
Während Astronauten im September 1976 an Bord von Sojus 22 die Erde umrundeten, richtete sich ihr Blick durch eine Kamera aus Jena auf die Landschaften weit unter ihnen. Entwickelt worden war die Multispektralkamera MKF-6 im VEB Carl Zeiss Jena – von Ingenieuren, Konstrukteuren und Feinmechanikern, deren Arbeitsplatz viele hundert Kilometer vom Startplatz in der Sowjetunion entfernt lag.
In den Werkhallen und Entwicklungsbüros arbeiteten sie an einer Aufgabe, die äußerste Präzision verlangte. Sechs Objektive sollten denselben Ausschnitt der Erdoberfläche gleichzeitig aufnehmen – nicht nur im sichtbaren Licht, sondern auch in Spektralbereichen, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann. Damit ließen sich Unterschiede in Vegetation, Bodenbeschaffenheit oder Gewässern erkennen, die auf gewöhnlichen Fotografien verborgen blieben.
Aus rund 355 Kilometern Höhe fotografierte die MKF-6 Felder, Wälder, Flüsse und Gebirge. Einzelheiten von zehn bis zwanzig Metern Größe konnten auf den Aufnahmen sichtbar gemacht werden. Für Geologen, Kartografen und Agrarwissenschaftler eröffneten sich damit neue Möglichkeiten, Landschaften zu untersuchen.
Die Herausforderung lag nicht nur in der Optik. Die sechs Verschlüsse mussten nahezu gleichzeitig auslösen. Die zulässige Abweichung betrug weniger als zwei Millisekunden. Schon kleinste Fehler hätten die Auswertung der Bilder erschwert. Deshalb wurde jedes Bauteil mit großer Sorgfalt gefertigt und geprüft.
Die Sowjetunion stufte die Kamera als strategisch sensible Technik ein. Ihr Potenzial für die militärische Aufklärung war offensichtlich, weshalb sie nicht außerhalb des Warschauer Paktes exportiert werden durfte. Gleichzeitig diente sie wissenschaftlichen Zwecken. Die Aufnahmen wurden für geologische Erkundungen, Umweltbeobachtungen und die Kartierung genutzt.
Spätere Varianten der Kamera arbeiteten auf den Raumstationen Saljut und Mir weiter. Heute steht die MKF-6 für ein Kapitel Jenaer Technikgeschichte, das oft im Schatten bekannterer Zeiss-Produkte steht. Während viele Menschen bei Carl Zeiss an Mikroskope oder Brillen denken, entstand hier auch eine Kamera, die den Blick auf die Erde aus dem Weltraum ermöglichte.