
Als die neu gewählten Abgeordneten der Volkskammer Anfang April 1990 ihre Plätze im Palast der Republik einnahmen, war vieles anders als noch wenige Monate zuvor. Zum ersten Mal in der Geschichte der DDR waren sie in freien Wahlen bestimmt worden. Viele von ihnen kamen direkt aus ihrem bisherigen Berufsalltag: Ingenieure, Lehrer, Ärzte, Pfarrer oder Angestellte. Einige hatten nie zuvor ein Parlament von innen gesehen.
Was sie erwartete, war kein gewöhnlicher Legislaturbeginn. Während draußen die DDR in rasantem Tempo ihr Gesicht veränderte, stapelten sich in den Ausschüssen und Fraktionsräumen die Gesetzesentwürfe. Die Zeit drängte. Unternehmen kämpften mit wirtschaftlichen Problemen, viele Menschen sorgten sich um ihre Arbeitsplätze, und täglich wurden Entscheidungen verlangt, die noch wenige Monate zuvor undenkbar erschienen wären.
Die Volkskammer, die zu DDR-Zeiten oft nur wenige Male im Jahr zusammengekommen war, verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit in ein Arbeitsparlament. Ausschusssitzungen, Fraktionsberatungen und Plenardebatten bestimmten nun den Tagesablauf. Viele Abgeordnete pendelten zwischen Berlin und ihren Heimatorten, oft begleitet von einer Flut neuer Akten, Gesetze und Verordnungen.
Verhandelt wurde über Fragen, die das Leben nahezu aller DDR-Bürger berührten: die Wirtschafts- und Währungsunion, neue Eigentumsregelungen, die Neuorganisation von Behörden und Gerichten sowie die Rehabilitierung von Menschen, die unter staatlichen Maßnahmen gelitten hatten. Jede Entscheidung wirkte sich unmittelbar auf den Alltag aus.
Auch für die Abgeordneten selbst änderte sich vieles. Das bisherige System, bei dem Betriebe die freigestellten Volksvertreter weiter bezahlten, funktionierte nicht mehr. Zahlreiche Kombinate und volkseigene Betriebe standen selbst vor einer ungewissen Zukunft. Während in den Werkhallen über Kurzarbeit, Umstrukturierungen oder drohende Schließungen gesprochen wurde, fehlten gleichzeitig Mitarbeiter, die nun wochenlang in Berlin parlamentarische Arbeit leisteten.
Deshalb erhielt die Volkskammer erstmals ein staatlich finanziertes Diätensystem. Aus nebenberuflichen Mandatsträgern wurden hauptamtliche Parlamentarier. Für viele bedeutete das einen Wechsel in einen Alltag, der von langen Sitzungen, politischen Verhandlungen und Entscheidungen unter Zeitdruck geprägt war.
Nur knapp sechs Monate bestand die 10. Volkskammer. Doch in dieser kurzen Zeit wurde ein Großteil der rechtlichen Grundlagen geschaffen, die den Weg von der DDR in die deutsche Einheit begleiteten. Hinter den Beschlüssen standen Menschen, die oft selbst erst lernen mussten, wie parlamentarische Demokratie im Alltag funktioniert – und die dies in einer Phase taten, in der sich das Land um sie herum nahezu täglich veränderte.