Devisenbeschaffung und Zweiklassenökonomie: Von Interhotels zum Straßenstrich


Wenn abends die Bars der Interhotels ihre Türen öffneten, trafen in der DDR zwei Welten aufeinander. Hinter den Glasfassaden des Palasthotels in Ost-Berlin, des Hotels Merkur in Leipzig oder des Hotels Neptun in Warnemünde saßen westliche Geschäftsleute, Messegäste und Diplomaten bei importierten Getränken. Draußen blieben die meisten DDR-Bürger. Drinnen kreiste eine Währung, die für viele Ostdeutsche unerreichbar war: die D-Mark.

Mit den Verkehrsabkommen der frühen 1970er Jahre kamen mehr Besucher aus dem Westen ins Land. Gleichzeitig entstanden die Intershops, in denen begehrte Waren ausschließlich gegen Devisen verkauft wurden. Jeans, Parfüm, Kassettenrekorder oder Zigaretten aus dem Westen waren plötzlich sichtbar – aber für die meisten nur durch Schaufensterscheiben. Wer an D-Mark gelangen konnte, verschaffte sich Zugang zu einer Konsumwelt, die im normalen DDR-Alltag kaum erreichbar war.

Davon profitierte auch ein Teil des Prostitutionsmilieus. Besonders in Ost-Berlin, Leipzig und an der Ostseeküste entwickelte sich eine Szene, die eng mit dem internationalen Reiseverkehr verbunden war. Viele Frauen suchten gezielt die Bars und Restaurants der Interhotels auf. Dort hofften sie auf Kontakte zu zahlungskräftigen Ausländern, die ihre Dienste nicht mit Ostmark, sondern mit D-Mark bezahlten.

In den Hotelhallen warteten sie oft stundenlang. Sie fielen durch moderne Kleidung, westliche Kosmetik oder einen anderen Stil auf als viele Frauen ihres Alters. Das Personal kannte die Szene meist genau. Türsteher entschieden, wer hinein durfte und wer draußen bleiben musste. Für manche Frauen bedeutete ein erfolgreicher Abend den Gegenwert mehrerer Monatsgehälter eines Arbeiters. Die D-Mark ließ sich gegen begehrte Waren eintauschen oder über private Netzwerke weiterverkaufen.

Nur wenige Straßen weiter sah die Wirklichkeit anders aus. Auf dem Straßenstrich der Berliner Friedrichstraße oder in Bereichen der Leipziger Nordstraße ging es selten um Devisen. Hier zahlten überwiegend einheimische Kunden in Ostmark. Die Frauen arbeiteten unter deutlich schwierigeren Bedingungen und standen ständig im Blickfeld der Volkspolizei.

Kontrollen, Personalienfeststellungen und Verhaftungen gehörten zum Alltag. Wer als „asozial“ eingestuft wurde, musste mit Ermittlungen nach Paragraph 249 des Strafgesetzbuches rechnen. Dahinter standen nicht nur Geldstrafen oder Haft, sondern teilweise auch Einweisungen in geschlossene Einrichtungen oder die Verpflichtung zu bestimmten Arbeitsverhältnissen.

So entstand innerhalb eines verborgenen Milieus eine eigene Hierarchie. Während in den Interhotels Devisen, internationale Gäste und vergleichsweise geschützte Räume zusammentrafen, bestimmten auf der Straße Unsicherheit, niedrigere Einnahmen und die ständige Gefahr polizeilicher Maßnahmen den Alltag. Die Unterschiede verliefen nicht entlang offizieller Regeln, sondern entlang der Frage, wer Zugang zu den begehrten Westdevisen hatte – und wer nicht.