Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

Die Fertigung von Konsumgütern in DDR-Haftanstalten für den westdeutschen Markt wirft bis heute komplexe Fragen nach historischer und unternehmerischer Verantwortung auf.

In den späten 1980er Jahren bewarben westdeutsche Handelsketten Textilien und Haushaltswaren zu Preisen, die für die Verbraucher in der Bundesrepublik äußerst attraktiv waren. Ein Beispiel hierfür war eine Damenfeinstrumpfhose, die im Februar 1989 für 79 Pfennig angeboten wurde. Hinter diesen günstigen Preisen stand jedoch ein ökonomisches Geflecht zwischen der Bundesrepublik und der DDR, das auf einer klaren Interessenlage basierte. Während die DDR unter einem chronischen Mangel an Devisen litt, suchten westdeutsche Unternehmen nach Möglichkeiten, ihre Produktionskosten durch die Auslagerung von Fertigungsprozessen zu senken. Diese Schnittmenge wirtschaftlicher Interessen führte zu einer Zusammenarbeit, die auch den Einsatz von Häftlingen in der DDR einschloss.

Das System der sogenannten Gestattungsproduktion und des Häftlingseinsatzes war dabei staatlich organisiert. Auf Seiten der DDR koordinierten das Ministerium für Staatssicherheit und der Bereich Kommerzielle Koordinierung die Abläufe. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 6.000 westdeutsche Firmen von diesen Produktionsbedingungen profitierten. Dabei spielte die ideologische Gegnerschaft der beiden Systeme im wirtschaftlichen Alltag eine untergeordnete Rolle, solange die preislichen Konditionen für die Auftraggeber stimmten. Für die DDR-Führung war der Zugriff auf die Arbeitskraft von Inhaftierten ein Mittel, um Lieferverpflichtungen gegenüber dem Westen zu erfüllen und gleichzeitig die benötigte „hart Währung“ zu erwirtschaften.

Ein zentraler Ort dieses Systems war das Frauengefängnis Hoheneck in Sachsen. Ehemalige Inhaftierte berichten von Arbeitsbedingungen, die auf die Maximierung der Produktion ausgelegt waren. Die Berichte umfassen Beschreibungen von hohem Leistungsdruck, dem Einsatz von Medikamenten zur Leistungssteigerung und strengen Disziplinarmaßnahmen bei Nichterfüllung der Normen. Produkte, die unter solchen Bedingungen entstanden, gelangten anschließend in den regulären westdeutschen Handel. Dies betraf verschiedene Branchen, von der Textilindustrie bis hin zur Möbelfertigung. Die Konsumenten im Westen waren sich über die genauen Herstellungsbedingungen der gekauften Waren in der Regel nicht bewusst.

Die Biografien der Betroffenen verdeutlichen die langfristigen Auswirkungen dieses Systems. So berichtet Andrej Wagenzig, dass er nach seinem Freikauf in die Bundesrepublik in einem Möbelhaus Bauteile wiedererkannte, die er zuvor während seiner Haftzeit fertigen musste. Ähnlich schildert Carla Otmann ihre Erfahrungen in der Strumpfproduktion, die von physischer und psychischer Belastung geprägt waren. Diese Begegnungen mit den Produkten der eigenen Zwangsarbeit im westlichen Alltag stellten für viele freigekaufte Häftlinge eine konfrontative Erfahrung dar, die den Übergang in das Leben in der Bundesrepublik erschwerte.

Der Umgang mit diesem Kapitel der deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte gestaltet sich in der Gegenwart unterschiedlich. Während einige Unternehmen Schritte zur Aufarbeitung unternommen haben, reagieren andere zurückhaltend auf Anfragen von Opferverbänden oder Historikern. Der Möbelkonzern IKEA beispielsweise hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe eine Untersuchung initiiert, sich entschuldigt und finanzielle Mittel für einen Härtefallfonds bereitgestellt. Dieses Vorgehen wird von Opfervertretern als Schritt in Richtung Anerkennung gewertet.

Andere Unternehmen, darunter große Handelsketten und Versandhäuser, wählen hingegen oft einen juristischen Ansatz. Argumente beziehen sich häufig auf die lange zurückliegende Zeit oder bestreiten eine direkte Verantwortung für die Bedingungen in den DDR-Betrieben. Vertreter der Opferverbände, wie Dieter Dombrowski, weisen darauf hin, dass das Bestreiten oder Ignorieren der damaligen Produktionsbedingungen für die Betroffenen eine zusätzliche Belastung darstellt. Für viele Menschen, die unter den Haftbedingungen litten, ist die Anerkennung des geschehenen Unrechts ein wesentlicher Bestandteil der psychischen Verarbeitung.

Der Begriff der unternehmerischen Verantwortung wird in diesem Kontext auf die Probe gestellt. Die historische Aufarbeitung zeigt, dass wirtschaftliches Handeln in Diktaturen auch Jahrzehnte später noch Relevanz für das Image und die ethische Bewertung von Unternehmen haben kann. Die Mauer als physische Grenze existiert nicht mehr, doch die unterschiedlichen Narratvie über die wirtschaftliche Verflechtung und deren humanitäre Kosten wirken in den Debatten der Gegenwart fort. Eine vollständige Aufklärung bleibt in vielen Fällen ausstehend.

Eigeninitiative statt Jugendgesetz: Freizeitgestaltung in Milkel 1986

A) PROFIL AP: Hook: Im März 1986 reiste eine Delegation der Volkskammer in den Landkreis Bautzen, um die Umsetzung des Jugendgesetzes in der ländlichen Peripherie zu überprüfen. Teaser: Was die Abgeordneten in Milkel vorfanden, war keine Szenerie des offenen Widerstands, sondern ein funktionierendes System der Improvisation. Die gesetzlich garantierte Freizeitgestaltung stieß in dem 1.000-Seelen-Dorf auf harte infrastrukturelle Grenzen. Es fehlte an Busverbindungen in die Kreisstadt, an einer winterfesten Spielstätte für Filme und vor allem an Personal in der Gastronomie. Die Jugendlichen des Ortes hatten sich in dieser Situation eingerichtet, indem sie staatliche Aufgaben in Eigenregie übernahmen. Der Bericht über diesen Besuch legt die Mechanismen der späten DDR-Gesellschaft offen. Um die Frequenz der Tanzveranstaltungen zu erhöhen, gingen die Jugendlichen einen pragmatischen Deal mit der örtlichen Gastronomie ein. Da Personal fehlte, wurde das Kellnern zur Voraussetzung für das Tanzen. Die Freizeit wurde zur Arbeitsschicht, um überhaupt stattfinden zu können. Diese Bereitschaft zur Selbstorganisation zog sich durch alle Bereiche, vom eigenhändigen Ausbau des Jugendklubs bis zur Schlichtung von Lärmkonflikten mit der Nachbarschaft. Es zeigt sich ein Bild einer Jugend, die nicht auf Zuteilung wartete, sondern den Mangel verwaltete. B) SEITE AP: Hook: Der Paragraf 30 des Jugendgesetzes der DDR garantierte jedem jungen Bürger das Recht auf Geselligkeit und kulturelle Angebote, doch die Realität sah in kleinen Gemeinden oft anders aus. Teaser: Eine Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1986 im Dorf Milkel bei Bautzen verdeutlicht die Diskrepanz zwischen gesetzlichem Anspruch und der ökonomischen Machbarkeit. Infrastrukturelle Engpässe prägten den Alltag der rund 200 Jugendlichen vor Ort. Kinos blieben im Winter geschlossen, Turnhallen existierten nur auf dem Papier, und der öffentliche Nahverkehr bot kaum Mobilität. Die staatliche Lenkung stieß hier an ihre Grenzen, was eine Verlagerung der Verantwortung auf die Betroffenen zur Folge hatte. Die Reaktion der Jugendlichen in Milkel ist ein historisches Beispiel für die Kompensationsstrategien innerhalb der DDR-Mangelwirtschaft. Statt auf staatliche Abhilfe zu warten, wurden Tauschgeschäfte zur Basis des kulturellen Lebens. Die Erhöhung der Tanzabende wurde durch den Arbeitseinsatz der Gäste als Kellner erkauft. Der Jugendklub entstand durch materielle Eigenleistung und bürokratischen Druck von unten. Die Umsetzung des Jugendgesetzes erfolgte somit nicht durch die Institutionen, sondern paradoxerweise durch die Selbstausbeutung derer, die das Gesetz eigentlich schützen sollte. C) SEITE JP: Hook: Wenn im Winter 1986 in Milkel die Leinwände dunkel blieben und die Busse nach Bautzen selten fuhren, war die Jugend auf sich selbst zurückgeworfen. Teaser: Ein Bericht über einen Besuch der Volkskammer in der Lausitz zeichnet das Bild einer Generation, die den Mangel an Infrastruktur durch pragmatische Lösungen ausglich. Wo der Staat keine Turnhalle baute und kein Servicepersonal stellen konnte, griffen die Jugendlichen selbst ein. Der Erhalt von Freizeitangeboten war in der ländlichen DDR oft direkt an Gegenleistungen geknüpft. Die Lösung in Milkel war bezeichnend: Wer tanzen wollte, musste arbeiten. Um mehr Veranstaltungen im einzigen verfügbaren Saal durchzusetzen, übernahmen die Jugendlichen den Service. Das Jugendgesetz wurde hier nicht als staatliche Vollversorgung interpretiert, sondern als Rahmen für genehmigte Eigeninitiative. Es entstand eine Kultur, in der Freizeitgestaltung untrennbar mit Organisationstalent und Arbeitsbereitschaft verbunden war.