Das andere Wir: Warum Solidarität im Osten weniger Wettbewerb bedeutet

Das politische Verhalten in Ostdeutschland gibt vielen Rätsel auf. Oft wird es als Ruf nach dem starken Staat missverstanden. Dabei liegt die Wurzel tiefer: In einer Sozialisation, die Kooperation über Konkurrenz stellte und Sicherheit über Freiheit.

Wer die politischen Debatten in Ostdeutschland verfolgt, stößt oft auf ein Missverständnis. Der Wunsch nach mehr staatlicher Fürsorge und Regulierung wird im westlichen Diskurs schnell als Unselbstständigkeit oder gar als autoritäre Sehnsucht gedeutet. Diese Lesart greift jedoch zu kurz, weil sie die tieferliegende kulturelle Prägung ignoriert. Der Begriff der Solidarität hat im Osten eine andere historische Färbung als im Westen der Republik.

In der Bundesrepublik war und ist das Leistungsprinzip die dominante Erzählung: Wer sich anstrengt, kommt voran; Wettbewerb belebt das Geschäft und sichert den Wohlstand. Solidarität ist hier oft ein Akt der freiwilligen Nächstenliebe oder ein staatliches Sicherungsnetz für die, die durch das Raster fallen. In der DDR hingegen war Solidarität – zumindest in der Theorie und oft auch im gelebten Alltag der Kollektive – das Strukturprinzip der Gesellschaft. Der Einzelne sollte sich nicht gegen andere durchsetzen, sondern sich in die Gemeinschaft einfügen.

Diese Erfahrung wirkt nach. Viele Ostdeutsche empfinden den radikalen Individualismus und den ständigen Wettbewerb der Marktwirtschaft als kalt und entsolidarisierend. Erfolg wird hier oft skeptischer betrachtet, wenn er auf Kosten anderer erzielt wurde. Das Ideal ist eher eine Gesellschaft, in der die Unterschiede nicht zu groß werden und in der eine gewisse Grundsicherheit für alle garantiert ist. Die Forderung an die Politik ist daher oft die nach Herstellung von Gleichheit und Gerechtigkeit, weniger die nach individueller Entfaltungsmöglichkeit.

Dazu kommt die Erfahrung der Nachwendezeit. Der Systemwechsel wurde von vielen nicht als Befreiung der Leistungsträger erlebt, sondern als brutaler Verdrängungswettbewerb, bei dem ostdeutsche Lebensleistungen entwertet wurden. Wenn heute Solidarität eingefordert wird, schwingt oft der Wunsch mit, diese Kränkung zu heilen und wieder Teil eines funktionierenden Ganzen zu sein. Der Staat wird hierbei in der Pflicht gesehen, weil er historisch immer die Instanz war, die – im Guten wie im Schlechten – die Rahmenbedingungen setzte.

Diese Haltung führt zu Konflikten in einer politischen Landschaft, die stark auf Eigenverantwortung setzt. Ostdeutsche Wähler reagieren sensibel, wenn sie das Gefühl haben, dass soziale Risiken privatisiert werden. Das Pochen auf staatliche Eingriffe, sei es bei Energiepreisen oder Renten, ist kein Ausdruck von Faulheit, sondern von einem anderen Gerechtigkeitsempfinden. Man erwartet, dass „die da oben“ für „die da unten“ sorgen – ein paternalistisches, aber auch fürsorgliches Staatsbild.

Um den Osten politisch zu erreichen, muss man dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Sicherheit ernst nehmen, ohne es als antidemokratisch abzutun. Die Sehnsucht nach einem „Wir“, das nicht durch Ellenbogenmentalität zerfällt, ist legitim. Sie ist der Versuch, eine soziale Wärme, die in der Mangelgesellschaft paradoxerweise oft stärker spürbar war, in die heutige Zeit zu retten. Es ist die Suche nach einer Moderne, die niemanden zurücklässt.

Drill und Gewalt im System der DDR-Jugendhäuser

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn die Tür ins Schloss fiel, endete die Kindheit und es begann eine Zeitrechnung, die sich nicht nach Stunden, sondern nach dem Grad der Erschöpfung bemaß. Teaser: In den Jugendhäusern der DDR, wie jenem in Halle an der Saale, trafen politische Häftlinge auf kriminelle Jugendliche. Was sie einte, war die Auslieferung an ein System, das offiziell der Erziehung dienen sollte, faktisch aber auf die Brechung der Persönlichkeit abzielte. Der Alltag war von einer brutalen Hierarchie geprägt, die vom Personal nicht nur hingenommen, sondern strategisch genutzt wurde. Wer unten stand, erlebte Gewalt von Mithäftlingen und Willkür von Wärtern. Ehemalige Insassen berichten von Zwangsarbeit im Schichtsystem, oft ohne ausreichenden Schutz, um Devisen für den Staat zu erwirtschaften. Die Produktion für westliche Konzerne war wichtiger als die Unversehrtheit der Jugendlichen. Wer wegen versuchter Republikflucht einsaß, fand sich in einem Umfeld wieder, in dem Schwäche gnadenlos ausgenutzt wurde. Die physischen Narben verheilten irgendwann, doch das tiefsitzende Misstrauen und die Traumata blieben bestehen. Auch Jahrzehnte später fällt es schwer, eine Brücke zu schlagen zwischen den Erinnerungen der Betroffenen und der Sichtweise ehemaliger Justizangestellter, die sich auf geltendes Recht berufen. Die Aufarbeitung dieser Biografien ist ein langsamer Prozess, der oft im Privaten stattfindet und selten die große öffentliche Bühne erreicht. Viele tragen die Erfahrung der absoluten Machtlosigkeit still mit sich weiter. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die Jugendhäuser der DDR unterstanden dem Innenministerium und waren, anders als die Jugendwerkhöfe, reguläre Haftanstalten mit militärischem Drill. Teaser: Das Strafrecht der DDR behandelte Jugendliche in diesen Einrichtungen oft wie Erwachsene. Nach der Verschärfung der Gesetze Ende der sechziger Jahre füllten sich die Zellen nicht nur mit Straftätern, sondern auch mit jungen Menschen, deren Vergehen politischer Natur waren. Der bloße Versuch, das Land zu verlassen, führte oft direkt in den geschlossenen Vollzug. Hinter den Mauern etablierte sich eine Ökonomie der Gewalt. Unter dem Begriff der Selbsterziehung herrschte das Recht des Stärkeren. Gleichzeitig waren die Gefängnisse fest in die Planwirtschaft integriert. Die Zwangsarbeit der Inhaftierten, etwa für den Export in den Westen, war ein fest einkalkulierter Wirtschaftsfaktor. Internationale Abkommen wie die Schlussakte von Helsinki, die eigentlich Menschenrechte garantieren sollten, fanden in der Praxis dieser Anstalten kaum Anwendung. Die Diskrepanz zwischen staatlichem Anspruch und der Realität im Vollzug blieb bis zum Ende der DDR bestehen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Es war ein System, das darauf baute, dass die Insassen sich gegenseitig disziplinierten, während der Staat von ihrer Arbeitskraft profitierte. Teaser: Die Geschichte der DDR-Jugendhäuser ist auch eine Geschichte der ökonomischen Ausbeutung von Minderjährigen. Ob in der Produktion für IKEA oder in anderen Industriebetrieben – der Strafvollzug diente der Devisenbeschaffung. Die harte Arbeit und der militärische Drill sollten die Jugendlichen formen, hinterließen aber oft gebrochene Biografien. Die Verantwortung für die Zustände wird bis heute oft diffus gehalten. Während die Betroffenen von Willkür und Gewalt berichten, verweisen ehemalige Verantwortliche auf die Einhaltung damaliger Gesetze. Eine gemeinsame Sprache für das Geschehene zu finden, bleibt schwierig. Die Schatten dieser Orte liegen noch immer über den Lebenswegen vieler ehemaliger Insassen. Quelle: ZDF Terra X History, „Die brutalen Jugend-Gefängnisse der DDR“, YouTube.