Die Perspektive eines ehemaligen Kompaniechefs des Grenzregiments 44

Ein Interview aus dem Jahr 2002 mit Oberstleutnant a. D. Gerd Lohsz gewährt tiefe Einblicke in das Selbstverständnis der DDR-Grenztruppen. Es dokumentiert die Gratwanderung zwischen militärischem Gehorsam, ideologischer Überzeugung und dem historischen Bruch des Jahres 1989.

Die Biografie von Gerd Lohsz steht exemplarisch für einen Karriereweg, der in der DDR eng mit dem Versprechen des sozialen Aufstiegs und der Identifikation mit dem Staat verbunden war. Geboren 1956 im Erzgebirge als Sohn eines Schnitzers und einer Heimarbeiterin, entschied er sich 1974 bewusst für eine Laufbahn bei den Grenztruppen. Seine Motivation speiste sich aus dem Stolz auf den sozialistischen Staat, der für ihn eine historische Errungenschaft darstellte, und der Überzeugung, dass dieser Staat gegen die NATO und die Bundesrepublik militärisch gesichert werden müsse.

Ausgebildet an der Offiziershochschule in Plauen, durchlief Lohsz die klassischen Stationen einer militärischen Kaderkarriere. Vom Zugführer im Grenzregiment 44, das Abschnitte zwischen dem ländlichen Kleinmachnow und dem städtischen Potsdam sicherte, stieg er zum Kompaniechef und später zum Regimentskommandeur auf. Seine Schilderungen der Grenzsicherung verdeutlichen den immensen personellen und technischen Aufwand, den die DDR zur Abriegelung betrieb.

Lohsz beschreibt detailliert das System der Tiefensicherung. Dieses begann nicht erst an der Mauer, sondern bereits im Hinterland durch Kontrollen der Volkspolizei. Es setzte sich fort über den Hinterlandszaun, den elektrischen Signalzaun, die Beobachtungstürme bis hin zum vorderen Sperrelement. Die Grenztaktik unterschied sich dabei grundlegend von der allgemeinen Gefechtstaktik, da sie primär polizeiliche und sicherungstechnische Aufgaben unter militärischen Bedingungen erfüllte.

Ein zentraler Punkt in der rückblickenden Betrachtung ist der Umgang mit dem Schusswaffengebrauch. Lohsz lehnt den Begriff „Schießbefehl“ entschieden ab und verweist stattdessen auf die „Schusswaffenanwendungsordnung“ und das Grenzgesetz. In seiner Wahrnehmung handelte es sich bei Flüchtlingen nicht um Menschen in Not, sondern um „Grenzverletzer“ oder „Angreifer“, die Gesetze brachen. Diese Sichtweise verdeutlicht die starke ideologische Prägung, die Fluchtversuche als kriminelle Akte gegen die Souveränität des Staates definierte.

Die militärische Logik, die Lohsz darlegt, beinhaltete die „Vernichtung“ des Gegners als Ultima Ratio, sofern eine Festnahme nicht möglich war. Er betont zwar, dass die Schusswaffe das letzte Mittel gewesen sei und Verletzungen oder Tötungen vermieden werden sollten, bestätigt aber zugleich die Gültigkeit der Vorschriften, die den Tod von Flüchtlingen billigend in Kauf nahmen. Erfolgreiche Fluchten wurden intern als Versagen gewertet und zogen disziplinarische Maßnahmen nach sich.

Der 9. November 1989 markiert in diesem Interview den Zusammenbruch der gewohnten Ordnung. Lohsz schildert das Chaos in der Befehlskette nach der Pressekonferenz von Günter Schabowski. Während in der Bevölkerung Euphorie ausbrach, wurde in den Kasernen Gefechtsalarm ausgelöst. Die Regimentskommandeure sahen sich einer Situation gegenüber, in der sie ohne klare Weisungen der politischen und militärischen Führung agieren mussten.

Die Entscheidung, die Schlagbäume zu öffnen, beschreibt Lohsz als pragmatischen Schritt zur Vermeidung einer Eskalation, nicht als ideologisches Umdenken. Die jubelnden Massen blieben ihm fremd. Sein Unverständnis darüber, warum Menschen die DDR verlassen wollten, hielt auch Jahre nach dem Mauerfall an. Sein erster Besuch im Westen Ende Dezember 1989 erfolgte widerwillig und ausschließlich aus familiären Gründen, was die tiefe Entfremdung vieler Systemträger zur neuen gesellschaftlichen Realität unterstreicht.

Das Interview, geführt im Mai 2002 und nun für eine Dokumentation im Jahr 2026 aufbereitet, dient als historisches Dokument. Es zeigt, wie stark das Denken in den Kategorien des Kalten Krieges die Handlungsweisen an der Grenze bestimmte und wie die militärische Sozialisation das individuelle Moralverständnis überlagerte. Ohne die Taten zu entschuldigen, liefert es einen Ansatzpunkt, die Binnenlogik der Grenztruppen und das Funktionieren des Repressionsapparates der DDR zu analysieren.

Dreharbeiten auf der J.G. Fichte: Die Entstehung der DDR-Serie „Zur See“

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es gibt Bilder, die sich im kollektiven Gedächtnis festsetzen, und doch erzählt das, was hinter der Kamera geschah, eine ganz eigene Geschichte. Teaser: Wer an die Serie „Zur See“ denkt, hat oft die eingängige Melodie im Ohr und die Gesichter von Horst Drinda oder Günter Naumann vor Augen. Doch die Realität der Dreharbeiten im Jahr 1974 auf dem Frachter „J.G. Fichte“ hatte wenig mit der Romantik zu tun, die später über die Bildschirme flimmerte. Die Bedingungen an Bord waren hart, geprägt von Hitze, Lärm und der Enge eines Schiffes, das seine besten Tage längst hinter sich hatte. Die Entscheidung für dieses alte Schiff war keine künstlerische, sondern eine rein pragmatische. Moderne Schiffe der DDR-Handelsflotte boten schlicht keinen Raum für ein Filmteam. So fand sich die prominente Riege der DDR-Schauspieler in einer Situation wieder, die keinen Rückzug erlaubte. Sie lebten Tür an Tür mit der echten Besatzung, teilten den begrenzten Komfort und die langen Abende auf See. Aus dieser Zwangsgemeinschaft entstand eine Atmosphäre, die sich wohl kaum künstlich herstellen ließ. Bemerkenswert ist, wie sehr der politische Arm des Staates auch auf den Weltmeeren präsent blieb. Die Angst vor Republikflucht bestimmte die Auswahl des Personals ebenso wie die Reiseroute. Selbst bei technischen Pannen im „kapitalistischen Ausland“ blieb der Bewegungsradius der Crew strikt reglementiert. Die Serie sollte Weltläufigkeit zeigen, entstand aber unter den Bedingungen strenger innerer Kontrolle. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus realer harter Arbeit, politischer Begrenzung und der großen Sehnsucht nach der Ferne, die den Kern dieser Produktion ausmachte. Die Zuschauer spürten, dass hier nicht nur Theater gespielt wurde. Die Arbeit an den Maschinen, der Umgang mit der Fracht – vieles davon entsprach den tatsächlichen Abläufen an Bord eines DSR-Frachters. Es bleibt das Dokument einer Zeit, in der die Grenzen eng waren, der Blick aber dennoch nach draußen ging. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die Produktion der erfolgreichsten DDR-Fernsehserie war weit mehr als ein logistischer Kraftakt auf hoher See. Teaser: Als 1974 die Dreharbeiten zu „Zur See“ begannen, traf der kulturelle Auftrag des DDR-Fernsehens auf die nüchterne Realität der Schifffahrt. Die Serie sollte den Alltag der Handelsmarine glorifizieren und gleichzeitig das Fernweh der Bevölkerung stillen. Doch schon die Wahl des Drehortes zeigte die Grenzen auf: Statt eines modernen Vorzeige-Schiffes diente ein alter Truppentransporter als Kulisse, weil nur dort genug Platz für das Filmteam war. Die politischen Rahmenbedingungen waren ebenso eng wie die Kabinen. Die Stasi überprüfte jeden Beteiligten, die Reiseroute mied westliche Häfen, und selbst der Kontakt zum „Klassenfeind“ wurde administrativ unterbunden. Dennoch – oder gerade deshalb – entwickelte die Serie eine Authentizität, die bis heute nachwirkt. Die Geschichten basierten oft auf realen Logbucheinträgen, und die Schauspieler verschmolzen über Wochen mit der echten Besatzung. Interessanterweise lieferte dieses ostdeutsche Format, das die harte Arbeit in den Mittelpunkt stellte, die Blaupause für das westdeutsche „Traumschiff“. Während dort jedoch der Luxus regierte, blieb „Zur See“ ein Abbild der DDR-Gesellschaft: Man improvisierte, arbeitete hart und träumte sich für die Dauer einer Fernsehfolge in eine andere Welt. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Wer in der DDR zur See fuhr, besaß ein Privileg, das Millionen anderen verwehrt blieb. Teaser: Die Serie „Zur See“ bediente dieses Privileg visuell, während die Produktion selbst den Restriktionen des Landes unterworfen blieb. Die Schauspieler auf der „J.G. Fichte“ erlebten eine Freiheit zweiter Klasse: Sie waren unterwegs und doch eingesperrt, kontrolliert von politischen Vorgaben, die selbst auf dem Atlantik nicht endeten. Dass die Serie dennoch zum Straßenfeger wurde, lag an der Projektionsfläche, die sie bot. Sie zeigte eine Welt, in der ostdeutsche Tugenden global bestanden, auch wenn die Realität an Bord oft aus Rost, Schweiß und strenger Überwachung bestand. Es war der Versuch, die Weite zu inszenieren, ohne die eigenen Grenzen zu verlassen.