Plauen 1989/90: Vom „Brodeln“ zum Hotspot der friedlichen Revolution

Plauen, Ende der 1980er Jahre: Die Lage in der Stadt im Vogtland war angespannt. Die Versorgungslage wurde als kritisch beschrieben, insbesondere bei Südfrüchten und Luxusgütern, die im Gegensatz zur Hauptstadt Berlin kaum erhältlich waren. Nur etwa 30 Kilometer von der westdeutschen Grenze entfernt, konnten die Einwohner Westfernsehen empfangen, was die Situation zusätzlich beflügelte. Man wusste, was es im Westen gab und was dort los war, hatte aber keine Möglichkeit, die kurze Distanz zu überbrücken und beispielsweise die Partnerstadt Hof zu besuchen.

Bereits 1984 rollte eine große Ausreisewelle auf Plauen zu, bei der viele Menschen gruppenweise ihre Ausreise beantragten und die Stadt verließen. Die Unzufriedenheit wuchs, auch die Lage in den Betrieben verschärfte sich nach dem Parteitag 1987. Reformen nach dem Vorbild von Glasnost und Perestroika aus der Sowjetunion wurden in der DDR nicht übernommen, was die Lage in Grenznähe wie in Plauen weiter verschärfte. Die 1987 geschlossene Städtepartnerschaft mit Hof trug paradoxerweise zur tragischen Situation bei. Nur prominente Plauener wie der Oberbürgermeister konnten davon profitieren; normale Bürger konnten nicht nach Hof reisen, was zusätzlichen Frust erzeugte.

Das Jahr 1989 begann aufregend für die Plauener Bevölkerung. Angesichts der Kommunalwahlen im Mai schloss sich eine Gruppe junger Menschen um die Markuskirche zusammen, um die Wahl zu überwachen. Bei Wahlen in der DDR wurden typischerweise Prozentsätze um 99 Prozent erzielt, was bekanntermaßen nicht der Realität entsprechen konnte. Die Wahlbeobachter in Plauen stellten fest, dass die veröffentlichten Zahlen nicht mit ihren Aufzeichnungen übereinstimmten. Plauen befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer einmaligen Situation innerhalb der DDR. Bürger schlossen sich zusammen, starteten einen Aufruf und erklärten die Wahlen für betrogen. Dies wurde sofort geleugnet, und die Staatssicherheit nahm ihre Arbeit auf.

Im Sommer 1989 nutzten viele Plauener ihren Urlaub in Ungarn. Als Ungarn seine Grenzen Richtung Österreich öffnete, flüchteten zahlreiche Plauener in den Sommermonaten über Ungarn in die Bundesrepublik. Es waren Arbeitskollegen, Freunde, Nachbarn, Bekannte – Plauen leerte sich. Nachdem die Grenze nach Ungarn komplett geschlossen worden war, versuchten viele Plauener ihr Glück über die Botschaft in Prag. Die Prager Botschaft war vollkommen überfüllt.

Am 30. September 1989 teilte die Agentur mit, dass die Menschen aus der Botschaft ausreisen dürften. Die Züge wurden über das Gebiet der DDR abgeleitet. Am 1. Oktober fuhren diese Züge mit Ausreisewilligen, oft auch Plauenern, durch Plauen. Der Bahnhof war von Transportpolizei und Kampfgruppeneinheiten abgeriegelt. Man merkte, dass es brodelte in Plauen – sieben Tage später stand der 40. Jahrestag der DDR an.

Kurz vor dem 40. Jahrestag gab es mehrere Aufrufe zu Demonstrationen in Plauen. Es gab zwei Aufrufe: einen von ausreisewilligen Plauenern für 9 Uhr morgens und einen von Plauener Bürgern für 15 Uhr. Die Staatssicherheit hatte sich darauf eingestellt, erwartete jedoch nicht das Ausmaß, das dies in Plauen annehmen würde – und das war erschreckend.

Am 10. Oktober 1989, nach 15 Uhr, verlor die Staatsmacht in Plauen die Kontrolle über ihr gesamtes Vorgehen. Circa 15.000 Menschen gingen in Plauen auf die Straße, und niemand hatte mit einem solchen Menschenandrang gerechnet. Plauen entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt zu einem Hotspot der friedlichen Revolution. Plauener Bürger nahmen das Zepter in die Hand, besorgten sich in der Stadtverwaltung Informationen und äußerten, welche Richtung sie für Plauen für gut hielten. Eine der großen Forderungen war die Reisefreiheit. Man wollte endlich die Partnerstadt Hof besuchen können.

Ende Oktober brachte die DDR-Regierung ein vorläufiges Reisegesetz heraus, das jedoch so schlecht gemacht war, dass die Bevölkerung noch mehr dagegen auf die Straße ging. Zu dieser Zeit waren samstags teilweise bis zu 25.000 Menschen in Plauen auf der Straße. Und dann kam der 9. November: Die DDR öffnete ihre Grenzen. Erstmalig konnten Plauener Menschen besuchen, die nur 30 Kilometer entfernt wohnten. Es war ein Freudenfest für beide Seiten. Man konnte zum ersten Mal ohne Einschränkungen den anderen Teil Deutschlands erleben und kennenlernen.

Die ersten geöffneten Grenzübergänge in der Nähe waren Hirschberg (Autobahn A9) und Gutenfürst (Zug). Sehr schnell wurden weitere Grenzübergänge geöffnet. Bereits am 12. November wurde der Grenzübergang B173 (vermutlich Töpen/Hof) geöffnet, und es begann die Arbeit an der Öffnung der Autobahn A72 Richtung Hof. An einem Tag fuhren teilweise 30.000, 40.000, ja 50.000 Menschen über diese Übergänge. Es gab Tage, an denen 600.000 Menschen in Hof waren – etwa das Zehnfache der Stadt Hof – unvorstellbar, wie das damals war.

Der Dezember 1989 war ebenfalls ein aufregender Monat für Plauen. Am 6. Dezember besetzte das Bürgerkomitee die Staatssicherheitszentrale in der Gabelsbergerstraße. Dort fand man außer Waffen nichts mehr – die Akten waren bereits nach Karl-Marx-Stadt transportiert und verbrannt worden. Doch der Dezember hatte auch Positives: Am 24. Dezember öffneten sich die Grenzen auch in die andere Richtung. Erstmalig durften Menschen aus der Bundesrepublik ohne Pass, ohne Zwangsumtausch und ohne Visum nach Ostdeutschland in die DDR einreisen. Die Freude war groß, viele empfanden es als Weihnachtsgeschenk. Man ging auf die Straße und begrüßte sie, und der Wunsch nach Wiedervereinigung wurde immer größer.

Man begann, das Emblem aus der DDR-Flagge auszuschneiden. Plauen war eine der ersten Städte, in denen der Wunsch nach Wiedervereinigung überdeutlich aufkam. Die Demonstrationen liefen bis März 1990 weiter, bis zu den ersten freien Wahlen. Der Wunsch nach Wiedervereinigung wuchs von Demonstration zu Demonstration.

1990 war ein aufregendes Jahr für Deutschland. Am 1. Juli fand die Währungsunion statt – die DDR-Mark verlor ihre Gültigkeit, die D-Mark kam in die Geschäfte. Es war absehbar, dass die DDR keinen Bestand mehr haben konnte. Und so trat die DDR am 3. Oktober der Bundesrepublik Deutschland bei.

Ein großes Fest zur Wiedervereinigung fand in Gutenfürst statt. Tausende Plauener machten sich mit einem Sonderzug und Autos auf den Weg dorthin, um zusammen mit den Hofern (die ebenfalls mit Sonderzügen kamen) die Wiedervereinigung im ehemaligen Grenzbahnhof Gutenfürst zu feiern. Der Grenzbahnhof, der komplett seinen Schrecken verloren hatte, war ein optimaler Ort, um die Wiedervereinigung beider Staaten, aber auch der beiden Städte Hof und Plauen zu feiern.

Grönemeyers Analyse der deutsch-deutschen Sprachlosigkeit und Merkels Erbe

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Das Gespräch über den Zustand der inneren Einheit krankt oft daran, dass die Bewertung der ostdeutschen Realität bereits feststeht, bevor ein wirklicher Austausch begonnen hat. Teaser: In einer detaillierten Betrachtung der deutsch-deutschen Befindlichkeiten legt Herbert Grönemeyer den Finger in eine Wunde, die auch Jahre nach dem Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels nicht verheilt ist. Seine Analyse konzentriert sich auf die Mechanismen einer Kommunikation, die oft mehr über den Sender als über den Empfänger aussagt. Ein Kernpunkt ist dabei die Beobachtung einer subtilen, aber wirkmächtigen Dominanz westdeutscher Diskurse. Viele Menschen in den neuen Bundesländern haben die Erfahrung verinnerlicht, dass ihre Art der Artikulation in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit keinen Bestand hat. Die Angst, bei der kleinsten sprachlichen Unsicherheit oder inhaltlichen Abweichung rhetorisch niedergemacht zu werden, hat zu einem weitgehenden Verstummen geführt. Dieses Schweigen ist jedoch kein Zeichen von Zustimmung, sondern ein Indikator für eine tiefe Entfremdung. Grönemeyer verknüpft diese gesellschaftliche Beobachtung mit einer Kritik an der politischen Führung der vergangenen Jahrzehnte. Der ehemaligen Kanzlerin wird dabei eine tragische Rolle zugeschrieben. Trotz ihrer eigenen Biografie gelang es ihr nicht, die spezifischen ostdeutschen Transformationserfahrungen in das politische Zentrum der Republik zu tragen. Die Chance, durch Erklärung und Übersetzung Verständnis für die unterschiedlichen Lebenswelten zu wecken, blieb ungenutzt. Stattdessen herrschte eine Politik des Verwaltens, die Ergebnisse präsentierte, aber die Prozesse dahin im Dunkeln ließ. Eine erwachsene Gesellschaft benötigt jedoch die Auseinandersetzung mit dem Weg, nicht nur die Verkündung des Ziels. Die Warnung vor der pauschalen Verurteilung Ostdeutschlands ist in diesem Kontext mehr als ein Appell an die Fairness. Die monochrome Einfärbung von Landkarten nach Wahlergebnissen verdeckt den Blick auf die differenzierte Realität vor Ort. Wer den Osten nur als Problemzone begreift, übersieht die dortige Zivilgesellschaft, die sich oft unter schwierigeren Bedingungen als im Westen für demokratische Werte engagiert. Das Aushalten von Widersprüchen und die Akzeptanz unterschiedlicher Perspektiven bleiben die zentrale Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine Demokratie, die nur den Konsens zulässt und den Streit fürchtet, verliert ihre Vitalität. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die politische Landkarte verdeckt oft den Blick auf die gesellschaftliche Realität und die historischen Ursachen der heutigen Polarisierung. Teaser: Herbert Grönemeyer wendet sich in einer aktuellen Analyse gegen die pauschale Stigmatisierung Ostdeutschlands als undemokratischen Raum. Er kritisiert eine „westliche Überheblichkeit“, die den Osten lediglich anhand von Wahlergebnissen beurteilt und dabei die dortige Zivilgesellschaft ignoriert. Viele Menschen in Ostdeutschland engagierten sich täglich gegen Extremismus, würden aber in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit den Wahlergebnissen populistischer Parteien gleichgesetzt. Diese Verallgemeinerung vertieft die Gräben, anstatt sie zu überwinden. Ein wesentlicher Faktor für die gegenwärtige Situation ist laut Grönemeyer das politische Erbe der Ära Merkel. Der Vorwurf lautet, dass es versäumt wurde, die spezifischen ostdeutschen Erfahrungen in den gesamtdeutschen Diskurs zu integrieren. Mangelnde Kommunikation und das Fehlen einer vermittelnden Instanz haben dazu geführt, dass sich viele Menschen nicht repräsentiert fühlen. Die Forderung nach einem neuen Verständnis von Demokratie, das auch abweichende Biografien respektiert und Widersprüche aushält, steht im Raum. Es geht um die Rückkehr zum Zuhören als politischem Instrument. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Wer Ostdeutschland pauschal verurteilt, ignoriert den täglichen Einsatz vieler Menschen für die Demokratie vor Ort. Teaser: Herbert Grönemeyer beschreibt ein gravierendes Kommunikationsdefizit zwischen West und Ost, das auf kultureller Dominanz beruht. Wenn sprachliche Unsicherheiten oder abweichende Meinungen sofort sanktioniert werden, bricht der Dialog ab. Die Analyse verweist auf die Notwendigkeit, Widersprüche auszuhalten und die „blaue Fläche“ auf der Landkarte nicht als das ganze Bild zu akzeptieren. Das Schweigen eines Teils der Gesellschaft ist ein Warnsignal, das ernst genommen werden muss.