Start Blog Seite 20

Bohnerwachs, Grießbrei und Kittelschürze: Eine Erinnerung an den DDR-Kindergarten

0

Wer heute an seine Kindheit in der DDR zurückdenkt, hat oft sofort einen ganz bestimmten Geruch in der Nase. Es ist eine Mischung aus Ordnung und Geborgenheit, die eine ganze Generation verbindet. Ein Streifzug durch eine vergangene Welt aus Linoleum und Pressspan.

Wenn man heute moderne Kindertagesstätten mit ihren offenen Konzepten und pädagogisch wertvollen Holzlandschaften betritt, wirkt vieles fremd für jene, die im Osten Deutschlands aufgewachsen sind. Denn der Kindergarten der DDR war ein Kosmos für sich – eine kleine Insel in einer großen Welt, die nach festen Regeln funktionierte und doch für viele den Inbegriff von Sicherheit bedeutete.

Der olfaktorische Empfang
Der Tag begann oft mit einem ganz eigenen Duftakkord: Es roch nach Bohnerwachs, nach dem Haferbrei aus der Küche und nach frisch gewischtem Linoleum. Schon das Ankommen folgte einem festen Ritual. In der Garderobe markierten kleine Pappschilder das eigene Revier: Sonne, Katze oder Traktor. Die Gummistiefel standen in Reih und Glied, und im Winter hoffte man, dass die feuchte Jacke über Nacht an der Heizung getrocknet war.

Die Gruppenräume selbst waren Welten in Pastell. Spitzengardinen filterten das Licht und verströmten den leichten Duft von Waschpulver. Es war warm, manchmal zu warm, aber es war eine Wärme, die willkommen hieß.

Die „Tante“ als Fels in der Brandung
Das Herz dieser Einrichtungen waren die Erzieherinnen. Ihr unverwechselbares Erkennungszeichen war fast überall gleich: die Kittelschürze. Sie waren Respektsperson und Trösterin zugleich. Der Morgen begann mit dem gemeinsamen Lied – „Guten Morgen, liebe Sonne“ oder dem Klassiker „Kleine weiße Friedenstaube“ – gefolgt von der obligatorischen Frühgymnastik, bei der alle Arme im Takt wippten.

Doch hinter der Strenge verbarg sich oft Herzlichkeit. Bei Heimweh war die Schürze der „Tante“ der sichere Hafen, an den man sich drücken konnte, bis der Kummer verflogen war. Sie kannten ihre Schützlinge genau: den Klassenclown, den stillen Bastler und das Kind, das beim Mittagessen immer trödelte.

Fantasie statt Überfluss
Das Spielzeug war einfach, oft schon von vielen Generationen vor einem benutzt. Es gab den Kaufladen aus Pressspan, Holzbausteine und Puppen mit Wollhaaren. Doch gerade weil nicht alles im Überfluss vorhanden war, blühte die Fantasie. Aus leeren Konservendosen wurden Trommeln, aus Papprollen Ferngläser.

Besonders beim Basteln wurde improvisiert: Wenn das Papier knapp war, drehte man es einfach um und bemalte die Rückseite. Wer in dieser Umgebung einen bunten Aufkleber aus dem Westen besaß, hielt einen Schatz in den Händen, der ehrfürchtig bestaunt wurde wie ein Artefakt aus einer anderen Galaxie.

Von Zimt-Grießbrei und heißen Rutschen
Kulinarisch ist die Erinnerung an diese Zeit untrennbar mit dem Geschmack von Grießbrei mit Zimt, Kartoffeleintopf oder Milchreis verbunden. Es war der typische Geschmack der Gemeinschaftsverpflegung – einfach, aber sättigend.

Nach dem Essen senkte sich die Mittagsruhe über das Haus. In den Schlafräumen reihten sich kleine Holzbetten aneinander. Während im Hintergrund leise ein Märchen von der Kassette lief – begleitet vom Rauschen des Tonbands – kuschelten sich die Kinder unter ihre Decken. Oft war das eigene Kuscheltier von zu Hause der wichtigste Begleiter in den Schlaf.

Draußen auf dem Spielhof warteten Abenteuer, die heutigen Sicherheitsstandards wohl kaum mehr standhalten würden. Legendär bleibt die Rutsche aus Metall, die sich im Hochsommer in eine heiße Platte verwandelte. Wer hier rutschen wollte, brauchte entweder Mut oder eine robuste Hose.

Ein bleibendes Gefühl
Wenn am Nachmittag die Dämmerung einsetzte und die Eltern kamen, um ihre Kinder abzuholen, endete der Tag in dieser geschlossenen Welt. Was bleibt, ist mehr als nur die Erinnerung an Emmal-Teller und Wandfarben. Es ist das Gefühl einer Kindheit, die schlicht und ehrlich war. Eine Zeit, in der die Welt am Garderobenhaken endete und in der man sich, trotz oder gerade wegen der einfachen Verhältnisse, aufgehoben fühlte.

Urlaubsschein für die Dauerwelle: DDR-Alltag 1986

0

Ein Rückblick auf den September 1986: Das DDR-Magazin „Prisma“ deckt auf, warum Bewohner in der Altmark ganze Urlaubstage opfern müssen, um sich die Haare schneiden zu lassen – und wie Bürokratie und fehlender Wille das Leben auf dem Land erschweren.

Es ist September 1986. In Berlin (Ost) feiert man die Errungenschaften des Sozialismus, doch in der tiefen Provinz der Altmark haben die Bürger ganz andere Sorgen. Wer hier schick aussehen will, braucht vor allem zwei Dinge: Zeit und Mobilität.

In einer bemerkenswerten Ausgabe des kritischen DDR-Fernsehmagazins „Prisma“ wird ein Missstand dokumentiert, der heute kaum vorstellbar erscheint: Der „Urlaubstag für den Frisörtermin“. Der Beitrag ist ein Zeitzeugnis der Mangelwirtschaft im Dienstleistungssektor und zeigt den täglichen Kampf der Landbevölkerung gegen den Schwund an Lebensqualität.

Die Reise zur Dauerwelle
„Ich muss entweder nach Osterburg fahren oder nach Stendal“, klagt eine Einwohnerin aus Hindenburg im Bezirk Magdeburg in die Kamera. Hindenburg, ein 500-Seelen-Dorf, hatte einst zwei Friseursalons. Der letzte Meister schloss 1985 aus Altersgründen. Ein Nachfolger? Fehlanzeige.

Die Konsequenz für die Bewohner ist absurd: Wer zum Friseur will, muss in die Kreisstadt reisen. „Da müssen wir einen Tag Haushaltstag nehmen oder einen Tag frei“, bestätigen die Bürger. Der Haarschnitt wird zum bürokratischen Akt, für den der monatliche, bezahlte Hausarbeitstag (im DDR-Volksmund „Haushaltstag“) geopfert werden muss. Es ist ein Bild des schleichenden Verfalls der Infrastruktur: Von knapp der Hälfte aller relevanten Gemeinden im Kreis Osterburg berichtet „Prisma“, dass kein Friseur mehr vor Ort sei.

Die 500-Meter-Ausrede
Doch der Bericht bleibt nicht bei der bloßen Bestandsaufnahme stehen. Er entlarvt die oft grotesken Ausreden der verantwortlichen Funktionäre. Ein besonders drastisches Beispiel liefert der Ort Schwarzholz.

Dort hatten Bürger und lokale Betriebe in Eigeninitiative bereits zwei Jahre zuvor einen Raum fix und fertig zur Friseurstube ausgebaut. Er stand leer. Der Grund? Die zuständige Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) weigerte sich, Personal zu schicken.

Die Begründung des damaligen PGH-Vorsitzenden klingt wie Satire: Der Raum sei zu klein, und vor allem sei der Weg von der Bushaltestelle zum Salon – exakt 500 Meter – einer Friseuse „nicht zuzumuten“.

Dass es sich hierbei um reine Willkür handelte, beweist die Wendung im Beitrag: Nach einem Wechsel an der Spitze der PGH ist der Raum plötzlich groß genug und der Fußweg zumutbar. Mehr noch: Um den Stau abzuarbeiten, wird nun sogar zusätzlich Fußpflege angeboten. Es ist ein klassischer Moment des „Prisma“-Journalismus: Das System wird nicht in Gänze infrage gestellt, aber das Versagen einzelner „kleiner Könige“ vor Ort wird gnadenlos vorgeführt.

Es geht auch anders: Das Modell Wernigerode
Um nicht nur Frust zu verbreiten, präsentiert die Sendung – ganz im Sinne des konstruktiven sozialistischen Journalismus – ein Gegenbeispiel. Im Kreis Wernigerode funktioniert, woran Osterburg scheitert.

Hier arbeiten PGH, privates Handwerk und der Rat des Kreises Hand in Hand. Statt auf die Kunden zu warten, geht man zu ihnen. In Schmatzfeld etwa wurde eine Lösung gefunden, die heute als modernes „New Work“ durchgehen würde: Eine im Ort wohnende Friseurin arbeitet tageweise direkt im Dorf. Die PGH übernimmt sogar die Kosten für die Einrichtung der Außenstellen. Das Ergebnis: Nur vier Gemeinden im Kreis sind ohne Friseur.

Kampf gegen die Landflucht
Der Beitrag endet mit einer Erkenntnis, die auch Jahrzehnte später nichts an Aktualität eingebüßt hat. Es geht nicht nur um Eitelkeit oder eine frische Föhnfrisur. Es geht um die Demografie.

„Man muss ja sehen, dass man die Leute auf dem Lande behält, sonst ziehen sie ab in die Stadt“, resümiert ein Verantwortlicher in Schmatzfeld. Schon 1986 war klar: Wo es keine Dienstleistungen, keine Kindergärten und keine Infrastruktur gibt, da bleibt auch die Jugend nicht.

Der „Urlaubstag für den Frisör“ war somit mehr als nur eine logistische Unannehmlichkeit – er war ein Symptom für die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land in der späten DDR. Ein warnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn die Versorgungswirtschaft die Bedürfnisse der Menschen aus den Augen verliert.

Hintergrund zur Sendung: „Prisma – Innenpolitisches Magazin der DDR“ war bekannt dafür, den Alltagsproblemen der Bürger nachzugehen. Obwohl staatlich kontrolliert, bot die Sendung oft ein Ventil für den Unmut der Bevölkerung über Missstände in der Versorgung, Bürokratie und im Bauwesen.

Zwischen Pfeffi, Methbikes und Treuhand: Wie die Gen Z den Osten neu vermisst

0

Zwei westdeutsche YouTuber bereisen Ostdeutschland wie eine fremde „Map-Erweiterung“ in einem Videospiel. Was als satirischer „Fiebertraum“ beginnt, entwickelt sich zu einer der treffendsten Analysen der ostdeutschen Seele, die das Netz derzeit zu bieten hat.

Es riecht nach „Toter Oma“, nach Zweitaktgemisch und einer Prise Melancholie. Vor der Kamera stehen zwei junge Männer, die aussehen, als hätten sie sich auf dem Weg zu einem Start-up-Meeting in Berlin-Mitte verfahren. David und sein Co-Host vom YouTube-Kanal 2 Bored Guys sind im Osten. Oder, wie sie es nennen: in der „neuen Map-Erweiterung“.

Ihr Video trägt den Titel „Ostdeutschland ist so ein Fiebertraum“, und fast 30 Minuten lang sezieren sie eine Region, die für viele Westdeutsche ihrer Generation immer noch ein weißer Fleck auf der inneren Landkarte ist. Doch wer hier bloßes „Ossi-Bashing“ erwartet, wird enttäuscht. Das Video ist ein trojanisches Pferd: Es lockt mit Memes und liefert harte Soziologie.

Der Osten als „Open World Game“
Der Kunstgriff der beiden YouTuber ist brillant: Sie framen Ostdeutschland nicht als Problemzone, sondern als Level in einer Simulation. Da gibt es „NPCs“ (Nicht-Spieler-Charaktere), die unverständliche Dialekte sprechen, und „Spawnpoints“ in Plattenbausiedlungen. Diese Gamification erlaubt es den westdeutschen Protagonisten, naive Fragen zu stellen, ohne überheblich zu wirken. „Ab wann isst man Mittelschicht?“, fragen sie beim Anblick von Grützwurst und Soljanka. Es ist der Blick des fremden Touristen im eigenen Land.

Begleitet werden sie von Vincent, einem Content Creator aus dem Osten, der als „Local Guide“ fungiert. Er führt sie in die Welt der ostdeutschen Eckkneipen ein, wo „Pfeffi“ und „Goldkrone“ Grundnahrungsmittel sind, und erklärt Phänomene, die im Westen gänzlich unbekannt sind.

Das Phänomen der „Methbikes“
Eines dieser Phänomene ist das sogenannte „Methbike“. Dabei handelt es sich – entgegen dem Namen – nicht um Drogenkurier-Fahrzeuge, sondern um Fahrräder, die von Jugendlichen in Eigenregie zu technologischen Monstrositäten umgebaut werden: Neonlicht, riesige Musikboxen, Autobatterien am Gepäckträger.

Es sind Bilder wie diese, die den „Fiebertraum“-Charakter des Videos unterstreichen. Sie zeigen eine anarchische, kreative Jugendkultur, die aus dem Mangel an westdeutscher Hochglanz-Infrastruktur eine Tugend macht. Hier wird nicht konsumiert, hier wird geschraubt. Simson-Mopeds knattern durchs Bild, Statussymbole einer Generation, die Freiheit nicht am Bankkonto, sondern am Hubraum misst.

Wenn der Bass verstummt: Der Bruch zur Realität
Doch nach etwa 18 Minuten kippt die Stimmung. Der schnelle Schnittrhythmus verlangsamt sich. Die YouTuber legen den Gaming-Controller beiseite und wenden sich der Realität zu. Sie sprechen über Pegida, über Wahlergebnisse und die Frage: Warum ist der Osten so wütend?

Hier leistet das Video Bildungsarbeit, an der mancher Schulunterricht scheitert. Anstatt den moralischen Zeigefinger zu heben, blicken sie zurück. Sie thematisieren die Treuhandanstalt, die Deindustrialisierung der 90er Jahre und das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. „Die Grunderfahrung der Demokratie im Osten ist die der Entmächtigung“, fassen sie zusammen.

Es ist dieser Moment, der das Video von einem simplen Reisevlog abhebt. Die Erkenntnis sickert durch: Der „Fiebertraum“ ist oft gar nicht lustig. Er ist das Resultat eines kollektiven Traumas. Die Witze über Bananen und „Dunkeldeutschland“, die viele Westdeutsche noch immer machen, treffen auf eine Generation junger Ostdeutscher, die sich das nicht mehr gefallen lässt.

Eine neue Ost-Identität
Das Video dokumentiert einen Wandel. Junge Menschen in Leipzig, Chemnitz oder Magdeburg definieren sich heute wieder stolz als Ostdeutsche. Nicht aus Nostalgie für eine DDR, die sie nie erlebt haben, sondern aus Trotz gegen eine westdeutsche Deutungshoheit.

Am Ende ist der „Fiebertraum“ eine Liebeserklärung. 2 Bored Guys kommen zu einem Fazit, das versöhnlicher kaum sein könnte: Ostdeutschland ist wild, es ist anders, und es ist wunderschön. Ihr Appell an die westdeutsche Gen Z ist simpel: Fahrt hin. Trinkt ein Sternburg-Bier. Redet mit den Leuten.

Vielleicht ist der Osten tatsächlich eine Simulation – aber es ist eine, die das Update auf Version 2.0 dringend verdient hat, und zwar im Kopf der Spieler aus dem Westen.

Helmut Bunde: Alkohol und Familienhilfe im DDR-Alltag

0

Es war das Jahr 1975, als Helmut Bunde seinen Dienst in Riesa antrat. Frisch vom Studium, motiviert durch christliche Werte und eine pazifistische Grundhaltung, startete der damals 23-Jährige bei der „Inneren Mission und Hilfswerk“, der heutigen Diakonie. Sein Auftrag war die Fürsorge. Doch was Bunde in den Kreisen Riesa und später Döbeln vorfand, hatte mit dem propagierten Bild der DDR-Gesellschaft wenig gemein. Er traf auf eine Realität, die politisch nicht existieren durfte: Menschen, die im Alkohol versanken, und Familien mit behinderten Kindern, die vom staatlichen Raster vollkommen ignoriert wurden.

Die verleugnete Epidemie und ihre wirtschaftlichen Folgen
„Das Alkoholproblem wurde verniedlicht“, erinnert sich Bunde heute. Die offizielle Doktrin stempelte den Alkoholismus als „Überbleibsel des Kapitalismus“ ab, das sich im Sozialismus bald von selbst erledigen würde. Doch Bunde erlebte das Gegenteil: Ab Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich der Alkoholmissbrauch zu einer wahren Epidemie.

Das Problem blieb nicht privat. Die Sucht hatte längst weitreichende Folgen für die DDR-Wirtschaft. In den großen Industriekombinaten in Riesa und Umgebung fehlten Arbeitskräfte, die Unfallgefahr stieg, die Produktivität sank. Während die Staatsführung das Thema bis 1985 weitgehend tabuisierte, spürten die Betriebe den Druck real. Dies erklärt, warum Bunde und seine Kollegen später Unterstützung aus der Industrie erhielten: Wenn die Kirche half, Mitarbeiter trocken zu bekommen, profitierte letztlich der Volkswirtschaftsplan.

Tödliche Scham hinter verschlossenen Türen
Wie dramatisch die menschlichen Schicksale hinter der Statistik waren, verdeutlicht eine von Bundes ersten Begegnungen. Eine Mutter bat ihn um einen Hausbesuch für ihren „kranken“ Sohn. Bunde fand einen Gleichaltrigen vor – 23 Jahre alt –, der im Bett lag, umringt von Schnapsflaschen.

Das Erschütternde war die Logik der Verzweiflung: Die Mutter besorgte den Alkohol selbst. Aus purer Scham und Angst vor Repressalien wollte sie verhindern, dass ihr Sohn in der Öffentlichkeit auffiel oder verunfallte. Das sozialistische Ideal ließ keinen Raum für solches Scheitern. „Wir müssen einen Arzt holen“, entschied Bunde sofort. Doch die Hilfe kam zu spät; zwei Tage später war der junge Mann tot. Für Bunde war dies ein Schlüsselerlebnis, das ihn bestärkte, die Arbeit mit Suchtkranken professionell aufzubauen – gegen das Schweigen der Behörden.

Ein System ohne Platz für Schwäche
Noch düsterer sah es im Bereich der Behindertenhilfe aus. „Eine Hilfe für Familien behinderter Menschen, so wie wir sie heute kennen, gab es praktisch nicht“, resümiert Bunde. Kinder, die als „schulbildungsunfähig“ eingestuft wurden, fielen komplett durch das Netz. Es gab keine Förderungen, keine Tagesstätten, keine Integration.

Die Last trugen fast ausschließlich die Mütter. Sie mussten ihren Beruf aufgeben und lebten oft in völliger Isolation. Bunde erkannte diese Notlage. Was als kleiner wöchentlicher Spielkreis begann, um Müttern zumindest den Gang zum Friseur oder Einkauf zu ermöglichen, wuchs unter seiner Leitung zu einem essenziellen Hilfssystem. Er organisierte Urlaubsfreizeiten für Familien, die im staatlichen Feriendienst (FDGB) keinen Platz fanden – ein Akt der Menschlichkeit, der den Betroffenen zeigte, dass sie nicht vergessen waren.

Pioniere der Fürsorge: Der Aufbau neuer Strukturen
Helmut Bunde beließ es nicht bei punktueller Hilfe. Mit pragmatischer Tatkraft bauten er und andere Leitungskräfte Strukturen auf, die Bestand haben sollten. Ein Meilenstein gelang 1984 im sächsischen Leisnig mit der Einrichtung einer Tagesstätte für geistig behinderte Erwachsene. Der Bedarf war riesig, denn einmal im Monat einen Stuhlkreis zu besuchen, reichte für ein menschenwürdiges Leben nicht aus.

Anfangs improvisierte man: Private PKWs sammelten die Betreuten ein. Später gelang Bunde und seinem Team die Integration in den öffentlichen Nahverkehr. Dass behinderte Menschen allein mit dem Linienbus fuhren, war ein sichtbares Zeichen der Inklusion in einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm am liebsten unsichtbar machte.

Duldung aus Notwendigkeit
Wie reagierten die Staatsorgane auf diese kirchliche „Parallel-Wohlfahrt“? Das Verhältnis beschreibt Bunde als eine Mischung aus Überwachung und pragmatischer Duldung. „Wir wurden im gewissen Sinne in Ruhe gelassen“, sagt er. Lokale Amtsärzte und Verwaltungsmitarbeiter wussten genau, dass der Staat keine eigenen Lösungen für diese „Randgruppen“ hatte.

Die Zusammenarbeit ging erstaunlich weit: Industriebetriebe stellten Mitarbeiter frei, damit diese sich bei der Kirche zu ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfern ausbilden lassen konnten. Werksküchen lieferten Essen für die kirchlichen Tagesstätten. Es war ein stillschweigendes Eingeständnis des Staates: Ohne das Engagement von Menschen wie Helmut Bunde wären die sozialen und wirtschaftlichen Risse im System noch viel früher unübersehbar geworden.

Ein Erbe der Menschlichkeit
Helmut Bundes Rückblick ist das Zeugnis eines Mannes, der nicht wegssah. In einer Zeit, in der Ideologie oft vor Realität ging, schuf er Räume für jene, die nicht funktionierten, wie der Plan es vorsah. Sein Einsatz für Pazifismus und Wohlfahrt legte in Sachsen den Grundstein für soziale Strukturen, die teilweise bis heute in der Arbeit der Diakonie fortwirken. Er gab den „Unsichtbaren“ der DDR ihre Würde zurück.

Der blinde Fleck des Gewissens: Warum wir sehen, aber nicht erkennen

0

Es ist ein Satz, der in der deutschen Nachkriegsgeschichte tausendfach gefallen ist, und er fällt auch in diesem verstörenden Filmdokument der ARD: „Wir konnten uns nicht vorstellen, was da im Lager passiert.“ Die Frau, die das sagt, ist keine unbeteiligte Zivilistin aus der nächsten Stadt. Es ist Hilde Lisewitz, eine ehemalige Aufseherin im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Interview mit ihr ist mehr als nur ein historisches Zeugnis. Es ist eine Lehrstunde über die dunkelsten Ecken der menschlichen Psychologie – eine Studie darüber, wie menschliche Wahrnehmung funktioniert, wenn die Realität zu grausam ist, um sie zu ertragen.

Die Geografie der Verleugnung
Die Faktenlage, die im Beitrag präsentiert wird, ist erdrückend physisch. Lisewitz arbeitete in einer Küche, die sich mitten im Lager befand. „Direkt neben den Baracken“, wie der Bericht feststellt. Sie gibt zu: „Wir konnten da hineinsehen.“ Sie sah die Häftlinge. Sie sah den Hunger. Später, nach der Befreiung, sah sie die Leichenberge, die sie selbst mit bestatten musste.

Und doch besteht sie darauf: „Wir haben nichts gewusst.“
Wie passt das zusammen? Wie kann ein Mensch direkt neben der Hölle arbeiten, hineinsehen und dennoch behaupten, nichts davon gewusst zu haben? Die Antwort liegt nicht (nur) in der Lüge, sondern in der Architektur unserer Wahrnehmung.

Sehen vs. Erkennen
Neurologisch betrachtet ist Sehen ein physikalischer Vorgang, Wahrnehmung jedoch ein konstruktiver Akt des Gehirns. Wir filtern Informationen. Was nicht in unser Selbstbild passt, wird oft ausgeblendet oder uminterpretiert. Psychologen nennen dies „kognitive Dissonanzreduktion“.

Im Fall der Aufseherin zeigt sich ein extremer Schutzmechanismus. Um als „normaler“ Mensch weiterzufunktionieren, musste sie die Häftlinge entmenschlichen. Wenn sie sagt, sie habe „aufpassen müssen, dass sie arbeiten“, dann reduziert sie die hungernden Menschen auf bloße Arbeitskraft. Die Gewalt – wie das Verteilen von Ohrfeigen oder Tritten – wird bagatellisiert („Ich hätte eine Backpfeife gegeben“), während das monströse Ganze, die Vernichtung, abgespalten wird.

Der Selbstschutz der Psyche
Das Interview offenbart eine fast kindliche Abwehrhaltung. Als sie sich selbst auf alten Aufnahmen der Briten sieht, reagiert sie nicht mit Reue über ihre Taten, sondern mit Angst um sich selbst: „Wenn dich hier jemand erkennt…“

Dies ist der Kern des Wahrnehmungsproblems: Der Mensch neigt dazu, sich selbst immer als Protagonisten einer moralisch vertretbaren Geschichte zu sehen. Um die Rolle der „anständigen Frau“ aufrechtzuerhalten, muss die Realität umgeschrieben werden. Die Zäune des Lagers wurden in ihrem Kopf zu Mauern, die nicht nur die Häftlinge einsperrten, sondern auch ihr eigenes Bewusstsein aussperrten.

Eine Warnung für die Gegenwart
Der Fall Hilde Lisewitz ist historisch spezifisch, aber das psychologische Muster ist universell. Es zeigt uns, dass „Wahrnehmung“ keine objektive Kamera ist. Sie ist ein hochgradig selektiver Prozess, gesteuert von Angst, Konformitätsdruck und dem Bedürfnis nach psychischer Stabilität.

Die wichtigste Lektion dieses Beitrags ist daher nicht nur historischer Natur. Sie ist eine Warnung an die Gegenwart: Wir müssen uns ständig fragen, wo unsere eigenen blinden Flecken liegen. Was sehen wir heute nicht, obwohl es direkt vor unseren Augen geschieht? Die Fähigkeit, das Offensichtliche zu leugnen, ist keine Eigenschaft, die 1945 verschwand – sie ist Teil der menschlichen Natur.

Willy Brandt und die DDR: Warnung vor der schnellen Übernahme

0

Wer an Willy Brandt und den Herbst 1989 denkt, hat meist sofort einen Satz im Ohr: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Dieser am 10. November vor dem Schöneberger Rathaus ausgesprochene Satz wurde zum emotionalen Leitmotiv der deutschen Einheit. Doch ein fast vergessenes Interview, das Brandt nur drei Wochen später gab, zeichnet ein differenzierteres Bild des SPD-Ehrenvorsitzenden. Es zeigt einen Politiker, der nicht die schnelle Übernahme, sondern einen neuen Weg suchte.

Warnung vor dem „Export“ des Westens
In einem Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk, abgedruckt in der „Berliner Zeitung“ vom 29. November 1989, äußerte sich Brandt überraschend skeptisch gegenüber einer schnellen Wiedervereinigung nach westdeutschem Muster. Seine Sorge: Die DDR könnte zu einer bloßen „Kopie der Bundesrepublik“ verkommen.

In jenen Tagen Ende November, als auf den Leipziger Montagsdemonstrationen der Ruf „Wir sind ein Volk“ immer lauter wurde, trat Brandt auf die Bremse. Er stellte sich explizit an die Seite derer, „die nicht einfach das, was wir in Westdeutschland haben, exportieren wollen“.

Hoffnung auf ein „sozialistisches Experiment“
Aus heutiger Sicht wirkt Brandts Offenheit für Alternativen bemerkenswert. Auf die Frage, ob in der DDR nun ein „neues sozialistisches Experiment“ anstehe, antwortete er nicht mit Ablehnung, sondern mit dem Satz: Er „wünschte dies sehr“.

Damit lag Brandt auf einer Linie mit vielen DDR-Bürgerrechtlern jener Zeit – Frauen und Männern aus dem „Neuen Forum“ oder der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“, die den SED-Staat zwar abschaffen, aber nicht den Kapitalismus pur einführen wollten. Sie träumten vom „Dritten Weg“, einer demokratischen, sozialgerechten Gesellschaft. Brandt, der Präsident der Sozialistischen Internationale, sah hier offenbar eine historische Chance, die über das bloße Ende der Teilung hinausging.

Absage an den Triumph des Kapitalismus
Besonders deutlich wird Brandts Haltung in seiner Zurückweisung des westlichen Triumphalismus. Während konservative Kreise, insbesondere in den USA, das Ende des Ostblocks bereits als den endgültigen „historischen Sieg des Kapitalismus“ feierten, widersprach Brandt vehement.

Zwar sei der „verknöcherste Stalinismus“ und die bürokratische Planwirtschaft gescheitert – das gab er unumwunden zu. Doch den Umkehrschluss, dass der Markt alles regeln könne, lehnte er ab. Mit fast prophetischem Weitblick verwies er auf globale Herausforderungen: Umweltfragen und der Nord-Süd-Konflikt ließen sich nicht „allein mit den Mitteln der Marktwirtschaft lösen“.

Ein Fenster der Möglichkeiten
Das Interview ist ein fasziniertes Zeitdokument. Es stammt aus einem kurzen historischen Zeitfenster – zwischen dem Mauerfall am 9. November und den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990. In diesen wenigen Monaten schien alles möglich, auch eine DDR, die sich demokratisiert, aber ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Die Geschichte entschied sich bekanntlich anders. Der Ruf nach der D-Mark und der schnellen Einheit übertönte die Debatten um Experimente. Die DDR trat dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei; Institutionen wurden übernommen, Strukturen oft kopiert – genau das Szenario, vor dem Brandt gewarnt hatte.

Ob ein „sozialistisches Experiment“ unter demokratischen Vorzeichen funktioniert hätte, bleibt eine unbeantwortete Frage der Geschichte. Willy Brandts Einlassungen vom November 1989 erinnern uns jedoch daran, dass der Weg zur Einheit keineswegs so alternativlos war, wie er im Rückblick oft erscheint.

Gedanken über die Aufmerksamkeit des Bösen

0

Gerne geben wir den sozialen Medien die Schuld am Zustand der Debatten. Ihren Algorithmen. Ihrer Logik der Erregung. Dem Geschäft mit unseren Gefühlen. Und ja, vieles daran stimmt. Das Negative funktioniert besser als das Positive. Wut schlägt Sachlichkeit. Empörung schlägt Ruhe. Neutralität wird abgestraft.

Die unbequeme Frage ist nur: Befeuern wir dieses System nicht selbst?

Wir klicken, teilen und kommentieren meist nicht nach dem Maß des Verstehens, sondern nach dem Maß der Erregung. Erst kommt das Gefühl, dann die Meinung. Das Nachdenken folgt oft gar nicht mehr. „Ich höre auf meinen Bauch“ klingt nach Sicherheit – ist aber häufig nur eine bequeme Abkürzung. Denn auch der Bauch ist gespeist aus Erfahrungen, Bildern und Prägungen.

Politische Akteure haben dieses Muster längst verstanden. Sie arbeiten weniger mit Argumenten als mit Reizen. Nicht Überzeugung zählt, sondern Affekt. Das verändert nicht sofort eine ganze Gesellschaft, aber es verschiebt den Ton, vertieft die Gräben und zerstört Vertrauen.

Dabei müsste Transparenz unser Maßstab sein: sehen, wer was sagt, warum er es sagt und wessen Interessen dahinterstehen. Doch Verstehen kostet Zeit. Und Zeit will kaum noch jemand investieren. Man will sehen, fühlen – und sofort eine Meinung haben. Genau dort beginnt das Problem.

Ich versuche für mich einen anderen Weg: weniger Wut, mehr Verstehen. Lesen, auch widersprüchliche Stimmen. Was ich veröffentliche, bleibt trotzdem meine Auswahl, meine Perspektive. Vollkommene Neutralität gibt es nicht. Wichtig ist nur, dass darüber gesprochen wird.

Gerade bei der DDR stehen heute unversöhnliche Erfahrungswelten nebeneinander. Sie werden sich nicht mehr vereinen lassen. Vielleicht besteht unsere Aufgabe darin, diese Widersprüche auszuhalten – ohne sie sofort zu bewerten.

Was wir brauchen, ist die Verbindung von Gefühl und Verstand. Nicht Bauch gegen Kopf, sondern beides gemeinsam. Vielleicht ist das auch eine Frage von Reife. Aus Erfahrung kann Weisheit entstehen – wenn wir sie zulassen. Eine Weisheit, die nicht siegen will, sondern verstehen.

Sehnsucht in Moll – Der DDR Soundtrack des Jahres 1980

0

Ein Rückblick auf ein Jahr, in dem der DDR-Musik leiser wurde und die Poesie lauter. Über vier Lieder, die eine ganze Ära spiegeln: von Holger Biege bis Gaby Rückert.

Von unserem Musikkritiker
Es gibt Jahre, die brüllen, und es gibt Jahre, die flüstern. Das Jahr 1980 in der DDR war eines der leisen Töne, die jedoch umso tiefer hallten. Wer heute, über vier Jahrzehnte später, das Radio aufdreht und ein imaginäres Medley dieses Jahres zusammenstellt, der stößt auf eine merkwürdige, faszinierende Melancholie. Es war eine Zeit des Übergangs, spürbar in den Plattenrillen von Amiga. Der raue, wilde Rock der Siebziger legte sich etwas zur Ruhe, machte Platz für Chanson, Soul und eine fast zerbrechliche Intimität.

Vier Titel aus jenem Jahr bilden ein fast perfektes akustisches Quadrat, in dem sich das Lebensgefühl zwischen Ostsee und Thüringer Wald fangen lässt: Cola-Wodka, Melanie, Goldene Brücken und Berührung.

Der Blues am Tresen
Wenn Holger Biege in die Tasten griff, war die DDR für drei Minuten ein verrauchter Jazzclub in New Orleans oder Chicago. 1980 erschien sein Song „Cola-Wodka“. Biege, der Mann mit der vielleicht schwärzesten Soulstimme des Ostens, sang nicht über den Aufbau des Sozialismus. Er sang über die Flucht an den Tresen, über die Betäubung und die kleinen, schmutzigen Wahrheiten der Nacht. Rhythmisch vertrackt, harmonisch komplex, war dies kein Schlager zum Schunkeln, sondern ein Soundtrack für die Schlaflosen. Es war der Sound einer Generation, die anfing, sich Fragen zu stellen, auf die sie in den Zeitungen keine Antworten fand.

Die Rocker werden sanft
Selbst die Giganten wurden weicher. Die Puhdys, zu jener Zeit längst eine Institution und unangefochtene Könige des Ostrocks, lieferten mit „Melanie“ keinen stampfenden Hymnus ab, sondern eine Ballade. Das Jahr 1980 zeigte, dass auch die „Rolling Stones des Ostens“ das Geschichtenerzählen für sich entdeckt hatten. Es war eine Zeit, in der die E-Gitarren oft den akustischen Klampfen oder Streichern wichen. Man zog sich zurück – ins Private, in die Nische, in die Geschichte zweier Menschen.

Brücken ins Ungewisse
Und dann waren da die Frauen, die 1980 vielleicht stärker waren als je zuvor. Veronika Fischer, die „Vroni“, stand auf dem Zenit ihres Erfolges. „Goldene Brücken“ ist ein monumentales Stück Popmusik. Ihre Stimme, kraftvoll und doch warm, beschwor das Bild des Verbindenden. Im Rückblick schwingt in diesem Lied eine fast tragische Ironie mit. Nur ein Jahr später sollte Fischer die DDR verlassen und ihre eigenen Brücken abbrechen. Hört man den Song heute, klingt er wie ein Abschiedsbrief, der noch nicht abgeschickt wurde – voller Hoffnung, aber mit dem Wissen um die Unmöglichkeit.

Der Rückzug ins Private
Doch wenn es einen Song gibt, der die „Nischengesellschaft“ der DDR im Jahr 1980 definiert, dann ist es „Berührung“ von Gaby Rückert. Komponiert von Thomas Natschinski, ist dieses Lied ein Meisterwerk der Reduktion. „Berührung, die so sacht, wie der Flügelschlag der Nacht…“ – das war pure Poesie. In einer Welt voller Parolen und Pläne war dieses Lied eine Oase der absoluten Zweisamkeit. Es war politisch, gerade weil es so unpolitisch war. Es behauptete das Recht auf das eigene, kleine Glück hinter der Wohnungstür.

Das Fazit einer Ära
Zusammengenommen ergeben Biege, Puhdys, Fischer und Rückert mehr als nur eine Playlist. Sie zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die 1980 in einer seltsamen Schwebe verharrte. Es war eine Zeit der musikalischen Professionalität, der poetischen Texte und der großen Gefühle. Wer verstehen will, wie sich der Osten anfühlte, kurz bevor die große Ausreisewelle der Künstler begann, der muss nur diese vier Lieder hören. Sie sind Dokumente einer Sehnsucht, die keine Grenzen kannte.

Warum „Marie“ von Karussell das ehrlichste Lied der Wende ist

0

Während David Hasselhoff blinkend an der Mauer stand und die Scorpions den „Wind of Change“ herbeipfiffen, schrieb Dirk Michaelis mit der Band Karussell ein ganz anderes Stück Musikgeschichte. „Marie – die Mauer fällt“ ist keine bloße Jubelhymne. Es ist eine melancholische Warnung, die den Kater der Wiedervereinigung vorhersah, noch bevor die Sektflaschen leer waren.

Es ist der „traurige Monat November“, wie es im Lied heißt. Ein Zitat, geliehen von Heinrich Heine, dem großen deutschen Melancholiker im Exil. Schon die erste Zeile des Songs „Marie – die Mauer fällt“ macht klar: Hier wird nicht einfach nur gefeiert. Hier wird nachgedacht.

Wer sich heute das Video von 1989 ansieht, blickt in ein faszinierendes Zeitfenster. Die Bilder sind körnig, die Frisuren der Zeit geschuldet, doch der Text schneidet schärfer in die deutsche Seele als die meisten politischen Analysen jener Tage. Dirk Michaelis, die Stimme von Karussell, liefert mit diesem Song den emotionalen Soundtrack für den Moment, als die Welt den Atem anhielt – und atmet im selben Zug schon wieder skeptisch aus.

Der Rausch und der Kater
Das Video fängt die unfassbare Euphorie der Nacht vom 9. November ein. Es singt vom „Fest der großen Gefühle“, für das sich die sonst so kühlen Deutschen eigentlich schämen. Man sieht vor dem inneren Auge die Trabis, die sich durch die Bornholmer Straße schieben, wildfremde Menschen, die sich weinend in den Armen liegen. Sektkorken knallen, die „Pferde der Fantasie“ gehen durch.

Doch Michaelis bleibt nicht im Rausch stehen. Das Lied wagt den unvermeidlichen Schritt in den nächsten Morgen. Der Protagonist erwacht „mit Blick auf die Mauer“, im Hintergrund hämmern die Mauerspechte den Takt. Die Frage „Ist das nur der Katzenjammer?“ schwebt über der Szenerie. Es ist die erste Ahnung, dass auf die Party die Arbeit folgt – und auf die Umarmung die Ernüchterung.

Die mit den Träumen, die mit dem Geld
Die prophetische Kraft des Songs liegt in einer einzigen, genialen Zeile, die den Kernkonflikt der kommenden Jahrzehnte vorwegnimmt:

„Wir kommen uns näher / Die mit den Träumen / Und die mit dem Geld.“

Präziser wurde das deutsch-deutsche Dilemma selten formuliert. Auf der einen Seite die DDR-Bürger, reich an Utopien, Sehnsüchten und dem Wunsch nach Freiheit („Die Träume“). Auf der anderen Seite die Bundesrepublik, definiert durch Wirtschaftswunder, D-Mark und materielle Absicherung („Das Geld“).

Während die Politiker 1989 von „blühenden Landschaften“ sprachen, erkannte Karussell die Asymmetrie dieser Begegnung. Es war kein Treffen unter Gleichen, sondern eine Fusion von Idealismus und Kapitalismus. Die leise Sorge, dass die Träume unter der Wucht des Geldes ersticken könnten, schwingt in jedem Takt mit.

Ein Appell an die Wärme
Die Figur der „Marie“ bleibt im Video schemenhaft – eine Geliebte? Die personifizierte Freiheit? Oder gar die junge Demokratie selbst? Wenn Michaelis singt „Marie, deck dich gut zu, sonst verfliegt unsre Wärme“, dann ist das ein fast verzweifelter Appell. Er fordert dazu auf, die menschliche Solidarität jener Novembernacht zu konservieren, bevor die Kälte der Ellenbogengesellschaft Einzug hält.

Rückblickend ist „Marie – die Mauer fällt“ das wohl reifste Lied der Wendezeit. Es verweigert sich dem simplen Kitsch. Es feiert die Freiheit, ohne die Augen vor den Kosten zu verschließen. Es ist ein Stück, das uns daran erinnert, dass die Mauer zwar aus Stein gefallen sein mag, aber die Arbeit an dem, was danach kommt, gerade erst begonnen hatte.

Wer heute verstehen will, warum der Osten und der Westen auch Jahrzehnte später noch manchmal fremdeln, der muss nicht hunderte Soziologie-Bücher wälzen. Es reicht, Dirk Michaelis drei Minuten lang zuzuhören.

Plauen 1989: Wenn der Traum vom Bad zerplatzt

0

Ein Rückblick auf den März 1989: Das DDR-Magazin „Prisma“ zeichnete ein kritisches Bild der Wohnsituation in Plauen. Während die Stadtverwaltung glaubte, das Gröbste überstanden zu haben, stapelten sich die Anträge. Für viele Bürger hieß die Realität: Waschen in der Schüssel und Warten auf die Zuteilung.

Plauen. Für Hans Wicht beginnt der Tag oft mit einem logistischen Problem. Der 50-jährige Koch lebt mit seiner Frau Sophie und zwei fast erwachsenen Töchtern in Treuen, einem Nachbarort von Plauen. Vier Erwachsene, drei Zimmer – Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer – und eine winzige Kammer, in die gerade so zwei Betten passen. Ein Badezimmer? Fehlanzeige. „Wir haben hier kein Bad, keine Dusche, nur eine dürftige Waschgelegenheit“, berichtet Wicht. Wenn im Haus Wäsche gewaschen wird, bleibt der Wasserhahn im Obergeschoss oft trocken. „Mir ist es passiert, ich hatte mich rasiert und konnte den Schaum nicht abwaschen“, erzählt er resigniert.

Ein Einzelschicksal ist Familie Wicht nicht. Über 1.000 Wohnungsanträge liegen beim Rat der Stadt Plauen auf dem Tisch. Die Hälfte davon stammt von jungen Leuten, die noch im Elternhaus wohnen und eine eigene Bleibe suchen. Die Situation in der Vogtlandmetropole ist exemplarisch für den Investitionsstau in den Altbausubstanzen vieler DDR-Städte gegen Ende der 80er Jahre.

Die Fehlkalkulation des Rathauses
Wie konnte es zu diesem Engpass kommen? Zwischen 1981 und 1985 wurden in Plauen exakt 362 Neubauwohnungen errichtet. Eine Zahl, die den damaligen Bürgermeister Horst Schönherr zu einer optimistischen Fehleinschätzung verleitete. „Es war in der Tat so, dass wir für den Moment geglaubt haben, dass wir aus dem Gröbsten heraus wären“, gibt Schönherr vor der Kamera zu.

Doch die Realität überholte die Planer: Kinder wurden erwachsen, Familien gründeten sich, Ehen wurden geschieden, und die lokale Industrie forderte Wohnraum für neue Arbeitskräfte. Die Stadt hatte den Bedarf schlicht unterschätzt. Im Jahr vor der Reportage konnte der Wohnungsvergabeplan nur zu 76,2 Prozent erfüllt werden. „Wir hatten in der besten Absicht gehandelt […] hatten dabei allerdings nicht bedacht und unseren Bürgern auch nicht gesagt, dass es […] dazu kommen kann, dass der eine oder andere Wohnungsantrag nicht realisiert werden kann“, so der Bürgermeister selbstkritisch. Staatliche Zusagen wurden gebrochen, das Vertrauen litt.

Improvisation als Staatsplan
Da Neubauten vorläufig nicht in Sicht sind, lautet die neue Devise: Modernisierung und Rekonstruktion. Der Leerstand in den Altbauten ist beträchtlich, oft fehlt es jedoch an Kapazitäten, die maroden Substanzen bewohnbar zu machen. Ende des vergangenen Jahres waren von 153 leerstehenden Wohnungen 43 noch nicht einmal in Angriff genommen worden.

Hier greift der Staat zu einem Mittel, das die Not zur Tugend macht: „Territoriale Interessengemeinschaften“. Da die kommunalen Baubetriebe überlastet sind, springen die volkseigenen Betriebe (VEB) in die Bresche. In Auerbach etwa koordiniert der VEB Robotron den Ausbau. Betriebe stellen Material und Arbeitskraft, um für ihre Mitarbeiter Wohnraum zu schaffen.

Selbsthilfe statt Schlüsselübergabe
Auch Hans Wicht profitiert von diesem Modell. Ihm wurde eine Wohnung in der Robert-Blum-Straße zugesprochen – allerdings in einem „schlimmen Zustand“. Lange tat sich nichts, doch nun hat er einen Ausbauvertrag mit seinem Arbeitgeber, dem VEB Malitex, in der Tasche.

Im Rathaus werden die Details geklärt: Tischler Hess liefert die Fenster, der Baubetrieb macht den Fußboden. Doch selbst hier hakt es. „Ich muss trotzdem noch ein Problem anschneiden, das ist das mit den Fliesen und dem Bad“, wendet Wicht im Gespräch mit der Sachgebietsleiterin Bärbel Kutschke ein. Der Hauswart würde das Bad bauen, aber die Fliesen fehlen. Ein typisches Bild der Mangelwirtschaft: Der Wille ist da, das Material oft nicht.

Das Fazit des Berichts aus dem Frühjahr 1989 bleibt ambivalent. Zwar gelobt die Stadt Besserung durch realistischere Pläne und ehrenamtliche Wohnungskommissionen, doch die Lösung des Problems wird zunehmend auf die Schultern der Betriebe und die Eigeninitiative der Bürger verlagert. Eine Stadt, so philosophiert Bürgermeister Schönherr zum Ende, sei eben „nicht aus Millionen Ziegelsteinen festgefügt für alle Zeiten, sondern ein lebendiger Organismus“. Für Hans Wicht und viele andere Plauener bedeutete dieser Organismus vor allem eines: Viel Geduld und noch mehr Eigenleistung.