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Die Ostsee in der DDR: Zwischen Urlaubsidylle und streng bewachter Grenze

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Für viele Menschen in der DDR war die Ostsee das Sehnsuchtsziel schlechthin. Jeden Sommer schien „die ganze DDR in Richtung Ostsee zu streben“. Sie verkörperte den Traum von Sommer, Sonne und Ferien. Doch die Küste war weit mehr als nur ein Urlaubsort – sie war auch ein wichtiger Wirtschaftsraum und eine streng gesicherte Grenze, die sowohl Idylle als auch Bedrückung symbolisierte.

Der jährliche Sommerurlaub an der See war begehrt. Wer Glück hatte, erhielt über seinen Betrieb einen der begehrten FDGB-Ferienplätze. Andere nutzten betriebseigene Ferienheime. Allerdings war dies nicht jedermanns Sache, da man riskierte, sogar mit dem Chef am Mittagstisch sitzen zu müssen. Viele bevorzugten daher das Campen, das für ein Gefühl von Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit stand.

Die Ostsee und das Meer im Allgemeinen hatten für viele Menschen in der DDR einen besonderen Reiz, der mit der Sehnsucht nach der „großen Reise“ verbunden war. Diese Sehnsucht nach der weiten Welt blieb für die meisten jedoch ein Wunschtraum. Souvenirs, wie sie auch in einer Sonderausstellung zu finden sind, zeugten von dieser unerfüllten Sehnsucht.

Doch die Ostsee war nicht nur Urlaubsparadies und Sehnsuchtsort. Sie war auch ein bedeutender Wirtschaftsraum für die DDR. Rostock spielte hier eine zentrale Rolle mit seiner Werftindustrie und der Hochseefischerei, die wesentlich zur Versorgung der Bevölkerung beitrug.

Gleichzeitig war die Ostseeküste eine sensible Grenzregion, die besonders gesichert werden musste. Sie stellte die Frontlinie zwischen NATO und Warschauer Pakt dar. Täglich überflogen Kampfbomber vom Typ Suchoi 22 der Nationalen Volksarmee die FKK- und Textilstrände auf Rügen, Binz und Usedom.

Die Küste war zudem die Grenze der DDR, an der die Staatsmacht stets befürchtete, dass Menschen versuchen würden, ihr Land zu verlassen. Es gab tragische Fluchtversuche; in den kalten Wintern der 60er-Jahre versuchten manche, über das Eis zu entkommen. Sogar der letzte bekannte DDR-Flüchtling ertrank in der Lübecker Bucht.

Die Ostseeküste verkörpert somit in der Geschichte der DDR einen tiefen Widerspruch: Sie steht für die Urlaubsidylle, die schönen Erinnerungen und die Sehnsucht nach Freiheit, aber auch für die Beschränkungen, Bedrückungen und die allgegenwärtige Grenzsituation. Diese Dualität macht sie zu einem faszinierenden Thema für eine Sonderausstellung.

Archivfund offenbart: Seltene Prototypen in Zwickauer Halle entdeckt

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Ein unerwarteter Archivfund hat kürzlich das Licht der Öffentlichkeit erblickt: Aufnahmen, die bereits vor acht Jahren entstanden sind, dokumentieren eine bemerkenswerte Entdeckung in einer Halle in Zwickau. Die Videoaufnahmen, die im Rahmen des 19. itt in Zwickau im Jahr ihrer Entstehung gemacht wurden, zeigen eine Ansammlung von Fahrzeugen, die vom Entdecker als „einige interessante Prototypen“ beschrieben werden und einen faszinierenden Einblick in möglicherweise wenig bekannte Kapitel der Fahrzeugentwicklung gewähren.

Bei der Erkundung der Halle stieß man unter anderem auf das Trabantmodell 1.1 E. Hierbei ist die Bezeichnung „E“ nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, ein Hinweis auf einen Elektroantrieb, sondern kennzeichnet eine „Weiterentwicklungsstufe“ des bekannten Trabant. Besonders bemerkenswert an diesem Modell ist offenbar sein Design. Die Quelle deutet an, dass die Meinungen auseinandergehen, wenn es um die Frage geht, ob dieses Fahrzeug in dieser Form hätte gebaut werden sollen – „da scheiden sich die Geister“.

Neben dem Trabant-Prototyp war auch ein Kübelwagen zu sehen. Dieser Fahrzeugtyp ist insbesondere durch seinen Einsatz bei den Grenztruppen bekannt. Der in den Aufnahmen gezeigte Wagen präsentiert sich nach Ansicht des Entdeckers in einem „guten Zustand“ und wird als „sehr hübsches Fahrzeug“ bezeichnet.

Ein Highlight der Sammlung stellte zweifellos ein weiteres Fahrzeug dar, das als besonders „spektakulär“ hervorgehoben wird: Ein originaler 1.1 Kübelwagen. Die Authentizität und historische Bedeutung dieses Wagens wird durch die Information unterstrichen, dass er „sogar bei den Grenztruppen zugelassen oder man wollte den zulassen“. Dies sei am Kennzeichen erkennbar. Das Fahrzeug wird enthusiastisch als „wirklich ein tolles Auto“ gelobt. Die Existenz eines solch originalen Modells mit direktem Bezug zu den Grenztruppen scheint von besonderem Interesse für Kenner der Automobilgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik zu sein.

Für Freunde historischer Fahrzeuge gibt es die gute Nachricht, dass der erwähnte originale 1.1 Kübelwagen heute zugänglich ist. Er befindet sich laut der vorliegenden Informationen derzeit im Fundus des August Horch Museums in Zwickau. Dies sichert das Fahrzeug für die Nachwelt und ermöglicht Interessierten, dieses seltene Exemplar selbst zu besichtigen, auch wenn die genauen Umstände seiner Entdeckung und seines Weges ins Museum in der vorliegenden Quelle nicht weiter ausgeführt werden.

Die Entdeckung dieser Fahrzeuge, dokumentiert in den nun wiedergefundenen, acht Jahre alten Aufnahmen, bietet somit einen wertvollen Einblick in die Existenz seltener Prototypen und spezifischer, historisch relevanter Fahrzeugmodelle in Zwickau. Sie zeigt Entwicklungsschritte des Trabant sowie die Existenz besonderer Varianten wie des originalen 1.1 Kübelwagens, dessen Geschichte bis zu den Grenztruppen reicht und der nun Teil einer bedeutenden Museumssammlung ist. Der Archivfund wirft ein Licht auf verborgene Schätze der Automobilgeschichte in der Region und erinnert an die Vielfalt und die unentdeckten Geschichten, die oft in Archiven oder unscheinbaren Hallen schlummern. Die Aufnahmen dienen als Beleg für diesen spannenden Fund, der damals im Rahmen einer Veranstaltung zur Automobilgeschichte Zwickaus gemacht wurde.

Sachsens Spagat beim Windkraftausbau: Zwischen bundesweiten Zielen und lokalem Widerstand

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Windräder sind nicht nur ein prägender Anblick in der Landschaft, sondern sorgen auch politisch für intensive Diskussionen. Vergangenen Freitag befasste sich der Ausschuss für Umwelt und Energie in Sachsen mit den Herausforderungen und möglichen Lösungen für die gesetzten Windkraftflächenziele. Der Druck auf den Freistaat wächst, denn der Bund schreibt vor, dass bis 2032 2% der Landesfläche für Windkraft ausgewiesen werden müssen. Derzeit liegt Sachsen jedoch bei lediglich 0,3%.

Um das vorgegebene Ziel zu erreichen, hat Sachsen das bundesweit geltende Schlussziel von 2,0% bereits auf Dezember 2027 vorgezogen – eine vorfristige Erfüllung um fünf Jahre. Dieses ehrgeizige Ziel bedeutet, dass derzeit intensiv nach neuen Flächen gesucht wird, auch in Regionen, die bisher unberührt blieben.

Alle Träger der Regionalplanung in Sachsen sind dabei, ihre Planwerke durch Teilverschreibungen auf diese Zielstellung auszurichten. Die Region Leipzig-Westsachsen hat beispielsweise eine erste Anhörungsrunde dazu absolviert und dabei über 1000 Einwendungen erhalten. Aktuell befindet sich die Region in der Offenlegungsphase der konkreten Flächen. Es wird betont, dass es größte Anstrengungen erfordert hat, die 2,0% Flächen für den Planentwurf nachzuweisen.

Die politischen Parteien im sächsischen Landtag haben unterschiedliche Ansätze. Die Fraktionen von CDU und SPD wollen den Ausbau nicht stoppen, sondern ihn praktikabler gestalten. Ihr Gesetzentwurf setzt auf mehr Zeit für die Planung und einen Abbau von Bürokratie. Um die Akzeptanz vor Ort zu stärken, schlagen sie eine zusätzliche finanzielle Beteiligung von Einwohnerinnen und Einwohnern im Umkreis von bis zu 2500 Metern um eine Windenergieanlage vor, zusätzlich zur Beteiligung der Kommunen. Diese Ausweitung der Beteiligungsmöglichkeiten wird als tragfähiger und zukunftsorientierter Ansatz zur Stärkung der gesellschaftlichen Akzeptanz gesehen.

Die AfD verfolgt hingegen das Ziel, den Ausbau der Windkraft auszubremsen und neue Anlagen möglichst zu verhindern. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass der Windenergieausbau weitgehend bundesrechtlich vorgegeben ist und aus Landesperspektive grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden kann – es gehe vielmehr um Detailfragen.

Das Thema Windkraftausbau stößt vielerorts auf Widerstand. Sorgen um Natur, Lärm, den Wert von Grundstücken oder fehlende Mitsprache bei der Planung sind Gründe für den Unmut. Dieser Unmut wird auch von politischen Akteuren aufgegriffen. Die rechtsextreme Gruppierung Freie Sachsen organisierte beispielsweise gezielt Protestaktionen gegen Windkraftprojekte, um neue Anhänger zu gewinnen.

Doch trotz der Proteste und kontroversen Debatten wird die Grundzielrichtung zum Ausbau der erneuerbaren Energien von den Expertinnen und Experten größtenteils nicht in Frage gestellt. Es gehe vielmehr darum, eine Nachjustierung des bestehenden gesetzlichen Regelungswerkes vorzunehmen, um die Praktikabilität und Akzeptanz in der Bevölkerung zu verbessern.

Der Ausbau der Windkraft ist und bleibt ein zentraler Bestandteil der sächsischen Energiepolitik und wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Lehde im Spreewald: Eine Kahnfahrt ins Grüne Venedig

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Lehde, oft als das „Grüne Venedig“ bezeichnet, ist ein malerisches Dorf mitten im Spreewald, das Besucher mit seinem einzigartigen Charme verzaubert. Weit entfernt von Autolärm und Hektik ist hier der Kahn das wichtigste Fortbewegungsmittel. Eine Kahnfahrt durch die idyllischen Kanäle bietet eine entspannte Möglichkeit, das Dorfleben und die umliegende Natur zu erleben. Anbieter für Kahnfahrten gibt es viele; die Phototravellers.de-Redaktion empfiehlt Spreewald Wenzke. Eine solche Fahrt kostet 14 Euro pro Person.

Die Kahnfahrt führt durch ein Gewirr von Kanälen, die teilweise an Mangrovenwälder erinnern, gesäumt von unzähligen Brücken und gepflegten Häusern mit Reetdächern. Die Landschaft ist idyllisch, mit blühenden Seerosen und zwitschernden Vögeln im Sommer. Wer früh startet, hat die Kanäle noch fast für sich allein, denn ab etwa 11 Uhr startet die „Touristen-Maschinerie“, und es kann eng werden auf dem Wasser.

Leben auf der Insel: Alles kommt mit dem Kahn
Mit nur 150 Einwohnern und 50 Gehöften ist Lehde ein überschaubarer Ort. Doch viele Häuser sind nicht mit dem Auto erreichbar. Deshalb prägt der Kahn den Alltag: Einkäufe werden an eine Verladestelle gebracht und dann per Kahn zum Haus transportiert. Auch die Post kommt von April bis Oktober mit dem Kahn; im Winter ist der Postbote zu Fuß unterwegs. Sogar die Kinder fahren mit dem Kahn zur Schule, bevor ihr eigentlicher Schulweg beginnt. Die Müllabfuhr erfolgt ebenfalls per Kahn.

Früher war auf fast jedem Hof Landwirtschaft. Heute gibt es nur noch zwei Höfe, die Rinder halten. Selbst der Transport der Kühe zu ihren Weiden erfolgt per Kahn – die Tiere kennen das und haben kein Problem damit. Schafe werden ebenfalls so befördert. Neben Rindern und Schafen kann man bei einer Kahnfahrt auch Hängebauchschweine und Kamerunschafe entdecken, und mit etwas Glück sogar Wildtiere wie Rehe, Wildschweine und Rotwild.

Tradition und Sehenswürdigkeiten entlang des Wassers
Während der Fahrt passiert man verschiedene Sehenswürdigkeiten. Das Gurkenmuseum, das die Geschichte des Gurkenanbaus und anderer früher angebauter Produkte wie Meerrettich und Kartoffeln zeigt, liegt direkt am Kanal und verfügt auch über eine Gaststätte. Der Gurkenanbau war früher harte Arbeit; die Erntezeit beginnt Ende Juni. Ein riesiges Gurkenfass, in dem man sogar übernachten kann, steht in einem Garten.
Ein zentraler Anlaufpunkt ist das Wirtshaus zum fröhlichen Hecht. Hier befindet sich das bekannte Freilandmuseum Lehde. Das Museum zeigt das Waschen wie früher und ermöglicht Einblicke in aufbereitete Wohnhäuser. Hier kann man sehen, wie die Menschen früher lebten, mit Details wie Holzdielenböden bei wohlhabenden Familien oder niedrigeren Decken und Türstöcken. Auch alte landwirtschaftliche Geräte, Feuerwehr-Gerätschaften und sogar der Bau der Kahne werden im Museum gezeigt.

Entlang der Kanäle finden sich weitere Cafés, bei denen man aussteigen und später mit einem anderen Kahn weiterfahren kann. Fischkästen zur Lebendaufbewahrung von Fischen sind ebenfalls am Rand der Kanäle zu sehen. Neben dem Kahn kann man die Kanäle auch mit dem Kajak oder dem Stand Up Paddle erkunden, wobei auch hier gilt: morgens ist es am ruhigsten. Für Kajakfahrer gibt es bestimmte Vorschriften.

Winterzauber und besondere Details
Auch im Winter hat Lehde seinen Reiz. Wenn die Kanäle zufrieren – was 2013 das letzte Mal flächendeckend der Fall war – verwandelt sich der Ort in ein besonderes Eventgelände mit Glühwein, Eintopf und Gegrilltem. Was im Sommer per Kahn transportiert wird, kommt dann mit dem Schlitten über das Eis.

Weitere interessante Details entdeckt man bei der Erkundung, sei es vom Kahn oder zu Fuß nach der Tour: Ein Ortsschild, das mitten im Wasser steht, das über 300 Jahre alte, noch original erhaltene Haus, das Logierhaus, das seit 1900 Übernachtungen anbietet, oder die Feuerwehr, die ebenfalls per Kahn ausrückt. Sogar ein kleiner, früher aktiver Leuchtturm ist zu sehen. Übrigens wurde in Lehde auch der Krimi „Die Gurkenkönigin“ gedreht.

Obwohl der Ort ein Besuchermagnet ist und alles schön hergerichtet, bietet Lehde ein authentisches Erlebnis eines Lebens, das stark vom Wasser geprägt ist. Nach einer Kahnfahrt lohnt es sich, den Ort auch zu Fuß über die zahlreichen Brücken zu erkunden. Lehde ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Schätze Mitteldeutschlands: Eine Reise durch Sachsen und Sachsen-Anhalt

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Im Herzen Deutschlands offenbaren sich die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt als Schatzkammern voller Kultur, Geschichte und beeindruckender Landschaften. Von uralten Geheimnissen, die der Elbsandstein flüstert, bis hin zu mystischen Burgen und märchenhaften mittelalterlichen Städten bieten diese Regionen eine faszinierende Reise durch die Jahrhunderte.

Fachwerk-Idylle und Kaiserliches Erbe
Ein herausragendes Beispiel mittelalterlicher Stadtplanung ist Wernigerode, die bunte Stadt am Harz. Über 1200 Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten prägen das Stadtbild und zeugen von einer reichen Handwerkstradition. Majestätisch thront das märchenhafte Schloss Wernigerode über der Altstadt und bietet einen spektakulären Ausblick. Das Zentrum bildet der Nikolaiplatz mit dem prachtvollen gotischen Rathaus. Verwinkelte Gassen laden mit charmanten Restaurants und Cafés in liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern zum Verweilen ein.

Ebenso reich an Fachwerk ist Quedlinburg, eine UNESCO-Welterbestadt. Hier findet sich die größte Fachwerksammlung Deutschlands mit über 2100 Gebäuden aus acht Jahrhunderten. Die Stadt war einst Lieblingspfalz der Otonen und spielte eine entscheidende Rolle in der deutschen Geschichte des Mittelalters. Die romanische Nikolaikirche und die Marktkirche Sankt Benedikti sind Zeugen der frühen christlichen Geschichte. Über der Stadt erhebt sich der Schlossberg mit dem Schloss Quedlinburg, einer romanischen Burganlage, die einst Sitz deutscher Könige war.

Ottostadt, Dome und moderne Architektur
Die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, Magdeburg, blickt auf über 1200 Jahre Geschichte zurück und war eine der bedeutendsten Städte des Heiligen Römischen Reiches. Als Ottostadt ehrt sie das Erbe Kaiser Ottos des Großen. Der gotische Dom zu Magdeburg, Deutschlands älteste gotische Kathedrale, dominiert mit seinen 104 Meter hohen Türmen die Stadtsilhouette. Neben historischen Bauten wie der romanischen Johanneskirche bietet Magdeburg auch moderne Akzente, wie die Grüne Zitadelle von Friedensreich Hundertwasser. Im Elbauenpark steht der futuristische Jahrtausendturm, das höchste Holzgebäude seiner Art weltweit, das 6000 Jahre Menschheitsgeschichte präsentiert.

Im nördlichen Harzvorland liegt Halberstadt, eine Domstadt mit über 1200 Jahren Geschichte und einst Bischofssitz von großer Bedeutung. Obwohl die Altstadt im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, konnten viele historische Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut werden. Halberstadt beherbergt einen der wertvollsten Domschätze Deutschlands mit über 650 mittelalterlichen Kunstwerken. Der imposante Dom Sankt Stefanus und Sankt Sixtus beeindruckt mit französischer Hochgotik und berühmten Korschranken. Die romanische Liebfrauenkirche gilt als eine der ältesten Hallenkirchen Deutschlands. Der Domschatz selbst zählt mit seinen kostbaren Reliquien, Handschriften und liturgischen Gewändern zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätzen Europas.

Salz, Musik und Handelsgeist
Als größte Stadt Sachsen-Anhalts ist Halle untrennbar mit dem Salzhandel verbunden, der ihr über Jahrhunderte Wohlstand und den Beinamen Salzstadt einbrachte. Als Geburtsstadt Georg Friedrich Händels pflegt Halle ein bedeutendes musikalisches Erbe. Sie beherbergt zudem eine der ältesten Universitäten Deutschlands. Im Mittelalter war Halle Mitglied der Hanse und ein wichtiges Handelszentrum in Mitteldeutschland. Das moderne Kunstmuseum Moritzburg befindet sich in einem beeindruckenden spätgotischen Bau. Die viertürmige Marktkirche Unser Lieben Frauen gilt als Wahrzeichen der Stadt.

Heldenstadt, Musikmetropole und Porzellan-Wiege
Leipzig, die Messestadt, hat als Heldenstadt deutsche Geschichte geschrieben – hier begannen 1989 die friedlichen Montagsdemonstrationen, die zum Fall der Berliner Mauer führten. Als Stadt der Musik ist Leipzig eng mit Johann Sebastian Bach verbunden, der hier 27 Jahre als Thomaskantor wirkte. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Leipzig zu einem europäischen Zentrum des Buchdrucks und Verlagswesens. Das monumentale Völkerschlachtdenkmal erinnert an die Schlacht von 1813 und bietet einen weiten Rundblick. Die Innenstadt Leipzigs verzaubert mit einer harmonischen Mischung architektonischer Stile von Gotik bis Gründerzeit.

Die über 1000 Jahre alte Stadt Meißen an der Elbe gilt als Wiege Sachsens und Geburtsort des europäischen Porzellans. Seit 1710 wird hier das weltberühmte Meißner Porzellan gefertigt. Die gotische Albrechtsburg, Deutschlands ältester Schlossbau, thront über der Elbe und ist ein Meisterwerk spätgotischer Architektur. Der benachbarte Dom zu Meißen beeindruckt mit Kunstschätzen. Meißen ist auch bekannt für seine terrassenförmig angelegten Weinberge der Sächsischen Weinstraße, die eine über 850-jährige Tradition pflegen und besonders für Weißweine bekannt sind.

Elbflorenz und bizarre Felslandschaften
Dresden, die sächsische Landeshauptstadt, trägt den Beinamen Elbflorenz und gilt als eine der schönsten Städte Europas. Nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde Dresden präzise rekonstruiert. Ein umfassendes Wiederaufbauprogramm nach der Wiedervereinigung führte zur originalgetreuen Rekonstruktion berühmter Bauwerke. Die wieder aufgebaute Frauenkirche symbolisiert Versöhnung und Wiedergeburt. Der barocke Zwinger beherbergt weltberühmte Kunstsammlungen. Die Altstadt ist eine Schatzkammer der Kunst mit ihrer Mischung aus barocker und Renaissancearchitektur. Die historische Silhouette entlang der Elbe bietet ein unvergessliches Panorama. Die Semperoper und das Residenzschloss ergänzen das Ensemble.

Südöstlich von Dresden erstreckt sich das Elbsandsteingebirge, bekannt als Sächsische Schweiz. Diese spektakuläre Felslandschaft mit über 1000 freistehenden Sandsteinfelsen, die bis zu 400 Meter in die Höhe ragen, ist ein einzigartiges Kletterparadies und der Geburtsort des Freikletterns in Deutschland. Die berühmte Basteibrücke, eine Sandsteinbrücke aus dem Jahr 1851, verbindet bizarre Felsformationen und bietet atemberaubende Ausblicke. Die mächtige Festung Königstein thront auf einem Tafelberg und gilt als eine der größten Bergfestungen Europas.

Tor zur Seenlandschaft
Cottbus, die größte Stadt der Lausitz, blickt auf über 850 Jahre Geschichte zurück und entwickelt sich zu einem modernen Wissenschafts- und Kulturzentrum. Sie gilt als Tor zur Lausitzer Seenlandschaft. Cottbus wurde um 1156 als slawische Siedlung gegründet und wurde im Mittelalter zu einem wichtigen Handels- und Verwaltungszentrum. Das Flugplatzmuseum dokumentiert die regionale Luftfahrtgeschichte. Der prachtvolle Branitzer Park, ein Meisterwerk der Landschaftsarchitektur, umgibt das neugotische Schloss Branitz. Die geheimnisvolle Landpyramide im Park ist das Grabmal des Parkschöpfers Fürst Pückler.

Diese Auswahl an Orten zeigt nur einen Bruchteil des Reichtums, den Sachsen und Sachsen-Anhalt zu bieten haben – Bundesländer, die nur so von Kultur und Geschichte strotzen.

Die DDR: Vom Plan zur Pleite – Einblicke in eine gescheiterte Wirtschaft

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Vierzig Jahre lang versuchte die Deutsche Demokratische Republik (DDR), eine zentralstaatliche Planwirtschaft nach sowjetischem Muster zu etablieren. Was einst als Versuch begann, eine neue Gesellschaft zu formen und das Erbe des Krieges zu überwinden, endete in der wirtschaftlichen Pleite. Ein Blick auf die Geschichte dieser Planwirtschaft offenbart den ständigen Konflikt zwischen utopischen Zielen und der harten Realität.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Spaltung Deutschlands wurde im Osten radikal privates Eigentum an Produktionsmitteln beseitigt. Private Banken und Versicherungen wurden geschlossen, die Großindustrie verstaatlicht. Die Bodenreform, bei der Großgrundbesitz an Neubauern verteilt wurde, war nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Diese Enteignungen schufen die Grundlage für die Übernahme des sowjetischen Wirtschaftssystems. Die Ausgliederung des Ostens aus dem gesamtdeutschen Wirtschaftsverbund hatte schwerwiegende Folgen, da man von traditionellen Rohstoff- und Energiequellen abgeschnitten war und eine eigene Schwerindustrie aufbauen musste. Zusätzlich belasteten Demontagen und Reparationszahlungen die Wirtschaft erheblich.

Die zentrale staatliche Planwirtschaft wurde in der Plankommission im Haus der Ministerien in Berlin nach sowjetischem Vorbild konzipiert. Frühe Pläne, die „deutscher Feder“ entstammten, mussten zur Prüfung nach Moskau geflogen und von sowjetischen Genossen begutachtet werden. Die Sowjetunion gab auch später noch entsprechende Unterweisungen, wie sich die DDR wirtschaftlich verändern sollte.

Der Plan war Gesetz, seine Erfüllung hatte nicht nur materielle Bedeutung, sondern sollte die Menschen selbst verändern. Durch Vorbilder wie den Bergmann Adolf Hennecke, der dem russischen Kollegen Stachanow nacheifern sollte, versuchte die staatliche Planung, die Massen zu aktivieren. Doch schon in den frühen 1950er Jahren sahen Praktiker in den Unternehmen die Probleme: Material fehlte, es gab keine Mittel für Investitionen oder Reparaturen. Briefe von Ministern und Behördenchefs, die genau diese Sorgen schilderten und Planänderungen oder die Lieferung von Material oder Geld forderten, landeten oft ungelesen im Reißwolf. Die Planungszentrale erzählte zwar vom „Wunschtraum einer neuen Gesellschaft“, doch die Weisungen kamen aus der Sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst.

Die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft wurde 1960 abgeschlossen. Dies war ein „stolzer Augenblick“ für die junge LPG, doch es wurde verschwiegen, dass viele Bauern daraufhin in den Westen flüchteten und es im folgenden Jahr zu Missernten kam.

Mit dem Bau der Mauer 1961 verlor die DDR viele Fachkräfte und die Wirtschaft stagnierte. Um die „Überlegenheit des Sozialismus“ zu beweisen, wurden Reformversuche unter dem Namen Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung (NÖSPL) vorangetrieben. Ziel war unter anderem die Durchsetzung des Leistungsprinzips, die Entbürokratisierung der Planung und das Wirkenlassen von Marktmechanismen auf die Betriebe. Walter Ulbricht, die politische Führungsfigur bis 1971, der als Altkommunist und Stalinist bekannt war, begann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre selbst über die Schwächen des Systems nachzudenken. Er war bereit, „erhebliche Veränderungen unter seiner Regie mit durchzuführen“. Doch der Reformmotor, Erich Apel, der Vorsitzende der Plankommission, nahm sich im Dezember 1965 das Leben. Der genaue Grund ist unklar, doch zwei Stunden später sollte er bei der Unterzeichnung eines die DDR „knebelnden“ Handelsabkommens mit der Sowjetunion eine Rede halten.

Nach Apels Tod rückte sein engster Freund Günter Mittag von der Reform ab. Die Reformversuche führten zwar zu freimütigen Diskussionen und eingeforderter Ehrlichkeit, doch das System erwies sich als nicht wandlungsfähig. Der „Prager Frühling“ zeigte die politischen Konsequenzen von Reformen auf, und man trat auf die Bremse. Ökonomische Reformen gingen nicht konform mit politischen Reformen, was das System beeinträchtigte.

Mit Erich Honecker, der Anfang 1967 als kommender Mann der Führung auftrat, und der Entmachtung Chruschtschows in Moskau, kam es unter Breschnew zu einem deutlichen Wendepunkt in der sowjetischen Politik. Die neue Devise lautete „keine Experimente“. Honecker wurde der neue Mann Moskaus, und Günter Mittag vollzog die Wandlung vom Reformer zum Lenker einer nun wieder streng zentralistischen Wirtschaft.

1972 wurden mit Unterstützung der Blockparteien die letzten privaten und halbstaatlichen Industriebetriebe sowie Handwerksgenossenschaften verstaatlicht. Unternehmer wie der Polstermöbelfabrikant Werner Muffs wurden unter Druck gesetzt und mussten zustimmen. Keiner der Unternehmer stimmte freiwillig zu. Honecker wollte aus ideologischen Gründen einen „reinen Sozialismus“ und sah in den Gewinnen dieser Betriebe eine Chance zur schnellen Entwicklung, was aber nicht gelang. Diese Verstaatlichung beseitigte das letzte Unternehmertum und band auch diese kleinen Betriebe in die staatliche Planung ein. Die Folge waren Probleme bei der Produktion der sogenannten „tausend kleinen Dinge“.

Die Ölkrise von 1973 traf die DDR trotz Festpreissystem mit der Sowjetunion. Von Jahr zu Jahr mussten größere Warenmengen an die Sowjetunion geliefert werden, wodurch Exportartikel für den Westhandel fehlten. Die Planer konzentrierten sich auf die mengenmäßige Planerfüllung, was wichtiger war als die Wünsche der Verbraucher. So wurden beispielsweise noch Miniröcke produziert, als sie niemand mehr haben wollte, nur weil aus einem Stück Stoff mehr Minis als lange Röcke hergestellt werden konnten. Beim Hauptbetrieb für Zahnbürsten, der abbrannte, musste mit Mühe eine Million Zahnbürsten aus den „Bruderländern“ beschafft werden, was zu Hamsterkäufen führte, bis Westimporte Abhilfe schufen.
Ab 1976 wurden Industriebetriebe in „Mammut-Einheiten“ (Kombinate) zusammengefasst, was für die zentrale Planung günstig war, aber die Wettbewerbsfähigkeit nicht erhöhte. Unsinnige Produktionsverpflichtungen für Waren des täglichen Bedarfs mussten übernommen werden. Die Planmethoden wurden immer unmöglicher, je kritischer die Lage wurde. Der Plan wurde „ideologisiert“. Planverteidigungen wurden mit Aussagen wie „auf deinem Rechenschieber ist nicht die Kraft der Arbeiterklasse“ konfrontiert.

Die Wirtschaft der DDR in den 1970er Jahren, geprägt von Honeckers Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, wurde auf Kredit finanziert. Westliche Ökonomen stellten Ende 1980 fest, dass die wirtschaftlichen Belastungen die Möglichkeiten der DDR überstiegen.

1981 kam ein unerwarteter Schock, als die Sowjetunion die Erdöllieferungen reduzierte. Dies war ein deutliches Signal einer ökonomischen Misere, da die Sowjetunion dringend Devisen brauchte. Überstürzt wurde wieder auf Braunkohle umgerüstet, was knappe Investitionsmittel band und zu starker Umweltbelastung führte; die DDR wurde zum größten Schwefeldioxidproduzenten Europas.

Ein zweiter Schock im selben Jahr war das Einfrieren internationaler Kredite für die DDR aufgrund der Zahlungsunfähigkeit Polens und Rumäniens. Es begann ein hektisches Krisenmanagement. Mangels wettbewerbsfähiger Produkte wich man auf den Export von Mineralölerzeugnissen in den Westen aus. Westimporte wurden gedrosselt. Entlastung bot der innerdeutsche Handel, der ohne Devisen auf Berechnungsbasis lief und sich als stabilste vertragliche Beziehung zwischen beiden Staaten erwies. Ab den 1970er Jahren kamen jährliche Finanztransfers aus der Bundesrepublik hinzu, was der DDR Vorteile verschaffte, die kein anderes RGW-Land hatte. Selbst das reichte nicht aus, und durch Vermittlung von Franz Josef Strauß wurden 1983/84 erstmals Milliardenkredite aus der Bundesrepublik gewährt, die die DDR international wieder kreditwürdig machten. Ohne diese Kredite wäre das Land nicht sofort zusammengebrochen, aber eine drastische Senkung des Lebensstandards wäre die Folge gewesen.

Die Sparpolitik traf Betriebe hart, Anlagen mussten weiterfahren, Ersatzteile fehlten. Dies führte zu einem rapiden Verfall der Arbeitsproduktivität, die 1983 nur noch bei 50 Prozent im Vergleich zur Bundesrepublik lag. Die DDR-Wirtschaft isolierte sich zunehmend, Wirtschaftsdaten waren geheim.

1986 fiel der Ölpreis, wodurch die DDR ein Drittel ihrer lebensnotwendigen Deviseneinnahmen verlor. Trotzdem hielt die Führung aus Prestigegründen an der überzogenen Subventionspolitik fest, die über 40 Prozent des Staatshaushalts verschlang. Hinzu kamen Militärausgaben und die teure Überwachung der Bevölkerung. Die Menschen hatten Geld, aber es gab wenig Lohnenswertes zu kaufen. Verkaufsläden waren oft leer, abgesehen von hochpreisigen Gütern wie Fernsehern oder Waschmaschinen. Intershop diente der Abschöpfung von Valuta, doch nur wer Westverwandtschaft oder Geld für den Schwarzmarktkurs hatte, konnte dort kaufen.

Absurde Entscheidungen der Bürokratie, wie das Stoppen des Baus einer Warmbandanlage im Stahlwerk Eisenhüttenstadt trotz bereits investierter Millionenbeträge, zeigten die Überlegenheit der „Politbürokratie über die Vernunft“. Das westliche Hightech-Embargo trieb die DDR in ein teures und letztlich erfolgloses Mikroelektronikprogramm.

Trotz des Wissens der Führung, dass ein Sieg des Sozialismus im Systemwettbewerb nicht möglich war, verkündeten sie noch wenige Wochen vor dem Mauerfall die wirtschaftliche Fortschrittlichkeit der DDR. Diese „Heuchelei“ und das Verhalten gegenüber den Bedürfnissen der Menschen werden als „verbrecherisch“ bezeichnet.

Die DDR-Bürger wurden in dieses Land hineingeboren, verrichteten ihre Arbeit, schimpften und freuten sich. Doch ihr Staat, ein Produkt des Kalten Krieges, löste sich auf, als der Wettbewerb der Systeme entschieden war. Obwohl stolz verkündet wurde, zu den zehn führenden Industrienationen zu gehören, standen die meisten Erfolge nur auf dem Papier. Die „Planlosigkeit der Planwirtschaft“ führte trotz der harten Arbeit von Millionen Menschen in die Pleite.

Die Menschen denken an sehr viel Arbeit zurück, die aber „nur vom Papier her“ erfüllt wurde und sehr hart gewesen sei. Heute klappe es wirtschaftlich noch nicht. Was einst „gut gemeint“ war, erwies sich als „eine Utopie“.

Waldsiedlung Wandlitz: Die geheime Enklave der Macht

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Mitten im Wald, etwa 30 Kilometer nördlich von Berlin, nahe Wandlitz, liegt ein Ort, der für viele in der DDR zum Sinnbild für die Abgehobenheit und die Privilegien der politischen Elite wurde. Umzingelt von Mauern, Stacheldraht und sogar stromführenden Drähten, lebten hier die mächtigsten Männer der Deutschen Demokratischen Republik – Mitglieder des Politbüros, darunter Größen wie Walter Ulbricht, Erich Honecker und der berüchtigte Stasi-Chef Erich Mielke. Bekannt als „Waldsiedlung“ oder auch abschätzig als „Wandlitz“, war diese Wohnsiedlung ein streng bewachtes Sperrgebiet, eine „geheimnisumwitterte Enklave der Macht“.

Die Idee für die Siedlung entstand nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Die bisherige Wohnanlage der Parteielite am Majakowskiring in Pankow wurde als zu eng und unsicher empfunden. Man suchte einen Ort, der unter Sicherheitsaspekten besser zu schützen war. Ulbricht persönlich gab grünes Licht für das Vorhaben in einem der schönsten Waldgebiete nördlich von Berlin. Die Bauarbeiten begannen hochgeheim im Mai 1958 in einem 1,5 Quadratkilometer großen Waldgebiet bei Wandlitz und Bernau, unter Beaufsichtigung der Stasi. Gerüchte kursierten, zunächst über eine sowjetische Militär-Administration, doch bald wurde klar, dass die DDR-Regierung baute. Informationen über die luxuriöse Siedlung für die SED-Prominenz sickerten dennoch in den Westen durch, befeuert durch Handwerker aus der Umgebung und sogar durch ein heimlich aufgenommenes Foto der Baustelle von 1959.

Von Anfang an war die Waldsiedlung ein Stasi-Objekt. Geleitet wurden die Planungen von Heinz Gläske, Deckname Hegl, einem Mann der Stasi und Chef des Sonderbaustabes 10. Gläske, dessen Vergangenheit eine tödliche Entführungsmission für die Staatssicherheit umfasste, war loyal und konnte sich definitiv nicht in den Westen absetzen. Unter strengster Kontrolle der Staatssicherheit entstand in nur zwei Jahren ein kleines Städtchen im Wald, umschlossen von einer Mauer, die den sogenannten Innenring vom Außenring und der Außenwelt trennte. Innerhalb der Siedlung gab es keine Wege- oder Straßennamen; die Funktionäre kannten ihre Hausnummern von 1 bis 23. Nur wer einen speziellen Ausweis oder eine Besuchserlaubnis besaß, durfte hinein.

Obwohl die Häuser von außen teilweise als relativ bescheiden empfunden wurden, handelte es sich um anspruchsvolle Bauten, angepasst an die Bedürfnisse der Bewohner. Die eigentlichen Privilegien lagen in der Versorgungssituation: Die Miete, zwischen 400 und 800 DDR-Mark, beinhaltete alles: Bauarbeiten am Haus, Möbelnutzung, und die Kosten für das Dienstpersonal. Dieses Personal – von der Putzfrau über Koch, Kellner, Schneider bis Friseur – umfasste 650 Mitarbeiter, die 23 Familien umsorgten. Jeder Mitarbeiter war Mitglied des Personenschutzes der Staatssicherheit, hatte militärischen Rang und ein Schweige-Gelübde. Ein ehemaliger Kellner, Lothar Herzog, erinnert sich, dass „Nein“ sagen nicht möglich war; „Jeder Wunsch [war] hier Befehl“. Selbst das Servieren von Mineralwasser für Minister Mielke um 6 Uhr morgens musste sichergestellt sein.

Ein besonderes Symbol der Abgehobenheit war das sogenannte „Ladenkombinat“. Hier gab es alles, was im Alltag der DDR nicht zu kaufen war – West-Waren im Wert von jährlich bis zu 8 Millionen D-Mark. Anfangs stammten diese teilweise aus beschlagnahmten West-Paketen. Später beschaffte eine eigene Stasi-Handelsfirma, die LETEX, über Stasi-Mann Alexander Schalck-Golodkowski die Produkte exklusiv für die Waldsiedlung. Spezielle Wünsche, wie Umstandskleidung oder Babyausstattung aus West-Berlin für Margot Honeckers Tochter Sonja, wurden über Sigrid Schalck-Golodkowski und ihre Gruppe beschafft. Das Ladenkombinat machte trotz hoher Preise Miese, da der inoffizielle Umtauschkurs von 1:10 für DDR-Bürger für die Elite nicht galt; sie zahlten nur 1,5 Ostmark für eine Westmark.

Die Waldsiedlung war nicht nur ein Ort des privilegierten Wohnens, sondern auch der politischen Intrigen und der Isolation. Die Atmosphäre war menschenleer; die Funktionäre verbrachten die Tage in Berlin und verschwanden an den Wochenenden. Man ging sich aus dem Weg, es herrschte Misstrauen. Der Kultur-Chef Kurt Hager nannte die Siedlung etwas bitter das „x-te Internierungslager“. Die Stasi war allgegenwärtig, da das gesamte Personal aus ihren Reihen stammte. Erich Honecker, der im kleinsten Haus lebte, zog sich wie viele andere immer mehr zurück. Der Weg nach Berlin wurde zum Sinnbild für die Kluft zwischen Volk und Herrschaft; die Führung nahm die DDR-Gesellschaft nur noch aus den Fenstern der Limousinen wahr.

In der Siedlung ereigneten sich auch dramatische Dinge, wie der Tod des Leiters der Staatlichen Plankommission, Erich Apel, im Dezember 1965. Nach einer lauten politischen Auseinandersetzung im Klubhaus mit Günter Mittag, der Apels Reformpläne boykottierte und sich bei Breschnew über ihn beschwert hatte, wurde Apel am nächsten Morgen tot in seinem Büro in Berlin gefunden. Offiziell hieß es tragischer Unglücksfall oder Suizid, doch Monika Kaiser fand bei ihren Untersuchungen Widersprüche; die Frage nach Suizid oder politischem Mord bleibt bis heute ungeklärt. Günter Mittag, Apels „bester Freund“, machte nach dessen Tod Karriere und übernahm Apels Jagdhütte.

Die Jagd, insbesondere in der nahegelegenen Schorfheide („Wildfang“), wurde zu einem Statussymbol der Macht. Dort fanden diplomatische Kontakte statt, und Politik wurde gemacht. Honecker nutzte die Jagd auch, um im engsten Zirkel, insbesondere mit Günter Mittag und Leonid Breschnew, Strippen gegen Walter Ulbricht zu ziehen und dessen Entmachtung vorzubereiten. 1971 löste Honecker Ulbricht schließlich als Erster Sekretär ab.

Die Existenz der Waldsiedlung und die damit verbundenen Privilegien waren ein offenes Geheimnis und eine Projektionsfläche für die Widersprüche der DDR-Gesellschaft. Als das Magazin „Elf 99“ und andere Journalisten darüber berichteten, ging ein Sturm durchs Land. Tausende Beschwerdebriefe gingen an die Volkskammer, ein Untersuchungsausschuss begann, und Ermittlungsverfahren wurden eröffnet.

Im Januar 1990 wohnte niemand mehr in der Waldsiedlung. Die Bewohner hatten die Häuser oft fluchtartig verlassen. Zurückgelassenes Erbe wurde wochenlang auf einem Brandplatz verbrannt. Ein ehemaliger Bereitschaftspolizist, Paul Bergner, der ab 1990 als Gärtner dort arbeitete, rettete Gemälde, Skulpturen, Platten und Bücher vor der Zerstörung. Er nannte es einen „barbarischen Umgang mit der Geschichte“. Bergner setzte sich jahrelang dafür ein, dass die Anlage als Zeitzeugnis unter Denkmalschutz gestellt würde. Doch in den 1990ern wollte niemand einen „Wallfahrtsort für eine Diktatur“. Erst sehr langsam setzte sich das Bewusstsein durch, dass solche Orte für die historisch-politische Aufarbeitung wichtig sind.

Heute steht die Mauer noch. Die Waldsiedlung wurde von einer der größten Reha-Kliniken Brandenburgs überformt. Nur Stelen erinnern noch an die einstigen Bewohner und die Landschaft der Macht. Viele der wertvollen Skulpturen, die einst die Parks und Häuser zierten, sind heute im Kunstraum Bernau zu sehen, aufwendig restauriert.

Die Waldsiedlung Wandlitz bleibt ein Ort, der deutlich macht, wie Macht dazu verleiten kann, sich Privilegien zu sichern und sich von den Bedürfnissen des Volkes zu entfernen. Sie ist zu einem Symbol für den Missbrauch von Macht und die Angst der Mächtigen geworden, vom Volk entlarvt zu werden.

Die Berliner Mauer: Ein Blick auf eine unmögliche Normalität

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Berlin, 1987. Während die Stadt ihren 750. Geburtstag feiert, dokumentiert ein kanadischer Kameramann etwas, das ihn mehr fasziniert als das städtische Treiben: die Berliner Mauer. Seine Aufnahmen, die erst 30 Jahre später entdeckt und gezeigt werden, zeigen ein unerwartetes Bild: Die Mauer ist nicht nur eine Schneise durch Häuser und Stadtlärm, sondern oft auch von Grün umgeben. Der Kameramann filmt ihre gesamte Länge von 155 km von Westen aus, beobachtet alliierte Streitkräfte bei Übungen und liefert sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit DDR-Soldaten auf ihren Wachtürmen. Er fängt einen Moment ein, der in seiner Routine und seinen Abläufen ewig zu dauern schien.

Eine Stadt geteilt
Nach 1945 übernahmen die Siegermächte die Kontrolle über Berlin und teilten die Stadt in vier Sektoren: Amerikaner, Briten und Franzosen im Westen, die Sowjets im Osten. West-Berlin wurde so zu einer Insel inmitten des Ostblocks. Im Jahr 1961 ließen Funktionäre der DDR die Mauer errichten, offiziell als „antifaschistischer Schutzwall“, um die massive Abwanderung ihrer Bürger zu stoppen. Bis dahin hatten bereits 2,5 Millionen DDR-Bürger das Land verlassen.

Das Leben in beiden Teilen der Stadt unterschied sich radikal aufgrund zweier verschiedener gesellschaftlicher Systeme. Ost-Berliner lebten bescheiden in einem streng reglementierten und kontrollierten System. Der Status der West-Berliner war hochpolitisch. Obwohl die Stadt zur BRD gehörte, wurde sie von den Alliierten in ihren Sektoren nach den dort geltenden Gesetzen regiert. Bonn war fortan die Hauptstadt der BRD. Der Sonderstatus Berlins bedeutete auch, dass die Bundeswehr dort nicht präsent sein durfte.

Die physische Barriere und ihre Überwachung
Die Mauer war ein sorgfältig unterhaltenes Bauwerk, dessen Durchlässigkeit 28 Jahre lang regelmäßig überprüft und reduziert wurde. Sie zog sich gleichermaßen durch unwegsames Gelände und mitten durch Mietshäuser. Die ca. 4 Meter hohe Mauer war auf der Ostseite oft mit Elektrozäunen versehen, die Alarm auslösten oder automatische Schussanlagen in Gang setzten. Dahinter befand sich ein ca. 10 Meter breiter „Todesstreifen“ mit Maschendrahtzaun, Stacheldraht und teilweise versteckten Nagelmatten. Der Sand auf dem Minenfeld wurde pedantisch geharkt, um jeden Fußabdruck sofort sichtbar zu machen. Die zunächst hölzernen Wachtürme wurden später durch Betontürme ersetzt, und Schäferhunde patrouillierten entlang der Mauer. Selbst direkt hinter der eigentlichen Mauer, auf DDR-Gebiet, hatten die Grenzsoldaten das Recht, auf Flüchtlinge zu schießen.

Die Sicherung war ausgeklügelt mit Systemen wie Stolperdrähten und Zäunen mit nach Osten gekehrten Spitzen. Die Ausgaben für Sicherung, Aufbau und Betrieb der Grenzanlagen beliefen sich zwischen 1961 und 1964 auf rund 1,8 Milliarden DDR Mark. Während die Straßen abseits der Mauer im Ostteil oft düster waren, wurde die Mauer selbst mit neuester Lichttechnik ausgestattet, was nach 1989 spöttisch kommentiert wurde.
Die Grenzanlagen waren nicht nur an Land, sondern auch zu Wasser und in der Luft präsent. Auf den Wasserstraßen wurden die Grenzen durch Bojen markiert. Alle Fahrgastschiffe in Ost-Berlin wurden nachts bewacht, und die Steuerräder mussten abgenommen werden. Der Luftraum war ebenfalls streng überwacht; Flugzeuge in West-Berlin unterlagen einem Protokoll der vier Besatzungstruppen. Drei Luftkorridore waren den Flugzeugen der Siegermächte vorbehalten, was West-Berlin vom europäischen Durchgangsverkehr isolierte.

Leben im Schatten der Mauer
Für mehr als 2 Millionen West-Berliner wurde die Realität der Mauer und des Eingeschlossenseins zum Alltag. Patrouillen und Manöver gehörten dazu und wurden mit der Zeit gelassen zur Kenntnis genommen. Viele West-Berliner verbrachten ihre Ferien unter den Augen der DDR-Grenzsoldaten auf Campingplätzen direkt an der Grenze. Für sie war dies irgendwann „normal“. Einige legten sogar Kleingärten direkt an der Mauer an. Sie berichten von höflichen Grenzsoldaten, die beim Patrouillieren sogar um das Gemüse herumgingen.

West-Berliner brauchten Passierscheine, um Freunde und Verwandte im Ostteil zu besuchen. Sie mussten 25 D-Mark West im Verhältnis eins zu eins in Mark der DDR tauschen und ausgeben, was angesichts günstiger Preise und mangelndem Angebot schwierig war. Spätestens um Mitternacht mussten sie die DDR verlassen. Die DDR erzielte durch diesen Mindestumtausch Einnahmen in Höhe von mehreren Milliarden D-Mark.

Die Mauer behinderte auf beiden Seiten den Alltag. Für Ost-Berliner blieb ein spontaner Besuch bei Verwandten, die nur einen Katzensprung entfernt wohnten, oft unmöglich; Familien mussten fast die ganze Stadt umrunden, um sie zu besuchen. Banale Hindernisse wie diese konnten Fluchtgedanken wecken.

Fluchtversuche und ihre Folgen
Viele DDR-Bürger konnten oder wollten sich nicht mit ihrer Situation abfinden und ersannen abenteuerlichste Pläne, ihr Land zu verlassen. Fluchtversuche aus dem Ostteil waren lebensgefährlich und endeten nur selten erfolgreich, oft tödlich. Einige besonders kühne und erfindungsreiche Fluchten sind Stoff für spannende Actionfilme. Gelang eine spektakuläre Flucht, wurde sie gerne mit reißerischen Schlagzeilen bedacht. Über die Wasserwege schafften es nur wenige.

Junge Leute litten besonders unter der ständigen Observation. Mancher Versuch, das Land zu verlassen, endete mit der Ergreifung und langen Haftstrafen wegen „Republikflucht“. Ein Abkommen zwischen der DDR und der BRD regelte zeitweise, dass viele von ihnen freigekauft werden konnten. Menschen, die wegen Republikflucht verurteilt wurden, berichten von Haftstrafen von über zwei Jahren bis achteinhalb Jahren. Auch eine Demonstration mit einem Plakat „Reisefreiheit für alle deutschen“ führte zu einer Haftstrafe von einem Jahr und Monaten.

Die Genehmigung eines Antrags auf ständige Ausreise aus der DDR, der nach dem UNO-Beitritt der DDR gestellt werden konnte, bedeutete oft Repressionen für zurückbleibende Familienmitglieder. Ausreisewillige konnten außerdem nicht zurückkehren. Ab 1987 wurden die Ausreiseregeln lockerer. Neben Rentnern konnten auch jüngere Leute Verwandte im Westen besuchen, unter der Voraussetzung, dass sie alleine reisten und nicht bereits im Visier der Ordnungskräfte waren. Anträge wurden willkürlich bearbeitet, und manche erhielten überraschend am Morgen eine Genehmigung mit der Auflage, die DDR bis mittags zu verlassen.

Die Mauer im Bewusstsein
Für viele wurde die Existenz der Mauer mit der Zeit zu einer unumstößlichen Realität. „Wer diese Realität nicht akzeptierte, hatte es schwer und musste die eigene Lebenswirklichkeit verändern – radikal und unumkehrbar“. Mancher West-Berliner empfand die Mauer als normal und fragte sich, wie Westdeutsche dies nicht verstehen konnten. Andere hassten die Mauer und konnten nicht damit leben; sie war „wie eine Stachelwatte um Hals“.

Es gab jedoch auch eine ungewöhnliche Perspektive: Jemand meinte, die Mauer müsse sein, nicht aus politischen Gründen, sondern weil West-Berlin ohne sie nur halb so viel wert wäre. Gerade die Mauer sei eine große Attraktion und schaffe Möglichkeiten, da zwei Systeme zusammenstoßen. Diese Person konnte sich West-Berlin ohne Mauer gar nicht vorstellen.

Andere blickten hoffnungsvoll in die Zukunft. Eine Person im Jahr 1987 glaubte, dass die Mauer nie weggehen würde. Eine andere hielt die Mauer für etwas sehr Unnatürliches und war zuversichtlich, dass etwas Künstliches auf Dauer keinen Bestand habe; sie wünschte sich, dass die Mauer eines Tages verschwindet.

Ein Ende und ein Erbe
Im Jahr 1987, als der kanadische Kameramann filmte, waren Demonstrationen gegen Nachrüstungspläne und Wirtschaftsgipfel in West-Berlin präsenter als Unmutsäußerungen gegen das geteilte Land. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan forderte während seines Besuchs zur 750-Jahr-Feier: „Come here, Mr. Gorbachev, tear down this Wall!“. Doch im Westen gab es auch Ängste vor einer Wiedervereinigung und dem deutschen Wirtschafts- und Militärpotenzial. Mancher sah die Mauer als Utopie, die nie fallen würde.

Doch es kam anders. 1989 wurde die Grenze geöffnet. Der Grenzübergang Bornholmer Straße war der erste, der nach der Ankündigung von Günther Schabowski geöffnet wurde.

Die Berliner Mauer stand 28 Jahre lang als Symbol für den scharfen Gegensatz zweier Systeme. Sie verhinderte, dass Bürger einer Stadt sich kennen und verstehen lernen konnten. Sie verhinderte, dass West-Berlin eine Stadt wie andere westdeutsche Städte wurde. Heute ist es schwierig, den Grenzverlauf nachzuvollziehen. Berlin ist wieder Hauptstadt und verliert langsam seinen komfortablen Sonderstatus. Doch die Geschichte der Teilung bleibt in Berlin immer präsent.

Hinter der Fassade: Die unerzählten Geschichten der DDR

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Die Deutsche Demokratische Republik – eine geheimnisvolle Diktatur. Offiziell präsentierte sie sich als das „bessere Deutschland“, ein blühendes Land dank des Sozialismus, das eine bessere Zukunft versprach. Doch die Wirklichkeit des Sozialismus und der Alltag der Menschen klafften oft weit auseinander. Vieles wurde geheim gehalten und kam erst Jahre nach dem Fall der Mauer ans Licht.

Die DDR-Führung setzte auf die Kraft der Propaganda, um ihre Bürger zu motivieren. Eine prominente Figur dieser Bemühungen war Frieda Hockauf, eine Weberin aus Zittau, die 1953 zur „Ikone der DDR“ wurde. Sie wurde als Heldin der Arbeit geehrt, nachdem es ihr gelang, deutlich mehr Stoff zu weben als ihre Arbeitsnorm es verlangte. Hockauf wurde zum Vorbild einer Aktivistenbewegung, die seit 1948 existierte und die Menschen zu höherer Produktivität anspornen sollte. Besonders Frauen sollten dadurch mobilisiert werden, da sie die einzige Arbeitskräftereserve darstellten, auf die die DDR zurückgreifen konnte – im Gegensatz zur Bundesrepublik, die Ende der 1950er Jahre Gastarbeiter aufnahm. Die Propaganda zeigte, wie Frauen in der ganzen DDR Frieda Hockauf nacheiferten.

Die wahre Geschichte Hockaufs wurde der Bevölkerung jedoch verschwiegen. Ihre Rekorde brachten ihr bei Kolleginnen Beschimpfungen als „Normenbrecherin“ und „Verräterin“ ein. Eier und Steine flogen, ihr Mann musste sie von der Arbeit abholen, und ihr Webstuhl wurde sabotiert. Solche „Normenbrecher“ stießen in der Arbeitswelt auf Widerstand, da sie suggerierten, dass doppelte Leistung möglich sei. Frieda Hockauf wechselte schließlich den Job und wurde, nachdem sie schwer herzkrank wurde, von der Partei fallen gelassen. Eine Nachbarin beschrieb ihr Schicksal treffend: arm geboren, arm gestorben.

Trotz der Propaganda lief die Wirtschaft der DDR der Bundesrepublik deutlich hinterher. Anfang der 1960er Jahre war von Reformen die Rede, da den Verantwortlichen klar war, dass die Wirtschaft nicht optimal funktionierte. Engpässe, insbesondere bei Lebensmitteln, waren ein ernstes Problem. Der Versuch, alle Kleinbauernhöfe in Genossenschaften (LPGs) zu überführen, führte zunächst zu Missernten und zur Flucht von Bauern in den Westen. Die Investitionen konzentrierten sich auf Schwerindustrie wie Chemie, Elektro und Maschinenbau, doch auch dort fehlten Mittel und Arbeitskräfte. Dieser Teufelskreislauf mündete in die Krise von 1961. Die Reaktion der Führung war radikal: die Schließung der Grenze durch den Mauerbau. Der eigentliche Hintergrund war, die Volkswirtschaft dadurch planbar zu machen. Die Bürger, die blieben, mussten die Folgen tragen: mehr arbeiten und weniger dafür erhalten. Dies nährte die Wut und führte zu Hunderten wilder Streiks, die die DDR Anfang der 1960er Jahre erschütterten, insbesondere in Industriezentren wie Leuna. Diese Streiks fanden kaum Erwähnung in der DDR-Presse, während im Westen Gerüchte kursierten und teils auch Falschmeldungen verbreitet wurden. Die Unruhe in Bevölkerung und Betrieben setzte die Führung unter Druck und bestärkte sie in der Notwendigkeit von Wirtschaftsreformen. Diese wurden jedoch aus Angst vor Kontrollverlust der Partei wieder gestoppt.

Um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren, wurden Frauen noch stärker in die Berufstätigkeit gedrängt. Der Staat versprach, sich um die Kinderbetreuung zu kümmern. Ein zentrales Element waren die Wochenkrippen, in denen Kinder ab der sechsten Lebenswoche montags abgegeben wurden und ihre Eltern nur am Wochenende sahen. Offiziell als Entlastung für die Eltern beworben, glichen diese Einrichtungen in Wirklichkeit eher Kinderheimen.

Die Ärztin Eva Schmidtkolmer untersuchte Anfang der 1950er Jahre die Entwicklung von Krippenkindern. Ihre dramatischen Ergebnisse, die nur in Fachkreisen bekannt wurden, zeigten, dass Wochenkrippenkinder in allen Bereichen hinter Gleichaltrigen zurückblieben. Sie dokumentierte Hospitalismus, ausdruckslose, sich schaukelnde Kleinkinder. Den Eltern wurden diese Befunde vorenthalten. Obwohl viele Kinderärzte warnten und Schmidtkolmer versuchte, Veränderungen anzustoßen, wurde sie zunehmend „mundtot gemacht“. Das gravierendste Problem war, dass die Probleme der Kinder bekannt waren, aber nicht öffentlich diskutiert wurden. Bis zum Ende der DDR wurden Vergleichsstudien behindert. Dieses Vorgehen beschädigte den Mythos, dass die Produktionssteigerung nicht zu Lasten der Menschen ginge. Heike Liebsch, die selbst als Kind in einer Wochenkrippe war, interviewte später ehemalige Wochenkrippenkinder für ihre Doktorarbeit. Viele berichteten von gestörten Elternbeziehungen, Partnerschaftsproblemen und Ängsten. Liebschs Forschung half ihr und anderen, eigene Ängste besser zu verstehen.
Eine zentrale Säule des DDR-Selbstverständnisses war die Freundschaft mit der Sowjetunion, der Schutzmacht und dem „großen Bruder“. Diese „Waffenbrüderschaft“ wurde propagandistisch gefeiert. Die Realität sah anders aus: Es gab kein Verhältnis auf Augenhöhe. Die sowjetischen Truppen schotteten sich hermetisch ab. Was hinter den Sperrzäunen geschah, war Staatsgeheimnis. Gerüchte über Atomwaffenlager kursierten. Historiker konnten später bestätigen, dass in Großräschen seit 1963 sowjetische Nuklearwaffen gelagert wurden, was der DDR-Führung jedoch unbekannt war. Die Lebensverhältnisse der sowjetischen Soldaten waren oft ärmlich und von Gewalt geprägt. Desertionen und kriminelle Handlungen waren verbreitet. Viele Soldaten riskierten ihr Leben bei Fluchtversuchen.

Persönliche Beziehungen zwischen sowjetischen Soldaten und ostdeutschen Frauen waren schwierig und oft unerwünscht. Soldaten, insbesondere Offiziere, galten als Geheimnisträger, und Beziehungen wurden als Gefahr für ihren Status angesehen. Frauen, die solche Beziehungen eingingen, wurde unterstellt, die Rote Armee zersetzen oder spionieren zu wollen. Dies führte zu vielen individuellen Schicksalen, wie dem von Renate Walter, einem sogenannten „Russenkind“. Sie erfuhr erst zufällig als Jugendliche den Namen ihres sowjetischen Vaters Alexander Bessarabow. Ihr Vater kämpfte um die Beziehung zu ihrer Mutter Hildegard und ihr, wurde aber vermutlich wegen des Kindes unehrenhaft entlassen. Viele „Russenkinder“ erfuhren nie, wer ihre Väter waren, da die Mütter schwiegen. Auch Anfeindungen gegen die Kinder waren nicht unüblich.

Ein weiterer Gründungsmythos der DDR war der konsequente Antifaschismus. Der Nationalsozialismus wurde als „Faschismus“ bezeichnet, um ihn vom Sozialismus abzugrenzen. 1950 erklärte die DDR die Entnazifizierung für abgeschlossen. Nazis gab es angeblich nur im Westen. Doch die Realität war komplizierter. Man verfolgte NS- und Kriegsverbrecher, lud aber auch die „breite Mehrheit“ und „Belasteten“ zum Mitmachen ein. Das Angebot lautete: Wer sich für den demokratischen Aufbau einsetzt, dessen Sünden aus der Vergangenheit werden nicht weiter thematisiert. Beispiele wie Ernst Grossmann, ein ehemaliger Angehöriger der SS-Totenkopfverbände und der Wachmannschaft des KZ Sachsenhausen, der später SED-Spitzenkandidat und Vorsitzender der ersten LPG wurde, zeigen, dass Altnazis auch in der DDR Karriere machen konnten und sich nicht vor Gericht verantworten mussten. Die Stasi wusste über Grossmanns Vergangenheit Bescheid.

Trotz des offiziellen Antifaschismus tauchten gerade in den 1980er Jahren Neonazis als sichtbares Problem auf. Kriminalisten und Soziologen der Humboldt-Universität stellten fest, dass diese Jugendlichen zu 80% aus als „solide“ geltenden Elternhäusern stammten – ihre Ergebnisse blieben geheim. Experten sehen einen Zusammenhang mit dem Autoritätsverlust der älteren Generation Ende der 1980er Jahre; alte ideologische Autoritäten spielten keine Rolle mehr, neue gab es nicht. Das Benutzen von Nazi-Symbolen wurde zu einer starken Provokation gegen den antifaschistischen Staat. Gleichzeitig verkörperten diese Strömungen Werte, die durchaus in der DDR-Gesellschaft verbreitet waren: ein Ordnungsdenken, Sicherheitsdenken, eine gewisse Fremdheit gegenüber anderen Kulturen. Sogar Kriegsverbrecher wie Heinz Barth, beteiligt am Massaker von Oradour, wurden in Haft mit jungen Neonazis zusammengebracht und gaben dort ihre Weltbilder weiter. Der Prozess gegen Barth 1983 wurde zwar als Propagandaerfolg gefeiert, doch auch hier gab es ein dunkles Geheimnis: Zwei weitere an dem Massaker Beteiligte wurden nicht angeklagt.

Die DDR-Führung stürzte schließlich auch über ihre geheimen Machenschaften. Als die Menschen 1989 die Mauer zu Fall brachten und 1990 die Stasi-Zentrale stürmten, zeigte sich, wie viele Geheimnisse es in der DDR noch gab. Die Diskrepanz zwischen dem propagierten Ideal und der verborgenen Realität prägte das Leben vieler Menschen.

Plauen 1989: Wie der Mut Einzelner die Wende einleitete

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Während die Staatsführung in Berlin am 7. Oktober 1989 den 40. Geburtstag der DDR feiert – es sollte der letzte sein – haben viele Bürger nichts zu lachen. In Plauen werden Demonstranten in die Haftanstalt eingeliefert, wo der Umgang mit Regimekritikern an Folter grenzt. Fotos von Justizbediensteten wie Klaus Vetter dokumentieren Szenen, die selbst ihn beunruhigen.

Die Proteste sind besonders am 7. Oktober heftig, und den staatlichen Organen fällt es zunehmend schwer, die Lage in den Griff zu bekommen. Ein Grund dafür ist, dass sie sich ihrer eigenen Truppen nicht mehr sicher sein können. Es gibt aufrechte Menschen, selbst in den Reihen der Kampfgruppen, die eigentlich zum Schutz der volkseigenen Betriebe im Kriegsfall gedacht sind. Norbert Siegert aus Plauen, Abteilungsleiter eines großen Maschinenbaukombinats und katholisch, war Kampfgruppenmitglied als Kompromiss, um seine leitende Funktion zu behalten, da er den Beitritt zur SED verweigerte.

Bereits am 24. September wurde bei einer Übung der Kampfgruppen geprobt, gegen „Provokateure“, „Feinde des Sozialismus“ und „Störenfriede“ in der Bevölkerung vorzugehen. Zwei Tage vor dem 7. Oktober, am 5. Oktober, fahren Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Plauen in die Bundesrepublik. Die Kampfgruppen sollen verhindern, dass jemand aufspringt oder es zu Sympathiebekundungen der Bevölkerung kommt. Um 10 Uhr klingelt bei Norbert Siegert sturm, doch er weigert sich: „Ich mach das nicht und ich bleibe zu Hause“. Er sei nicht gewillt, „gegen Bürger gegen Menschen unseres Landes unserer Stadt mit der Waffe in der Hand vor zu gehen oder ihnen entgegen zu treten“.

Am 7. Oktober demonstriert die Bevölkerung Plauens gegen das DDR-Regime. Auf dem Postplatz versammeln sich zehn- bis fünfzehntausend Menschen zur größten Demonstration, die es in der DDR seit dem Aufstand im Juni 1953 je gab. Gegen 16:50 Uhr gerät die Lage aus Sicht der Staatssicherheit außer Kontrolle, wie Generalleutnant Gehlert später berichtet. 320 Kampfgruppenmitglieder werden in voller Gefechtsbereitschaft versetzt, doch nur 121 erscheinen. Daraufhin werden alle 1000 Plauener Kämpfer alarmiert, von denen „sage und schreibe nur 92 antreten“. Dies geschieht, obwohl Verweigerer und ihre Familien negative Folgen befürchten mussten.

Da die Volkspolizei in Plauen keine Wasserwerfer besitzt, soll die Feuerwehr mit Löschfahrzeugen gegen die Demonstranten vorgehen. Sowohl die Berufs- als auch die Freiwillige Feuerwehr werden alarmiert. Der damalige Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr, Gerold Knie, ist sich „von anfang an einig dass wir diesen befehl gegen die eigene bevölkerung zu formen die streiks für hören“. Er hört per Sprechfunk mit, dass sich auch der Leiter der Berufsfeuerwehr zunächst weigert. Die Polizeiführung übernimmt daraufhin die Befehlsgewalt und erteilt sehr bestimmt den Befehl: „fahren sie also keine diskussion formen sie“.

Am nächsten Tag schreibt Gerold Knie zusammen mit vier weiteren einen mutigen Protestbrief an den Rat der Stadt. Darin verurteilen sie den Einsatzbefehl, der „leben und gesundheit friedlicher bürger gefährdet hat“. Dieses Handeln geschieht aus dem Bauch heraus, ohne lange nachzudenken über mögliche Konsequenzen. Nur deshalb, so die Einschätzung, sind diese Situationen entstanden, sind die Demonstrationen zustande gekommen und die „friedliche revolution gestolpert“.

Plauen war eine Stadt, in der „außergewöhnlich viele menschen den mut zum widerstand fanden“. Ob als Demonstranten oder als Menschen, die sich weigerten, gegen Demonstranten vorzugehen. Keiner von ihnen ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass sie straffrei davonkommen würden, weil einen Monat später die Mauer fällt und die DDR am Ende ist.