Plauen 1989: Wie der Mut Einzelner die Wende einleitete

Während die Staatsführung in Berlin am 7. Oktober 1989 den 40. Geburtstag der DDR feiert – es sollte der letzte sein – haben viele Bürger nichts zu lachen. In Plauen werden Demonstranten in die Haftanstalt eingeliefert, wo der Umgang mit Regimekritikern an Folter grenzt. Fotos von Justizbediensteten wie Klaus Vetter dokumentieren Szenen, die selbst ihn beunruhigen.

Die Proteste sind besonders am 7. Oktober heftig, und den staatlichen Organen fällt es zunehmend schwer, die Lage in den Griff zu bekommen. Ein Grund dafür ist, dass sie sich ihrer eigenen Truppen nicht mehr sicher sein können. Es gibt aufrechte Menschen, selbst in den Reihen der Kampfgruppen, die eigentlich zum Schutz der volkseigenen Betriebe im Kriegsfall gedacht sind. Norbert Siegert aus Plauen, Abteilungsleiter eines großen Maschinenbaukombinats und katholisch, war Kampfgruppenmitglied als Kompromiss, um seine leitende Funktion zu behalten, da er den Beitritt zur SED verweigerte.

Bereits am 24. September wurde bei einer Übung der Kampfgruppen geprobt, gegen „Provokateure“, „Feinde des Sozialismus“ und „Störenfriede“ in der Bevölkerung vorzugehen. Zwei Tage vor dem 7. Oktober, am 5. Oktober, fahren Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Plauen in die Bundesrepublik. Die Kampfgruppen sollen verhindern, dass jemand aufspringt oder es zu Sympathiebekundungen der Bevölkerung kommt. Um 10 Uhr klingelt bei Norbert Siegert sturm, doch er weigert sich: „Ich mach das nicht und ich bleibe zu Hause“. Er sei nicht gewillt, „gegen Bürger gegen Menschen unseres Landes unserer Stadt mit der Waffe in der Hand vor zu gehen oder ihnen entgegen zu treten“.

Am 7. Oktober demonstriert die Bevölkerung Plauens gegen das DDR-Regime. Auf dem Postplatz versammeln sich zehn- bis fünfzehntausend Menschen zur größten Demonstration, die es in der DDR seit dem Aufstand im Juni 1953 je gab. Gegen 16:50 Uhr gerät die Lage aus Sicht der Staatssicherheit außer Kontrolle, wie Generalleutnant Gehlert später berichtet. 320 Kampfgruppenmitglieder werden in voller Gefechtsbereitschaft versetzt, doch nur 121 erscheinen. Daraufhin werden alle 1000 Plauener Kämpfer alarmiert, von denen „sage und schreibe nur 92 antreten“. Dies geschieht, obwohl Verweigerer und ihre Familien negative Folgen befürchten mussten.

Da die Volkspolizei in Plauen keine Wasserwerfer besitzt, soll die Feuerwehr mit Löschfahrzeugen gegen die Demonstranten vorgehen. Sowohl die Berufs- als auch die Freiwillige Feuerwehr werden alarmiert. Der damalige Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr, Gerold Knie, ist sich „von anfang an einig dass wir diesen befehl gegen die eigene bevölkerung zu formen die streiks für hören“. Er hört per Sprechfunk mit, dass sich auch der Leiter der Berufsfeuerwehr zunächst weigert. Die Polizeiführung übernimmt daraufhin die Befehlsgewalt und erteilt sehr bestimmt den Befehl: „fahren sie also keine diskussion formen sie“.

Am nächsten Tag schreibt Gerold Knie zusammen mit vier weiteren einen mutigen Protestbrief an den Rat der Stadt. Darin verurteilen sie den Einsatzbefehl, der „leben und gesundheit friedlicher bürger gefährdet hat“. Dieses Handeln geschieht aus dem Bauch heraus, ohne lange nachzudenken über mögliche Konsequenzen. Nur deshalb, so die Einschätzung, sind diese Situationen entstanden, sind die Demonstrationen zustande gekommen und die „friedliche revolution gestolpert“.

Plauen war eine Stadt, in der „außergewöhnlich viele menschen den mut zum widerstand fanden“. Ob als Demonstranten oder als Menschen, die sich weigerten, gegen Demonstranten vorzugehen. Keiner von ihnen ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass sie straffrei davonkommen würden, weil einen Monat später die Mauer fällt und die DDR am Ende ist.

Zwischen Warteliste und Zuteilung: Das System der Wohnungsvergabe in der DDR

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Die Geschichte des Wohnens in der DDR beginnt meist nicht mit dem Einzug, sondern mit dem jahrelangen Warten. Teaser: Wer sich heute an die großen Neubaugebiete des Ostens erinnert, denkt oft zuerst an den Komfortsprung durch Fernwärme und Innenbad. Doch der Weg dorthin war geprägt von einem undurchsichtigen Verteilungskampf. Offiziell sollte die Dringlichkeit entscheiden, doch in der Praxis wurde Wohnraum zu einem Instrument der Arbeitskräftepolitik. Große Betriebe nutzten eigene Kontingente, um Mitarbeiter zu binden, während andere Antragsteller oft über Jahre in maroden Altbauten ausharren mussten. Die Plattenbauwohnung war in diesem System mehr als nur ein Dach über dem Kopf; sie war eine Zuteilung, die man sich durch berufliche Relevanz oder Beziehungen erarbeiten musste. Diese Erfahrung einer politisierten Mangelverwaltung prägt den Blick auf das eigene Zuhause bei vielen Ostdeutschen bis heute, weit über das Ende der DDR hinaus. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Hinter der ideologischen Programmatik des Wohnungsbaus verbarg sich eine harte ökonomische Selektion. Teaser: Das Wohnungsbauprogramm der DDR war das zentrale sozialpolitische Versprechen der Ära Honecker. Doch die Umsetzung folgte oft weniger sozialen als wirtschaftlichen Kriterien. Da Arbeitskräfte in der Planwirtschaft knapp waren, erhielten volkswirtschaftlich wichtige Kombinate direkten Zugriff auf Wohnungskontingente. Dies führte dazu, dass die Zuteilung von Wohnraum faktisch oft an die Betriebszugehörigkeit gekoppelt war. Parallel dazu verschob sich der Fokus so stark auf den industriellen Neubau, dass die historischen Innenstädte einem massiven Verfall preisgegeben wurden. Die Ambivalenz zwischen modernem Komfort in der Platte und dem Verlust städtischer Substanz im Altbau ist eine städtebauliche Erbschaft, die die ostdeutschen Städte bis in die Gegenwart hinein strukturell definiert. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Wer für den falschen Betrieb arbeitete, wartete oft Jahre länger auf den ersehnten Mietvertrag. Teaser: Die Gleichheit der Lebensverhältnisse war ein Postulat, das an der Wohnungstür oft endete. Das System der AWG (Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft) und die Betriebskontingente schufen eine Hierarchie, die offiziell kaum thematisiert wurde. Wohnraum war ein Hebel zur Steuerung von Biografien: Er belohnte Konformität und Leistung im Sinne des Staates. Die Platte war somit nie nur Beton, sondern immer auch ein politisch aufgeladener Raum, dessen Zuteilungsmechanismen tief in die persönliche Lebensplanung eingriffen. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=vT0V0y-JDgc

Der Aufruf der Widerstandskämpfer im Dezember 1989

Journalistischer Text - Profil (Teaser Seite 1) Warnung vor Neonazis in der Wendezeit In einer Zeit des politischen Vakuums veröffentlicht die Junge Welt am 21. Dezember 1989 einen Text, der explizit vor zunehmenden neonazistischen Umtrieben in Stadt und Land warnt und diese als Gefahr für die humanistischen Werte bezeichnet. Ich betrachte dieses Dokument heute als ein spätes Eingeständnis einer Realität, die viele Menschen in ihrem Alltag längst wahrgenommen hatten, die aber staatlich ignoriert wurde. Es scheint, als ob die Thematisierung der rechten Gefahr in diesem Moment für manche auch den Zweck erfüllte, die Existenzberechtigung der DDR als antifaschistisches Bollwerk neu zu begründen. Für den heutigen Betrachter offenbart sich hier die Zerrissenheit jener Tage. Während die einen die Wiedervereinigung herbeisehnten, sahen andere in der Bewahrung der DDR-Eigenstaatlichkeit den einzigen Schutz vor historischen Fehlentwicklungen. Dieser Text markiert den Versuch, in der Unübersichtlichkeit der Wendezeit einen moralischen Halt zu bieten. Journalistischer Text - Seite (Teaser Seite 2) Ein Programm der Hoffnung im Dezember 89 Kurz vor dem Jahreswechsel 1989 bezeichnet ein Aufruf des Komitees der Widerstandskämpfer den Antifaschismus als das entscheidende Programm der Hoffnung für den Erhalt und die Erneuerung des Staates. Mir erscheint dieser Appell rückblickend wie der Versuch einiger Akteure, die drohende Auflösung ihres Staates durch die Rückkehr zu den ideellen Wurzeln aufzuhalten. Es war eine Perspektive, die sicherlich von jenen geteilt wurde, die eine reformierte DDR wollten, auch wenn die politische Realität bereits eine andere Sprache sprach.