Altenhof: Das sozialistische Dorf mit dem Herzstück LPG

Im Mecklenburgischen liegt das Dorf Altenhof, ein Ort mit 497 Einwohnern, von denen 317 im arbeitsfähigen Alter sind. Für die meisten von ihnen dreht sich das Leben um die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), einen Großbetrieb für Pflanzenproduktion, der als das Herzstück der Landwirtschaft im Dorf gilt. Altenhof, einst ein Gutsdorf unter der Herrschaft von Großgrundbesitzern, wandelte sich nach dem Krieg zu einem LPG-Dorf, einem sogenannten sozialistischen Dorf.

Die Grundlage dieser Veränderung bildete die Bodenreform von 1945, bei der riesige private Güter in Mecklenburg entschädigungslos enteignet wurden. Tausende landloser Bauern und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten erhielten so bis zu 10 Hektar Land zur privaten Bewirtschaftung, um rasch Arbeit und Brot zu finden. Anfangs fehlte es den Neubauern an allem – Saatgut, Dünger, Traktoren und Maschinen waren knapp. Maschinen-Traktoren-Stationen wurden eingerichtet, um technische Hilfe zu leisten.

Doch ab 1952 propagierte die führende Partei der DDR, die SED, eine neue Form: die Bildung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Grenzsteine wurden entfernt, und Privatbauern mussten fortan Boden, Tiere und Geräte gemeinsam nutzen, um auf großen Flächen industriemäßig zu produzieren. Obwohl manche Bauern Widerstand leisteten, setzte sich die SED schließlich durch, auch in Altenhof.

Planwirtschaft und SED-Einfluss
Die LPG Altenhof bearbeitet insgesamt über 5000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Neben Getreide und Futtermitteln sind Kartoffeln die wichtigsten Produkte. Geleitet wird die LPG von einem Vorstand, der von allen Genossenschaftsmitgliedern auf drei Jahre gewählt wird, und dessen Vorsitzendem, Dr. Fritz Henning, einem promovierten Landwirt. Vorstand und Vorsitzender sind dafür verantwortlich, dass der Plan erfüllt wird.

Die Pläne kommen „von oben“, von der staatlichen Plankommission. Bei der Planerstellung beansprucht die SED die absolute Führungsrolle und spielt auch bei der Plandiskussion in Vorstandssitzungen eine entscheidende Rolle. Alle sogenannten Leitungskader in der DDR gehören der SED an und sollen die Vorstellungen der Partei vom Sozialismus auch auf dem Lande durchsetzen und festigen.

Arbeitsalltag und Herausforderungen
Der Alltag in der LPG ist durchgeplant, jeder kennt seine Aufgaben. Während der Kartoffelernte, bei der etwa 600 Hektar abgeerntet werden müssen, arbeiten jeweils zwei Genossenschaftsbauern als Ernteeinheit zusammen. Mehrere solcher Einheiten bilden eine Brigade. Gearbeitet wird in zwei Schichten. Trotz des steinigen Bodens, der die Erntemaschinen oft beschädigt, darf die Ernte nicht ins Stocken geraten. Ein Reparaturtrupp ist ständig auf dem Acker im Einsatz. Größere Reparaturen finden im LPG-eigenen Pflegestützpunkt statt.

Die Beschaffung neuer Maschinen erfolgt ebenfalls über die Planwirtschaft. Die LPG plant Investitionen im Rahmen ihres Betriebsplans. Sie legen eine Strategie fest, welche Maschinen am dringendsten benötigt werden und können dann über einen Handelspartner, das Kombinat Fortschritt, bestellen, was dieser im Folgejahr zu festen Preisen bereitstellt. Die Bestellung erfolgt ein bis anderthalb Jahre im Voraus.

Neben dem Einsatz schwerer Technik und dem Anbau auf großen Flächen gehören Düngung und Pflanzenschutz zu den Komponenten industriemäßiger Produktion. Die LPG wird von einem agrochemischen Zentrum beraten, das Bodenanalysen durchführt und Düngeprogramme entwickelt. Obwohl chemischer Dünger die Umwelt belastet, wurde lange Zeit kaum Rücksicht darauf genommen. Die Steigerung der Ernteerträge ist nach wie vor das oberste Ziel. Allerdings gibt es Ausnahmen in Trinkwasserschutzgebieten, wo weniger gedüngt wird.

Herausforderungen im Arbeitsalltag bestehen auch im Umgang mit Kollegen, etwa bei der Auslastung der Arbeitszeit. Wenn nur fünf Minuten verloren gehen, ist das ein Schaden für den Betrieb. Manche achten nicht so darauf oder verschlafen morgens.

Lohn und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten
Die Bezahlung der Genossenschaftsbauern setzt sich aus einem Stundenlohn und einem Leistungszuschlag zusammen. Letzterer ist beispielsweise bei der Einlagerung von Kartoffeln von der eingelagerten Tonnage abhängig. Für die Pflege von Maschinen erhalten Traktoristen ein Pflegegeld, das bei mangelhafter Pflege reduziert oder gestrichen werden kann. Manchmal gibt es auch Prämien.

Genossenschaftsbauern genießen einige Vorteile gegenüber den Städtern. Sie zahlen keine Steuern auf ihr Einkommen und erhalten zusätzlich Naturalien. Viele betreiben auch private Tierhaltung, beispielsweise Schweine. Dies wird vom Staat gefördert, da es das Angebot an Frischfleisch bereichert. Für die Halter bedeutet es einen respektablen Nebenverdienst. So kann der Bauer Uwe Zemke mit dem Verkauf von fünf Schweinen immerhin 5000 Mark verdienen, die er für die bessere Ausstattung seiner Wohnung oder den Kauf eines Autos nutzen kann. Die private Tierhaltung und der eigene Garten, dessen Produkte unabhängiger vom oft mangelhaften Handelsangebot machen, sind für viele willkommene Abwechslungen zur eintönigen Berufsarbeit. Genossenschaftsmitglieder dürfen auch nach der Ernte auf den abgeernteten Feldern Kartoffeln für den Eigenverbrauch oder als Futtermittel für privat gehaltene Tiere aufstoppeln. Privatbauer im traditionellen Sinne zu sein, können sich viele jüngere Genossenschaftsbauern wie Uwe Zemke angesichts der gewohnten kollektiven Wirtschaftsform nicht vorstellen.

Die LPG als gesellschaftlicher und kultureller Motor
Die Rolle der LPG reicht weit über die reine Landwirtschaft hinaus. Sie prägt das Leben im Dorf in Produktion, sozialem, kulturellem und politischem Bereich. Auch andere Betriebe im Dorf, wie die Tierproduktion, sind von der LPG Pflanzenproduktion abhängig.

Die LPG engagiert sich stark im kulturellen Bereich und bei gesellschaftlichen Belangen. Das alljährliche Erntefest, ein Bestandteil der kulturellen Arbeit auf dem Lande, wird von Dorf und LPG gemeinsam begangen und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Ein Kulturausschuss plant und gestaltet das Programm. Die LPG unterstützt lokale Gruppen, wie den Frauenchor, dem sie Uniformen stiftete. Der Chor ist ein Volkskunstkollektiv, dessen Mitglieder auch ihre Freizeit miteinander verbringen und Ausflüge sowie Feste gemeinsam gestalten sollen, was als soziale Heimat verstanden wird.

Auch die älteren Dorfbewohner, die hier Veteranen genannt werden, werden nicht vergessen. Die Gemeinde lädt sie zu Treffen im Dorfgasthof ein, um ihnen das Gefühl zu geben, ernst genommen und mit einbezogen zu werden. Staat und Gesellschaft fühlen sich verantwortlich, niemand soll sich überflüssig fühlen – ein Grundzug der sozialistischen Gesellschaft. Die Jugend wird ebenfalls bedient. Die Disco im Dorfgasthof, die drei- bis viermal monatlich stattfindet, gilt als attraktivstes Freizeitangebot und ist ebenfalls Bestandteil des Kulturplans, der von der Gemeinde, der FDJ und dem Gaststättenleiter geplant wird. Bei voller Auslastung können Beziehungen zur FDJ-Ordnungsgruppe helfen, einen Platz zu ergattern. Sogar die Karpfenernte aus einem künstlich aufgestauten See, den die LPG an eine Fischereigenossenschaft verpachtet, bereichert nicht nur den Speisezettel, sondern erwirtschaftet auch Einnahmen aus sonst nutzlosem Land.

Die polytechnische Bildung spielt ebenfalls eine Rolle. Schüler der zehnten Klasse der polytechnischen Oberschule Altenhof lernen im Fach „produktive Arbeit“ direkt auf dem Feld praktische Tätigkeiten kennen. Dieser Unterricht soll zur Arbeitsliebe erziehen und Jugendliche dazu motivieren, auf dem Lande zu bleiben und Berufe in der Landwirtschaft oder angrenzenden technischen Bereichen zu ergreifen.

Die LPG betreibt sogar die eigene Gaststätte „Dachziegel“, die dank ihrer gehobenen Gastronomie Einheimische und Durchreisende anzieht. Das Engagement der LPG reicht somit von der Landwirtschaft über Dorfverschönerung, gesellschaftliche und kulturelle Arbeit bis hin zur gastronomischen Dienstleistung.

Visionen für die Zukunft
Der Vorsitzende Dr. Fritz Henning hat noch größere Pläne für Altenhof. Er möchte die Infrastruktur verbessern, das Dorf mit einer Bäckerei und Fleischerei ausstatten, bessere gastronomische Bedingungen schaffen und mehr für den Sport, insbesondere Fußball, tun. Auch der Wohnungsbau spielt eine große Rolle. Bereits jetzt hat die LPG mit dem Bau einer Halle und des Schafstalls begonnen, was die Dimensionen des Ortes verändert. Henning möchte das Dorf noch weiter ausdehnen, vielleicht sogar bis an den Autobahnzubringer, um einen großräumigeren Eindruck zu gewinnen und attraktiver zu werden.

Noch ist Altenhof ein Straßendorf ohne ein unverwechselbares Gesicht. Das Leben für die Genossenschaftsbauern verläuft gemächlich. Existenzsorgen haben sie keine, da die LPG für alles sorgt: für Arbeit und Freizeit, ein geregeltes Einkommen und soziale Einrichtungen. Es bleibt abzuwarten, ob in 30 Jahren tatsächlich der Kartoffelacker einem Wohngebiet am Autobahnzubringer weichen wird und Altenhof vielleicht sogar, zu Ehren des Vorsitzenden, in Henningsdorf umbenannt wird.

Aufstand gegen Hermann Kant: Berliner Autoren fordern Wandel

Im Klub der Kulturschaffenden herrscht dichte Rauchluft, als vierundzwanzig Schriftsteller an diesem grauen Tag ihre Unterschrift unter ein Papier setzen, das den endgültigen Bruch besiegelt. Es ist Mitte Dezember in Berlin, die Mauer ist offen, und die Geduld mit den alten, verknöcherten Strukturen ist bei den Anwesenden endgültig aufgebraucht. Am 15. Dezember 1989 erklären Berliner Autoren um Helga Schubert und Joachim Walther ihren Austritt aus der Bevormundung durch den Verbandspräsidenten Hermann Kant. Sie verweigern der Führung die Gefolgschaft, nachdem diese Reformen blockierte, und fordern in einem scharfen historischen Dokument eine sofortige Neugründung ihres Berufsverbandes.

Heiner Müller und die DDR: Anatom eines widersprüchlichen Verhältnisses

A) PROFIL AP: Hook: Müllers Entscheidung für die DDR war weniger politisches Bekenntnis als die Suche nach radikaler Autonomie. Teaser: Als Heiner Müllers Familie 1951 in den Westen ging, blieb er bewusst zurück. Es war eine Trennung, die weniger der Ideologie als der eigenen Biografie geschuldet war. Die Abnabelung vom Vater und der Herkunft ermöglichte ihm erst jene intellektuelle Freiheit, die er für sein Werk benötigte. Er verstand den sozialistischen Staat in der Folgezeit nicht als Ort der Geborgenheit, sondern als Werkstatt. Die politischen Verwerfungen und die gesellschaftliche Erstarrung dienten ihm als Material, an dem er sich abarbeiten konnte. Diese Haltung führte zwangsläufig zu Konflikten. Verbote und Ausgrenzung waren für Müller jedoch keine Gründe zur Flucht, sondern Bestätigung seiner ästhetischen Relevanz. Er entwickelte eine Überlebensstrategie, die auf pragmatischer Distanz und kühler Analyse basierte. Gespräche mit der Macht dienten dem Zweck, weiterarbeiten zu können. Der 17. Juni 1953 wurde für ihn zum Symbol einer produktiven Unordnung inmitten eines starren Systems. Erst als dieses System 1989 kollabierte, geriet auch Müllers Schreiben in eine Krise, da ihm der notwendige Reibungswiderstand entglitt. Sein Werk steht heute für die komplexe Innenansicht einer untergegangenen Gesellschaft. B) SEITE AP: Hook: Für Heiner Müller war die DDR weder Heimat noch Feindbild, sondern ein notwendiges Laboratorium. Teaser: Die Beziehung des Dramatikers zum ostdeutschen Staat war von einer lebenslangen Ambivalenz geprägt. Anders als viele Zeitgenossen, die entweder flohen oder sich arrangierten, wählte Müller einen dritten Weg: die Nutzung der Diktatur als ästhetisches Material. Seine Stücke, oft zensiert und verboten, legten die Differenz zwischen dem sozialistischen Ideal und der realen Praxis offen. Er betrieb eine Anatomie der gesellschaftlichen Widersprüche, die ohne die existenzielle Bedrohung durch den Staat kaum denkbar gewesen wäre. Diese Abhängigkeit vom politischen Gegner zeigte sich besonders deutlich im Jahr 1989. Mit dem Ende der DDR verlor Müller nicht nur einen Staat, sondern seinen primären Resonanzraum. Die Reibungsenergie, die sein Schreiben über Jahrzehnte angetrieben hatte, verflüchtigte sich mit dem Fall der Mauer. Er hinterließ ein Werk, das die deutsche Teilung nicht historisch glättet, sondern in ihrer ganzen Bruchstückhaftigkeit bewahrt. C) SEITE JP: Hook: Heiner Müllers Werk lebte von den Rissen im Beton des real existierenden Sozialismus. Teaser: Von Beginn an definierte sich Müllers Verhältnis zur DDR über das Spannungsfeld zwischen Bleiben und Widerstand. Seine Entscheidung gegen die Flucht im Jahr 1951 war der Startpunkt für eine literarische Auseinandersetzung, die den Staat als Experimentierfeld begriff. Er thematisierte früh die Brüche im System, was ihm Verbote und Überwachung einbrachte, aber auch seine künstlerische Identität schärfte. Die Strategie des Autors bestand darin, die Unzulänglichkeiten der DDR als Rohstoff für seine Texte zu nutzen. Er war kein Dissident im klassischen Sinne, sondern ein Analytiker der Machtstrukturen. Der Verlust dieses Gegenübers durch die Wende 1989 stürzte ihn in eine Schaffenskrise, da die Grundlage seiner ästhetischen Konfrontation entfiel. Sein Blick auf die DDR bleibt eine wichtige Perspektive zur Einordnung der ostdeutschen Geschichte.