Egon Krenz: Eine Nachlese zum Leben des letzten SED-Chefs

Egon Krenz, geboren 1937 im heutigen Kolberg in Polen, war eine Schlüsselfigur der Deutschen Demokratischen Republik und ihr letzter Staatsratsvorsitzender. In einem Interview von 2017 blickt er auf sein Leben, seine Karriere und die turbulenten Ereignisse der Wendezeit zurück. Er lebt heute, wo andere Urlaub machen, „am Rande des Paradieses“ an der Ostsee, in einem kleinen Häuschen hinterm Deich.

Frühe Prägung und politischer Aufstieg
Krenz wuchs als Sohn eines Schneiders auf, den er nie kennenlernte, da sein Vater im Zweiten Weltkrieg fiel. Seine Mutter, die zwei Weltkriege erlebt und in jedem den Vater ihrer Kinder verloren hatte, war ursprünglich unpolitisch, wurde jedoch durch diese Erfahrungen politisiert und warnte ihren Sohn eindringlich vor der Politik.

Seine Kindheit war geprägt von den Schrecken des Krieges: Er erinnert sich an Luftschutzkeller, in denen Kinderstimmen und Stöhnen Älterer zu hören waren – Erlebnisse, die ihn bis ins Alter verfolgten. Vor der Flucht aus Kolberg wurde ihm durch Propaganda eingetrichtert, die Russen seien „die Bösen“; eine Vorstellung, die später durch seine Begegnung mit einem freundlichen russischen Dolmetscher korrigiert wurde, der ihm Essen brachte.

Krenz’ politischer Weg begann ungewöhnlich: Zuerst war er als „Laufbursche“ für die CDU in Damgarten tätig, wo er für fünf Mark Plakate austrug und Stühle rückte. Später wurde er jedoch vom Parteisekretär der SED rekrutiert, nachdem er beim Überkleben von SED-Plakaten mit CDU-Werbung erwischt wurde. Dieser Mann erklärte ihm die SED-Ideologie und gab ihm Schulungshefte, unter anderem von Wolfgang Leonhard, zu lesen.

Obwohl Krenz ursprünglich Lehrer werden wollte, wurde ihm dies aufgrund seiner „sozialen Herkunft“ als Rentnerkind verwehrt; er wurde stattdessen zur Arbeiter-und-Bauern-Fakultät geleitet. Ein prägender Moment war 1956, als er als Student Walter Ulbricht kritisierte, weil dieser die Jugend für ihre anhaltende Verehrung Stalins verantwortlich machte, obwohl Ulbricht selbst Stalins Kult gefördert hatte. Diese Episode führte dazu, dass er von Georg Ewald, dem damaligen Ersten Kreissekretär der SED auf Rügen, gefördert und schließlich Funktionär der Freien Deutschen Jugend (FDJ) wurde, der er 1953 beigetreten war. Krenz sah die FDJ als anti-faschistische Organisation und nicht vergleichbar mit der Hitlerjugend.

Im Zentrum der Macht – und in Wandlitz
Krenz’ Karriere in der DDR war steil: Er studierte an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau, wurde Sekretär der FDJ, 1983 Mitglied des Politbüros und 1984 stellvertretender Staatsratsvorsitzender unter Erich Honecker, dessen Nachfolger er im Oktober 1989 wurde.

Sein Leben in Wandlitz, der abgeschotteten Siedlung der DDR-Führung, beschreibt er als wenig luxuriös. Er war dort selten zu Hause und empfand die Mauer um die Siedlung als politisch problematisch, da sie die Führung von der Bevölkerung abschottete. Das Fahren eines Volvos, während es auch DDR-Autos gab, wurde als Zeichen von Privilegien wahrgenommen – eine Entscheidung, die Krenz selbst im Nachhinein nicht getroffen hätte.

Krenz beschreibt Erich Honecker als einen widersprüchlichen Mann mit hohen Idealen, der einen großen antifaschistischen Hintergrund hatte. Er war ein beliebter FDJ-Funktionär und wurde von westdeutschen Politikern wie Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß respektiert. Für Krenz war Honecker aufgrund des Altersunterschieds eher eine Vaterfigur.

Das Verhältnis zu Michail Gorbatschow war komplex. Anfangs unterstützte Krenz Gorbatschows Reformen und versuchte Honecker zu überzeugen, einen ähnlichen Kurs zu fahren. Später jedoch empfand er Gorbatschows Haltung als Heuchelei und Verrat an der DDR, insbesondere als dieser angeblich seine Verantwortung für die Zerschlagung des Kommunismus einräumte.

Die Wendejahre 1989
• Kommunalwahlen Mai 1989: Als Leiter der Wahlkommission verkündete Krenz ein Ergebnis von 98,95 % Zustimmung, obwohl er wusste, dass es nicht der Realität entsprach. Er sah sich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht in der Lage, das Ergebnis zu korrigieren, um eine Staatskrise zu vermeiden.

Tian’anmen-Massaker Juni 1989: Krenz verteidigte die Niederschlagung der Proteste in China als Akt zur Wiederherstellung der Ordnung, was ihm in Ost und West viel Kritik einbrachte. Er betonte jedoch, seine Äußerungen seien von den Medien falsch dargestellt worden.

Leipzig, 9. Oktober 1989: Krenz beansprucht eine entscheidende Rolle bei der Verhinderung von Gewalt gegen die Demonstranten. Bereits am 8. Oktober wurde in Honeckers Arbeitszimmer die Entscheidung getroffen, keine Gewalt anzuwenden. Krenz koordinierte dies mit den Sicherheitsorganen und sprach am 9. Oktober morgens erneut mit den Ministern, um sicherzustellen, dass kein Blut fließen würde. Später trug er maßgeblich zur Deeskalation bei, was ihm sogar vom Gericht in seinem späteren Prozess zugesprochen wurde.

Mauerfall 9. November 1989: Am 13. Oktober unterzeichnete Krenz den Befehl 9/89, der den Schusswaffengebrauch bei Demonstrationen untersagte, und später Befehl 11/89, der den Schusswaffengebrauch an der Grenze verbot. Er befürchtete Zwischenfälle am 4. November bei der Demonstration am Alexanderplatz und behauptet, er und andere hätten dafür gesorgt, dass sowjetische Panzer in den Kasernen blieben, entgegen der späteren Darstellung, Gorbatschow hätte dies alleine entschieden.

Nach nur 49 Tagen als Staatsratsvorsitzender trat Krenz im Dezember 1989 zurück. Er glaubte damals noch, die DDR retten zu können und unterschätzte den Zusammenbruch der SED.

Nach der Wende: Prozess und Reflexion
Im Januar 1990 wurde Krenz aus der SED-Nachfolgepartei ausgeschlossen, was er als persönliches Drama empfand.

Die Prozesse gegen ihn und andere DDR-Verantwortliche, die er als „Siegerjustiz“ bezeichnete, kritisiert Krenz scharf. Er argumentiert, dass die Bundesrepublik Deutschland ihr eigenes Rückwirkungsverbot verletzt habe, um DDR-Bürger zu verurteilen. Krenz bestreitet, dass die Grenze zur Bundesrepublik eine rein innerdeutsche Grenze war, sondern vielmehr die Außengrenze des Warschauer Paktes und eine Systemgrenze, deren Entstehung von internationalen Zwängen geprägt war. Er betont, dass jeder Tote an der Grenze „einer zu viel“ war.

Krenz wurde zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt und verbrachte vier Jahre im Gefängnis. Die Zeit der Haft hat er abgehakt und verwehrt sich dagegen, sich als Märtyrer darzustellen. Nach der Haftentlassung arbeitete er unter anderem als Übersetzer für technische Texte aus dem Russischen und versuchte, in der kapitalistischen Wirtschaft Fuß zu fassen.

Die Wiedervereinigung bezeichnet er als „Gewissensfrage“. Einerseits schätzt er, dass Deutsche nicht mehr aufeinander schießen können, andererseits ist er enttäuscht, dass deutsche Soldaten nun im Ausland eingesetzt werden – etwas, das die DDR-Armee, die Krenz als einzige deutsche Armee bezeichnet, die keinen Krieg geführt hat, nicht getan hat.

Krenz sieht sich weiterhin als Kommunist im Sinne von Marx und Engels, lehnt aber den Stalinismus ab. Er ist kein Mitglied der Linkspartei, wählt sie aber. Die pauschale Verurteilung der DDR als „Unrechtsstaat“ empfindet er als Beleidigung für viele, die dort gelebt und gearbeitet haben. Den Untergang der DDR führt er auf einen komplexen historischen Prozess zurück, in dem sie „zerrieben worden am Kampf der Systeme“, dem Wettrüsten und eigenen Fehlern. Er bestreitet, dass die DDR bankrott war.

Krenz hofft, dass künftige Generationen die „gute Spur“ der DDR in der Geschichte besser erkennen können, nämlich „dass ein Leben ohne Kapitalisten möglich ist“.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.