noch ein souveräner Staat, doch im Inneren war das Machtmonopol bereits erloschen. Die Sicherheitsorgane, einst omnipräsent, kapitulierten vor der schieren Masse der Menschen. Am Brandenburger Tor, wo 500.000 Menschen den Jahreswechsel begingen, wurde dies am deutlichsten: Die Volkspolizei griff selbst bei der Demontage von Staatssymbolen oder gefährlichen Kletteraktionen kaum noch ein. Gleichzeitig wirkte im Hintergrund eine ökonomische Dynamik, die den politischen Prozess beschleunigte. Das Ende der Barauszahlung des Begrüßungsgeldes führte zu einem letzten Konsumrausch, der die wirtschaftliche Asymmetrie zwischen den beiden deutschen Staaten in jeder explodierenden Rakete am Himmel sichtbar machte. Die Politik, ob in Bonn oder Ost-Berlin, hinkte dem Geschehen auf der Straße hinterher. Es war eine Nacht, die zeigte, wie schnell Institutionen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Angst weicht. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Freiheit lässt sich nicht verordnen, aber in jener Nacht konnte man sie kaufen – für 100 D-Mark Begrüßungsgeld in Form von Raketen. Teaser: Der Jahreswechsel 1989 war vielleicht die ehrlichste Abstimmung, die je in der DDR stattfand. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab – hin zu den Plätzen, rauf auf die Mauern, weg von den staatlichen Vorgaben. Die Sorge um die Sparguthaben mischte sich mit der Ekstase des Augenblicks. Dass dabei auch Denkmäler zu Bruch gingen und die Sicherheit litt, war der Preis für diesen unregulierten Übergang. Am nächsten Morgen blieb das Gefühl, dass nun alles möglich, aber nichts garantiert war.