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Alexanderplatz im Umbruch: Berlins Ringen um die Skyline

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Der Alexanderplatz, mehr als nur ein Ort – er ist ein Gedächtnisspeicher Berlins, ein „Seismograph für das, was Berlin gerade denkt, hofft oder verdrängt“. Seit Jahrzehnten ist der Alexanderplatz eine Bühne für ambitionierte Pläne und enttäuschte Hoffnungen, doch jetzt scheint sich das Blatt zu wenden. Nach 30 Jahren der Debatte wird nicht mehr nur diskutiert, sondern endlich gebaut. Der Platz, der einst ein Viehmarkt war und später zu einem „urbanen Biest“ mit regem Verkehr und modernen Bauten wie dem Alexanderhaus und Berolina Haus heranwuchs, wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt und von der DDR als sozialistisches Zentrum neu geformt, mit dem Fernsehturm als weithin sichtbarem Wahrzeichen. Nach dem Mauerfall jedoch wurde er zu einer Problemzone, gezeichnet von Investorenplänen, die immer wieder verworfen wurden.

Kollhoffs Vision wird Realität – mit Anpassungen
Die aktuelle Bauwelle ist eng mit einem Masterplan aus dem Jahr 1993 verbunden, entworfen von Hans Kollhoff. Dieser sah zehn 150 Meter hohe Wolkenkratzer vor – eine „vertikale Vision für ein horizontales Berlin“. Lange Zeit galt der Plan als „völlig aus der Zeit gefallen“, doch nun, drei Jahrzehnte später, wird er wieder hervorgeholt. Obwohl nicht komplett und nicht eins zu eins umgesetzt, lebt die Grundidee weiter: Statt nur Fläche zu planen, wird jetzt in die Höhe gedacht. Vier Hochhäuser entstehen derzeit gleichzeitig, auch wenn einige noch mit den Fundamenten oder Genehmigungen kämpfen.

Vier Projekte prägen die neue Skyline

Derzeit formen vier Großprojekte das zukünftige Bild des Alexanderplatzes:

• MYND Tower: Dieses 134 Meter hohe Gebäude des Architekturbüros Kleihues und Kleihes entsteht dort, wo jahrzehntelang das Galeria Kaufhaus dominierte. Der Turm soll „Denken, Arbeiten, Genießen miteinander verbinden“ und neue Arbeitswelten schaffen. Er bietet etwa 50.000 Quadratmeter Nutzfläche für Büros und Gastronomie, darunter einen Food Culture Market in luftiger Höhe und rund 1000 Quadratmeter für gemeinnützige oder öffentliche Nutzung. Der Bau begann 2020, stagnierte jedoch aufgrund der Insolvenz der Signa-Gruppe von René Benko. Seit der Übernahme durch Kommerz Real im Jahr 2023 schreitet der Bau sichtbar voran und soll Ende 2025 fertiggestellt sein.

• Covivio Tower (ALX): Nur wenige Schritte vom MYND Tower entfernt wächst dieser 133 Meter hohe Turm des Berliner Architekturbüros Sauerbruch Hatten. Der Covivio Tower ist ambitioniert und soll Arbeitsplatz, Zuhause, Marktplatz, Spielplatz und Aussichtsplattform in einem sein. Er bietet rund 63.000 Quadratmeter Nutzfläche, aufgeteilt in Büros, Einzelhandel und Wohnungen, darunter auch öffentlich geförderte, sowie eine Kita und Gemeinschaftsflächen. Ein Herzstück ist der 2500 Quadratmeter große, öffentlich zugängliche Dachgarten. Der Bau war technisch anspruchsvoll, da die Türme auf 40 Meter tiefen Betonpfählen ruhen und eine 3 Meter dicke Bodenplatte über der U-Bahnlinie 2 liegt. Beim Aushub sackte die Tunnelwand leicht ab, was zu einer vorübergehenden Stilllegung führte. Trotz dieser Panne geht der Bau weiter und soll Ende 2026 fertiggestellt sein. Das Projekt setzt auf Nachhaltigkeit mit Geothermie, Regenwassernutzung und Photovoltaik, angestrebt sind Lead Gold und Wired Score Zertifizierungen.

• Hines Tower: Dieser geplante Turm soll 150 Meter hoch werden und 39 Etagen beherbergen, mit einem Hotel im unteren Bereich und bis zu 300 Wohnungen darüber. Der ursprüngliche Entwurf stammt vom Starbüro Jerry Partners aus dem Jahr 2014. Doch während andere Projekte voranschreiten, bleibt es hier seit Jahren still. Baubeginn ist frühestens 2026 geplant, da der Bauantrag noch eingereicht und genehmigt werden muss. Der Hines Tower symbolisiert, wie schwierig es ist, in Berlin überhaupt erst mit dem Bau zu beginnen.

• Alexander Tower (Capital Tower / Monarch Tower): Dieses Wohnhochhaus direkt neben dem Alexa Einkaufszentrum sollte 150 Meter hoch werden und 35 Etagen mit 377 Luxuswohnungen, Spa, Fitnessstudio und Pool umfassen. Der Bau begann im November 2019 und war bereits zur Hälfte fertiggestellt, als er im Dezember 2022 abrupt zum Stillstand kam. Der Hauptinvestor Monarch mit Sitz in Moskau ist wirtschaftlich „abgetaucht“, es fließt kein Geld mehr. Berlin reagierte mit einem Bußgeld von 10 Millionen Euro, das bisher nicht gezahlt wurde. Obwohl der Turm technisch solide vorbereitet ist, mit 43 Betonpfählen, die 40 Meter tief reichen, und einer 4 Meter dicken Bodenplatte, ist er zu einem „eingefrorenen Versprechen“ geworden.

Herausforderungen unter der Oberfläche
Alle Bauprojekte am Alexanderplatz teilen eine gemeinsame, unsichtbare Hürde: den Boden unter ihren Füßen. Direkt unter dem Platz kreuzen sich drei U-Bahn-Linien, ein „Nervensystem aus Tunneln, Kabeln und Technik“. Hinzu kommen alte Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und ein sehr hoher Grundwasserspiegel. Jeder Spatenstich kann hier „eine kleine Katastrophe auslösen“. Deshalb werden bis zu 40 Meter tiefe Pfähle in den Boden gerammt, auf denen 3 oder 4 Meter dicke Betonplatten ruhen – eine Bauweise, die an den Bau eines U-Boots an Land erinnert. Parallel dazu erfordern Genehmigungen, Abstimmungen und Abnahmen einen langwierigen Prozess, bei dem der Bezirk das eine, der Senat das andere und verschiedene Behörden wie die BVG und die Denkmalpflege ihre Anforderungen stellen. Ein Turm ist am Ende nicht nur ein Entwurf, sondern das Ergebnis Hunderter Entscheidungen, viele davon „unter der Erde, hinter verschlossenen Türen“.

Die politische Debatte: Wollen wir eine Skyline?
Die Frage, ob diese Hochhäuser überhaupt entstehen sollen, spaltet Berlin ähnlich stark wie der Bau des Flughafens. Bürgermeister Kai Wegner befürwortet die Entwicklung, inspiriert von New York, und sieht darin mehr Skyline, Dichte und Höhe für die Stadt, die neuen Wohnraum und Arbeitsplätze sowie eine lebendige Innenstadt schaffen kann. Kritiker hingegen sehen in den Hochhäusern „Fremdkörper“, die zu groß, zu kühl und zu profitgetrieben sind, und fragen, wem sie wirklich dienen – den Berlinern oder Investoren mit „Briefkasten in Luxemburg“. Dahinter steht die größere Frage, wie Berlin in Zukunft gestaltet werden soll: kleinteilig mit Höfen und Altbauten oder nach oben wachsend wie Frankfurt oder Rotterdam. Der Alexanderplatz ist kein neutraler Ort, sondern ein „Testfeld für Politik, für Architektur und für unsere Vorstellung davon, wie Berlin in Zukunft sein soll“.

Berlin ist keine Stadt der schnellen Entscheidungen. Wer hier baut, verhandelt mit der Geschichte, der Verwaltung und dem eigenen Anspruch. Der Alexanderplatz ist der „härteste Prüfstand“ für das, was Berlin einmal sein will. Manche sehen in den Türmen Hoffnung, andere ein Mahnmal für Größenwahn, doch fest steht: Der Platz bewegt sich, nicht linear, nicht perfekt, aber sichtbar. Und genau dieses „ewige Ringen um das richtige Maß zwischen Vergangenheit und Zukunft“ macht die Energie Berlins aus.

Moorwiedernässung: Ein Überlebenskampf für unsere Landschaften

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Der Klimawandel stellt unsere Landschaften vor immense Herausforderungen. Eine zentrale Rolle im Kampf gegen Wasserverlust und für den Erhalt der Biodiversität spielt dabei die Moorwiedernässung, ein komplexes Unterfangen, das weit über reine Umweltschutzmaßnahmen hinausgeht und auch die Landwirtschaft einbezieht.

In Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus ist der Mensch seit Jahrhunderten aktiv dabei, die Landschaft durch Entwässerung nutzbar zu machen. Hunderttausende Kilometer Entwässerungseinrichtungen durchziehen allein dieses Bundesland. Doch die Folgen sind dramatisch: Der Klimawandel führt zu höheren Temperaturen und stärkerer Verdunstung, was eine Verringerung des verfügbaren Wassers bedeutet. Winterüberschusswasser fließt schnell ab, während es in trockenen Phasen im Frühjahr und Sommer dringend benötigt wird.

Das Kernproblem: Eine ausgetrocknete Landschaft
Die intensive Entwässerung der Moore hat dazu geführt, dass sie ihre natürliche Funktion als Wasserspeicher und Kohlenstoffsenke weitgehend verloren haben. „Das große Problem ist tatsächlich mittlerweile, dass die Austrocknung der Landschaft des Landschaftswasserhaushalts“, so eine Expertin. Die Moore sind nicht an die starken Verdunstungsraten in unseren Hitzesommern angepasst. Hinzu kommen veraltete und marode Schöpfwerke, deren Betrieb hohe Kosten für die Landwirte verursacht.

Technologien und Strategien der Wiedernässung
Ziel der Moorwiedernässung ist es, diese Entwässerungseinrichtungen zurückzubauen und das hydrologische System wieder an natürliche Gegebenheiten anzupassen. Dies geschieht durch verschiedene bauliche Maßnahmen, die den Abfluss von Wasser verhindern sollen:

• Sohlleiten und Grabenverschlüsse werden eingesetzt.

• Durchfahrbare Purten werden gebaut, um das Wasser möglichst hoch und lange zu halten.

• Wo möglich, werden regelbare Staue eingerichtet, um den Wasserstand steuern zu können.

• In einem Beispiel wurde an einem Stauwerk eine Bohle eingesetzt, um den Flurwasserabstand auf 10 cm im Grünland zu fixieren, eine Maßnahme, die lediglich 300 Euro kostete.

• In zentralen Bereichen können Dichtwände errichtet werden, um Niederschlagswasser vollständig zurückzuhalten und so Hochmoorsockel und Torfmoosrasen zu bevorteilen.

• Bei bewaldeten Moorflächen, wie dem Rockendorfer Moor, ist es zudem notwendig, einen Teil der Waldfläche aufzulichten, um die Wasserbilanz zu verbessern, da die Niederschläge allein nicht ausreichen.

Das Paludi-Projekt verfolgt das Ziel, ganzjährig oberflächennahe Wasserstände einzustellen. Dies wird durch das Zurückhalten von Winterwasser und, wo möglich, durch das Einspeisen von Wasser von außerhalb im Sommer erreicht. Der bauliche Aufwand umfasst die Einrichtung von zusätzlichen Fahrwegen, 15 Staueinrichtungen und zusätzlichen Durchlässen, um die Befahrbarkeit sicherzustellen und den Wasserspiegel zu regulieren.

Paludikultur: Landwirtschaft und Naturschutz Hand in Hand
Ein viel diskutiertes Thema ist die wirtschaftliche Nutzung der Flächen nach der Wiedervernässung. Es geht nicht nur um Naturschutzgebiete, sondern auch um Wirtschaftswälder und Wiesenflächen. Die Idee ist, eine Paludikultur zu entwickeln, die produktiv ist und auch ohne weitere Projektbegleitung von Landwirten selbst betrieben werden kann.

• Extensive Grünlandbewirtschaftung ist weiterhin möglich. Landwirte können auch in nassen Sommern einen Schnitt der Flächen für Einstreu ihrer Rinder erzielen.

• Perspektivisch kann sich eine Nutzung wie die Rohrwerbung (Schilfernte) entwickeln, da sich sehr flache Gewässer mit 30 bis 50 cm Wassertiefe ideal für Schilf eignen.

• Auch die touristische Attraktivität soll durch Maßnahmen wie Aussichtsplattformen gesteigert werden.
Die Experten betonen die Wichtigkeit, Flächen produktiv zu halten und nicht „auf Teufel komm raus“ wieder zu vernässen, ohne die landwirtschaftliche Nutzung zu berücksichtigen.

Herausforderungen und Ausblick
Trotz aller Bemühungen ist die Moorwiedernässung eine anspruchsvolle Aufgabe. Die zunehmende Austrocknung der Landschaft und die steigenden Temperaturen erschweren eine effektive Wiedervernässung. Es wird nicht überall zum Erfolg kommen können.

Dennoch ist die Zielsetzung klar und „alternativlos“: Bis 2040 oder 2045 soll es gelingen, alle Moore in Deutschland auf Verbesserungen im Wasserhaushalt zu überprüfen und idealerweise dreiviertel davon in einen Zustand zu bringen, der ihren Erhalt sichert und zum Landschaftswasserhaushalt beiträgt. Die Moorwiedernässung ist ein entscheidender Schritt, um die Resilienz unserer Landschaften gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu stärken.

Mauer, Überwachung, Widerstand: Das Leben in der DDR und ihr Ende

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Das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik war über Jahrzehnte hinweg ein kompliziertes Geflecht aus staatlichem Anspruch und harter Realität. Geprägt von dem Ideal eines sozialistischen Staates, der Gleichheit, Sicherheit und Versorgung versprach, sahen sich die Bürgerinnen und Bürger einem Alltag gegenüber, der von Mangel, ständiger Überwachung und politischer Repression dominiert war. Für viele glich der Alltag einem Balanceakt zwischen Anpassung und innerem Widerstand, zwischen familiärem Rückzug und öffentlicher Konformität.

Ein System der Kontrolle und Knappheit
Von frühester Kindheit an wurden die Menschen in der DDR in das System eingebunden. Bereits im Kindergarten begann die Vermittlung sozialistischer Werte, gefolgt von einem stark ideologisch geprägten Unterricht in der Schule, mit Fächern wie Staatsbürgerkunde und Geschichte als zentrale Elemente der Erziehung im Sinne der SED. Lehrkräfte, die vom offiziellen Kurs abwichen, riskierten ihre Karriere, und viele passten sich an, nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Für Jugendliche war die Mitgliedschaft in der FDJ nahezu obligatorisch; wer sich verweigerte, hatte es später schwer, einen Studienplatz oder eine qualifizierte Ausbildung zu erhalten. Die FDJ diente dabei nicht nur als Jugendorganisation, sondern auch als Instrument zur ideologischen Kontrolle, wo bei Veranstaltungen auch überwacht wurde, wer sich wie verhielt.

Die Mangelwirtschaft prägte den Alltag der Menschen tiefgreifend. Kaffee, Südfrüchte, Autos – vieles war kaum oder gar nicht erhältlich. Beziehungen, oft als „Vitamin B“ bezeichnet, waren wichtiger als Geld, um an begehrte Waren zu kommen. Die Wartezeit auf ein Auto, wie einen Trabant, konnte bis zu 15 Jahre betragen, sodass Anträge oft schon bei der Geburt eines Kindes gestellt wurden. Westliche Waren wie Bananen oder Schokolade galten als absolute Luxusartikel, und wenn sich die Nachricht verbreitete, dass solche Güter eingetroffen waren, bildeten sich sofort lange Schlangen – oft ohne dass die Wartenden wussten, was es gab. Das Anstehen war ein fester Bestandteil des Alltags.

Doch nicht nur materielle Einschränkungen bestimmten das Leben, sondern auch das allgegenwärtige Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Die Staatssicherheit, kurz Stasi, war allgegenwärtig, mit inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) in fast jedem Wohnhaus, die Informationen sammelten und weitergaben. Misstrauen war eine Grundhaltung, da selbst Freunde oder Kollegen Spitzel sein konnten. Gespräche wurden bewusst zensiert, selbst im Familienkreis, und Kinder wurden angehalten, nicht alles aus dem Elternhaus in der Schule zu erzählen. Briefe wurden geöffnet, Telefone abgehört, Wohnungen verwanzt. Wer sich kritisch äußerte, riskierte seine Existenz; ein abfälliger Satz über Honecker konnte zur Verhaftung führen, viele verloren Arbeit oder Wohnung.

Stiller Protest und gefährliche Flucht
Trotz dieser Repressionen entwickelte sich ein erstaunlicher Überlebenswille. Die Menschen arrangierten sich und fanden Nischen. Musik, Literatur und Kunst wurden zu Ausdrucksformen des stillen Protests. In Hinterzimmern las man westliche Literatur, hörte verbotene Sender wie RIAS oder die Deutsche Welle. In Kirchenräumen fanden oppositionelle Gruppen zusammen, die über Frieden, Umwelt und Menschenrechte diskutierten – Themen, die vom Staat unterdrückt wurden.

Für viele war die Flucht der einzige Ausweg, doch sie war extrem gefährlich und oft lebensbedrohlich. Hunderte Menschen starben bei dem Versuch, die innerdeutsche Grenze oder die Berliner Mauer zu überwinden. Dennoch ließen sich viele nicht abschrecken: Tunnel wurden gegraben, Heißluftballons gebaut oder versteckte Verstecke in Autos eingerichtet – die Kreativität und Verzweiflung kannten kaum Grenzen. Familien wurden auseinandergerissen, Eltern mussten Kinder zurücklassen, Paare sich trennen, alles in der Hoffnung auf ein Leben in Freiheit.

Der Wandel und der Fall der Mauer
In den späten 1980er Jahren begann sich die Stimmung in der DDR spürbar zu verändern. Das Vertrauen in die politische Führung schwand, die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich weiter, und immer mehr Menschen begannen offen über Veränderungen zu sprechen. Die politische Wende in der Sowjetunion unter Michael Gorbatschow mit den Schlagworten Glasnost und Perestroika hatte eine Signalwirkung. Während in anderen Ostblockstaaten vorsichtige Reformen eingeleitet wurden, hielt die DDR-Führung unter Erich Honecker stur an ihrem Kurs fest.

Das Unbehagen wuchs, und die Zahl der Ausreiseanträge stieg sprunghaft an. Wer einen solchen Antrag stellte, lebte oft monate- oder jahrelang in einem Schwebezustand, beruflich benachteiligt, gesellschaftlich isoliert und staatlich beobachtet, teils schikaniert von der Stasi. Doch der Druck auf das System wurde größer. Besonders die evangelischen Kirchen spielten eine zentrale Rolle, da sie einen der wenigen Orte boten, an denen sich kritische Geister relativ geschützt austauschen konnten. Hier entstanden Friedens- und Umweltgruppen, diskutiert wurde über Menschenrechte, Meinungs- und Reisefreiheit. In Leipzig, Ostberlin, Dresden und anderen Städten etablierten sich regelmäßige Treffen, zunächst still, dann immer mutiger.

Das Jahr 1989 war der Wendepunkt. Obwohl der 40. Jahrestag der DDR im Oktober noch groß gefeiert wurde, liefen die Ereignisse im Hintergrund bereits aus dem Ruder. In Leipzig fanden die Montagsdemonstrationen statt, bei denen Tausende Menschen den Satz „Wir sind das Volk“ riefen, der zum Symbol der Bewegung wurde. Die SED und die Staatssicherheit reagierten zunächst mit Einschüchterung und massiver Präsenz, doch der Protest wuchs weiter.

Im Sommer und Herbst 1989 nutzten viele DDR-Bürger die Möglichkeit zur Flucht über Ungarn, das im Mai den Eisernen Vorhang zu Österreich geöffnet hatte, und auch über die CSSR. Tausende reisten zunächst als Urlauber aus, dann mit der Absicht, in den Westen zu fliehen. In Prag und Budapest drängten sich DDR-Flüchtlinge in die westdeutschen Botschaften, wo sie unter beengten Bedingungen ausharrten; die Bilder gingen um die Welt.

Der Druck auf die DDR-Regierung wurde unaufhaltsam. Die Unzufriedenheit war nicht mehr zu unterdrücken, und Risse zeigten sich auch innerhalb der Partei. Am 18. Oktober 1989 wurde Honecker von Egon Krenz abgelöst, doch es war zu spät – die Menschen glaubten der neuen Führung nicht mehr.

Am 9. November 1989 kam es schließlich zur historischen Wendung. Günther Schabowski, ein Mitglied des Politbüros, verlas auf einer Pressekonferenz eine Mitteilung über neue Reiseregelungen. Auf die Nachfrage eines Journalisten, wann diese in Kraft treten, antwortete er verunsichert: „Das tritt nach meiner Kenntnis ist das sofort unverzüglich?“. Noch in derselben Nacht strömten Tausende Menschen zu den Grenzübergängen. Die Grenzsoldaten waren nicht vorbereitet, erhielten keine klaren Befehle und öffneten schließlich die Schlagbäume.

Es war ein Moment, der in die Geschichte einging: Die Mauer, das Symbol der deutschen Teilung, fiel nicht durch Gewalt, sondern durch friedlichen Protest und einen Verwaltungsfehler. Die Bilder von jubelnden Menschen auf der Mauer und von Familien, die sich nach Jahrzehnten wieder in den Armen lagen, gingen um die Welt. Die DDR hatte damit faktisch aufgehört zu existieren, auch wenn sie formal erst am 3. Oktober 1990 durch den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland aufgelöst wurde.

Die Herausforderungen der Einheit
Mit dem Mauerfall begann jedoch auch eine schwierige Zeit für viele Menschen aus der DDR. Die anfängliche Euphorie der Einheit wich bald einer nüchternen Realität. Die wirtschaftliche Umstellung bedeutete für viele den Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrer sozialen Sicherheiten und ihrer Identität. Die Treuhand übernahm die Abwicklung der volkseigenen Betriebe; viele wurden geschlossen, verkauft oder privatisiert. Ganze Regionen litten unter der Deindustrialisierung, und besonders ältere Menschen fühlten sich überfordert, entwertet und zurückgelassen.

Auch gesellschaftlich blieben viele Fragen ungeklärt. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Rolle der SED, der Stasi und der eigenen Anpassung oder Mitwirkung war schmerzhaft. Viele Menschen erfuhren, dass Freunde, Kollegen oder sogar Familienmitglieder sie jahrelang bespitzelt hatten. Die Akten der Stasi offenbarten eine erschütternde Tiefe staatlicher Kontrolle und privater Preisgabe. Die Frage „Wie konntest du das tun?“ wurde in vielen Wohnzimmern gestellt und oft nie beantwortet.

Thüringen schnürt 100-Millionen-Hilfspaket für Krankenhäuser

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Erfurt. Das Thüringer Kabinett hat heute eine entscheidende Richtlinie zur finanziellen Unterstützung der Krankenhäuser im Freistaat beschlossen. Es handelt sich um ein mit Spannung erwartetes Kreditprogramm, das in enger Zusammenarbeit zwischen dem Gesundheits- und dem Finanzministerium erarbeitet wurde. Das Paket soll Krankenhäusern durch vorübergehende Liquiditätsengpässe helfen, bis die umfassenden Reformen der Krankenhausfinanzierung auf Bundesebene greifen.

Gesundheitsministerin Katharina Schenk und Finanzministerin Katja Wolf präsentierten die Details des Programms auf einer gemeinsamen Regierungsmedienkonferenz. „Gesundheitspolitik ist für uns eine der zentralen Stellschrauben der Lebenszufriedenheit der Thüringerinnen und Thüringer“, betonte Schenk.

Hintergrund: Eine Branche in der Krise
Die Notwendigkeit des Hilfspakets wird durch die bundesweite Problemlage der Krankenhäuser unterstrichen: 80 Prozent der Kliniken bundesweit verzeichneten im Vorjahr negative Ergebnisse. Die Ministerinnen führten dies auf Kostensteigerungen bei Personal und Sachmitteln sowie eine strukturelle Unterfinanzierung zurück. Obwohl das Bundes-Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz darauf abzielt, diese Probleme zu lösen, dauert es noch geraume Zeit, bis die Reformen wirken. Genau diese Übergangsphase, die bis Ende 2028 andauern könnte, will Thüringen überbrücken.

Das Thüringer Darlehensprogramm im Detail
Die neue Richtlinie ermöglicht es bedarfsnotwendigen Krankenhäusern in Thüringen, Kredite zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen zu erhalten. Die Zusammenarbeit erfolgt mit der Thüringer Aufbaubank (TAB).

• Ziele: Das Hauptziel ist es, unkontrollierte Insolvenzen wie in der Vergangenheit zu vermeiden und die bedarfsnotwendige medizinische Versorgung sicherzustellen. Zudem soll verhindert werden, dass qualifiziertes Personal aufgrund von Unsicherheit abwandert. Die wohnortnahe Gesundheitsversorgung ist ein Kernanliegen der Landesregierung.

• Volumen und Konditionen: Das Gesamtvolumen des Programms beträgt 100 Millionen Euro, wobei die Darlehenshöhe für den Einzelfall auf bis zu 10 Millionen Euro begrenzt ist. Die maximale Laufzeit der Darlehen beträgt 15 Jahre.

• Voraussetzungen: Eine zentrale Bedingung für die Kreditvergabe ist ein tragfähiges Geschäftsmodell, das eine realistische Rückzahlung der Kredite bei normalem wirtschaftlichem Verlauf gewährleistet. Das Programm ist ausdrücklich keine „Bestandsgarantie für alle Thüringer Häuser“, stellte Finanzministerin Katja Wolf klar. Kliniken, die sich perspektivisch betriebswirtschaftlich nicht rechnen oder bereits von einer drohenden Insolvenz betroffen sind, sind ausgeschlossen. Die Thüringer Aufbaubank prüft diese Kriterien.

• Zinssatz: Der Zinssatz wird im Einzelfall festgelegt, aber durch die hundertprozentige Bürgschaft des Landes auf einem vertretbaren Niveau gehalten.

Darlehen statt Zuschüsse: Ein Novum in Thüringen
Die Entscheidung für ein Darlehensprogramm anstelle von Zuschüssen wurde von Journalisten hinterfragt, insbesondere im Hinblick auf einen gescheiterten „Rettungsschirm“ der Vorgängerregierung. Gesundheitsministerin Schenk stellte klar, dass der frühere Schirm nicht wegen des Fehlens von Zuschüssen scheiterte, sondern weil die damals notwendige Globalbürgschaft des Finanzministeriums fehlte. „Es ist wirklich ein Novum, dass diese Regierung es geschafft hat, die Richtlinie vorzulegen und die dazugehörige Globalbürgschaft“, so Schenk.

Finanzministerin Wolf ergänzte, dass Darlehen für Kliniken, die nach der Reform wieder „in ganz normalen betriebswirtschaftlichen Zeiten unterwegs“ sein werden, der bessere Weg seien, da es sich letztlich um Steuermittel handele. Dies ermögliche eine „liquiditätsunterstützung dann in der zeit der wirkenden reform auch zurückzuzahlen“.

Ergänzung zu Bundesmitteln
Das Thüringer Programm versteht sich als Überbrückung bis zur vollen Wirksamkeit der Bundesreformen und des Transformationsfonds. Während der Bund mit 4 Milliarden Euro die „fehlenden Betriebsmittel der Vergangenheit aufzufangen“ plant, adressiert das Thüringer Programm akute Liquiditätsengpässe in der jetzigen Übergangsphase. Der Transformationsfonds des Bundes, den das Land kofinanziert, ist hingegen für Umbaumaßnahmen und strukturelle Anpassungen der Kliniken gedacht, die erst nach einer genauen Planungsphase erfolgen können.

Qualität vor bloßem Bestand
Auf die Frage, wie die 20-Minuten-Versorgung in Thüringen gewährleistet bleiben soll, wenn nicht jedes Krankenhaus überleben kann, erklärte Katharina Schenk: „Nur weil irgendwo ein Krankenhaus ist, heißt das nicht, dass Sie dort die beste medizinische Versorgung bekommen“. Sie betonte, dass die Qualität der Versorgung von der Menge der Eingriffe abhängt. Ziel sei es, die Erreichbarkeit und die Qualität in den Fokus zu stellen und alternative Versorgungsmodelle wie Teilambulantisierung oder sektorenübergreifende Versorger zu prüfen. Es dürfe nicht darum gehen, Kliniken nur des Bestandes wegen zu erhalten, wenn dies zu einer schlechteren medizinischen Qualität führe.

Das heute im Kabinett beschlossene Programm sei ein „glücklicher Moment“, so Katja Wolf, denn viele in Thüringen hätten sehnsüchtig darauf gewartet. Es ist ein wichtiger Schritt, um die Gesundheitsversorgung im Freistaat in einer kritischen Übergangsphase zu sichern.

Ein Biss Heimat: Die unvergesslichen Fast-Food-Legenden der DDR

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Fast Food im Osten – das war weit mehr als nur ein schneller Happen. Es war eine Kultur für sich, eine Antwort auf den Alltag, ein Stück Heimat, das man auf die Hand bekam. Vergessen Sie Burger mit drei Saucen; in der DDR war Fast Food deftig, schnell und manchmal das Beste am ganzen Tag. Es roch nach Alltag und schmeckte nach Zuhause. Hier sind einige der unvergesslichen Klassiker, die bis heute Erinnerungen wecken:

• Der Broiler: König der Fast-Food-Kultur Keiner nannte ihn Brathähnchen. Der Broiler war der unangefochtene König der ostdeutschen Fast-Food-Kultur. Außen knusprig mit einer würzigen Kruste und goldener Haut, innen dampfend, würzig und zart. Man aß ihn mit den Händen, die Finger wurden fettig, und das Lächeln war groß. Es gab ihn in speziellen Broilerbars, am Imbiss oder bei Großveranstaltungen. Dazu gab es Kartoffelsalat oder einfach eine Semmel und einen Klecks Bautz’ner Senf. Der Broiler war „greifbarer Luxus“ und ein „Feiertag im Alltag“.

• Die Ketwurst: Eine ostdeutsche Innovation Länglich, heiß und saftig, tief im Brötchen steckend und manchmal auf die Finger tropfend – das war die Ketwurst. Sie war eine Eigenentwicklung, schnell, praktisch und anders. Erfunden in Berlin, wurde das Brötchen vorgebohrt, damit die Wurst genau hineinpasste. Dazu kam eine kräftige Sauce aus Tomate, Paprika und Senf, süßlich-würzig und manchmal leicht scharf. Die Ketwurst war keine billige Kopie des Hotdogs, sondern „etwas eigenes, etwas Ostdeutsches, etwas das blieb“.

• Die Grilletta: Der DDR-Burger vor seiner Zeit 1982 erfunden, um der Jugend etwas auf die Hand zu geben: Die Grilletta. Ein Sauerteigbrötchen, rund und einseitig kross, gefüllt mit einer dicken Bulette aus Schweinefleisch. Manchmal kam Ketchup, Senf oder Chutneysauce dazu. Verkauft an Bahnhöfen, in Konsumimbissen und auf Festen, war sie warm, fettig und sättigend. Obwohl das Brötchen oft auseinanderbrach und die Sauce lief, war sie ein Genuss – das ostdeutsche Streetfood, bevor es den Begriff gab.

• Die Kruster: Pizza auf Ostdeutsch Die Kruster war Ostdeutschlands Antwort auf Pizza. Eckig, rustikal und voller Ideen, bestand sie aus einem Hefeteig, oft mit Roggenmehl. Belegt wurde sie mit dem, was da war: Jagdwurst, Zwiebeln, Letscho, Schmelzkäse, vielleicht Paprika oder manchmal auch ein Ei. Ihre Besonderheit lag nicht in der Exotik, sondern in der Fantasie und der Fähigkeit, satt zu machen. In den Siebzigern gab es sogar eigene Krusterstuben.

• DDR Currywurst: Wurst und Sauce ohne Firlefanz Manchmal süß, manchmal scharf, rot und dickflüssig – die DDR Currywurst klebte an allem: Wurst, Fingern, Erinnerungen. Oft wurde sie ohne Darm serviert, in Scheiben geschnitten und mit einer kräftigen Tomatensauce übergossen. Diese Sauce, mit Tomatenmark, Zucker, Senf, Curry und Paprika, hatte es in sich, und jede Bude hatte ihr eigenes Geheimnis. Sie war das Feierabendessen für viele und ein Imbissstand-Klassiker, der nach Straße, Alltag und Leben schmeckte.

• Die Thüringer Roster: Ein Grill-Ritual Sie zischte, duftete und machte alles besser: Die Thüringer Roster. Eine Wurst aus Schweinefleisch, gewürzt mit Majoran, Knoblauch und Kümmel, die „richtig“ auf Holzkohle gegrillt wurde, nicht im Elektrogrill. Serviert im Brötchen oder auf dem Teller, aber immer mit Senf. Die Roster war kein Snack, sondern ein Ritual, das zu Fußballplätzen, Gartenfesten und Maifeiern gehörte. Ein deftiger Biss und für einen Moment war alles gut.

• Bockwurst im Brötchen: Der verlässliche Alltagsbegleiter An der Kaufhalle, am Bahnhof, vorm Kulturhaus – die Bockwurst im Brötchen war überall. Warm, schnell, verlässlich. Man bekam sie auf die Hand, manchmal dampfend, oft mit einem Tropfen Senf, natürlich aus Bautzen. Das Brötchen war nicht immer frisch, aber die Wurst war es und sie machte satt. Sie war nicht spektakulär, aber ein Stück Alltag, das man nicht vergisst.

• Pfannkuchen: Das süße Fest im Alltag Flauschig, süß und zuckerumhüllt – der Pfannkuchen, den im Osten niemand Berliner nannte. Ein Klassiker bis heute. Rund, goldgelb frittiert, gefüllt, meist mit Himbeer- oder Erdbeermarmelade, manchmal Pflaume. Namen waren regional unterschiedlich: In Berlin Pfannkuchen, in Sachsen Kreppel, in Thüringen Ballen. Sie gehörten zu Feiertagen, Geburtstagen und Silvester.

• Die Gulaschkanone: Zusammenhalt in dampfender Form Wenn der Duft von Kassler und Majoran über die Festwiese zog, war die Gulaschkanone nicht weit. Dieser riesige, mobile Kochtopf auf Rädern servierte ehrliche Hausmannskost. Klassiker waren die Linsen- und Erbsensuppe: herzhaft, dick, mit Kartoffelstücken, salzigen Kasslerwürfeln und einem Schuss Essig. Sie war ein Zeichen der Versorgung und ein Symbol dafür, dass für alle gesorgt wurde – „Zusammenhalt in dampfender Form“.

• Mutzbraten: Gemeinschaft am Spieß Rauch in den Haaren, Fett auf dem Teller, Wärme im Bauch – der Mutzbraten. Durchzogen von Fett und Pfeffer, außen knusprig, innen zart, gewürzt mit Majoran, Kümmel, Knoblauch und stundenlang über offenem Feuer gedreht. Er kam aus Thüringen, war aber in der ganzen DDR beliebt. Er war ein Festessen für draußen, für Volksfeste, und bedeutete vor allem Zeit und Gemeinschaft.

• Karlsbaderschnitte: Schnell, gut, sättigend Eine Scheibe Weißbrot, mit Butter bestrichen, Tomatenmark für die, die es mochten, belegt mit Schinken oder Jagdwurst und oben drauf Käse – das war die Karlsbaderschnitte. Überbacken im Ofen, verfeinert mit einem Klecks Dresdner Worcestersoße, war sie außen knusprig, innen cremig und nie kompliziert. Ein Abendbrot, wenn es schnell gehen musste, aber gut werden sollte.

• Arme Ritter: Süßes Abendbrot mit Gefühl Aus übrig gebliebenen Weißbrotscheiben, Milch, Ei und Zucker entstand etwas Süßes, Warmes, Tröstliches: Arme Ritter. Das Brot wurde in Butter getränkt, gebraten und mit Zimt und Zucker bestreut. Dazu gab es Apfelmus oder einfach „einen Löffel Liebe“. Sie waren nie spektakulär, aber immer „genau richtig“ und schmeckten nach Kindheit.

• Würzfleisch: Feierlichkeit auf dem Teller Klein geschnittenes, gekochtes, gezupftes Fleisch, gebettet in einer hellen, würzigen Soße in kleinen Porzellanschälchen, mit geriebenem Käse im Ofen goldbraun überbacken. Dazu ein Spritzer Dresdner Worcestersoße und ein Zitronenschnitz. Das Würzfleisch war die volkstümliche Variante aus dem Osten, oft aus Hähnchen oder Schwein, eben aus allem, was verfügbar war. Mit Toast serviert, war der Geschmack cremig und kräftig – „ein bisschen Feierlichkeit auf ostdeutschen Tellern“.

• Gebackener Blumenkohl: Vegetarischer Klassiker Der gekochte Kohlkopf wurde zerteilt, in geschlagenem Ei gewendet und paniert, dann in heißem Fett goldgelb gebraten. Gebackener Blumenkohl war das vegetarische Hauptgericht der DDR, noch bevor das Wort vegetarisch Alltag wurde. Serviert mit Salzkartoffeln oder pur, war er außen knusprig, innen zart, und niemand war enttäuscht, obwohl kein Fleisch dabei war.

• Strammer Max: Deftig und verlässlich Ein Stück Brot, dick mit Butter bestrichen, darauf eine Scheibe Schinken und oben drauf ein Spiegelei, gelb wie die Sonne – der Stramme Max. Schnell gemacht, immer da. Man aß ihn mit Messer und Gabel oder einfach mit der Hand; jeder Bissen war knusprig, weich und deftig zugleich. Wer nichts im Haus hatte, machte einen Strammen Max und hatte plötzlich alles.

• Speckfettbäemme: Pure DDR-Küche Einfaches Brot, bestrichen mit warmem Speckfett, oben drauf Salz, Pfeffer, vielleicht Zwiebeln und eine Gewürzgurke aus dem Spreewald – die Speckfettbemme. Sie war das Gegenteil von Diätkost, aber ehrlich. Sie machte satt, gab Kraft und schmeckte nach Ofenwärme und Heimat – „pure DDR-Küche“, die man nicht vergisst.

• Quarkkeulchen: Das süße Finale Ein Rest gekochter, gepresster Kartoffeln, etwas Quark, Mehl, Ei und Zucker – daraus wurden Quarkkeulchen. Kleine, deftige Küchlein, in der Pfanne goldbraun gebraten und innen weich. Dazu gab es Apfelmus oder Heidelbeerkompott oder einfach nur Zucker und Zimt. Kinder liebten sie, Erwachsene auch; sie waren das süße Finale eines Tages und manchmal auch der Anfang einer schönen Erinnerung.

• Schokoladensuppe: Wärme auf dem Löffel Aus Milch und Kakao entstand keine heiße Schokolade, sondern Schokoladensuppe. Flüssige Wärme, süß und tiefbraun, mit Zwieback, der darin wie kleine Inseln schwamm. Sie war kein Dessert, sondern Hauptgericht an grauen Tagen. Schnell, günstig, gut – wie so vieles im Osten. Wer den Teller ausleckte, wusste: „das ist keine Nachspeise, das ist Erinnerung in Esslöffelgröße“.

Diese 20 Gerichte waren einfach gemacht, aber nie vergessen. Sie rochen nach Alltag, schmeckten nach Zuhause und bewiesen eines: Schnelles Essen kann trotzdem voller Gefühl sein.

Sachsen-Anhalt treibt Wärmewende voran und fordert Vertrauen bei der Stromsteuer

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Auf der Kabinettspressekonferenz in Magdeburg standen wegweisende Entscheidungen und deutliche Appelle im Mittelpunkt. Energieminister Professor Dr. Armin Willingmann und Regierungssprecher Dr. Matthias Schube informierten über die Verabschiedung eines neuen Landesgesetzes zur kommunalen Wärmeplanung, wichtige Initiativen im Bundesrat und die Debatte um die Stromsteuersenkung.

Kommunale Wärmeplanung: Ein Fahrplan für die postfossile Wärmeversorgung
Ein zentrales Thema war die Verabschiedung des Landesgesetzes zur Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung. Dieses Gesetz überführt das bereits seit Januar 2024 geltende Bundes-Wärmeplanungsgesetz in die Landesgesetzgebung. Da Sachsen-Anhalt zu den vier Bundesländern gehört, die kein eigenes Klimaschutzgesetz haben, war hierfür ein erhöhter gesetzgeberischer Aufwand notwendig.

Das Kernziel des Gesetzes ist es, Planungssicherheit für Bürger und Unternehmen zu schaffen. Es geht darum festzustellen, wie die Wärmeversorgung in den Gemeinden künftig gestaltet werden soll, insbesondere im postfossilen Zeitalter, wenn die Gasversorgung schrittweise zurückgefahren wird. Die Wärmeplanung soll aufzeigen, welche Möglichkeiten der Wärmeversorgung bestehen, wie z.B. Fernwärme, Nahwärmenetze von Stadtwerken oder anderen Anbietern, und wo individuelle Lösungen erforderlich sind.

Die Fristen für die Gemeinden sind klar definiert: Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern – in Sachsen-Anhalt sind dies Halle und die Landeshauptstadt Magdeburg – müssen ihre Wärmeplanung bis zum 30. Juni 2026 abschließen. Kleinere Gemeinden haben bis zum 30. Juni 2028 Zeit. Bemerkenswert ist, dass 59 Gemeinden in Sachsen-Anhalt bereits vor Verabschiedung des Gesetzes mit eigenen Wärmeplanungen begonnen haben, wobei 52 davon bis Ende 2025 fertig sein sollen. Dies zeige, dass das Thema in den Gemeinden bereits angekommen sei.

Das Landesgesetz sieht auch vereinfachte und verkürzte Verfahren vor, insbesondere für kleinere Gemeinden mit unter 10.000 Einwohnern oder in Gebieten, wo die künftige Wärmeversorgung, z.B. ohne bestehendes Gasnetz, bereits klar ist. Minister Willingmann betonte die Notwendigkeit, schnell eine Fachplanung zu erreichen, damit die Menschen wissen, ob sie auf Fern- oder Nahwärme hoffen können oder selbst aktiv werden müssen, beispielsweise mit einer Wärmepumpe.

Die Umsetzung der Wärmewende erfordert enorme Investitionen: Bis 2030 werden deutschlandweit 750 Milliarden Euro benötigt, bis 2045 sogar das Doppelte. Willingmann wies auf die Notwendigkeit einer soliden Finanzierungsgrundlage hin, wie den im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vorgesehenen „Deutschlandfonds“ oder den von Sachsen-Anhalt vorgeschlagenen „Energiewendefonds“. Er bekräftigte, dass die Wärmewende trotz möglicher zeitlicher Streckungen kommen werde.

Minister Willingmann kündigte zudem eine Sommertour ab dem 14. Juli an, bei der er sich vor Ort in Merseburg, Haldensleben, Gardelegen, Wernigerode und Herbst über den Stand der Energie- und Wärmeplanung informieren will. Bezüglich der Förderung von Wärmepumpen begrüßte er, dass der Bund diese Unterstützung nicht gestrichen habe und forderte eine sozial gestaffelte Weiterführung, da Wärmepumpen trotz sinkender Preise weiterhin kostenintensiv seien.

Wichtige Kabinettsbeschlüsse und Bundesratsinitiativen
Neben der Wärmeplanung wurden weitere relevante Themen besprochen:

• Kita-Bereich: Sachsen-Anhalt hat einen Vertrag mit dem Bund über fast 100 Millionen Euro zur Qualitätsentwicklung und für zusätzliche Fachkräfte im Kita-Bereich abgeschlossen. Regierungssprecher Schube hob hervor, dass dies Standards biete, die nicht viele Regionen in Europa bieten könnten.

• EU-Vorschlag zur Fahrzeugüberwachung: Das Kabinett lehnte den EU-Vorschlag, Autos, die älter als 10 Jahre sind, jährlich zum TÜV zu schicken, mit Empörung ab. Begründung: Technische Versagen bei älteren Automobilen sind bei Verkehrsunfällen die Ausnahme. Der Ministerpräsident regte an, die EU solle sich lieber um „wirkliche Probleme“, wie in der Chemieindustrie, kümmern.

• Frauen in Führungspositionen: Der Anteil von Frauen in gehobenen Führungspositionen der Landesverwaltung ist von rund 31% im Jahr 2012 auf 42% im Jahr 2024 gestiegen. Frau Benne werde hierzu in den kommenden Wochen eine ausführliche Unterrichtung für die Medien geben.

• Landesentwicklungsplan: Der Entwurf geht in die zweite Runde. Ziel ist die Verabschiedung in dieser Legislaturperiode. Themen sind unter anderem großflächiger Einzelhandel und Abbau von Bodenschätzen.

• Sondervermögen „Wirtschaftsbooster“: Sachsen-Anhalt wird der Zustimmung zu diesem wichtigen Bundesratsvorhaben zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland am kommenden Freitag zustimmen.

• Abschiebehäftlinge in Justizvollzugsanstalten: Eine Bundesratsinitiative Sachsen-Anhalts, Abschiebehäftlinge in Ausnahmefällen in normalen Gefängnissen unterzubringen, könnte am Freitag im Bundesrat behandelt werden. Minister Willingmann erklärte, dass das Kabinett dem zugestimmt habe und es auch für Sozialdemokraten nicht undenkbar sei, um Abschiebungen zu erleichtern oder zu beschleunigen. Es handelt sich um eine zeitlich befristete Maßnahme, bis ausreichend EU-konforme Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Stromsteuer: Appell für Glaubwürdigkeit und umfassende Entlastung
Ein weiterer Streitpunkt war die Stromsteuer. Minister Willingmann zeigte sich „unglücklich“ und „enttäuscht“ über das Ergebnis des Koalitionsausschusses der Bundesregierung, die eine Senkung der Stromsteuer als Sofortmaßnahme im Koalitionsvertrag versprochen hatte. Die Senkung wurde nun auf die Landwirtschaft und das produzierende Gewerbe (Industrie) beschränkt und soll erst zum 1. Januar 2026 in Kraft treten, während Privatleute und kleinere Unternehmen weiterhin den vollen Höchstsatz zahlen müssen.

Willingmann kritisierte, dass hier Vertrauen „sehr intensiv in Anspruch genommen“ worden sei, insbesondere bei den Menschen in Ostdeutschland, die mit niedrigeren Lohngefügen stärker von hohen Energiekosten betroffen seien. Er forderte den Bundesfinanzminister und die Bundeswirtschaftsministerin in einem Brief auf, die Aussage des Koalitionsvertrags stärker zu konkretisieren und die Senkung nicht nur in Aussicht zu stellen.

Sein Vorschlag: Eine zweistufige Senkung der Stromsteuer für alle. Ein erster Cent Entlastung pro Kilowattstunde ab dem 1. Januar 2026, gefolgt von einem weiteren Cent ab dem 1. Januar 2027. Dies würde die fiskalische Situation berücksichtigen und gleichzeitig die Glaubwürdigkeit der Politik erhöhen.

Mit diesen weitreichenden Entscheidungen und Appellen unterstrich die Landesregierung Sachsen-Anhalts ihr Engagement für die Energiewende und die Entlastung der Bürger, während sie gleichzeitig ihre Positionen auf Bundesebene deutlich macht.

Wie der Braunschweiger Hof in Klötze die DDR-Küche als „Dauerbrenner“ feiert

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Klötze, Altmark. Ein ganz besonderer Duft weht durch Klötze in der Altmark – der Duft von Ostalgie. Mitten in der Stadt, im „Braunschweiger Hof“, wird zur Mittagszeit nicht nur warmes Essen serviert, sondern auch ein Stück gelebte Geschichte und Kindheitserinnerungen. Dieser Ort ist längst zu einem „Leuchtturm der Mittagsversorgung“ geworden, nachdem die alte „Bruzzelbude“ ihre Tore schloss.

Was hier auf den Teller kommt, sind die guten alten DDR-Klassiker, die viele Gäste aus ihrer Kindheit kennen und lieben. Es ist die Hausmannskost, mit der eine ganze Generation groß geworden ist und die von Großmüttern und Müttern mit Leidenschaft zubereitet wurde. Dazu gehören deftige Gerichte, die satt und glücklich machen.

Ein prominentes Beispiel ist die „Tote Oma“, deren Name für Außenstehende befremdlich wirken mag, aber für diejenigen, die damit aufgewachsen sind, sofort klar ist, was gemeint ist: Blutwurst, Rotwurst oder klassisch Lose Wurst, serviert mit Kartoffeln und Gewürzgurke. Dieses Gericht wird als „simpel, deftig, ein echtes Stück Heimat“ beschrieben. Aber auch andere beliebte Speisen wie Nudeln mit Jägerschnitzel, Soljanka, Hühnerfrikassee, Kaltschale oder Eier mit Senfsoße finden sich auf der Speisekarte.

Das Konzept kommt so gut an, dass der „Braunschweiger Hof“ regelmäßig ausgebucht ist. Viele Gäste haben sogar Angst, um 13:30 Uhr kein Essen mehr zu bekommen, und geben daher oft schon am Vortag Bestellungen auf. Ab April kommen Stammgäste sogar täglich. Die Beliebtheit liegt nicht nur an den günstigen Preisen zwischen 6 und 9 Euro, sondern vor allem am Geschmack und der Verbundenheit mit der Kindheit. Während Pommes, Chinesisch oder Döner an jeder Ecke erhältlich sind, findet man diese Art von Hausmannskost nur selten außerhalb der eigenen Küche.

Besonderer Wert wird auf Frische gelegt: „Alles wird frisch gekocht und mit viel Herz serviert“. Hin und wieder gönnt sich die Küche sogar einen kleinen „moderneren“ Einfall. Als „kleines Bonus-Schmankerl“ wird lose Wurst paniert, oft mit japanischem Paniermehl (Pankomehl), um sie besonders knusprig zu machen, und einfach zum Gericht dazugelegt.

In Klötze wird aus einem kleinen Mittagstisch ein „richtig großes Stück Geschichte“. Die DDR-Küche erweist sich hier als „Dauerbrenner“, die den Gästen „Heimat auf dem Teller“ bietet.

Tino Eisbrenner über die ungenutzten Chancen der Wiedervereinigung

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Im Gespräch mit Tino Eisbrenner, einem Musiker und Texter, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, wurden tiefgreifende Einblicke in die ostdeutsche Mentalität, die Erfahrungen nach der Wende und die aktuellen Herausforderungen der Gesellschaft gewährt. Das Interview, geführt von Alexander von Bismarck, beleuchtet dabei zentrale Aspekte, die oft in der gesamtdeutschen Diskussion untergehen.

Die Kraft der Gemeinschaft und die „innere Heimat“
Ein wiederkehrendes Thema ist die Bodenständigkeit und der starke Gemeinschaftssinn auf den Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern, wo Eisbrenner lebt. Im Gegensatz zur Anonymität der Stadt, wo Menschen oft in Schubladen gesteckt werden, kennen sich die Dorfbewohner von Kindheit an und entwickeln dadurch eine höhere Toleranz für unterschiedliche Entwicklungen und Meinungen. Es gibt keine „Kontaktschuld“ und weniger „Fremde“.

Die DDR prägte laut Eisbrenner ein großes Bewusstsein dafür, dass Menschsein nicht primär eine Frage des Geldverdienens ist, sondern eine Frage der inneren Kultur und Heimat. Es ging darum, wie man mit seiner Persönlichkeit die Gemeinschaft stärkt und etwas gibt, um dann auch von der Gemeinschaft Anerkennung zu erfahren. Diese Anerkennung war nicht das Honorar, sondern die Wertschätzung der Gemeinschaft selbst. Alexander von Bismarck, der selbst vor über 30 Jahren vom Westen in den Osten zog, bestätigt, dass er diese Sensibilität und den gesunden Menschenverstand besonders im Umgang mit hart arbeitenden Menschen im Osten gelernt hat.

Bildung als Fundament: Ein verlorener Schatz?
Ein wesentlicher Punkt der Diskussion ist das Bildungssystem. In der DDR und der Sowjetunion war man laut Eisbrenner sehr weit darin, den Menschen zu vermitteln, dass Bildung und die Stärkung der Gemeinschaft wichtiger sind als das Verdienen von Geld. Das funktionierende und international beispielhafte Bildungssystem der DDR wurde nach der Wende abgeschafft, was von Eisbrenner als großer Fehler betrachtet wird. Er kritisiert, dass es heute in Deutschland ein „großes Chaos“ in der Bildung gebe, wie seine eigene Erfahrung als Musiklehrer zeigte, wo es keinen klaren Lehrplan gab und Lehrer zwischen mehreren Schulen pendeln müssen. Die Pisa-Studien und der Vergleich mit osteuropäischen Staaten zeigten den Verfall des Bildungsniveaus in Deutschland.

Die Gesprächspartner bedauern, dass die Wendezeit nicht genutzt wurde, um die positiven Aspekte und Erfahrungen des Ostens in eine geeinte deutsche Gesellschaft einzubringen. Stattdessen wurde vieles, nur weil es „DDR“ war, abgeschafft.

Friedenssehnsucht und Medienskepsis
Die Menschen auf den Dörfern wünschen sich einfach Frieden und Ruhe. Dieser Wunsch steht im krassen Gegensatz zur aktuellen politischen Rhetorik, die eine „Kriegstüchtigkeit“ fordert und eine starke Aufrüstung propagiert. Eisbrenner und von Bismarck äußern sich kritisch über die permanente Dämonisierung Russlands in den Mainstream-Medien, die sie als „Volksverhetzung“ empfinden. Sie beobachten eine gefährliche Doppelmoral, bei der ähnliche Handlungen je nach Akteur unterschiedlich bewertet werden, wie beispielsweise völkerrechtswidrige Angriffe der Amerikaner im Gegensatz zu Russlands Handlungen, oder die Rolle Deutschlands im Jugoslawienkrieg.

Die Diskussion zeigt auch eine wachsende Ermattung und Desillusionierung innerhalb der Friedensbewegung. Obwohl viele Menschen die Politik durchschauen, bleiben sie oft zu Hause bei Demonstrationen, weil sie ein zu großes Vertrauen haben, dass Russland nicht „durchdrehen“ wird. Diese Passivität änderte sich nur, wenn die Menschen merkten, dass es „an die eigenen Schlüpper geht“, wie bei den Bauernprotesten oder dem Irakkrieg.

Die Gesprächspartner kritisieren die Mainstream-Medien, die ihrer Meinung nach nicht mehr die Rolle der Regierungskontrolleure wahrnehmen, sondern stattdessen Regierungspositionen unterstützen und Friedensdemonstrationen kleinreden. Die Rolle der öffentlich-rechtlichen Sender und die GEZ-Gebühren werden infrage gestellt, da sie das Gefühl haben, diese Medien „hetzen die Menschen gegeneinander“.

Die Bedeutung der Kultur in Krisenzeiten
Ein zentrales Plädoyer der Sendung ist die dringende Notwendigkeit von Kultur in Krisenzeiten. Während der Corona-Pandemie wurde Kultur als „nicht systemrelevant“ eingestuft und unter Lockdowns gelitten, während beispielsweise Fußball weiterging. Dies wird als ein großer Unterschied zum ehemaligen DDR-Verständnis der Kultur gesehen, wo man wusste, dass Kultur den Menschen zum Menschen macht und eine heilende Wirkung hat.

Musik wird als die „direkte Sprache ins Herz“ und die „Weltsprache Nummer eins“ bezeichnet, die eine heilende und verbindende Wirkung hat. Tino Eisbrenner, der selbst seine Karriere mit Rock-Pop begann und später auch indianische Musik machte, unterstreicht die Kraft der Musik, Inhalte zu transportieren und Kraft zu spenden. Er schließt das Gespräch mit einem Friedenslied von Hartmut König, einem DDR-Liedermacher, dessen Text: „Schön ist die Welt, wenn sie friedlich ist, schön ist der Frieden, wenn du seiner sicher bist“ die tiefe Sehnsucht nach Frieden und menschlichem Miteinander in einer zunehmend komplexen Welt widerspiegelt.

Wendegeschichten: Riesaer auf dem Weg in die deutsche Einheit

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Riesa, eine Stadt im Osten Deutschlands, steht exemplarisch für die tiefgreifenden Umbrüche der Wendezeit. Das Projekt „Riesaer*innen auf dem Weg in die deutsche Einheit“, eine Kooperation des Stadtmuseums Riesa, der Stadt Riesa und des Sprungbrett e.V., hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger in dieser Zeit nachzuhalten und zu beleuchten, was diese Wende mit ihnen gemacht hat und welche Spuren sie bis heute hinterlassen hat. Das Projekt entstand aus der Feststellung, dass viele Berichte über die Wende zwar existieren, aber die Perspektive der Menschen vor Ort fehlte.

Von der Hoffnung auf eine bessere DDR zur radikalen Einheit
Im Frühjahr 1989 spitzte sich die Lage zu, und viele hofften, dass sich etwas ändern würde. Das anfängliche Ziel im Neuen Forum Riesa war nicht die Wiedervereinigung, sondern „eine andere, eine bessere DDR“. Man wollte, dass die Versprechen des Sozialismus, wie ein gleiches Miteinander und ein Leben ohne Ausbeutung, tatsächlich umgesetzt werden. Doch diese Ideen eines Reformsozialismus waren schnell vom Tisch, da sie als „anstrengend“ empfunden wurden. Stattdessen dominierte bald der Ruf „Wir sind ein Volk“, der die schnelle deutsche Einheit forcierte.

Dies überraschte viele Menschen, die eigentlich mit kleineren Veränderungen wie Pressefreiheit oder Teilliberalisierungen gerechnet hatten. Ein Zeitzeuge beschreibt, wie ihn die Grenzöffnung regelrecht überrannte, da er noch in den Diskussionen um innere Reformen gefangen war. Die Realitäten wurden schnell von den Wünschen der Menschen überholt, die in Schlangen vor Banken standen, um ihr Umtauschgeld zu bekommen, während Demonstrationszüge kürzer wurden als die Warteschlangen.

Der Preis des Wandels: Arbeitslosigkeit und Vertrauensverlust
Die Wirtschafts- und Währungsunion zum 1. Juli 1990 wird im Projekt als „radikalste Schocktherapie“ beschrieben, die die DDR-Wirtschaft über Nacht zu Boden warf. Betriebe mussten plötzlich auf dem Weltmarkt bestehen, ihre Produkte wurden durch den Wegfall der eigenen Währung drei- bis vierfach teurer, und die internen sowie osteuropäischen Absatzmärkte brachen zusammen. Das Riesaer Stahlwerk, das einst 12.000 Beschäftigte hatte und die Stadt prägte, ist ein markantes Beispiel für diesen Zusammenbruch. Viele Mitarbeiter erlebten den Abbau ihrer Arbeitsstätten unter Tränen. Riesa, einst eine Stadt mit 53.000 Einwohnern durch Zuzug von Arbeitskräften, ist heute wieder bei knapp 30.000 Einwohnern angelangt, dem Niveau vor der Nachkriegsindustrialisierung.

Die Wende brachte viel Frustration, viel Arbeitslosigkeit und viel Wegzug mit sich. Zahlreiche Menschen, die im Sozialismus ihre Karriere begonnen hatten und Wertschätzung durch ihre Arbeit erfuhren, konnten den Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht überwinden. Viele Qualifikationen wurden nicht anerkannt; so wurde einem Diplomingenieurökonom konkret gesagt: „Wir brauchen sie nie, ihr rotes Sockenstudium wird bei uns nie anerkannt“. Die Menschen mussten alles neu lernen, waren überfordert und fühlten sich oft „auf gut Deutsch verarscht“, beispielsweise beim Abschluss neuer Versicherungen. Diese Erfahrungen des Überfordertseins und der Ungerechtigkeit hatten oft keinen Raum zur Verarbeitung.

Unverarbeitete Wunden und das „Ostbewusstsein“
Ein zentrales Ergebnis des Projekts ist, dass die Wendezeit tiefe Wunden bei den Menschen hinterlassen hat und viele dieser Erfahrungen „nicht verarbeitet sind“. Diese Frustration sitzt tief und blockiert oft den Blick nach vorne. Das Misstrauen gegenüber Institutionen heute kann oft auf diese Wendeeffahrungen zurückgeführt werden. Der Unterschied zwischen Ost und West wird als massiv beschrieben: In Westdeutschland änderten sich lediglich Postleitzahlen, während in Ostdeutschland „einfach alles“ von heute auf morgen anders wurde.
Auch die „Nachwendekinder“ sind von strukturellen Unterschieden betroffen, wie weniger Großunternehmen, geringeres Erbe und eine andere Sozialisation, beispielsweise durch selbstverständlich arbeitende Mütter. Diese unterschiedlichen Lebensrealitäten führen dazu, dass sich viele ältere Ostdeutsche mit zunehmendem Alter „desto ostdeutscher“ fühlen. Es besteht ein Nachholbedarf im Gespräch über Ostdeutschland, um zu verstehen, was es bedeutet, ostsozialisiert zu sein und wie die Wende Beziehungen erschwerte.

Kulturarbeit und das Jolio Curie Haus: Geschichten bewahren
Um diesen Frust und die unverarbeiteten Geschichten aufzufangen, wurde im Rahmen des Projekts eine Sonderausstellung im Stadtmuseum Riesa konzipiert, die sich mit der Geschichte des Jolio Curie Hauses (eines ehemaligen Clubhauses) befasst. Dieses Haus war einst ein zentraler Ort der Kulturarbeit in Riesa mit bis zu 300 Veranstaltungen jährlich und einem eigenen Volkskunstansemble. Die Ausstellung beruht maßgeblich auf Objekten und Geschichten, die von Riesaer Bürgerinnen und Bürgern beigesteuert wurden. Die Resonanz bei der Eröffnung war überwältigend, was zeigt, wie sehr den Menschen, die dieses Haus aktiv erlebt haben, dessen Geschichte am Herzen liegt.

Die Ausstellung verfolgt nicht nur eine „reine Lobhudelei“, sondern beleuchtet auch, dass Kunst und Kultur in der DDR-Zeit nicht frei waren und immer in einem Kontext standen. Die Zeitzeugeninterviews, in denen oft auch kontroverse Themen angesprochen wurden, tragen wesentlich zu diesem vielfältigen Bild bei.

Die Bedeutung der Wende für die Zukunft
Trotz der negativen Erfahrungen ist es entscheidend, den „emanzipatorischen Aspekt“ des Herbstes 1989 hervorzuheben, der den Menschen Mut zur Selbstbestimmung gab und einen „Widerstand von unten“ gegen bestimmte politische Entwicklungen darstellte. Dieses Wissen ist insbesondere bei der jüngeren Generation oft kaum bekannt.

Es gibt nach wie vor signifikante Unterschiede zwischen Ost und West, wie geringere Löhne und Gehälter bei längerer Arbeitszeit im Osten. Auch die Besetzung von Führungspositionen spiegelt noch immer keine proportionale Vertretung von Ostdeutschen wider. Das Projekt betont die Notwendigkeit, dass Ostdeutsche, besonders in Zukunftsprojekten wie in der Lausitz oder Riesa, „wirklich eine Rolle spielen“.

Das Verständnis dieser unterschiedlichen Perspektiven und die Fähigkeit, darüber zu reden, ohne sofort von Spaltung zu sprechen, ist entscheidend für ein „wiedervereinigtes happy Land“. Die Erfahrungen der Wendezeit können als „krasser Erfahrungsschatz“ dienen, aus dem Deutschland insgesamt lernen kann, beispielsweise in der Familienpolitik oder beim Hinterfragen des Wirtschaftssystems. Es geht darum, nicht alles Gute aus der DDR wegzuwischen, sondern genauer hinzuschauen und zu prüfen, inwiefern diese Erfahrungen „wertvoll“ sein können, ohne das geschehene Unrecht zu negieren. Letztlich soll der Raum für diese Geschichten dazu dienen, „Frieden mit dieser Wendeeffahrung“ zu finden und Schlussfolgerungen für das heutige politische und gesellschaftliche Leben zu ziehen.

Satirischer Blick in den Alltag der DDR mit der „weißen Maus“

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In einer Ära strenger staatlicher Kontrolle und bürokratischer Rigidität wagte es die Fernsehserie „Fridolin“, die Absurditäten des DDR-Alltags mit scharfem Witz und spitzer Beobachtungsgabe zu beleuchten.

In Folge 6 der Serie, ausgestrahlt im Jahr 1987, inszeniert die Produktion eine Verkehrskontrolle, die mehr als nur einen Routineeingriff darstellt. Wachtmeister Lüders und Kravutzke Fridolin stehen im Mittelpunkt eines Dialogs, der offizielle Amtssprache und saloppen Umgangston gekonnt mitweißen Maus“einander verbindet. Die Szene beginnt mit der humorvollen Ansprache eines Bürgers, der wegen eines Verstoßes – dem Ignorieren eines Polizeibeamten – mit einem Ordnungsgeld von 10 Mark belegt wird. Schon hier wird die starre Bürokratie der DDR auf die Schippe genommen.

Die Sprache als Spiegel der Bürokratie
Besonders markant ist der bewusste Einsatz offizieller Formulierungen. Die Nennung konkreter Paragraphen, wie beispielsweise „Paragraf 4, Absatz 1 der StVO“, wirkt dabei fast ritualisiert. Gleichzeitig bricht der Dialog mit diesen starren Regeln: Während der Beamte in amtlicher Rigorosität agiert, lockert Fridolins unkonventionelle Art das Geschehen auf – sei es durch den lockeren „Jugendfreund“ oder durch augenzwinkernde Kommentare, die den offiziellen Rahmen sprengen. Diese sprachliche Doppeldeutigkeit erlaubt es der Serie, die Absurditäten der staatlichen Ordnung humorvoll zu hinterfragen.

Charaktere als Stellvertreter einer ganzen Generation
Wachtmeister Lüders verkörpert die Exzentrik und zugleich die strikte Durchsetzung staatlicher Vorschriften. Gleichzeitig repräsentiert Fridolin den typischen DDR-Bürger, der sich trotz aller Einschränkungen nicht seinen Freiraum nehmen lässt. Ihre Interaktion – von der formal-juristischen Ansage bis hin zu privaten Anspielungen und Verabredungen – eröffnet einen Raum, in dem Staatsgewalt und menschliche Eigenheiten aufeinandertreffen. So wird die ernste Materie der Verkehrskontrolle in einen unterhaltsamen Alltag umgewandelt, der den Zuschauer sowohl zum Lachen bringt als auch zum Nachdenken anregt.

Humor als subversives Element
Die Serie nutzt Situationskomik und Wortspiele als subtiles Mittel, um autoritäre Strukturen zu unterlaufen. Statt sich passiv den Zwängen zu beugen, zeigt der Dialog, wie Humor zum Ventil wird – ein Werkzeug, das in der DDR-Kultur oft als Ventil gegen die strengen Regimebedingungen diente. Dabei bleibt stets die doppelte Ebene erhalten: Einerseits wird die offizielle Bürokratie parodiert, andererseits spiegelt sich der widerstandsfähige Geist der Menschen wider, die trotz aller Umstände ihren Alltag mit Lebensmut und Humor meistern.

Ein Fenster in die DDR-Gesellschaft
Mehr als nur eine komödiantische Einlage bietet diese Folge von „Fridolin“ einen aufschlussreichen Blick auf das Leben in der DDR. Sie zeigt, wie der ständige Balanceakt zwischen staatlicher Ordnung und persönlicher Freiheit im Alltag stattfand. Durch die gekonnte Vermischung von Amtssprache und volkstümlichem Humor gelingt es der Serie, Kritik an überzogenen Vorschriften zu üben, ohne dabei den Charme und die Menschlichkeit ihrer Protagonisten zu verlieren.

Die humorvolle Darstellung staatlicher Institutionen und die subtile Gesellschaftskritik machen „Fridolin“ zu einem zeitlosen Beispiel dafür, wie Satire als Spiegel einer ganzen Epoche dienen kann – ein Spiegel, in dem sich nicht nur die Widersprüche des DDR-Systems, sondern auch der unerschütterliche Lebensgeist der Menschen widerspiegelt.