Raum-Erweiterungs-Halle: Flexibilität und Nostalgie aus der DDR

Die Raum-Erweiterungs-Halle, ein faszinierendes Beispiel für Ingenieurskunst und praktischen Nutzen, wurde vor knapp 60 Jahren in Boizenburg entwickelt. Ursprünglich als provisorische Lösung konzipiert, entwickelte sie sich schnell zu einem Symbol für Flexibilität und Veränderung in der ehemaligen DDR. Diese Hallen, die aus einer innovativen Konstruktion bestehen und äußerlich an eine Ziehharmonika erinnern, bieten nicht nur Raum, sondern auch die Möglichkeit, diesen flexibel zu erweitern und anzupassen.

In den 1960er Jahren war der Wiederaufbau nach dem Krieg in vollem Gange. Die Menschen benötigten schnell verfügbare Räume für unterschiedlichste Zwecke: ob als Restaurant, Kindergarten oder Einkaufsladen – die Nachfrage war groß. Die innovative Firma in Boizenburg war in der Lage, diese Hallen in großen Stückzahlen herzustellen und sie in der gesamten DDR zu verbreiten. Insgesamt entstanden etwa 3.400 dieser Hallen, die ein unverkennbares Bild des damaligen Stadt- und Landschaftsbildes prägten.

Die Konstruktion der Raum-Erweiterungs-Halle ist nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend. Mit ihren runden Ecken und der glänzenden Aluminiumoberfläche verkörpert sie ein zeitloses Design, das von Ingenieuren inspiriert wurde, die die Statik und Dynamik der Form als besonders elegant empfanden. Diese Form wurde möglicherweise durch den Zeitgeist beeinflusst, der in den 1960er Jahren von Raumfahrtmissionen und schnelleren Verkehrsmitteln geprägt war. Die Halle wurde von vielen nicht ernst genommen, man hielt sie für ein vorübergehendes Provisorium. Doch das Gegenteil war der Fall: Provisorien haben oft die Eigenart, sich über die Jahre hinweg zu etablieren.

Ein Wendepunkt für die Raum-Erweiterungs-Halle war die Leipziger Messe im Jahr 1970. Hier wurde die Halle erstmals in großem Umfang vorgestellt, was zu einem Anstieg der Aufträge führte. Diese Entwicklung erforderte auch eine Umstellung in der Produktion: von der Handarbeit im Freien hin zu einer modernen Fertigung in einem neu errichteten Betriebsgelände. Am Standort Boizenburg arbeiteten damals etwa 175 Mitarbeiter, die auf einer Fläche von 70.000 Quadratmetern die Hallen für die gesamte DDR produzierten.

Ein besonderes Merkmal dieser Hallen ist die einfache Handhabung: Sie können mit minimalem Aufwand aufgebaut und wieder abgebaut werden. Die Konstruktion benötigt weder Elektromotoren noch komplizierte Mechanismen; stattdessen kommt eine Kurbel und ein Flaschenzug zum Einsatz. Dadurch kann die Halle auf eine Länge von bis zu 16 Metern ausgezogen werden, was ihr eine Grundfläche von 128 Quadratmetern verleiht. Die Hallen fanden nicht nur im Inland Verwendung, sondern wurden auch bis nach Afrika exportiert.

Doch mit dem Fall der Mauer und der Wende 1989 endete die Produktion der Raum-Erweiterungs-Hallen abrupt. Der westdeutsche Markt war für diese Konstruktionen nicht mehr aufnahmefähig. Trotz Versuchen, die Hallen auf Messen zu präsentieren, blieb der Erfolg aus. In den folgenden Jahren verschwanden viele dieser Hallen, während einige von ihnen im Internet für hohe Preise angeboten werden, teilweise bis zu 10.000 Euro.

Heute ist die Erinnerung an die Raum-Erweiterungs-Halle verblasst, und nur noch wenige Exemplare sind erhalten geblieben. Die meisten dieser Hallen sind längst demontiert oder verschrottet worden. Lediglich einige Spielzeugmodelle erinnern noch an die einst so präsente und prägende Idee dieser transportablen Hallen, die ein Stück DDR-Alltag verkörperten. Die Nostalgie, die mit diesen Hallen verbunden ist, zeigt sich in den Erinnerungen an Kindergeburtstagsfeiern, Familienfeiern und andere gesellschaftliche Zusammenkünfte, die dort stattgefunden haben. Es ist erstaunlich, wie solch eine einfache Konstruktion ein so bedeutendes Kapitel in der Geschichte der DDR repräsentiert und bis heute in den Erinnerungen der Menschen weiterlebt.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl