
Diese Zahl wird häufig genannt, wenn es um das Leben von Frauen im Osten Deutschlands geht. Sie begegnet einem in Statistiken, Dokumentationen und Erinnerungen. Tatsächlich gehörte die arbeitende Frau zum vertrauten Bild der DDR: die Ingenieurin im Kombinat, die Verkäuferin im Konsum, die Krankenschwester im Schichtdienst oder die Facharbeiterin am Fließband.
Morgens wurden Kinder in die Krippe oder den Kindergarten gebracht, anschließend ging es zur Arbeit. In vielen Städten und Gemeinden gehörte dieser Ablauf zum Alltag. Während in der Bundesrepublik viele Frauen nach der Geburt eines Kindes ihre Erwerbstätigkeit unterbrachen, blieben Mütter in der DDR meist im Beruf.
Wer mit Frauen spricht, die diese Zeit erlebt haben, hört unterschiedliche Erinnerungen. Viele erzählen mit Stolz von ihrem Beruf. Sie verdienten eigenes Geld, lernten Fachberufe und standen im Arbeitsleben auf eigenen Beinen. Für manche bedeutete das eine Selbstverständlichkeit, die sie nie infrage stellten.
Doch zum Arbeitstag gehörte oft mehr als die Schicht im Betrieb. Nach Feierabend begann für viele Frauen die nächste Etappe des Tages. Es musste eingekauft werden, manchmal nach längerer Suche, weil bestimmte Waren gerade nicht verfügbar waren. Kinder wollten betreut werden, Wäsche musste gewaschen, Essen gekocht und der Haushalt organisiert werden. Viele erinnern sich an Tage, die früh begannen und erst spät endeten.
In den Betrieben waren Frauen überall anzutreffen. Sie arbeiteten in Laboren, Schulen, Krankenhäusern, Büros und Produktionshallen. Wer allerdings die Gruppenfotos der höchsten Parteigremien oder die Besetzung wichtiger Führungspositionen betrachtet, entdeckt dort überwiegend Männer. Frauen waren präsent, aber an den Spitzen von Partei, Wirtschaft und Staat deutlich seltener vertreten.
Nicht jede Frau erlebte den Alltag auf die gleiche Weise. Alleinerziehende Mütter standen häufig unter besonderem Druck, wenn ein Kind krank wurde oder Betreuungsmöglichkeiten ausfielen. Ältere Frauen mussten mit kleinen Renten auskommen. Wer gesundheitliche Probleme hatte, stieß oft auf zusätzliche Schwierigkeiten. Solche Lebensgeschichten finden sich selten in Statistiken, aber häufig in Erinnerungen und Familienerzählungen.
Deshalb erzählt die Zahl von über 90 Prozent berufstätigen Frauen nur einen Teil der Geschichte. Hinter ihr stehen Millionen Frauen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Sie arbeiteten in Werkhallen, Arztpraxen, Schulen und Büros. Sie organisierten Familien, versorgten Kinder und bewältigten den Alltag. Ihr Leben bestand nicht aus Zahlen und Quoten, sondern aus Frühschichten, Einkaufsnetzen, Kinderwagen, Familienfeiern und den vielen kleinen Aufgaben, die jeden Tag aufs Neue erledigt werden mussten.