Wer heute an seine Kindheit in der DDR zurückdenkt, hat oft sofort einen ganz bestimmten Geruch in der Nase. Es ist eine Mischung aus Ordnung und Geborgenheit, die eine ganze Generation verbindet. Ein Streifzug durch eine vergangene Welt aus Linoleum und Pressspan.
Wenn man heute moderne Kindertagesstätten mit ihren offenen Konzepten und pädagogisch wertvollen Holzlandschaften betritt, wirkt vieles fremd für jene, die im Osten Deutschlands aufgewachsen sind. Denn der Kindergarten der DDR war ein Kosmos für sich – eine kleine Insel in einer großen Welt, die nach festen Regeln funktionierte und doch für viele den Inbegriff von Sicherheit bedeutete.
Der olfaktorische Empfang
Der Tag begann oft mit einem ganz eigenen Duftakkord: Es roch nach Bohnerwachs, nach dem Haferbrei aus der Küche und nach frisch gewischtem Linoleum. Schon das Ankommen folgte einem festen Ritual. In der Garderobe markierten kleine Pappschilder das eigene Revier: Sonne, Katze oder Traktor. Die Gummistiefel standen in Reih und Glied, und im Winter hoffte man, dass die feuchte Jacke über Nacht an der Heizung getrocknet war.
Die Gruppenräume selbst waren Welten in Pastell. Spitzengardinen filterten das Licht und verströmten den leichten Duft von Waschpulver. Es war warm, manchmal zu warm, aber es war eine Wärme, die willkommen hieß.
Die „Tante“ als Fels in der Brandung
Das Herz dieser Einrichtungen waren die Erzieherinnen. Ihr unverwechselbares Erkennungszeichen war fast überall gleich: die Kittelschürze. Sie waren Respektsperson und Trösterin zugleich. Der Morgen begann mit dem gemeinsamen Lied – „Guten Morgen, liebe Sonne“ oder dem Klassiker „Kleine weiße Friedenstaube“ – gefolgt von der obligatorischen Frühgymnastik, bei der alle Arme im Takt wippten.
Doch hinter der Strenge verbarg sich oft Herzlichkeit. Bei Heimweh war die Schürze der „Tante“ der sichere Hafen, an den man sich drücken konnte, bis der Kummer verflogen war. Sie kannten ihre Schützlinge genau: den Klassenclown, den stillen Bastler und das Kind, das beim Mittagessen immer trödelte.
Fantasie statt Überfluss
Das Spielzeug war einfach, oft schon von vielen Generationen vor einem benutzt. Es gab den Kaufladen aus Pressspan, Holzbausteine und Puppen mit Wollhaaren. Doch gerade weil nicht alles im Überfluss vorhanden war, blühte die Fantasie. Aus leeren Konservendosen wurden Trommeln, aus Papprollen Ferngläser.
Besonders beim Basteln wurde improvisiert: Wenn das Papier knapp war, drehte man es einfach um und bemalte die Rückseite. Wer in dieser Umgebung einen bunten Aufkleber aus dem Westen besaß, hielt einen Schatz in den Händen, der ehrfürchtig bestaunt wurde wie ein Artefakt aus einer anderen Galaxie.
Von Zimt-Grießbrei und heißen Rutschen
Kulinarisch ist die Erinnerung an diese Zeit untrennbar mit dem Geschmack von Grießbrei mit Zimt, Kartoffeleintopf oder Milchreis verbunden. Es war der typische Geschmack der Gemeinschaftsverpflegung – einfach, aber sättigend.
Nach dem Essen senkte sich die Mittagsruhe über das Haus. In den Schlafräumen reihten sich kleine Holzbetten aneinander. Während im Hintergrund leise ein Märchen von der Kassette lief – begleitet vom Rauschen des Tonbands – kuschelten sich die Kinder unter ihre Decken. Oft war das eigene Kuscheltier von zu Hause der wichtigste Begleiter in den Schlaf.
Draußen auf dem Spielhof warteten Abenteuer, die heutigen Sicherheitsstandards wohl kaum mehr standhalten würden. Legendär bleibt die Rutsche aus Metall, die sich im Hochsommer in eine heiße Platte verwandelte. Wer hier rutschen wollte, brauchte entweder Mut oder eine robuste Hose.
Ein bleibendes Gefühl
Wenn am Nachmittag die Dämmerung einsetzte und die Eltern kamen, um ihre Kinder abzuholen, endete der Tag in dieser geschlossenen Welt. Was bleibt, ist mehr als nur die Erinnerung an Emmal-Teller und Wandfarben. Es ist das Gefühl einer Kindheit, die schlicht und ehrlich war. Eine Zeit, in der die Welt am Garderobenhaken endete und in der man sich, trotz oder gerade wegen der einfachen Verhältnisse, aufgehoben fühlte.


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