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Schwerins umstrittener Lenin – Debatte um DDR-Erbe kocht hoch

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Opferverbände fordern Entfernung der Statue und planen Verhüllung – Stadt ringt seit Jahrzehnten um Umgang mit dem Monument

Schwerin. Die Debatte um das Lenin-Denkmal im Schweriner Stadtteil Großer Dreesch erreicht einen neuen Siedepunkt. Für den 14. Juni 2025 haben Opferverbände wie die UOKG e.V. und die Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion e.V. eine Mahnwache und Kundgebung an der Kreuzung Hamburger Allee/Plater Straße angekündigt. Ihre Forderung ist unmissverständlich: „Weg mit der Leninstatue – keine öffentlichen Ehrungen für Verbrecher!“ Als symbolischer Akt des Protests ist eine Verhüllung des umstrittenen Bronzestandbildes geplant.

Das 1985 vom Künstler Soak geschaffene Denkmal ist in Schwerin seit langem ein Zankapfel. Schon seine Aufstellung gestaltete sich bizarr: Da ein Fixierungspunkt für ein Halteseil fehlte, musste eine Schlinge um Lenins Hals gelegt werden, um ihn auf den Sockel zu hieven – eine Szene, deren fotografische Dokumentation auf politische Anweisung hin unter Verschluss blieb, um unerwünschte Interpretationen zu vermeiden. Künstlerisch weicht der Schweriner Lenin von vielen heroischen Darstellungen ab; seine impressionistische Formgestaltung zeugt von den künstlerischen Spielräumen in der späten DDR.

Nach der deutschen Wiedervereinigung, als das Denkmal erst fünf Jahre alt war, entbrannte die Diskussion um seine Zukunft. Trotz langer Debatten empfahl 1993 eine außerparlamentarische Kommission der Stadtvertretung den Erhalt der Plastik – eine Entscheidung, die bis heute Bestand hat. Im Jahr 2007 versuchte man, dem Monument eine Kontextualisierung beizufügen: Eine Texttafel wurde in den Sockel integriert, die über den Dargestellten und sein politisches Wirken informieren soll.

Doch auch diese Geste brachte keinen Frieden. Der Historiker Jörg Ganzenmüller attestierte dem Text gravierende Fehler. Helmut Holter von der Partei Die Linke räumte ein, der Text sei ein „politischer Kompromiss“ gewesen. Er argumentiert, dass Denkmäler Anstöße zur Auseinandersetzung mit Geschichte geben könnten – als „Provokation: Denk mal!“. Diese Haltung steht im scharfen Kontrast zur CDU, die sich zuletzt 2024 für einen Abriss aussprach, und insbesondere zu den Opferverbänden, die in der Statue eine Verhöhnung der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft sehen.

Der Schweriner Streit reiht sich ein in eine deutschlandweite und über die Grenzen hinausgehende Auseinandersetzung mit dem Erbe von Diktaturen im öffentlichen Raum. Während manche DDR-Zeugnisse, wie Wandmosaike, heute eher als Baudenkmäler einer vergangenen Epoche betrachtet werden, bleiben politische Monumente wie Lenin- oder Marx-Engels-Statuen hochgradig umstritten. Historiker wie David Johst merken an, dass es nach 1989 nur wenige spontane Denkmalstürze gab; die meisten Verschwindenlassen seien Ergebnis politischer Beschlüsse gewesen.

Neben Abriss und unverändertem Erhalt gibt es vielfältige Ansätze der Neu-Interpretation. Einfache Plaketten gelten dabei oft als unzureichende Notlösungen. Stärkere Eingriffe wie künstlerische Veränderungen, Ergänzungen oder die Schaffung von Gegendenkmälern werden als wirkungsvollere Methoden der kritischen Auseinandersetzung angesehen – Ideen wie die Zerlegung des Dresdner Lenin-Denkmals („Lenins Lager“) oder Zusätze am „Fäuste-Denkmal“ in Halle illustrieren solche Ansätze.

Eine Quelle bezeichnete das Schweriner Exemplar gar als „Letztes Denkmal im früheren Ostblock“ und beschreibt die Stadt als „ringend“. Dass die Symbolkraft und Kontroverse um Lenin auch außerhalb der ehemaligen DDR virulent ist, zeigte 2020 die Aufstellung eines neuen Lenin-Denkmals in Gelsenkirchen, die ebenfalls massive Gegenproteste auslöste.

Während die Opferverbände am 14. Juni 2025 ein unübersehbares Zeichen für die Entfernung des Schweriner Lenins setzen wollen, ist eine endgültige politische Entscheidung in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns weiterhin nicht in Sicht. Die anstehende Protestaktion dürfte die Diskussion um den angemessenen Umgang mit einem schwierigen Erbe erneut befeuern und die Frage aufwerfen, wie eine Gesellschaft Erinnerung gestaltet, ohne dabei die Gefühle der Opfer zu verletzen.

Initiative „Quote-Ost“ fordert 20 Prozent Ostdeutsche in der Filmbranche

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Berlin. Eine neue Initiative sorgt für Debatten in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft: „Quote-Ost“, mitbegründet vom Schriftsteller und Drehbuchautor Professor Torsten Schulz, verlangt eine verbindliche 20-prozentige Teilhabe Ostdeutscher in den Entscheidungspositionen der Branche. Dies entspreche ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung und sei eine Reaktion auf jahrelange Ignoranz und Benachteiligung, so die Initiatoren.

Der offene Brief, unterzeichnet von prominenten Schauspielern wie Milan Peschel und Fritzi Haberlandt sowie Autoren wie Jakob Hein und eben Torsten Schulz, formuliert klare Forderungen. Doch warum dieser Schritt, der unweigerlich eine neue Debatte um Identitätspolitik entfacht? „Der Osten wurde und wird von vielen schlicht ignoriert“, erklärt Schulz. Für andere sei das Thema seit den Neunzigerjahren „durchdiskutiert und auserzählt“. Ein Trugschluss, meint Schulz, denn gerade die 30- bis 45-Jährigen mit ausgeprägter Ostidentität würden systematisch benachteiligt und erhielten ihnen zustehende Jobs nicht, weil diese an Westdeutsche gingen. Diese Ungerechtigkeiten seien „zu massiv und verfestigt“, um seine grundsätzliche Skepsis gegenüber Quoten aufrechtzuerhalten. Aktuell liege der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen bei lediglich sieben bis acht Prozent.

Vier Kernforderungen für mehr Sichtbarkeit

Die Initiative „Quote-Ost“ stellt vier spezifische Forderungen:

  • Eine Quote für Ostdeutsche entsprechend dem Bevölkerungsanteil in Entscheidungspositionen (Redaktionen, Gremien, Intendanzen, kreative Schlüsselpositionen).
  • Die Einsetzung von Findungskommissionen bei der Besetzung solcher Positionen.
  • Mehr fiktionale Produktionen, die wirklich im Osten Deutschlands realisiert werden.
  • Die Etablierung von Ansprechpartnern in Sendern, Förderinstitutionen, bei Streamern und in Ministerien für die Belange Ostdeutscher.
    Zwischen Identitätspolitik und Notwendigkeit

Torsten Schulz räumt ein, dass eine Ostquote ebenfalls identitätspolitisch sei. Er vergleicht die Forderung mit der Frauenquote, der er ambivalent gegenübersteht. Zwar habe sie Frauen genutzt, doch sei sie an Universitäten bisweilen als „Interesseninstrument“ missbraucht worden, das nicht immer den Leistungsorientiertesten zugutegekommen sei. Dennoch sieht er die Notwendigkeit angesichts der tief sitzenden Benachteiligung. Die Definition, wer als „ostdeutsch“ gilt, orientiert sich an der Migrationsdefinition: eine Person selbst oder mindestens ein Elternteil wurde nicht mit bundesdeutscher Staatsangehörigkeit geboren. Schulz fügt die Begriffe „Bio-, Geo- und vor allem Sozioostdeutsch“ hinzu.

Ein zentrales Anliegen ist auch die Darstellung des Ostens. Es fehle oft an „Entdeckungslust, am Blick für Überraschendes, an Neugierde“. Stattdessen dominierten Klischees von Neonazis und alten Stasi-Seilschaften, oft weil westdeutsche Autoren recherchierten oder Ostautoren sich aus Anpassungsdruck diesen Stereotypen fügten. Die Forderung, ostdeutsche Rollen nur mit Ostdeutschen zu besetzen, hält Schulz hingegen für „identitätspolitische Unart“ und „totalen Quatsch“. Wünschenswert sei jedoch häufiger ein „Erzählen von innen heraus“.

Netzwerke, Ignoranz und die Hoffnung auf Aufmerksamkeit
Die geringe Anzahl Ostdeutscher in Gremien erklärt Schulz mit dem „Grundsog der Gesellschaft“, bei dem Menschen in Machtpositionen dazu neigen, ähnliche Leute heranzuziehen. Ostdeutsche seien hier oft „die anderen“. Es gehe um den „eigenen Stallgeruch, die Sicherheit, die herrschenden Netzwerke“.

Die Initiative sei auch ein Versuch, „auf den Putz zu hauen und zu nerven“. Schulz kritisiert, dass das Thema Diversity zwar begrüßenswert sei, aber oft eine „bigotte Angelegenheit“ darstelle, da es „für Ostdeutsche jedenfalls nicht gilt“. Das Timing der Initiative, auch vor dem Hintergrund aktueller Wahlergebnisse, die einen Keil zwischen Ost und West offenbaren, sei möglicherweise günstig. Schulz ist überzeugt, dass das mediale Bild des Ostdeutschen als Problemfall erheblich zu diesem Keil beitrage.

Die Reaktionen auf den offenen Brief sind bisher verhalten. Das ZDF signalisierte Gesprächsbereitschaft, andere verwiesen auf Datenschutz oder antworteten gar nicht. Trotz der Unterstützung, auch von Westdeutschen, glaubt Schulz nicht an einen Erfolg wie bei der Frauenquote. Dennoch sei die Identitätsverortung im Osten, auch bei Jüngeren, sehr ausgeprägt. Es gehe darum, dass ostdeutsche Geschichten endlich erzählt und ihre Erfahrungen wahr- und ernstgenommen werden – ein Bedürfnis, das lange unterschätzt wurde und sich über Generationen vererbt habe. Die oft unbedachte Ignoranz und Arroganz des Westens, fasst er in dem oft gehörten Satz zusammen: „Du bist aus dem Osten? Merkt man gar nicht!“ – ein Satz, der das Problem auf den Punkt bringe.

„Demokratie versus Diktatur“: Kowalczuks Weckruf an die schweigende Mehrheit

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Halberstadt. Mit einer eindringlichen Warnung vor einer existenziellen Bedrohung der Demokratie hat der Historiker und DDR-Experte Ilko-Sascha Kowalczuk in Halberstadt aufhorchen lassen. Im Zentrum seiner Analyse, basierend auf seinem Buch „Freiheitsschock“, stehen die traumatischen Transformationserfahrungen Ostdeutschlands seit 1989/90, deren Nachwirkungen er als Nährboden für aktuelle antidemokratische Tendenzen sieht. Weltweit, so Kowalczuk, stehe man vor der Wahl: „Freiheit versus Unfreiheit, Demokratie versus Diktatur.“

Kowalczuk prägte den Begriff des „Freiheitsschocks“, um die tiefgreifenden Verwerfungen zu beschreiben, die die schnelle Wiedervereinigung und die Währungsunion am 1. Juli 1990 für die ostdeutsche Gesellschaft bedeuteten. Der oft abrupte Verlust von Arbeitsplätzen – 80 Prozent der Ostdeutschen arbeiteten innerhalb von zwei Jahren nicht mehr in derselben Institution wie 1990 – und der Zusammenbruch vertrauter sozialer sowie kultureller Strukturen hätten einen „Phantomschmerz nach dem Kollektiv“ hinterlassen, der bis heute spürbar sei. Dies habe eine bis dahin unbekannte mentale Situation geschaffen.

Entgegen der verbreiteten Annahme sei die Revolution von 1989 keine Bewegung der Mehrheit gewesen, sondern von Minderheiten getragen worden, während die breite Masse abwartete. Die eigentlichen Zäsuren für die ostdeutsche Bevölkerung seien die erste freie Wahl am 18. März 1990, bei der 75% für den schnellsten Weg zur Einheit stimmten, und die Einführung der D-Mark gewesen – Entscheidungen für einen rasanten Einigungsprozess, den viele damalige Befürworter heute kritisch sähen oder verdrängten.

Als tiefere Ursachen für die heutige demokratische Fragilität, besonders im Osten, nannte Kowalczuk eine mangelhafte gesellschaftspolitische Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der SED-Diktatur seit 1990. Diese sei oft „von oben herab“ erfolgt und habe die in Familien tradierten Narrative – die stärkste politische Sozialisationsinstanz – kaum erreicht. Besonders die „Baseballschlägerjahre“ der 1990er, in denen faschistische Jugendkulturen teils auf Akzeptanz stießen und von Teilen der Gesellschaft applaudiert wurden, hätten eine „faschistische Dominanzkultur“ hinterlassen. Die damaligen Jugendlichen seien nun Eltern, die diese Prägungen potenziell weitergeben. Eine schwache Zivilgesellschaft im Osten verstärke diese Problematik.

Scharfe Kritik übte der Historiker an Parteien wie der AfD, die er als faschistisch bezeichnete und für deren Verbot er plädierte, sowie am BSW. Beide agierten gegen das Grundgesetz und strebten eine „Diktatur der Mehrheit“ an, in der Minderheitenrechte keine Rolle spielten. Die Tatsache, dass über 10 Millionen Menschen in Deutschland solchen Kräften die Führung des Landes zutrauten, sei die eigentliche Herausforderung. Weltweite Entwicklungen wie Verunsicherung durch Globalisierung, Digitalisierung und eine polarisierende politische Rhetorik, die aus Gegnern Feinde mache, kämen als verstärkende Faktoren hinzu.

Kowalczuks Appell richtete sich eindringlich an die „anderen 75 Prozent“ der Bevölkerung. Diese demokratische Mehrheit müsse aufwachen, aktiv werden und für ihre Werte einstehen. „Demokratie funktioniert nur durch aktive Partizipation, Mitmachen und Teilhabe“, betonte er und kritisierte die mangelnde Sichtbarkeit von Universitäten als Verteidiger der Demokratie.

Die Botschaft des Historikers aus Halberstadt ist ein unmissverständlicher Weckruf: Ein passives Aussitzen der Probleme werde die Demokratie weiter erodieren lassen. Nur durch aktives Gegensteuern, das Stärken der demokratischen Mehrheit und das Eintreten für die Aufklärung lasse sich die Gefahr abwenden – auch auf die Gefahr hin, zu verlieren, denn sonst verliere man ohnehin, inklusive der Selbstachtung.

Schwerin sichert Haushalt 2025: Stadtvertretung beschließt Gewerbesteuer-Anhebung

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Schwerin. In einer turbulenten Sondersitzung hat die Schweriner Stadtvertretung am heutigen Montag einen entscheidenden Schritt zur Sicherung der finanziellen Handlungsfähigkeit der Landeshauptstadt vollzogen. Im Zentrum der Debatte stand ein Antrag von fünf demokratischen Fraktionen – CDU, SPD, Unabhängige Bürger FDP, Die Linke sowie Bündnis 90 die Grünen/Die Partei – der die notwendigen Anpassungen am Haushalt 2025 vorsah, um dessen Genehmigung durch die Rechtsaufsicht zu erwirken. Nach kontroverser Aussprache wurde der Antrag mehrheitlich beschlossen.

Die Dringlichkeit der Sondersitzung ergab sich aus der prekären Haushaltslage: Der ursprünglich vorgelegte Haushaltsplan für 2025 wies lediglich ein Plus von 500.000 Euro auf, was für eine Genehmigung durch die Rechtsaufsicht als unzureichend befunden wurde. Ohne genehmigten Haushalt drohten schwerwiegende Konsequenzen: Keine Mehr- oder Neuaufwendungen für das Jahr 2025 könnten gezahlt und geplante Investitionen nicht getätigt werden.

Der Kompromiss der Fünf
Um eine Haushaltssperre abzuwenden und ein erforderliches Soll-Ergebnis von drei Millionen Euro zu erreichen, schlossen sich fünf Fraktionen zusammen und überarbeiteten den eingereichten Haushaltsentwurf. Die Kernmaßnahme dieses fraktionsübergreifenden Kompromisses ist eine Anhebung der Gewerbesteuer um acht Punkte.

Die Befürworter des Antrags, wie Gerd Rudolf (CDU) und Gert Böttker (Fraktionsvorzitzender), betonten die Notwendigkeit dieses Schrittes für die Handlungsfähigkeit der Stadt. Herr Rudolf erklärte, dass diese Maßnahme notwendig sei, um die Genehmigung der Rechtsaufsicht zu erhalten. Er stellte klar, dass nicht alle Gewerbesteuerzahler betroffen seien, sondern nur die kleine Gruppe von Unternehmen, die über den Freigrenzen liege. Zudem werde die Anhebung durch eine Entlastung bei der Grundsteuer für gewerbliche Objekte kompensiert. Dies sei kein „Griff in die Taschen der Unternehmen“.

Herr Böttker hob hervor, dass die Verwaltung zwar ebenfalls Sparvorschläge (1,4 Millionen Euro) vorgelegt habe, dies jedoch nicht ausreichte, um das Ziel von drei Millionen Euro zu erreichen. Er bezeichnete den Antrag als notwendigen Kompromiss zwischen den Fraktionen.

Durch die Annahme des Antrags sollen wichtige freiwillige Leistungen und Investitionen gesichert werden: der kostenfreie Schüler-Nahverkehr, die Unterstützung für Einrichtungen wie Ataraxia, Entschädigungen für die Freiwillige Feuerwehr, Investitionen in das Welterbezentrum und der Bau des Bürgerhauses in Lankow. Diese Projekte wären ohne einen genehmigten Haushalt nicht möglich gewesen. Auch die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, vertreten durch Herrn Schüller, trug den Kompromiss mit, um das Schlimmste – eine Haushaltssperre – zu verhindern, obwohl sie bestimmte Ausgaben (z.B. Möbelburgpark, Straßenbau Görries/Tannen) kritisch sehen.

Schwere Kritik am Verfahren und der Substanz
Sowohl das Vorgehen als auch die vorgeschlagenen Maßnahmen stießen auf scharfe Kritik der Opposition. Die AfD-Fraktionsvorsitzende Frau Federau bezeichnete das Vorgehen als „Hinterzimmergeklüngel“ und kritisierte, dass ihre Einsparanträge im Bereich der Hilfen zur Erziehung abgelehnt wurden, obwohl diese laut ihr „richtig mal gespart“ hätten. Sie warf der Verwaltung und der Oberbürgermeisterin vor, zu wenig eigene Sparvorschläge gebracht zu haben und stattdessen wieder auf Steuererhöhungen zu setzen. Die AfD lehnte die Steuererhöhung entschieden ab und betonte, man mache nicht mit, wenn „diejenigen, die hier den ganzen Laden […] am Laufen halten, […] wieder geschröpft werden sollen“.

Auch Stefan Martini, der zu Beginn der Sitzung einen Dringlichkeitsantrag zum Stadtteilpark Lankow gestellt hatte (der allerdings mangels Quorums vertagt wurde), äußerte massive Kritik am Verfahren. Er zeigte sich irritiert, dass der Entwurf für den Antrag bereits bei der letzten regulären Sitzung vorhanden gewesen sei und man stattdessen eine Sondersitzung einberufen habe, ohne Minderheiten oder Einzelstadtvertreter einzubinden. Eine solche wichtige Entscheidung, die Tausende Unternehmer betreffe, sollte nicht ohne tiefergehende Beratung in Fachausschüssen getroffen werden.

Herr Bressel von der FDP schloss sich der Kritik an und sprach von „moralischer Erpressung“ durch die Stadtverwaltung und den Oberbürgermeister. Er argumentierte, es sei nicht die Aufgabe der Stadtvertretung, die Versäumnisse der Verwaltung zu kompensieren. Die Verantwortung für eine solide Haushaltsführung liege ausschließlich beim Oberbürgermeister und seinem Dezernenten. Herr Bressel nannte fragwürdige Prestigeprojekte wie die Mobilitätsstation am Packhaus oder Kostenüberschreitungen beim Campus am Turm als Beispiele für eine „ideologisch geprägte Ausgabenpolitik“ und kritisierte, dass die Steuererhöhungen als „Offenbarungseid“ die Finanzfehlentwicklung kaschieren sollten. Er warf der CDU vor, nach Wahlkampfversprechen für wirtschaftliche Vernunft nun Steuererhöhungen zuzustimmen.

Diskussion über Umgangsformen und Finanzlage der Kommunen
Während der Debatte kam es auch zu gegenseitigen Vorwürfen bezüglich des Umgangs miteinander und der demokratischen Kultur. Herr Martini wehrte sich gegen die Unterstellung von Herrn Dr. Treptow, er habe die Stadtvertretung pauschal als „korrupt“ bezeichnet, stellte aber klar, dass er bei einem bestimmten Thema (Lankow-Projekt) den Verdacht der Vorteilsnahme geäußert habe. Der Stadtpräsident ermahnte die Stadtvertreter, schwerwiegende Vorwürfe zu belegen und Ross und Reiter zu nennen.

Mehrere Redner sprachen die grundsätzliche Unterfinanzierung der Kommunen durch Bund und Land an. Herr Böttker forderte, dass Schwerin und andere Kommunen ihre Stimme erheben müssten, um eine bessere Finanzausstattung und einen Anteil an den Milliarden-Investitionen in die Infrastruktur zu erhalten. Herr Dr. Treptow (SPD) sah die Notwendigkeit, sich an das Land zu wenden, um zukünftige Herausforderungen besser bewältigen zu können, da Schwerin mit dem derzeitigen Budget ohnehin schon stark beschnitten sei.

Abstimmung und Ausblick
Trotz der scharfen Kritik am Verfahren und der Debatte über die beste Lösung für die angespannte Finanzlage wurde der Antrag zur Sicherung des Haushalts 2025 schließlich zur Abstimmung gestellt. Mit 26 Ja-Stimmen bei 10 Gegenstimmen und 2 Enthaltungen wurde der Antrag angenommen.

Mit diesem Beschluss hat die Schweriner Stadtvertretung die unmittelbare Gefahr einer Haushaltssperre für 2025 abgewendet und den Weg für geplante Investitionen und die Fortführung freiwilliger Leistungen geebnet. Die Debatte machte jedoch deutlich, dass die finanzielle Situation der Landeshauptstadt angespannt bleibt und die Herausforderung, in zukünftigen Haushalten eine schwarze Null zu erreichen, weiterhin eine große Aufgabe für Politik und Verwaltung darstellen wird. Die grundlegende Debatte über die Finanzausstattung der Kommunen und die Priorisierung von Ausgaben in Schwerin dürfte auch in Zukunft fortgesetzt werden.

Carolabrücke: Dresdens Wettlauf um eine neue Verkehrsader

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Dresden steht vor einer Herkulesaufgabe: Der Ersatz der eingestürzten Carolabrücke muss schnell, zukunftsfähig und im Einklang mit dem historischen Erbe der Stadt erfolgen. Die Pläne liegen auf dem Tisch, doch der Weg ist gespickt mit Herausforderungen.

Ein Riss ging durch Dresden, als im September letzten Jahres ein Teil der Carolabrücke einstürzte. Seitdem klafft eine Lücke im Herzen der städtischen Infrastruktur, die schnellstmöglich geschlossen werden muss. Die Brücke, eine unverzichtbare Nord-Süd-Achse für Autos, Bahnen, Radfahrer und Fußgänger, soll durch einen Ersatzneubau wiederhergestellt werden. In einer Bürgerinformationsveranstaltung präsentierten Baubürgermeister Stefan Kühn und Simone Prüfer, Leiterin des Straßen- und Tiefbauamtes, nun die ambitionierten Pläne der Landeshauptstadt.

Der Turbo-Neubau: Ohne Umwege ans Ziel?
Die Kernidee der Verwaltung: ein Ersatzneubau ohne das oft langwierige Planfeststellungsverfahren. Eine Gesetzesänderung im Bundesfernstraßengesetz macht es möglich, auf diesen zeitraubenden Prozess zu verzichten, solange keine erhebliche bauliche Erweiterung stattfindet. „Unser Ziel ist eine zeitnahe, zeitgemäße und zukunftsfähige Elbquerung“, betonte Baubürgermeister Kühn. Damit könnten Jahre gespart werden – ein Blick auf das Planfeststellungsverfahren der Königsbrücker Straße, das über fünf Jahre bis zur Baugenehmigung dauerte, verdeutlicht die Dringlichkeit.

Konkret bedeutet dies, dass sich die neue Brücke in ihrer Breite an den bestehenden 33,5 bis 34 Metern orientieren kann. Anpassungen an moderne Standards, wie breitere Rad- und Fußwege – ein Manko des Vorgängerbaus aus den 1970er Jahren – sind ausdrücklich erlaubt und führen nicht automatisch in das aufwendige Genehmigungsverfahren, selbst wenn die Brücke dadurch geringfügig breiter wird. Auch eine Reduzierung von drei auf zwei Brückenzüge oder der Bau mit weniger Fahrspuren wären denkbar. Eine deutliche Kapazitätserweiterung, etwa auf sechs Fahrspuren, schließt dieses vereinfachte Verfahren jedoch aus. Um die rechtlichen Spielräume voll auszuschöpfen, hat die Stadt externe Expertise eingeholt.

Harte Bandagen: Elbe, Denkmalschutz und Umweltauflagen
Doch der Wunsch nach Schnelligkeit stößt auf harte Rahmenbedingungen. Die Elbe als Bundeswasserstraße gibt klare Vorgaben: Ein Neubau muss ohne Pfeiler im definierten Lichtraumprofil der Schifffahrt auskommen. Die historische Ausnahmegenehmigung für die alte Carolabrücke mit ihrem Pfeiler im Flussbett gilt nicht mehr. Damit ist ein Wiederaufbau nach historischem Vorbild vom Tisch – eine Enttäuschung für manche Dresdner.

Hinzu kommt der Denkmalschutz. Die neue Brücke muss sich sensibel in die weltberühmte Dresdner Stadtsilhouette einfügen. Das Landesamt für Denkmalschutz fordert eine flache, schlanke Konstruktion, die den Blick von der Altstadt zur Neustadt und umgekehrt nicht verstellt. Auch die unmittelbare Umgebung mit dem Königsufer, der Brühlschen Terrasse sowie Staatskanzlei und Finanzministerium setzt enge gestalterische Grenzen.

Nicht zuletzt spielt der Umweltschutz eine gewichtige Rolle. Die Brücke quert ein Landschafts- und sogar ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet von europäischem Rang. Auch die Lage im Überschwemmungsgebiet der Elbe erfordert eine Bauweise, die den Wasserabfluss nicht behindert.

Verkehr, Kosten und lebenswichtige Leitungen
Trotz eines prognostizierten Rückgangs im Kfz-Verkehr werden weiterhin rund 30.000 Fahrzeuge täglich erwartet. Dies legt eine dreistreifige Variante nahe; eine Vierspurigkeit sei verkehrlich nicht zwingend, so die Experten. Entscheidend für den Verkehrsfluss seien ohnehin die oft überlasteten Knotenpunkte Rathenauplatz und Carolaplatz. Für die Dresdner Verkehrsbetriebe ist die Brücke essenziell: Etwa ein Viertel aller Straßenbahn-Elbquerungen lief über die Carolabrücke. Auch der Radverkehr hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht und soll entsprechend berücksichtigt werden.

Die Kosten für das Mammutprojekt werden auf rund 140 Millionen Euro geschätzt, finanziert aus dem städtischen Brückenfonds und über Kredite. Während für den Straßenbahnanteil auf Bundesfördermittel gehofft wird, gab es für den Straßenteil bereits eine Absage aus Berlin. Angesichts steigender Baukosten ist Zeit auch hier ein kritischer Faktor.

Zudem hängt die Fernwärmeversorgung der Neustadt an der Brücke. Der wichtige Kanal, derzeit provisorisch über die Augustusbrücke geführt, soll wieder in den Neubau integriert werden. Ein Verzug würde SachsenEnergie zu einem teuren Dükerbau unter der Elbe zwingen – mitten im FFH-Gebiet. Auch eine Trinkwasserleitung verläuft hier.

Keine Provisorien, kein Bürgerentscheid
Die Option einer Behelfsbrücke wurde verworfen – zu teuer (34-37 Millionen Euro), geometrisch schwierig und ebenfalls pfeilerbedürftig. Auch einen Bürgerentscheid zur Brückenvariante wird es voraussichtlich nicht geben. Die Verwaltung verweist auf das Votum des Stadtrates und den breiten gesellschaftlichen Konsens für eine zügige Lösung.

Der Fahrplan: Baustart 2027?
Nach einem erhofften Grundsatzbeschluss des Stadtrates im Juni soll die europaweite Ausschreibung der Planungsleistungen starten. Der Baubeginn ist für 2027 anvisiert, die reine Bauzeit wird auf zweieinhalb Jahre geschätzt. Ziel ist eine Fertigstellung deutlich vor 2033, auch um Synergien mit anderen Großbaustellen im Nord-Süd-Korridor zu nutzen. Ein Risiko bleiben mögliche Verzögerungen durch Vergaberechtsstreitigkeiten.

Die Bürger zeigten großes Interesse, äußerten aber auch Sorgen – etwa zur Anbindung des Elberadwegs und zur Verwendung klimaneutraler Baustoffe. Bis zum Baubeginn und darüber hinaus will die Stadt die Öffentlichkeit engmaschig informieren. Dresden steht vor einer komplexen Entscheidung, bei der Pragmatismus und die Bewahrung des einzigartigen Stadtbildes Hand in Hand gehen müssen.

LNG-Terminal Rügen: Naturschutzexperte Knapp warnt vor „Desaster“ für die Insel

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Binz, Rügen. Im Rahmen einer Protestkundgebung am Ostersamstag an der Seebrücke in Binz, die nach ähnlichen Aktionen in den Vorjahren erneut Hunderte gegen die LNG-Politik des Bundes mobilisierte, hat Prof. Hannes Knapp mit Worten von seltener Deutlichkeit die Pläne für ein LNG-Terminal in Mukran als ein umfassendes „Desaster“ für Rügen verurteilt. Der international anerkannte Naturschutzexperte, Mitbegründer der Bürgerinitiative „Lebenswertes Rügen“ und Vorsitzender des Vereins INSULA RUGIA, bezeichnete das Vorhaben als „ungeheuerlich“ und warnte eindringlich vor irreversiblen Schäden für Ökologie, Tourismus und den sozialen Frieden auf Deutschlands größter Insel.

Prof. Knapp, der maßgeblich an der Umsetzung des „Nationalparkprogramms der DDR“ von 1990 beteiligt war – oft als „Tafelsilber der Deutschen Einheit“ bezeichnet – äußerte sich tief besorgt. Für ihn ist das LNG-Terminal in Mukran ein Desaster für Rügen – ökologisch, wirtschaftlich und sozial. Angesichts der „trüben Nachrichten, die wir uns seit zwei Jahren hier auftischen lassen“, so Knapp, sehe er sein Lebenswerk bedroht. „Ich habe mein Leben damit verbracht, für Natur und Landschaft einzutreten. Ich erlebe als alter Mann, dass dieses scheinbar umsonst gewesen sein sollte“, gestand der Experte. Der Umgang mit Natur und Landschaft gerade auf der Insel Rügen mache ihn fassungslos, ebenso wie mit den LNG-kritischen Menschen umgegangen werde.

Ökologisches Desaster für die Ostsee befürchtet Im Zentrum seiner Kritik stehen die unabsehbaren Folgen für das sensible Ökosystem der Ostsee. Knapp sprach von einem „ökologischen Desaster“, auch wenn er in seiner Rede nicht auf spezifische wissenschaftliche Details einging. Die Implikation seiner Warnung, basierend auf jahrzehntelanger Expertise, ist jedoch klar: Die industrielle Infrastruktur eines LNG-Terminals, der Betrieb und der Schiffsverkehr würden eine massive Belastung für die marine Flora und Fauna sowie die Wasserqualität bedeuten. Für eine Insel, deren Identität und Attraktivität so eng mit einer intakten Meeresumwelt verbunden ist, wiegen diese Bedenken besonders schwer.

Tourismus und Wirtschaft: Rügens Existenzgrundlage in Gefahr Eng damit verknüpft ist Knapps Sorge um die wirtschaftliche Zukunft Rügens. „Es ist touristisch und damit wirtschaftlich für unsere Region ein Desaster“, konstatierte er. Jahr für Jahr zieht die Insel Hunderttausende Besucher an, die ihre einzigartigen Kreidefelsen, weitläufigen Strände und unberührten Naturlandschaften suchen. „Menschen kommen nicht nach Rügen, um sich hier in Industrielandschaften zu erholen, sondern Natur und Landschaft in möglichst entspannter Form genießen zu können.“ Ein LNG-Terminal, so die Befürchtung, würde dieses Image nachhaltig beschädigen und die Lebensgrundlage vieler Insulaner gefährden.

Soziale Auswirkungen und tiefe Frustration Die Auswirkungen gehen laut Prof. Knapp jedoch weit über Ökologie und Wirtschaft hinaus. Er sprach von gravierenden sozialen Verwerfungen: „Die sozialen Auswirkungen, die Ignoranz der Politik auf den verschiedenen Ebenen hat zu einer Frustration, einer Stimmung in unserer Bevölkerung geführt, was ich für höchst bedenklich und mit Sorge verfolge.“ Das Gefühl, von der Politik „verschaukelt“ und mit vollendeten Tatsachen konfrontiert zu werden, habe zu einer tiefen Verunsicherung und Wut geführt, die auch den Umgang mit kritischen Stimmen zum Projekt einschließe.

Die Schattenseiten der globalen LNG-Kette Besonders scharf kritisierte Knapp die globale Dimension des LNG-Geschäfts. Er verwies auf Berichte von Aktivisten aus den Fördergebieten in Texas und Louisiana, die im vergangenen Sommer Rügen besucht hatten. „Was sie uns berichtet haben über das Abbaugebiet oder Fördergebiet von LNG ist so ungeheuerlich, da fällt mir schlicht nichts mehr dazu ein.“ Dass dieses unter umweltschädlichen und sozial fragwürdigen Bedingungen geförderte Gas nun als „Rettung unserer Energieversorgung verkauft wird, ist schlicht und einfach ungeheuerlich.“

Ein Appell zum Durchhalten Trotz der düsteren Analyse zeigte sich Prof. Knapp kämpferisch. Er dankte ausdrücklich dem Ostseebad Binz und allen aktiven Gruppen für ihren unermüdlichen Protest. Sein Appell war unmissverständlich: „Nicht nachzulassen, sondern dran zu bleiben, bis das Ganze hier wieder verschwindet von unserer Insel und Volk.“ Es sei ein Kampf gegen einen „Irrsinn“, der nicht aufgegeben werden dürfe.

Die Rede von Prof. Hannes Knapp am 19. April 2025 in Binz verdeutlicht die Tiefe der Gräben, die das Projekt LNG-Terminal Rügen in der Region aufgerissen hat. Sie steht exemplarisch für die Sorgen vieler Bürger, die das Naturerbe und die Lebensqualität ihrer Heimat bedroht sehen.

Vom DDR-Promi-Treffpunkt ins Musical: „Salon Rosie“ erzählt vom Umbruch nach ’89

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Im Musical WIR SIND AM LEBEN, das Berlin im Jahr 1990 als Schauplatz einer gesellschaftlichen und emotionalen Zerreißprobe wählt, wirkt die Ballade Salon Rosie wie ein melancholisches Herzstück – ein Innehalten im Wirbel des Umbruchs. Gesungen von Steffi Irmen, erzählt das Lied von der Friseurin eines legendären Salons in Wittenberg, einer „Institution in der DDR“, die einst die Crème de la Crème der ostdeutschen Prominenz bediente – von Frank Schöbel bis Katarina Witt.

Mit Stolz und Sentimentalität blickt die Ich-Erzählerin auf eine Zeit zurück, in der ihr Handwerk und ihr Salon Anerkennung, Einfluss und sogar ein wenig Glanz bedeuteten. Eine fast tragikomische Pointe: Selbst die lila Haarfarbe Erich Honeckers – ikonisch in ihrer Absurdität – soll aus ihrem Farbkasten stammen.

Doch der Stolz wandelt sich bald in Trauer, als das Lied den plötzlichen Bruch beschreibt. Die Prominenz, einst privilegiert, fällt ins gesellschaftliche Vakuum. Auch der Salon – Symbol einer vergangenen Welt – hat keinen Platz mehr. Die Wiedervereinigung, für viele ein Akt der Befreiung, erscheint hier als Verlustgeschichte. Der Salon schließt, das Haus wird verkauft – die Friseurin bleibt zurück, orientierungslos in einer Welt, die ihre Sprache nicht mehr spricht.

„Wir kamen nicht mehr mit“, heißt es resigniert – ein Satz, der für viele Ostdeutsche nach 1990 zur bitteren Wahrheit wurde. So wird Salon Rosie zur leisen Klage über eine untergegangene Existenzform, über das Verblassen von Bedeutung, das mit dem radikalen Systemwechsel kam. Der Vergleich mit dem überlebenden West-Starfriseur Udo Walz verstärkt den schmerzhaften Kontrast: Dort Kontinuität, hier Bruch.

Was das Lied besonders macht, ist seine zärtliche Ehrlichkeit. Ohne Sentimentalität, aber mit spürbarer Liebe zu einer Zeit, die vorbei ist, gibt es denen eine Stimme, deren Geschichten nach 1990 oft untergingen. Und genau das ist die Stärke von WIR SIND AM LEBEN: Es feiert nicht nur die Aufbruchsenergie der Wendezeit, sondern gibt auch Raum für das, was dabei verloren ging.

Salon Rosie ist kein bloßes Zeitdokument. Es ist ein musikalisches Denkmal für all jene Lebensentwürfe, die mit der DDR untergingen – voller Stolz, Wehmut und leiser Größe.

Thomashof in Klein Mutz: Ein Ort der Ruhe und Authentizität in Brandenburg

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Inmitten der malerischen Landschaft Brandenburgs, genauer in Klein Mutz, liegt der Thomashof – ein Ort, der für Stille und Erholung steht. Heige Thomas, eine der Inhaberinnen, hat sich mit diesem Hof einen lang gehegten Traum vom Leben auf dem Land erfüllt.

Der Thomashof ist mehr als nur eine Unterkunft; er ist ein Projekt, das darauf abzielt, das regionaltypische und Authentische wieder erlebbar zu machen. Bei der Gestaltung wurde großer Wert darauf gelegt, bestehende Elemente zu erhalten, wie zum Beispiel die alten Stallfenster, die Balken oder das Schieferdach. Zudem wurde bewusst mit ökologischen Baustoffen gearbeitet. Wer heute als Gast den Hof besucht, sieht nicht mehr das, was einst war, sondern das, was hier neu erschaffen wurde.

Besonders wichtig ist den Betreibern die Verbindung zur Natur und zu den Tieren. Heige Thomas beschreibt ihre perfekten Momente am Morgen, wenn es noch still ist, sie mit Kaffee hinausgeht und ihre Katzen und Hunde ihr folgen, um dann hinten auf der großen Wiese unter dem Walnussbaum und im Garten die Ruhe zu genießen. Dieser enge Kontakt zur Natur und zu den Tieren wird auch von den Gästen sehr geschätzt und oft als beglückend empfunden. Kleine Kinder freuen sich besonders darauf, die Tiere streicheln zu können.

Der Thomashof bietet sechs Ferienwohnungen für Gäste, die eine Auszeit auf dem Land suchen. Diese Gäste suchen oft unberührte Natur sowie das Authentische und Unverwechselbare der Region – genau das, was der Hof anzieht.

Neben dem Urlaubsangebot hat sich der Thomashof weiterentwickelt und wird zunehmend zum Seminarhaus. Seit einiger Zeit besteht die Möglichkeit, dass Firmen hier ihre Seminare oder Workshops durchführen. Eigene Retreats werden ebenfalls angeboten, die sehr gut gebucht und erfolgreich sind.

Ein neues, zukunftsweisendes Konzept ist die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten. Der Garten wird derzeit so gestaltet, dass die Gäste direkt vom Hof versorgt werden können – nach dem Prinzip „kurze Wege vom Acker direkt auf den Tisch“.

Die Region um Klein Mutz bietet zudem Attraktionen für die Besucher des Thomashofs. Als ein absoluter Höhepunkt und „Leuchtturm“ wird der Digeleipark genannt, der sich für Familien, aber auch für alle anderen Besucher eignet und mit tollen Angeboten und einem riesigen Spielplatz den ganzen Tag Unterhaltung bietet. Gäste, die einmal dort waren, sind oft sehr begeistert. Darüber hinaus zieht die Gegend viele Menschen an, die gerne wandern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Thomashof in Klein Mutz ein Ort ist, der seinen Gästen nicht nur Erholung und Stille bietet, sondern auch eine authentische Landesterfahrung, geprägt von Naturverbundenheit, Tierkontakt und regionalem Charme.

Ein Rückblick: 20 Dinge, die das Leben in der DDR prägten

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Für Millionen von Menschen war der Alltag in der DDR von Gegenständen und Erlebnissen geprägt, die heute wie aus einer anderen Welt wirken. Doch genau diese Dinge wecken tiefe Erinnerungen und erzählen Geschichten von Genügsamkeit, Gemeinschaft und kleinen Freiheiten. Von knatternden Autos bis hin zu Plastik-Eierbechern – diese 20 Dinge waren mehr als nur Gebrauchsgegenstände; sie waren ein Stück Identität und Gefühl.
Begleiten Sie uns auf eine Reise zurück zu 20 ikonischen Symbolen des DDR-Alltags, die nur jene wirklich kennen, die diese Zeit miterlebt haben.

• Der Trabant (liebevoll „Trabbi“ genannt) Er war das knatternde Herz der DDR. Mit seiner Karosserie aus Duroplast, einem leichten, rostfreien und haltbaren Kunststoff aus Baumwollfasern, war er ein Symbol ostdeutscher Mobilität. Die Verarbeitung war schlicht und die Technik einfach. Auf einen Trabant wartete man oft 10 bis 15 Jahre; viele meldeten ihn schon zur Geburt ihres Kindes an. Der Motor schnatterte laut, und der Geruch von Öl und Benzin lag in der Luft. Trotzdem brachte der Trabant Familien ans Ziel, oft beladen mit Zelt und Proviant, auf dem Weg zur Ostsee oder ins Erzgebirge.

• Vita Cola Sie war die spritzige Antwort des Ostens auf Coca-Cola, erfunden 1958 in Thüringen. Vita Cola war mehr als ein Getränk – sie war Alltag, Festtag, Statement. Ihr Geschmack war unverwechselbar: nicht so süß wie die West-Cola, dafür mit einer kräftigen Zitronennote, die auf der Zunge kitzelte. Jede Flasche enthielt einen Schuss Vitamin C, daher der Name Vita. Die knallgelben Etiketten auf braunen Glasflaschen waren überall präsent: in Schulkantinen, Konsumläden, Gartenlauben. Nach der Wende verschwand sie fast, kam aber „still, aber stark“ zurück.

• Das Sandmännchen Abends flimmerte der Fernseher, und das Sandmännchen kam in Millionen Kinderzimmer. Freundlich, mit Zipfelmütze und Augenzwinkern. Die Ost-Version fuhr auch mal Panzer, besuchte Pionierlager und warb für Technik „Made in DDR“. Es war Abendprogramm und leise Propaganda, doch viele liebten ihn gerade deshalb. Das Sandmännchen war wie ein Versprechen auf Wärme, Ruhe und Verlässlichkeit.

• Der Plastikkamm Ein stiller Held der Ost-Taschen, Alltagsbegleiter. Maisbraun, schwarz oder durchsichtig beige, hart, kantig, manchmal mit einem Riss, der nie schlimmer wurde. Man trug ihn in Jacken-, Schul- oder Brieftasche. Morgens zwei Züge durchs Haar – fertig. Diese Kämme hielten ewig und ein Ersatz fand sich immer. Für viele ein Erinnerungsstück an Pausenhof und Kohleofen, ein kleines Stück Ordnung in einer oft chaotischen Welt.

• Karo Zigaretten Wer Karo rauchte, brauchte kein Feuerzeug – „ein Blick genügte und es brannte“. Sie schmeckten nach Werkhalle und Beton, nach kaltem Wind und Feierabendbier. Die Zigarette für Leute mit Schwielen an den Händen und Geschichten im Blick. Die Packung: weiß mit rotem Karomuster, schlecht, ehrlich. Wer eine Karo rauchte, brauchte keinen Filter zwischen sich und der Welt. Oft war es auch die erste heimliche Zigarette.

• Stiftkappen in Tierform Diese kleinen Dinger durften auf keinem DDR-Schulpult fehlen. Ein Mauskopf auf dem Bleistift, ein Löwe auf dem Filzstift, ein quietschgelber Hund, der grimmig über Hefte wachte. Sie waren bunt, schräg, verspielt und der geheime Stolz vieler Federmäppchen. Manche Kinder sammelten sie, andere horteten sie. Besonders seltene Tiere waren heiß begehrt und auf dem Pausenhof wurde hart verhandelt. Offiziell nur Stiftkappen, in Wahrheit kleine Fluchten aus einem grauen Schulalltag, in dem alles normiert war. Diese Kappen waren bunt, eigen – ein stiller Protest auf Papier.

• Der Robotron Computer Während im Westen der Macintosh flimmerte, ratterte im Osten der Robotron. Entwickelt in Dresden, programmiert zwischen Mangelwirtschaft und Ingenieurskunst, gebaut von einem Staatsbetrieb. Robotron war das digitale Rückgrat des Landes. In Betrieben wurden Lohnabrechnungen getippt, in Schulen Basic gelernt, in Ministerien Rechenanlagen betrieben. Alles eigenentwickelt, ohne Importe.

• Die Schwalbe (Simson KR5) Sie klang wie eine Motorsäge mit Herz und war schöner als ihr Name. Für viele bedeutete sie Freiheit. Wer eine hatte, war nicht nur mobil, sondern fast unabhängig. Sie fuhr überall: über Kopfsteinpflaster, durch Plattenbauviertel. Mit breiter Verkleidung, rundem Scheinwerfer und unverwechselbarem Sound war sie die „Vespa des Ostens“, nur ehrlicher, kantiger, robuster. Sie schluckte wenig Sprit, verzieh Anfängerfehler und Ersatzteile gab es auf dem Schwarzmarkt oder vom Nachbarn. Man schraubte selbst.

• Der Lederranzen Er war schwer, braun und Pflicht. Wer in der DDR zur Schule ging, hatte ihn auf dem Rücken, oft stolz am ersten Schultag getragen. Später verbeult, verkratzt, aber treu bis zur achten Klasse. Sein Geruch war unverwechselbar: Leder, Tinte, Pausenbrot. Innen Platz für Fibel, Mathebuch und Brotdose. Er enthielt auch den Plastikkamm, denn ohne Ordnung ging nichts. Viele Ranzen wurden vererbt. Manche beklebten oder bemalten ihn – kleine Akte der Freiheit. Kein Accessoire, sondern ein Stück Alltag, ein treuer Begleiter.

• Knusperflocken Dieser besondere Geschmack wurde nie vergessen. Außen knackige Schokolade, innen grobe Roggenflocken. Malzig, schmelzend, rustikal und zart zugleich. Kein Westprodukt kam daran. Sie kamen aus Zeit, lose, wild, unverpackt in braunen oder rot-gelben Tüten mit dem Zett-Logo. Perfekt zum heimlich naschen. Wenn sie im Laden auftauchten, war das ein Glücksmoment. Heute gibt es sie wieder, aber viele sagen, sie schmecken anders – vielleicht, weil damals mehr dranhing als nur Schokolade, nämlich das Gefühl, etwas Besonderes zu haben.

• Spreewaldgurken Sie schwammen in Gläsern wie kleine Schätze. Sauer, würzig, ein Hauch Dill, Lorbeer, manchmal Knoblauch, immer dieser typische Biss. Wer in der DDR aufwuchs, hatte sie immer im Kühlschrank. Sie kamen aus dem Spreewald, ein Produkt mit Heimat, Geschichte, Handschrift. Eingelegt nach alten Rezepten. Sie standen auf jedem Abendbrottisch. Man aß sie pur aus dem Glas, und wehe, jemand fischte die letzte raus.

• Kunsthonig Er klebte in Tuben, auf Broten und in den Erinnerungen. Eine süße Erfindung aus der DDR. Bestand aus nur wenigen Prozent echtem Honig, der Rest war Sirup und Marketing. Trotzdem war er da: jeden Morgen auf der Stulle, im Tee, beim Backen. Seine Konsistenz war zäh, sein Geschmack irgendwo zwischen Karamell, Zuckerrübe und Kindheit. Er war für alle da, nicht nur für Besserverdienende. Man drückte die Alutube sorgsam auf, damit nichts verloren ging, denn nichts wurde verschwendet. Es war nicht der Honig, der glänzte, es war das Gefühl von Genügsamkeit, von Alltag, von diesem ganz eigenen DDR-Charme.

• DEFA Filme Sie kamen aus Babelsberg und direkt ins Herz. Das Kino der DDR, staatlich produziert, aber oft erstaunlich frei erzählt. Märchen wurden lebendig, Arbeiter zu Helden, Liebende zu Rebellinnen. Zwischen den Zeilen schimmerte leiser Widerstand. Filme wie „Paul und Paula“, „Der kleine Muck“ oder „Spur der Steine“ prägten Generationen. DEFA war nicht nur Unterhaltung, es war Identität. Nach der Wende ging die DEFA unter, aber die Geschichten blieben. Heute leben sie wieder auf, voller Sehnsucht.

• Die Aluminiumbrotdose Sie war nicht schön, nicht bunt, aber immer da. Rechteckig, silbern, mit Dellen im Deckel und Krümeln in der Ritze. Für Generationen von Schülern so selbstverständlich wie das Pausenklingeln. Innen Wurstbrote oder Bäme, manchmal ein Apfelschnitz – nichts Exotisches, aber es machte satt. Oft mit dem eigenen Namen eingeritzt. Sie hielt alles aus: Ranzenwürfe, Fahrradstürze. Sie war unverwüstlich, genau wie ihre Besitzer. Kein Plastik, keine Klickverschlüsse, nur Deckel drauf.

• Der Eierbecher in Hühnerform Er stand in jedem zweiten Haushalt. Ein kleines Plastikhuhn, das morgens treu auf dem Frühstückstisch thronte. Gelb, rot, orange oder grün – je bunter, desto besser. Kein Designerstück, aber ein Klassiker der Herzen. Kinder liebten ihn, weil er lustig aussah und stabil war. Das gekochte Ei darin wirkte wie ein kleiner Schatz. Manche Modelle hatten sogar Platz für einen Löffel oder einen Salzstreuer – ein echtes Multitalent.

• Die Puhdys Sie waren laut, ehrlich und die Rockstars der DDR. Keine Bravo, aber Gitarren, Texte mit Tiefe, Songs, die heute nachhallen. Lieder wie „Alt wie ein Baum“ wecken Erinnerungen an Aufbruch, Sehnsucht und Jugendweihe-Tänze. Die Puhdys waren mehr als eine Band – sie waren der Soundtrack der DDR, zwischen Stillstand und Aufbegehren, zwischen Zwang und Freiheit, auf vier Akkorden. Sie sangen von Menschen, die leben wollen, nicht funktionieren – und durften sogar in den Westen.

• Der Polyux (Lichtwerfer / Overhead Projektor) Er brummte, flackerte und bedeutete: Jetzt wird’s ernst. Das Herzstück jedes Klassenzimmers. Sobald der Rollwagen nach vorn geschoben wurde, wussten alle, dass es ernst wurde. Transparente Folien mit Formeln oder Gedichten wurden an die Wand geworfen. Der Lehrer schrieb direkt drauf. Für Schüler, die nach vorne mussten, war Zittern angesagt. Aber er hatte auch etwas Magisches, wie ein kleines Kino für Wissen. Dieses warme gelbliche Licht, das Summen – es beruhigte fast. Der Polyux war die DDR-Bildung in Reinform: einfach, funktional, robust und charmant. In Quelle wird sein Kultstatus besonders hervorgehoben.

• Badusan Duschbad Es roch nach Minze, Kräutern und Sonntag. Das Duschbad der DDR. Kein High-End-Spa-Produkt, aber der Inbegriff von Sauberkeit und Frische für Millionen. Die Flasche schlicht, das Etikett Kult. Ob „Sport aktiv“ oder „Kräuter“, der Duft war unverkennbar – einmal geschnuppert, für immer im Kopf. Es hing im Bad, zog durch den Flur, blieb im Handtuch. Man nutzte es für alles: Haare, Körper, Wanne. Ein Produkt, das funktionierte und vertraut war.

• Die Plattenbauten Sie waren grau, kantig und zu Hause. Hochgezogen aus Beton in Serie, für viele das erste eigene Heim mit Bad, Balkon und warmem Wasser. Ein Quantensprung im Vergleich zu Kohleofen und Außentoilette. Der Flur roch nach Bohnerwachs, im Aufzug hing Wäsche, der Nachbar grüßte. Die Höfe waren voller Kinder. Innen Möbel aus dem Möbelkombinat, Tapeten mit geometrischem Muster, Vitrinen mit Bleikristall. Und über allem der Stolz: „Wir haben es geschafft“. Einziehen und ankommen im eigenen Leben.

• Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ (Blaues/Rotes Halstuch) „Blaues Halstuch, strammer Gruß, seid bereit! Immer bereit!“ Wer so antworten konnte, war drin. Fast jedes Kind trug irgendwann das Tuch, erst blau, später rot, und mit ihm ein Stück Kindheit. Die Pionierzeit war mehr als Ideologie: Basteln, Zelten, Singen. Altpapier sammeln, Bäume pflanzen, Abzeichen bekommen. Man spürte: „Ich gehöre dazu“. Natürlich auch Staatserziehung, aber für viele vor allem Gemeinschaft, Abenteuer, Freundschaft.

Diese 20 Dinge sind Erinnerungen aus Blech, Beton, Plastik und Herz. Manche skurril, manche schön, alle echt. Sie lassen uns an früher denken.

Getreidelieferungen trotz Kriegsausbruch: Ein Indiz gegen Stalins Angriffspläne

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Auf die immer wieder diskutierte Frage, ob Stalin aktiv einen Angriff auf Deutschland geplant habe, entgegnete Baberowski mit einem deutlichen „Nein“. Weder westliche noch russische Forscher hätten belastbare Dokumente vorgelegt, die einen entsprechenden Feldzugsplan stützen. Zwar sei die sowjetische Militärdoktrin prinzipiell offensiv angelegt gewesen – doch der Hitler-Stalin-Pakt basierte gerade auf pragmatischem Warenaustausch: deutsche Technik gegen sowjetische Rohstoffe. Selbst am 22. Juni 1941, als die Wehrmacht über die Grenze rollte, traf noch Getreide in deutschen Zügen ein. Ein Präventivkrieg sei somit weder im Interesse Stalins noch logistisch vorbereitet gewesen.

Jugend im KBW statt DKP: Suche nach intellektueller Anziehung
Eine Zuschauerfrage nach Baberowskis politischer Sozialisation führte ihn zurück an seine Schulzeit. Warum trat er nicht der DDR-nahen DKP, sondern dem Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) bei? Für Baberowski war nicht die DDR-Realität, sondern das intellektuelle Ambiente ausschlaggebend. Die DKP-Mitglieder habe er als konformistische „Taubenzüchter-Typen“ erlebt, langweilig und uninspiriert. Im Gegensatz dazu habe der KBW junge Akademiker aus Göttingen angezogen, die über Maoismus diskutierten und intellektuelle Debatten führten. Diese Dynamik habe er spannender gefunden als den „Spießer-Sozialismus“ der DKP.

Kosmopoliten an der Spitze, Bürokraten an der Macht
Auf die Frage, welche Sprachen Lenin und seine Mitstreiter beherrschten, erklärte Baberowski, dass die Gründer der Bolschewiki – etwa Lenin, Trotzki, Bukharin – in der Pariser und Londoner Emigration aufgewachsen seien und fließend Deutsch, Französisch oder Englisch sprachen. Sie hätten auf internationalen Kongressen debattiert und Marx im Original gelesen. Mit dem Bürgerkrieg und dem Ausbau des sowjetischen Staatsapparats sei diese kosmopolitische Avantgarde jedoch von neuen Funktionären abgelöst worden, die aus einfachen Verhältnissen stammten, kaum Fremdsprachen kannten und unter Stalin zum Großteil ermordet wurden. So sei der revolutionäre Geist einer weltoffenen Intelligenz einer abgeschlossenen Bürokratie gewichen.

Warum Rumänien ausbrach – und die Rolle der Roten Armee
Ein weiterer Themenkomplex betraf den Sturz von Nicolae Ceaușescu und die friedliche Revolution in Ostmitteleuropa 1989. Baberowski betonte, dass alle Länder mit stationierten sowjetischen Truppen – Polen, Ungarn, DDR – auf einen reibungslosen Machtübergang setzen konnten, weil Gorbatschow ein Blutvergießen unterband. Rumänien hingegen besaß keine sowjetischen Einheiten als „Schiedsrichter“, sodass Ceaușescu auf Massenterror setzte und der Machtwechsel blutig endete. Dies zeige, wie sehr die Präsenz der Roten Armee friedliche Umbrüche erleichterte.

Historiker als unvoreingenommener Beobachter
Abschließend unterstrich Baberowski seine Haltung als Wissenschaftler: Er verstehe es als seine Aufgabe, die Motive und Handlungen von Menschen – Kommunisten wie Antikommunisten – so objektiv wie möglich zu beschreiben. Ideologische Wertungen blieben der Analyse, nicht der Geschichtsschreibung vorbehalten. Seine eigene politische Biographie habe mehrfache Wechsel erfahren: Vom Maoismus zum Sozialdemokraten, heute sieht er sich eher als Liberalen. Wichtig sei, sich immer wieder neu auf Perspektiven einzulassen und die Gründe für politische Überzeugungen nachzuvollziehen.