DDR Historiker Kowalczuk über AfD, BSW und die Sehnsucht nach der Vergangenheit

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sei nicht wütend, aber „sehr besorgt“ über die Lage der Demokratie vor allem in Ostdeutschland. Er beobachtet eine Transformationsmüdigkeit in Ostdeutschland und eine Sehnsucht nach der Vergangenheit, die von Populisten bedient werde.

Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung des Gespräches. Für die ausführlichen Antworten einfach das Video anschauen!

Moderatorin: Guten Abend, Herr Kowalschuck. Schön, dass Sie bei uns sind. In der Rezension Ihres neuen Buches wird viel von Zorn gesprochen. Stimmen Sie dem zu? Hat ein Wutbürger ein Buch geschrieben?

Ilko Sascha Kowalschuck: Guten Abend. Ich bin nicht zornig oder wütend, aber ich bin sehr besorgt. Meine Sorge gilt der Zukunft von Demokratie und Freiheit in Deutschland, insbesondere in Ostdeutschland. Diese Besorgnis treibt mich an, mein engagiertes Buch zu schreiben.

Moderatorin: Eine Ihrer Grundthesen ist, dass die höhere Zustimmungsrate zu autoritär gesinnten Parteien im Osten nicht nur durch die Traumata der Wiedervereinigung erklärt werden kann, sondern tiefer geht. Sie argumentieren, dass der Ruf nach einem starken Staat und autoritären Systemen in Ostdeutschland weit verbreitet ist. Warum ist das so?

Ilko Sascha Kowalschuck: Die gemeinsame Klammer der AfD und der BSW liegt in ihrer Vorstellung eines autoritären Staates. Es ist kein Zufall, dass diese Parteien eng mit dem autokratischen Regime in Russland verbunden sind. Der Ruf nach einem starken Staat ist seit 1990 in Ostdeutschland konstant geblieben. Dies ist erstaunlich, weil man erwarten würde, dass Menschen, die unter einem autoritären Regime lebten, gerade das nicht mehr wollen. Doch viele Menschen haben die DDR nicht als Diktatur wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hat sich über die Jahre hinweg als Mythos herausgestellt.

Moderatorin: Es gibt ja auch andere ostdeutsche Stimmen, die eine Debatte über die spezifischen Herausforderungen und Eigenheiten der Region führen. Wie nehmen Sie diese Ost-Ost-Debatte wahr?

Ilko Sascha Kowalschuck: Die Ost-Ost-Debatte gibt es seit 1990, und sie wird oft nicht in größerem Maße wahrgenommen, weil sie als Ost-Ost-Debatte betrachtet wird. Doch sie ist auch eine Ost-West-Debatte. Am Ende geht es um eine Diskussion zwischen Befürwortern der repräsentativen Demokratie und ihren Gegnern.

Moderatorin: Im Westen konnte man nach 1990 relativ ungestört weitermachen, während im Osten vieles zusammenbrach. Einige Ostdeutsche fühlen sich bis heute benachteiligt oder diskriminiert. Dirk Oschmann spricht von einer Erfindung des Ostens durch den Westen. Hat er damit einen Punkt?

Ilko Sascha Kowalschuck: Der Ton in Oschmanns Buch ist neu, doch die Inhalte wurden bereits in vielen erfolgreichen Büchern analysiert. Die sozialen Ungerechtigkeiten nach der Wiedervereinigung sind unbestreitbar, aber das berechtigt nicht, extremistische Parteien zu wählen. Was wir beobachten, ist eine Kombination aus Transformationsmüdigkeit und der Überlagerung durch die digitale Revolution. Diese Überforderung führt dazu, dass Menschen sich zurücksehnen und Populisten den Eindruck vermitteln, dass sie die goldene Vergangenheit zurückbringen können.

Moderatorin: Das ist ein weitreichendes Thema. Leider müssen wir für heute Schluss machen. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch, Herr Kowalschuck.

Ilko Sascha Kowalschuck: Ich danke Ihnen auch, Frau Slom.

Wie das Dresdner DEFA-Trickfilmstudio Welten erschuf, verlor und wiederfand

Drei Teaser 1. Persönlich Heimatverlust. Stell dir vor, dein Arbeitsplatz ist mehr als nur ein Büro – er ist eine Familie, eine kreative Trutzburg gegen die graue Realität draußen. Für die Mitarbeiter des DEFA-Trickfilmstudios war genau das Alltag. Sie erschufen Welten aus Papier und Draht, während um sie herum ein Staat zerbröckelte. Doch dann kam die Wende, und mit ihr nicht die erhoffte Freiheit, sondern der Rauswurf. Wir begleiten ehemalige Regisseure und Puppenbauer, die mit Tränen in den Augen erzählen, wie sie ihre Lebenswerke buchstäblich aus dem Müllcontainer fischen mussten. Eine Geschichte über gebrochene Biografien, unbändige Leidenschaft und die schmerzhafte Frage: Was bleibt von mir, wenn mein Studio stirbt? 2. Sachlich-Redaktionell Trickfilmgeschichte. Über 35 Jahre lang war Dresden das Zentrum des ostdeutschen Animationsfilms. Von 1955 bis zur Abwicklung 1992 produzierten hier rund 240 Angestellte hunderte Filme für Kino und Fernsehen – vom Sandmännchen-Vorprogramm bis zur regimekritischen Parabel. Die Dokumentation „Kaspar, Mäxchen Pfiffig und Teddy Plüsch“ zeichnet den Aufstieg und Fall des DEFA-Studios für Trickfilme präzise nach. Sie beleuchtet die Produktionsbedingungen unter sozialistischer Planwirtschaft, die Zensurmechanismen und die drastischen Folgen der Treuhand-Abwicklung. Zugleich dokumentiert sie die erfolgreiche Gründung des Deutschen Instituts für Animationsfilm (DIAF), das heute das kulturelle Erbe verwaltet und für die Nachwelt sichert. 3. Analytisch und Atmosphärisch Schattenriss. Zwischen Propaganda und Poesie: Der DDR-Trickfilm war stets ein Balanceakt. In den Dresdner Studios entstand eine Ästhetik des Subtilen, geboren aus der Notwendigkeit, zwischen den Zeilen zu erzählen. Die Dokumentation legt die Mechanismen einer „Insel der Glückseligkeit“ frei, die paradoxerweise streng bewacht war. Atmosphärisch dicht verwebt der Film die melancholische Schönheit alter Silhouetten-Animationen mit der brutalen Nüchternheit der Nachwendezeit. Es ist eine Analyse der Macht von Bildern – wie man mit einer einfachen Drahtfigur politische Systeme hinterfragen kann und wie fragil künstlerische Freiräume sind, wenn sie plötzlich den Marktkräften ausgesetzt werden. Ein Abgesang auf das Analoge im digitalen Zeitalter.