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Holger Biege: Eine Legende Lebt Weiter – Biographie Würdigt den Freigeist

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Schwerin. Holger Biege – ein Ausnahmekünstler, ein Idol, eine Legende. Der berühmte DDR-Musiker verstarb 2018 nach einer schweren Krankheit – er war gerade mal 65 Jahre alt geworden. Sein Leben fand ein abruptes, unmittelbares Ende, kurz vor seinem großen geplanten Comeback. Doch sein Vermächtnis lebt weiter, nicht zuletzt durch einen neuen biografischen Band, der am 15. Januar in Schwerin vorgestellt wurde.

Die Würdigung eines Ausnahmekünstlers Bereits 2019 gab der Bild und Heimat Verlag einen biografischen Band über Holger Biege heraus. Verfasst wurde dieser von Wolfgang Martin, einem engen Freund des Musikers und bekannten Musikjournalisten. Am 15. Januar präsentierte der Autor sein Buch bei Thalia in Schwerin. Bei der Buchpräsentation wurde Wolfgang Martin von einem ganz besonderen Gast begleitet: Gerd Christian, dem Bruder von Holger Biege. Mit dessen Stimme wurden die Hits von Holger Biege aus damaliger Zeit wieder lebendig. Die Grundlage des Buches bilden ausführliche Interviews mit Holger Bieges Bruder Gerd Christian und seiner Witwe sowie eigene Erinnerungen des Autors.

Eine steile Karriere und der Bruch mit der DDR Für den geborenen Greifswalder Holger Biege begann Ende der 70er Jahre eine steile Karriere in der DDR. 1978 erschien auf Amiga sein erstes Album „Wenn der Abend kommt“, gefolgt 1979 von „Zirkus“. In den Jahren 1978 und 1979 wurde Biege von der Jugendzeitschrift „Neues Leben“ zum Interpreten des Jahres gekürt. 1980 gründete er seine eigene Band. Doch trotz des Erfolges verließ der Musiker 1983 nach einem Gastspiel die DDR in Richtung West-Berlin. Die Gründe dafür lagen in seinen hohen künstlerischen Ansprüchen, die er hatte. Er war unzufrieden, kam künstlerisch nicht weiter und sah sich mit zahlreichen Steinen konfrontiert, die ihm von der Kulturadministration der DDR in den Weg gelegt wurden.

Der Künstler, der sich keiner Schublade fügte Das nun erschienene Buch, mit dem poetischen Titel „Sagte mal ein Dichter“, ist ein besonders wertvolles Geschenk für die Fans. Es enthält viele persönliche Details, die ein komplexes und vielseitiges Porträt eines großen Künstlers zeichnen. Holger Biege weigerte sich sein Leben lang, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden oder sich anzupassen. In einer Zeit, in der Musik strikt formatiert wurde – ob Singer-Songwriter, Schlagersänger oder Popsänger – war er von allem ein bisschen und gleichzeitig von nichts ganz. Er war, wie es im Buch heißt, einfach „Holger Biege“. Seine musikalische Suche ging stetig weiter. 1997 veröffentlichte er sein fünftes Studioalbum „Wie Zugvögel“, auf dem er sich noch weiter von der Popmusik distanzierte und größtmögliche Authentizität und Kompromisslosigkeit anstrebte.

Das tragische Ende vor dem Comeback 2011 bereitete Holger Biege ein riesiges Comeback vor, das er zu seinem 60. Geburtstag geplant hatte. Eine Tournee war in Vorbereitung. Es gab sogar eine Einladung von Xavier Naidoo, Teil der zweiten Staffel seines Fernsehformats „Sing meinen Song“ zu sein, gemeinsam mit den Prinzen und Yvonne Catterfeld. Dies war ein besonderes Anliegen der Sendung, um Künstler aus dem Osten zu präsentieren. Doch plötzlich kam die Krankheit, und alle Pläne mussten abgesagt werden. Holger Biege bleibt in Erinnerung als ein Ausnahmetalent, ein großer Künstler und eine starke Persönlichkeit. Das Buch über sein Leben und Wirken von Wolfgang Martin ist eine hervorragende Lektüre und ein würdiges Andenken an diesen viel zu früh gegangenen Freigeist.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff im Interview

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Reiner Haseloff, Deutschlands dienstältester Ministerpräsident, hat in einem ausführlichen Interview mit BILD seine deutlichen Positionen zu zentralen gesellschaftlichen und politischen Fragen dargelegt. Von der Alltagstauglichkeit des Bürgergelds über die umstrittene „Brandmauer“ bis hin zu seiner persönlichen Zukunft im Falle einer Regierungsbeteiligung der AfD – Haseloff spart nicht mit klaren Worten und historischen Verweisen.

Bürgergeld und die Würde der Arbeit Haseloff, der sich selbst als „geborener DDR’ler“ beschreibt, betont, dass eine gesunde Ernährung in Deutschland auch für Bürgergeldempfänger gewährleistet ist. Er argumentiert, dies sei „auf jeden Fall möglich“, wenn man „ganz bewusst einkauft und natürlich mit seinen Budgets entsprechend auch arbeitet“. Damit widerspricht er der Forderung der Sozialverbandchefin Bentele nach einer „Erdbeerpauschale“ auf den Normalsatz. Die Grundsicherung sei stets darauf ausgelegt gewesen, den Lebensunterhalt voll zu gewährleisten.

Der Ministerpräsident befürwortet zudem eine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger. Er stellt klar, dass das Sozialgesetzbuch II (SGB2) bereits vorschreibt, dass jeder Arbeitsfähige „jede auch gemeinnützige Arbeit anzutreten hat“, andernfalls drohen Sperrzeiten oder Leistungskürzungen. Haseloff, der aus seiner Zeit als Arbeitsamtsdirektor berichtet, erinnert an die Einführung der „Bürgerarbeit“, die damals zu vielen Abmeldungen und zur Legalisierung von Schwarzarbeit führte. Für ihn ist es von größter Bedeutung, dass arbeitsfähige Menschen nicht nur „alimentiert und damit abgeschrieben werden“, sondern „Bestandteil des sozialen Systems dieser Gesellschaft bleiben und sein müssen“, um ihre Würde zu respektieren und sicherzustellen. Er wünscht sich flächendeckendere Maßnahmen, auch für Migranten mit ähnlichem Status wie Asylbewerber.

Unverrückbare Brandmauer gegen Rechts und Links Ein wiederkehrendes Thema war die „Brandmauer“ der CDU zu anderen Parteien. Haseloff lehnt eine Zusammenarbeit mit der AfD strikt ab und betont, dass die CDU „sich Mehrheiten in der demokratischen Mitte verschaffen kann“. Auch das Angebot der Linken-Chefin Reicheneck, eine CDU-Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt zu tolerieren, lehnt er entschieden ab. Haseloff sieht in der Linken „antisemitische Tendenzen“ und ein „gezielt geplantes Systemwechsel weg von dieser Bundesrepublik“, der er einst mitgestaltet hat. Er zieht eine klare Trennlinie: Die Grundlage der „demokratischen Mitte“ sei nicht nur das Grundgesetz, sondern auch das „Bekenntnis zu dieser freiheitlich demokratischen Grundordnung“, die neben bürgerlichen Freiheiten auch die Marktwirtschaft und Wirtschaftsfreiheit umfasse, im Gegensatz zur Staatswirtschaft. Er betont die Bedeutung von Eigentum als „Stück Freiheit“ und erinnert an seine eigene Erfahrung, „mit null“ in die Wiedervereinigung gegangen zu sein. Er sieht Reichenecks Einfluss als ein „Umsortieren am linksextremen Flügel“, das vom „Zusammenbruch der Wagenknecht-Gruppe“ profitiere und keinen programmatischen Aufschwung darstelle.

Die persönliche rote Linie: Auswanderung bei AfD-Regierung Reiner Haseloff macht eine bemerkenswerte und sehr persönliche Aussage zu seiner Zukunft: Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen, würde er eine „Grundsatzüberlegung“ anstellen, ob er „nach 72 Jahren meine Heimat verlassen würde“ und möglicherweise „auswandern“ würde. Er präzisiert, dass dies ein Verlassen Sachsen-Anhalts bedeuten könnte, da er auch Familie in ganz Deutschland habe. Er zieht eine deutliche Parallele zur Machtergreifung der NSDAP 1932 durch freie Wahlen und die Schließung des Bauhauses, ein Thema, das in jüngster Zeit auch von AfD-Abgeordneten im Landtag aufgegriffen worden sei. Eine AfD-Regierung wäre für ihn eine „unerträgliche Atmosphäre“, und das „Gebrülle“ sowie die „bewusst kopierte Artikulieren“ aus der AfD-Fraktion erinnere ihn manchmal beängstigend an die „letzte Phase der Weimarer Republik“ oder den „Sportpalast“. Er sei entschlossen, zu verhindern, dass die AfD auf den Regierungsbänken sitzt und ihre Programmatik Realität wird.

Migration und die fehlende Mehrheit der Mitte Die Stärke der AfD wird im Interview auch auf das aus Haseloffs Sicht noch ungelöste Migrationsproblem zurückgeführt. Er bekräftigt, dass es immer „geltendes Recht“ gewesen sei, „die Integrität der eigenen Staatsgrenze“ zu sichern, auch gegen Gerichtsentscheidungen, wenn Verträge nicht greifen. Er beklagt, dass die „Mitte keine Mehrheit mehr“ habe und warnt davor, dass „diese Demokratie auf ganz natürlichem Wege rechtsstaatlich zu Ende gebracht wird“.

Magdeburger Anschlag und Verantwortlichkeit Zum Attentat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt und der beklagten mangelnden Verantwortungsübernahme betont Haseloff die „hochkomplexe“ Natur der Vorgänge. Er verweist auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und warnt vor einer vorschnellen „Schafrichter“-Rolle. Er sieht eine „gesamtgesellschaftliche Schuld“ und ein „gewisses Behördenversagen“ in einer Kette, die sich über viele Jahre erstrecke. Haseloff habe sich im Bundesrat für eine bessere Zusammenführung von Daten eingesetzt, um Bürger besser schützen zu können. Entscheidungen über personelle Konsequenzen würden erst nach Abschluss der Untersuchungen und Vorlage eines Schlussberichts der Generalstaatsanwältin getroffen.

Wirtschaft und das Intel-Projekt: Komplexität als Gefahr Zur Wirtschaftslage und Inflation lobt Haseloff die „wirtschaftspolitische Schwerpunktsetzung und Orientierung der jetzigen Bundesregierung“, die Deutschland wieder zu einem „Kapitalzuflussgebiet“ gemacht habe. Er räumt ein, dass manche Branchen wie die Chemie Deutschland verlassen, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr wettbewerbsfähig seien.

Das Intel-Projekt in Magdeburg, das wegen seiner Verzögerung als Negativbeispiel für Investitionserleichterung galt, verteidigt Haseloff umfassend. Er stellt klar, dass die Verzögerung nichts mit den deutschen oder europäischen Rahmenbedingungen zu tun habe, sondern mit internen Problemen Intels und der weltweiten Nachfrage. Er betont die existenzielle Bedeutung der Chipproduktion für Europa, auch unter dem Aspekt militärischer und verteidigungstechnischer Souveränität. Die Investitionsentscheidung Intels sei primär auf Ebene der EU-Kommission und des Bundeskanzlers getroffen worden, wobei der Bund 10 Milliarden Euro zugesagt habe. Sachsen-Anhalt habe lediglich die Erschließung des Industriegebiets übernommen, die unabhängig von Intel benötigt worden wäre, und dafür „keinen 1 Euro ausgegeben, der Intel-bezogen war“. Die Bauanträge seien alle von Intel bezahlt worden. Die Sonnenblumen auf dem Gelände dienten dem Hamsterschutz, um die Fläche für eine schnelle Bebauung bereitzuhalten. Haseloff kritisiert die Komplexität solcher Auflagen in Deutschland, die einen Wettbewerbsnachteil darstellen. Er glaubt weiterhin an das Projekt, da die Technologie für Europa „existenziell wichtig“ sei.

Lehren aus dem politischen Leben Auf die Frage nach Kollegen wie Annalena Baerbock und Robert Habeck, die sich aus der aktiven Politik zurückziehen, merkt Haseloff an, sie hätten sich „aus dem Spannungsfeld der gesellschaftlichen Situation persönlich herausgenommen und entfernt – also geflohen“. Er respektiert ihre Entscheidungen, würde es aber persönlich nicht tun. Statt in Berkley zu unterrichten, würde er lieber „für 6 Stunden in einem Gymnasium geben“, um junge Menschen für MINT-Fächer wie Mathematik und Physik zu begeistern, da dort ein Mangel an Nachwuchs bestehe und dies für die Zukunft entscheidend sei. Haseloff selbst zeigt sich bereit, weiterhin politische Verantwortung zu übernehmen, solange die Legislaturperiode läuft.

Wie Kirchen in der DDR Freiräume schufen und die Erinnerung wachgehalten wird

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Bärungen, Thüringen. Die ehemalige deutsch-deutsche Grenze bei Bärungen in Thüringen, an der unterfränkischen Grenze gelegen, ist ein Ort tiefgreifender Erinnerungen und Mahnungen. Hier verloren Menschen ihr Leben, weil sie aus der DDR fliehen wollten, oft weil sie ihre Meinung nicht frei äußern durften. Martin Montag, ein ehemaliger katholischer Pfarrer in der DDR, hat sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichten dieser Menschen zu recherchieren und festzuhalten.

Ein solcher tragischer Fall ist der von Karlheinz Fischer, der am 28. März 1971 an diesem Ort durch eine Minendetonation tödlich verletzt wurde. Für den inzwischen pensionierten Pfarrer ist die ehemalige Grenzanlage eine Zeitreise in seine eigene Vergangenheit. Er erinnert sich an die bedrückende Stille, die viele Menschen beim Grenzübertritt vom Westen in die DDR erfasste, unabhängig von ihrem Alter.

Ein Kampf für Meinungsfreiheit und Wissen
Die freie Meinungsäußerung war in der DDR eine Herausforderung. Martin Montag selbst erlebte die Zensur am eigenen Leib: Bücher mit religiösem Inhalt, die er nicht offiziell bekommen konnte, wurden ihm von Freunden heimlich über die Grenze gebracht. Trotz der Gefahr von Repressalien für jene, die sich gegen das Regime äußerten, bot die Kirche einen wichtigen Schutzraum.

„Wenn die Türen zugemacht sind…was hier geredet, gedacht und gesagt wird, das bleibt hier, das geht auch nirgendwo anders hin“, betont Montag. In Jugendgruppen oder im Religionsunterricht konnten Jugendliche in diesem geschützten Freiraum ihre eigene Meinung bilden und vertreten. Dies war ein essenzieller Ort, an dem viele junge Menschen aufwuchsen und geistige Freiheit erlebten.

Das Erbe bewahren: Erinnerung als Auftrag
Martin Montag engagiert sich heute im Bürgerkomitee Thüringen in Zella-Mehlis dafür, dass der „Todesstreifen“ nicht in Vergessenheit gerät. Das Komitee bewahrt seit der Wende Geschichten, Erinnerungen und Mahnungen. Mehr als 1200 Todesfälle an der Grenze sind dort dokumentiert. „Das muss immer wieder gezeigt werden, Menschen müssen daran erinnert werden“, fordert Montag. Er betont, wie wichtig es ist, sich daran zu erinnern, was es bedeutet, auf dem Boden eines jüdisch-christlichen Menschenbildes zu stehen und seine eigene Meinung frei äußern zu können, was in der DDR schwierig war.

Auf fränkischer Seite setzt sich der Journalist und Kulturreferent Hans Friedrich im Landkreis Rhön-Grabfeld für das Erinnern ein. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, Schulklassen zu zeigen, wie es damals war. Die Jugend von heute könne sich kaum vorstellen, dass es Zäune und Mauern gab, dass kein Kontakt möglich war, dass Menschen durch Minen oder Selbstschussanlagen getötet wurden. Es sei wichtig zu vermitteln, wie gut es uns heute mit der Freiheit geht, sagen zu können, was wir wollen – etwas, das in der DDR nicht möglich war.

Ein rund 3 Meter hoher, alter Grenzzaun, der auf 300 Metern Länge erhalten geblieben ist, dient heute als Relikt vergangener Zeiten. Ein Rundwanderweg, der durch den ehemaligen Todesstreifen in Bayern und Thüringen führt, erinnert an die damalige Teilung. Was heute selbstverständlich ist – der Wechsel zwischen Bundesländern – war damals undenkbar. Die ehemaligen Grenzanlagen dienen auch als Mahnmal dafür, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung keineswegs selbstverständlich ist.

Gerichtlicher Kampf um „Jüdisches Vermögen“

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Teltow-Seehof, Brandenburg. Einst ein privilegiertes Quartier im Berliner Speckgürtel, wo Staatsgetreue und Besserverdienende der DDR wohnten, ist Teltow-Seehof heute Schauplatz eines erbitterten Rechtsstreits um jüdisches Vermögen aus der NS-Zeit. Die idyllische Ruhe des Ortes wird gestört durch die Rückkehr einer längst verdrängt geglaubten Nazivergangenheit. Ein amerikanischer Jude, dessen Vorfahren das Land einst gehörte, fordert Gerechtigkeit und finanzielle Entschädigung.

Die Familie Sabersky, die das Gut am Rande der damaligen Reichshauptstadt zur Gründung des Deutschen Reiches kaufte, teilte es später in 850 Parzellen auf und verkaufte diese zwischen 1933 und 1939. Strittig ist, ob die Familie die Grundstücke und den Landsitz unter den Nazis zwangsweise abgeben musste.

Erben fordern Wiedergutmachung
Die jüdische Erbengemeinschaft beruft sich auf akribisch geführte Nazi-Unterlagen, die belegen, dass die Familien Sabersky und Sonnental nicht nur die sogenannte „Judenvermögensabgabe“ und „Reichsfluchtsteuer“ an die Nazis zahlen mussten. Das gesamte Vermögen von Sophie Sonnental beispielsweise verfiel an Nazi-Deutschland; Bankkonten wurden konfisziert, Wertpapierdepots aufgelöst. Anwälte der Erben können nachvollziehen, dass „nicht eine einzige Reichsmark mit den Erben gemeinsam Deutschland verlassen hat“.

Die Erbengemeinschaft, deren Sprecher in Begleitung eines Anwalts die Bewohner informierte, bietet den derzeitigen Eigentümern an, die Ansprüche für 10.000 bis 15.000 Mark abzukaufen. Bewohner erhielten Merkblätter mit einer dreimonatigen Bedenkzeit. Der Anwalt der Erben betont die Notwendigkeit von Wiedergutmachung, insbesondere in Ostdeutschland, da es „nie wieder Gutmachung geleistet für die Verfolgung der Juden durch die Nazis“ habe. Westdeutschland sei seiner Verantwortung gerecht geworden, jetzt sei Ostdeutschland an der Reihe.

Bewohner mobilisieren sich
Auf der anderen Seite mobilisiert sich die Bürgerinitiative Seehof zur „Selbstverteidigung der vermeintlichen Rechte“. Die Bewohner argumentieren, dass für Haus und Grund „schon einmal bezahlt worden“ sei. Ein Bewohner zeigte als Beleg einen Einlieferungsschein aus dem Jahr 1935, der belegen soll, dass Geld an Herrn Artur Sonnental gegangen sei. Andere Bewohner äußern Unverständnis und den Vorwurf, hier würden „mit derartigen linken Methoden versucht Millionen noch mal zu schäffeln die die Vorfahren schon gekriegt haben“. Das Mitgefühl reiche „nicht bis an den Gartenzaun“. Einige Bewohner sehen in den Ansprüchen der Erben ein Klischee bedient. Ein Bewohner betonte, „ich habe keine antisemitische Einstellung ich habe aber etwas gegen Menschen die dummerweise dumme Klischees bedienen“. Ein anderer meinte: „Das kann doch nicht wahr sein, ich mit den Juden nie was gehabt, nie im Gegenteil, mein Schwiegervater ist noch für diese Leute ins KZ gegangen und jetzt da kaputt gegangen für diese Leute und die wollen mich heute vom Hof Haus holen, das ist wohl das letzte“.

Amt lehnt ab, Rechtsstreit geht weiter
Das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hat den Antrag der Erben auf Rückübertragung der 850 Grundstücke pauschal abgelehnt. Begründet wurde dies damit, dass der Verkauf der Parzellen nicht auf den Verfolgungsmaßnahmen beruhe, sondern auch „ohne Naziregime und ohne Naziverfolgung stattgefunden“ hätte, weshalb es an der Kausalität zwischen Vermögensschaden und Verfolgung fehle.

Rechtsanwalt Sonnental, dessen Familie in den 30er Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschland floh, will diese Begründung nicht hinnehmen. Er wird vor das Verwaltungsgericht Potsdam ziehen, um die Ansprüche seiner Familie durchzusetzen. Seine Eltern, Arthur und Sophie Sonnental, sind in Amerika beerdigt, obwohl sie eigentlich in Teltow-Seehof begraben werden wollten – ihre Gräber dort sind leer. Erst der Sohn wagte es, ins „Land der Täter“ zurückzukehren.

Der Konflikt in Teltow-Seehof zeigt, dass der Kampf um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und um Wiedergutmachung in Ostdeutschland noch lange nicht beendet ist.

Veronika Fischer zwischen Zeiten, Systemen und unerschütterlicher Wahrheitssuche

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Seit über 50 Jahren prägt Veronika Fischer die Musiklandschaft Deutschlands und darüber hinaus. Als eine der markantesten Stimmen ihrer Generation hat sie die Höhen des Erfolgs erlebt, aber auch die Schattenseiten einer Branche kennengelernt, die sich stets im Wandel befindet. In einem persönlichen Gespräch gewährt die Sängerin Einblicke in ihre außergewöhnliche Karriere, ihre tiefen Überzeugungen und die Herausforderungen, denen sich Künstler heute gegenübersehen.

Eine Karriere, die früh begann Veronika Fischers musikalische Reise begann lange vor ihrem offiziellen Bühnenjubiläum. In einem Haushalt, in dem Hausmusik großgeschrieben wurde, weckte ihre Mutter die Liebe zur Musik. Schon im Alter von neun Jahren stand sie als Teil des Trios „Geschwister Fischer“ auf der Bühne, wobei sie aufgrund ihrer kräftigen Stimme die Gesangspart übernahm, da sie noch kein Instrument spielte. Mit 16 Jahren führte sie ihr Weg zur Aufnahmeprüfung an eine Musikschule in Dresden, und mit 17 Jahren begann sie ihr Musikstudium.

Kometenhafter Aufstieg und die DDR-Realität Ab 1975 nahm Veronika Fischers Karriere einen kometenhaften Verlauf. Ihre erste Platte verkaufte sich über 500.000 Mal, und sie erlebte ein Leben auf der „Überholspur“ mit bis zu 250 Konzerten pro Jahr. Tourneen führten sie durch fast alle sozialistischen Länder, wo sie in Stadien spielte und im Osten oft als „Westmusikerin“ wahrgenommen wurde. Doch der Erfolg hatte auch seine Tücken: Die Generaldirektion für Unterhaltungskunst in der DDR führte die Künstler politisch. Obwohl sie durch ihre Promotion und Konzerte maßgeblich zum Erfolg ihrer Verkäufe beitrug, wurde sie nicht an den Einnahmen beteiligt.

Das System zeigte seine Zerrissenheit auch im persönlichen Bereich. Nach dem Weggang ihres Pianisten Franz 1980 in West-Berlin, der das Repertoire der Band in Frage stellte und viele ihrer Songs auf den Index setzte, wurde ihre künstlerische Grundlage entzogen. Veronika Fischer empfand die Situation als „eingesperrt“. Ein besonders prägnantes Beispiel dieser Zerrissenheit war ihr „Abschiedskonzert“ im Ost-Berliner Kino Kosmos am 24. März 1981. Die Stasi, die offenbar erst kurz vor dem Auftritt davon erfuhr, war entsetzt. Der halbe Saal war mit einer Delegation aus der mongolischen Volksrepublik gefüllt, die von ihrer Musik keine Ahnung hatten, während ein Großteil ihres eigentlichen Publikums vor der Tür bleiben musste – ein gezielter Versuch, die „Abweichlerin“ zu demütigen. Diese unerträgliche Situation führte dazu, dass sie schließlich einen Vertrag mit WEA im Westen unterzeichnete und damit ihre Verbindungen zu den Kulturbehörden und der DDR endgültig zerriss.

Herausforderungen im Westen und die „Schlagerwelt“ Die Anpassung an den westlichen Musikmarkt war nicht einfach. Ihr erstes Album im Westen, „Staunen“, war für sie keine „Herzenssache“, da sie mit dem kommerziellen Klang und den ihr zugewiesenen Texten, die extra für sie eingekauft wurden, Probleme hatte. Fischer suchte die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Christian Kunert und Gerulf Pannach, die „nicht angepasst waren“ und „die Wahrheit näher“ kamen.

Die Künstlerin kritisiert die heutige Musiklandschaft scharf. Das Radio bezeichnet sie als „Einheitsbrei“, den sie kaum noch hören kann. Sie ist der Meinung, dass Stars heute „künstlich gemacht“, finanziert und durch ständige Wiederholung aufgebaut werden, was nichts mit Qualität zu tun habe. Die deutsche Musikszene sei überwiegend zu einer „Schlagerwelt“ verkommen, in der es an Differenzierung mangele. Ihre eigene Erfahrung bestätigt dies: Als ihr Album „Tief im Sommer“ (2000) beworben wurde, wurde es von einem Radiosender als zu „anspruchsvoll“ abgelehnt, um es den Zuschauern zu präsentieren. Sie sieht dies in einer Linie mit einer Anweisung aus den 1960er Jahren, wonach „schwierige Musik“ nur nachts gespielt werden sollte, damit die Leute nicht „an den Baum fahren“. Auch die Charts sieht sie kritisch, da Künstler sich dort durch den Kauf eigener CDs „einkaufen“ können.

Corona-Pandemie und tiefe Einschnitte Die Corona-Pandemie beschreibt Veronika Fischer als einen „Kulturbruch“, insbesondere für Musiker, die mit einem Berufsverbot konfrontiert waren. Viele Konzerte wurden abgesagt, Kollegen gerieten an den Rand ihrer Existenz, einige gaben sogar auf oder nahmen sich das Leben. Die Antwort aus politischen Kreisen auf die Notlage der Kulturschaffenden sei gewesen: „Kultur interessiert nicht“. Zudem seien Techniker und gute Musiker aus der Branche abgewandert oder hätten andere Berufe angenommen, was zu höheren Kosten geführt habe.

Fischer geht sogar so weit zu sagen, dass die Maßnahmen während der Pandemie ein „Plan“ gewesen seien, „um die Menschen so langsam unter Kontrolle zu kriegen“. Sie empfindet die Impfung als „Verbrechen“ und sieht in ihrem Umfeld viele Menschen, die seither ständig krank sind. Diese Ansichten führten auch zu „schmerzlichen Trennungen“ in ihrer eigenen Familie und im Freundeskreis. Ihre Bedenken hinsichtlich der Gesundheit wirken sich auch auf ihre Bühnenpräsenz aus, da sie als Sängerin auf ihre Stimme angewiesen ist und der ständige Kontakt zu kranken Menschen problematisch sei. Dies trägt dazu bei, dass sie sich langsam von der Bühne zurückziehen möchte.

Spiritualität und Zukunftsaussichten Trotz aller Rückschläge und Herausforderungen bleibt Veronika Fischer eine starke Persönlichkeit. Der Kontakt zu ihrem Publikum, besonders bei Lesungen, ist ihr wichtig, da er mehr Intimität und Kommunikation ermöglicht als Konzerte. Auch wenn die meisten ihrer Fans im Osten die alten Lieder hören wollen, plant sie nicht, sich völlig von der Bühne zu verabschieden. Mit Andreas Bicking möchte sie kleinere, intimere Formate entwickeln und weiterhin Musik spielen, jedoch nicht mehr 25 bis 30 Lieder pro Abend.

Ihre Lebensphilosophie hat sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt und ist heute von einer tiefen Spiritualität geprägt. Sie betont die Rolle der Liebe als Überschrift des Lebens und die Bedeutung von geistigem Heilen, das ihr selbst geholfen hat, wieder normaler zu leben. Für sie sind Menschen „geistige Wesen“ und nicht rein materiell. Diese Erkenntnis, so Fischer, könne viel bewirken, wenn man sie zulässt. Ihr aktuelles Album „Woher Wohin“ sei daher auch „vor allen Dingen spirituell“, da es darum gehe, dass „nur die Liebe heilt“.

Veronika Fischer sieht sich in einer Zeit, in der Menschen Dinge erkennen können, wenn sie auf ihren gesunden Menschenverstand hören und sich nicht von den Medien manipulieren lassen. Sie selbst schaut seit der Corona-Zeit kein Fernsehen mehr, weil sie es als Quelle der Manipulation empfindet. Mit ihren klaren Worten und ihrer unerschütterlichen Haltung bleibt Veronika Fischer eine Künstlerin, die nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich tiefe Spuren hinterlässt.

Die vertuschte Tötung des 15-jährigen Heiko Runge an der innerdeutschen Grenze

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Halle/Benckenstein – Es war ein trüber, nieseliger Tag am 8. Dezember 1979, als Heiko Runge, ein 15-jähriger Junge aus Halle-Neustadt, sein Elternhaus verließ. Knapp zehn Stunden später war er tot, erschossen an der deutsch-deutschen Grenze. Sein Tod war kein Unfall, wie die DDR-Behörden es darstellten, sondern das Ergebnis eines skrupellosen Versuchs der Staatssicherheit, die „Republikflucht eines Kindes“ zu vertuschen – ein Fall, der bis heute schmerzlich nachwirkt.

Heiko Runge, dessen Vater früh verstarb und dessen Mutter zwölf Stunden täglich in den Buna-Werken arbeitete, war zusammen mit seinem Freund Uwe aufgewachsen. Beide galten nicht als besonders gute Schüler. Ihr Traum war es, die Welt zu sehen, weit weg von der DDR. Heiko hatte ursprünglich davon geträumt, zur Handelsflotte zu gehen. Am Morgen des 8. Dezember stiegen die beiden um 6:47 Uhr in Halle in den Zug und erreichten kurz vor 15:00 Uhr den Grenzort Benckenstein.

Die tödlichen Schüsse
Um 15:03 Uhr registrierte das örtliche Grenzregiment im Sicherungsabschnitt Buchenwaldschlucht zwei Grenzverletzer. Heiko und Uwe hatten Drähte auseinandergebogen und so den Signalzaun durchbrochen. Alarm wurde ausgelöst, und die 7. Kompanie bezog vorschriftsmäßig Stellung. Die Jungen, die glaubten, alle Grenzposten nach Überwindung des Signalzauns hinter sich gelassen zu haben, bewegten sich weiter gen Westen. Plötzlich hörten sie ein Geräusch: das Durchladen einer Waffe.

„Dann ging das alles sehr schnell. Bruchteile von Sekunden“, erinnert sich Uwe. Beide warfen sich hin. Dann knallte es. Laut späteren Aussagen waren es wohl drei kurze Feuerstöße, aber für Uwe fühlte es sich an, als sei ein ganzes Magazin leergeschossen worden. Es gab keinen Warnschuss, auch keinen Ruf wie „Halt, stehen bleiben“. Während des Schießens rief Heiko seinem Freund noch zu: „Los, Fleischi, weg!“. Doch anstatt zu fliehen, rannte Heiko zurück in Richtung DDR, als wollte er aufgeben. Die Grenzer zielten auf den fliehenden Jungen, so wie sie es gelernt hatten: „Konsequente Anwendung der Schusswaffe verhindert in diesem Fall den Grenzdurchbruch“. Heiko Runge starb an einem Brustdurchschuss, erschossen von hinten, das Einschussloch befand sich am Rücken oben rechts, wie der Obduktionsbericht später vermerkte.

Die beiden Schützen, damals 20 und 23 Jahre alt und somit kaum älter als ihr Opfer, feuerten insgesamt 51 Schüsse ab – 26 aus der einen Waffe, 25 aus der anderen. Nur ein einziger Schuss traf Heiko. Einer der Schützen, der heute in der Nähe von Dresden lebt, erklärte, er hätte daneben schießen können, aber der Vorgesetzte hätte ihn sonst erschossen. Er beschreibt die damaligen Gesetze: „Entweder du trittst die schieß den ab oder die schießen dich ab“. Ein anderer Schütze, der heute noch grenznah in Wernigerode lebt und bei der Bahn arbeitet, leidet bis heute unter den Erinnerungen: „Ich teilwe noch davon träume und das werde ich wohl me lebt doch nicht wi los“.

Die perfide Vertuschung
Der Fall Runge beschäftigte eine ganze Stasi-Abteilung. 16 Jahre nach dem Tod ihres Sohnes konnte Ingerunge erstmals die Stasi-Akten einsehen: zwei Bände mit dem Titel „Leichensache Heiko R.“, gefüllt mit den „perfiden Versuchen der Staatssicherheit“, die Wahrheit zu verbergen. Man hatte sogar das Begräbnis fotografiert und die Anwesenden kontrolliert.

Die offizielle Version gegenüber der Mutter lautete, ihr Sohn sei „in die Nähe von einer militärischen Anlage gekommen ist und dabe ein Unfall erlitten hat“. Die Staatsanwältin verweigerte weitere Details und beschied die trauernde Mutter unverschämt: „Hören Sie auf zu heulen, Sie haben vielleicht ein Vaterlandsverräter geboren“. Die Stasi war sich offenbar der Peinlichkeit bewusst, ein Kind auf dem Gewissen zu haben. Familie, Freunde und Klassenkameraden wurden zum Stillschweigen verdonnert. Alle schriftlichen Meldungen sollten vernichtet und Tonbandaufzeichnungen gelöscht werden, um den „Informationsabfluss abzusichern“. Oberstleutnant Lubers, damals verantwortlich, bestreitet heute, der Einzelfall sei ihm geläufig.

Die Abteilung Neun der Stasi in Halle entwickelte einen umfangreichen „Maßnahmeplan“, um das „Grenzgauens“ zu vertuschen. Heikos Mutter wurde angewiesen, keine Todesanzeige aufzugeben, und eine schnelle Bestattung sollte den Kreis der Trauernden so klein wie möglich halten. Selbst der letzte Besuch in der Leichenhalle war unter höchster Alarmstufe. Heikos Mutter wurde festgehalten, ihre Blumen wurden ihr entrissen und zu Boden geworfen, sie durfte ihren Sohn nur kurz ansehen und musste bestätigen, dass es ihr Kind war. Beschattungen und Personenkontrollen wurden von Oberstleutnant Schwengner angeordnet, der heute Gedächtnisschwund für den Fall Heiko Runge angibt.

Befehl ist Befehl?
Der Chef der 7. Grenzkompanie, Major Piotrowski, galt als „berüchtigter Scharfmacher“. Sein Fahrer gab 1992 zu Protokoll, Piotrowskis Lieblingssatz sei gewesen: „Der Warnschuss trifft mindestens die Kopfbedeckung“, was bedeutete: „erst schießen dann fragen“. Piotrowski selbst gab an, stolz darauf gewesen zu sein, seinen Dienst exakt versehen zu haben und sah die „Erfüllung des Klassenauftrages“ als „pflichtgemäß ausgeführt“ und im „Völkerrecht“ entsprechend an. Die DDR belohnte solches „vorbildliches Grenzverhalten“ mit Medaillen, Belobigungen und Geldprämien.

Die Trauer und die Fragen bleiben für Heikos Mutter bis heute bestehen: „Nee nee undter fehlt uns beiden meiner Tochter und mir heute genau noch so als wie vor 16 Jahren warum weshalb weswegen“.

Heiko Runges Fall ist kein Einzelfall. In 15 weiteren Fällen hat die Berliner Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Tötung Minderjähriger an der innerdeutschen Grenze aufgenommen. Die damaligen Anweisungen der Grenztruppen lauteten: „Zuverlässig gesicherte Grenzen bleiben Gewehr dafür, dass die Menschenrechte in unserem Staat verwirklicht werden können“ – eine zynische Aussage angesichts des Schicksals von Heiko Runge und vielen anderen.

Der Lanz Bulldog: Ein Kulturgut aus Stahl, Hitze und Diesel

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Kaum eine Maschine verkörpert die Frühzeit der Motorisierung in der Landwirtschaft so eindrucksvoll wie der Lanz Bulldog. Mehr als nur ein Arbeitsgerät, hat sich dieser in Mannheim gebaute Traktor zu einem wahren Kulturgut mit Charakter entwickelt und fasziniert bis heute Enthusiasten, die seine einzigartige Technik, Geschichte und Besonderheiten schätzen.

Die hier betrachteten Lanz Bulldogs, sogenannte „Kliopfmotoren“, wurden zwischen 1935 und etwa 1950/51 produziert. Interessanterweise unterschieden sich die Modelle vor dem Krieg durch eine schwerere Ausrüstung, etwa bei den Schwungmassen. Mit Kriegsbeginn wurde Gewicht eingespart, um Materialien für die Wehrmacht freizugeben, was jedoch die prinzipielle Bauweise und Laufleistung des Motors nicht wesentlich beeinflusste.

Technik unter der Haube: Robust und unverwechselbar
Das Herzstück eines Lanz Bulldogs ist sein beeindruckender Einzylindermotor mit einem Hubraum von 10,3 Litern. Der Kolben, der horizontal liegt, wiegt dabei allein zwischen 35 und 38 Kilogramm. Die Kühlung erfolgt bei den hier gezeigten Modellen über Kühler – vier auf der rechten Seite bei den größeren Bulldogs, drei bei den kleineren – und einen Lüfter in der Mitte, der das Kühlwasser herunterkühlt. Frühere Modelle nutzten noch einen einfachen Wasserbehälter als Verdampfer. Eine Besonderheit der Motoren ist ihre Robustheit gegenüber Hitze: „ordentliche Hitze bei den Motoren schadet den Motoren absolut nicht“, heißt es im Video.

In Sachen Getriebe waren Lanz Bulldogs oft mit einem Dreiganggetriebe ausgestattet, doch es gab auch seltenere Sechsgangmodelle, die eine Gruppenuntersetzung mit drei Gängen plus Rückwärtsgang sowie drei weitere Gänge in einem größeren Getriebe boten. Auch bei der Ausstattung gab es Optionen: Eine Fußbremse, die auf die Hinterräder wirkte, war beispielsweise nicht zwingend Standard, sondern musste optional hinzugekauft werden, ähnlich wie bei modernen Autos. Die Leistung variierte ebenfalls; so sind ein 45 PS und ein 25 PS Motor zu sehen, wobei die PS-Klasse stets am Hubraum und der Anzahl der Kühler zu erkennen ist.

Der Kraftstoffverbrauch eines Lanz Bulldogs variiert je nach Einsatzgebiet: Im harten achtstündigen Feldeinsatz konnte ein Traktor bis zu 40 Liter verbrauchen, während er im Hobbybetrieb heute oft mit 20 bis 25 Litern auskommt.

Das Startritual: Ein Erlebnis für sich
Eine der faszinierendsten Eigenheiten des Lanz Bulldogs ist sein Startvorgang, der oft als ein echtes Ritual beschrieben wird. Der Traktor verfügt über einen Dreikammer-Tank für Dieselkraftstoff, Motoröl (das auch mitverbrannt wird und vier Schmierstellen über eine Ölpumpe versorgt) und, optional, Benzin.

Für den traditionellen Start benötigt man eine spezielle Heizlampe mit senkrechtem Brennerkopf, die für fünf bis zehn Minuten in den Brennraum gehängt wird, um die Glühnase vorzuheizen, bis sie heiß genug ist, den Diesel zu zünden.

Eine modernere, aber nicht bei jedem Bulldog vorhandene Option ist der Benzinstart mit Batterie und Anlasser. Hierfür muss der Treibstoff vor dem Abstellen des Fahrzeugs von Diesel auf Benzin umgestellt werden. Eine im Zylinderkopf angebrachte Zündkerze erzeugt mittels einer Summerzündspule einen Funken. Nach dem Betätigen des Anlassers (oder Drehen am Schwungrad) springt der Traktor auf Benzin an und sollte zwei bis drei Minuten auf diesem Kraftstoff laufen, bis die Glühnase wieder die nötige Temperatur für den Diesel erreicht hat. Erst dann wird langsam der Benzinhahn geschlossen und der Diesel geöffnet.

Ein weiteres Phänomen beim Start, sei es mit Elektrostart oder Lenkrad, ist, dass der Traktor gelegentlich „verkehrt herum“ anspringen kann, also linksherum läuft. Erfahrene Lanz-Fahrer beherrschen jedoch den Trick: Man bringt den Motor mit dem Einspritzhebel fast zum Stillstand und spritzt kurz bevor er ausgeht noch einmal kräftig ein, um die Drehrichtung umzukehren.

Der Lanz Bulldog ist nicht nur eine Legende der Landtechnik, sondern ein Zeugnis deutscher Ingenieurskunst und ein Erlebnis für sich. „Wer einmal einen gestartet hat, der vergisst das nie“, lautet ein passendes Fazit.

Alexanderplatz im Wandel: Zwischen Wolkenkratzer-Visionen und Baustellen-Realität

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Der Alexanderplatz in Berlin ist weit mehr als nur ein geografischer Mittelpunkt; er ist ein Spiegelbild deutscher Geschichte und ein Ort permanenter Transformation. Bekannt als einer der prominentesten Plätze Deutschlands, steht er für Wandel und Aufbruch, doch gleichzeitig auch für Stillstand und geringen Fortschritt bei großen Bauprojekten. Für die einen ist er ein quirliger Hotspot mit Weltzeituhr und Fernsehturm, für die anderen ist er dreckig, laut und chaotisch.

Eine Geschichte des Wandels Einst ein belebter Ochsenhandelsplatz, entwickelte sich der Alexanderplatz zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und später zum sozialistischen Aufmarschplatz. Nach dem Fall der Mauer suchte Berlin eine neue Vision für diesen zentralen Ort, der lange als „architektonisches Niemandsland“ galt. Schon 1933 wurde unter der Leitung des Architekten Hans Kollhoff ein städtebaulicher Rahmenplan beschlossen, der insgesamt 10 Hochhäuser mit je 150 Metern Höhe vorsah – ein vertikaler Gegenentwurf zur damaligen flachen Bebauung. Dieser Plan bildet bis heute die Grundlage für die aktuellen Bebauungspläne. Obwohl einzelne Gebäude wie das Galeria Kaufhof modernisiert und das Einkaufszentrum Alexa hinzugefügt wurden, blieb der ganz große Wandel bisher aus. Der Platz wirkte lange zerschnitten, zugig und wenig einladend.

Die Wolkenkratzer-Debatte in Berlin In Deutschland löst das Thema Hochhäuser und Wolkenkratzer oft eine hitzige Diskussion aus, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern oder europäischen Städten. Auch in Berlin ist die Zukunft der Stadt, insbesondere bezüglich Hochhäusern, umstritten. Der amtierende Berliner Bürgermeister Kai Wegner hat sich nach einer Reise nach New York für den Bau von Hochhäusern ausgesprochen. Die Verantwortung für solche Projekte liegt jedoch bei den Bezirken und dem Senat, die oft zögern, große und spezielle Bauvorhaben zu genehmigen.

Trotz dieser Hürden befinden sich derzeit mehrere Hochhausprojekte rund um den Alexanderplatz in unterschiedlichen Bauphasen oder Planungsstadien.

Aktuelle Projekte im Überblick

1. Mintower: Ein Projekt der Kommerzreal, das sich seit 2024 sichtbar über Straßenniveau erhebt, nachdem die Bauarbeiten seit 2020 primär die Untergeschosse betrafen. Mit 134 Metern Höhe und 50.000 m² Geschossfläche soll er ein neues Wahrzeichen werden. Geplant ist ein Nutzungsmix aus Büro, Einzelhandel und Gastronomie, inklusive eines „Food Culture Market“ in den oberen Geschossen. Bemerkenswert ist, dass 1000 m² dem Land Berlin als mietfreie oder mietreduzierte Gemeinbedarfsfläche zugesichert wurden, wofür die Zentral- und Landesbibliothek als potenzieller Mieter im Gespräch ist. Das benachbarte Galeria Kaufhof wurde teilweise zurückgebaut und soll ab Januar 2026 geschlossen werden, wobei eine Rückkehr ungewiss ist. Der Entwurf stammt vom Architekturbüro Kleihues und Kleihues, die Fertigstellung ist für Ende 2028 geplant. Das Projekt wurde 2023 von Kommerzreal erworben, nachdem der vorherige Eigentümer, die Signa Holding von René Benko, Insolvenz anmelden musste.

2. Covivio Tower: Direkt gegenüber dem Park Inn Hotel entsteht der 133 Meter hohe Covivio Tower mit 33 Obergeschossen. Das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton entwarf ein Gebäude, das 60.000 m² Mietfläche für Büros, Wohnungen, Einzelhandel, Gastronomie sowie Kitas bieten soll. Auch Gemeinschaftsflächen, darunter ein 2500 m² großer Dachgarten, sind vorgesehen. Dieses Projekt kämpft jedoch ebenfalls mit Verzögerungen, da Risse in der Tunnelwand der U2-Linie unter dem Alexanderplatz zu einem Baustopp und notwendigen Sanierungsarbeiten führten. Die Fertigstellung wird nun für Mitte 2027 erwartet. Sowohl der Mintower als auch der Covivio Tower legen einen Fokus auf Nachhaltigkeit und nutzen Geothermie, Regenwassernutzung, Photovoltaik und natürliche Belüftungstechniken.

3. Heinz Tower: Mit einer geplanten Höhe von 150 Metern und 39 Etagen soll der Heinz Tower sowohl Wohn- als auch Hotelflächen bieten. Der ursprüngliche Entwurf aus dem Jahr 2014 stammt vom amerikanischen Architekturbüro Gary Partners, wobei Veränderungen am finalen Gebäude vermutet werden. Die unteren 12 Etagen sind für ein Hotel und technische Einrichtungen vorgesehen, während die oberen Stockwerke bis zu 300 Wohnungen unterschiedlicher Größen beherbergen sollen. Der Baustart ist für 2025 geplant. Das Projekt sah ursprünglich ein aus dem Sockel herauswachsendes Hochhaus vor, doch städtebauliche und technische Herausforderungen führten zu einer Verschiebung des Hochhauses am Grundstück. Eine besondere Komplikation ist ein unterirdischer Bunker, der sich auch unter dem Platz befindet, sowie zwei U-Bahn-Röhren. Die Sanierung von U-Bahn-Tunneln, die vier Jahre dauerte und sogar den Bau eines neuen U-Bahnhofs erforderte, ist eine ungewöhnliche Verpflichtung für einen Projektentwickler.

4. Alexander Tower (Capital Tower / Monarch): Dieses vierte geplante Hochhaus, direkt neben dem Einkaufszentrum Alexa, sollte 35 oberirdische und vier unterirdische Geschosse umfassen. In 29 Stockwerken waren 377 Wohnungen unterschiedlicher Größen sowie ein Fitnesscenter, Pool und Spa geplant. Die Bauarbeiten begannen bereits, stehen aber seit Beginn des russischen Angriffskrieges Ende 2022 still. Der armenische Investor Monarch, der seinen Sitz in Moskau hat, setzte den Bau nicht fort. Der Berliner Senat verhängte eine Strafe von 10 Millionen Euro, die jedoch nach derzeitigen Recherchen nicht gezahlt wurde. Monarch sucht nun nach einem Partner oder Käufer für das Projekt, doch es bestehen berechtigte Zweifel, ob es jemals realisiert wird. Der Entwurf stammt von Ordner und Ordner.

Ausblick Gemäß dem ursprünglichen Bebauungsplan sind am Alexanderplatz noch weitere Hochhäuser vorgesehen, konkrete Pläne hierfür sind jedoch aktuell nicht bekannt. Der Alexanderplatz bleibt somit ein Ort der Ambitionen und Herausforderungen, an dem sich die Zukunft Berlins in steinernen Visionen und zähen Bauprozessen widerspiegelt.

Lausitz im Fokus: Das „Net Zero Valley“ zwischen Vision und Energiewende-Skepsis

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Cottbus – Das 12. Cottbuser Stadtgespräch, veranstaltet vom Bürgerforum Cottbus, öffnete jüngst erneut den Debattenraum für die ungefilterte Bürgermeinung. Unter dem provokanten Titel „Net Zero Valley: Die Lausitz als Modellregion – Investition, Illusion, Diskussion“ standen die Zukunft der Region und die Herausforderungen der Energiewende im Mittelpunkt intensiver Debatten. Moderiert von Dirk Flindemann, bot der Abend Einblicke in das ambitionierte Projekt des „Net Zero Valley“ und konfrontierende Perspektiven zur deutschen Energiepolitik.

Das „Net Zero Valley“: Bürokratieabbau für die Industrieansiedlung
Dr. Markus Negemann, Beigeordneter und Kämmerer der Stadt Cottbus sowie ein Verfechter des „Net Zero Valley“, präsentierte die Vision einer Modellregion, die entgegen gängiger Missverständnisse nicht primär auf Klimaschutz oder Emissionsfreiheit abzielt. Vielmehr, so Negemann, gehe es um den Abbau von Bürokratie und die Ansiedlung von Industrieunternehmen. Er räumte ein, dass dies kurzfristig sogar zu mehr CO2-Emissionen in der Region führen könnte.

Das Konzept des „Net Zero Valley“ basiert auf zwei wichtigen EU-Verordnungen vom Mai 2024: dem „Critical Raw Materials Act“ zur Stärkung der Resilienz bei kritischen Rohstoffen und dem „Net Zero Industry Act“. Dieser Act definiert 19 strategische Technologien (wie Batteriespeicher, Wasserstofftechnologien, intelligente Stromnetze, synthetisches Kerosin und Kernkraft), in die weltweit Milliardensummen investiert werden. Europa verliere jedoch den Anschluss bei der Produktion, da der Großteil der Investitionen nach Asien und Nordamerika fließe. Ziel des Acts sei es, diese Produktion in die EU zu holen, und die Lausitz wolle hier eine Vorreiterrolle spielen.

Ein zentraler Wettbewerbsnachteil Europas sei die langsame Genehmigungsverfahren. Während in China oder Nordamerika eine Fabrik in einem halben bis einem Jahr genehmigt werde, dauere dies in Europa drei bis fünf Jahre. Das „Net Zero Valley“ soll durch schnellere Genehmigungsprozesse, Bürokratieabbau in verschiedenen Rechtsgebieten (Datenschutz, Beihilfe-, Baurecht), gezielte Qualifizierungsprogramme (Net Zero Academy) und flexiblere Fördermittelanwendung Investitionen in diesen Technologien anlocken.

Die Lausitz, bestehend aus Industrie- und Handelskammern, Landkreisen und Städten, hat die Chance frühzeitig erkannt. Eine Task Force, der Dr. Negemann vorsteht, erarbeitete eine Bewerbung, die bereits im März als erster Antrag in ganz Europa dem zuständigen EU-Kommissar übergeben wurde. Das „Valley“ umfasst die gesamte Lausitz, fokussiert sich aber auf elf ausgewählte Industriegebiete mit über 800 Hektar Fläche. Die Region konzentriert sich auf Technologien rund um Batterie- und Energiespeicherlösungen, intelligente Stromnetze, Power X und Sektorenkopplung. Aktuell werde an der vorgeschriebenen strategischen Umweltprüfung gearbeitet, um im Oktober die offizielle Ausweisung als „Net Zero Valley“ zu erhalten. Negemann betonte die enge Zusammenarbeit mit anderen deutschen Initiativen wie der Weser-Ems-Region und hob hervor, dass die Lausitz hier schneller sei, obwohl sie als Kommunen agierten. Er verwies auf die Webseite netzerovalley.de für weitere Informationen.

Die ernüchternde Realität der Energiewende
Kontrastierend dazu präsentierte Lutz Hartig, Kraftwerks- und Diplomingenieur für Energiewirtschaft, eine kritische Analyse der Energiewende. Er stellte die Kernfrage, ob die bis 2045 angestrebte klimaneutrale Energiewende überhaupt möglich, sicher, umweltverträglich und bezahlbar sei, und zitierte den Bundesrechnungshof, der diese Frage mit „Nein“ beantwortet.

Hartig kritisierte die geringe gesicherte Leistung von Photovoltaik (0%) und Windkraft (6%), die einen enormen Bedarf an Backup-Kraftwerken, Elektrolyseuren, Wasserstoffspeichern und Batterien erforderten. Diese Systemkosten würden jedoch oft unterschlagen. Er verdeutlichte, dass Deutschland immer noch zu 80% auf fossile Energien angewiesen sei und Wind- und Solarenergie zusammen nur knapp 8% des Gesamtenergiebedarfs deckten. Die Behauptung der Regierung, 50% der Elektroenergie kämen aus Erneuerbaren, beziehe sich lediglich auf den Stromsektor, nicht auf Wärme und Verkehr.

Hartig präsentierte Berechnungen, die Atomstrom als die preiswerteste Energieerzeugungsart auswiesen, bei 2 Cent pro Kilowattstunde – ein Preis, den Deutschland erreicht hatte, als 30% des Stroms aus Kernenergie stammten. Die Stilllegung der deutschen Kernkraftwerke habe rund 500 Milliarden Euro gekostet und keine CO2-Einsparungen bewirkt. Die zunehmende Volatilität des Netzes führe zu einer dramatischen Zunahme der Netzbetreiber-Eingriffe – von etwa 10 im Jahr 2000 auf über 5.000 im ersten Quartal dieses Jahres. Er argumentierte, dass das System zunehmend unsicher werde und die Kosten explodierten.

Die globale Realität zeige einen Anstieg des Energieverbrauchs, wobei fossile Energien 77% ausmachten und die Kernkraft nicht signifikant gestiegen sei, da sie ohne CO2-Abscheidung teurer sei als Kohle oder Gas. Hartig zeigte auf, dass der Power-to-X-Prozess zur Wasserstofferzeugung mit 75% Energieverlust behaftet sei. Er betonte, dass eine Kernkraftvariante pro Jahr 160 Milliarden Euro einsparen könnte, keine Gaskraftwerke, Elektrolyseure oder Wasserstoffspeicher benötigte und die Netzkapazität um 75% reduziert werden könnte. Er kritisierte zudem, dass Deutschland eigene Gasvorkommen ignoriere und CCS-Technologien verbiete. Auch die Sprengung des modernen Kraftwerks Moorburg, das für eine CO2-Abscheideanlage prädestiniert gewesen wäre, sei ein Beispiel für Fehlentscheidungen.

Hartig wies darauf hin, dass viele hochentwickelte Industrieländer wieder stärker auf Kernenergie setzten und sich die EU-Kommission ebenfalls für den Ausbau stark mache. Er hob die Sicherheit von Kernkraftwerken hervor, deren Betrieb und Endlagerung als gefahrlos machbar gelten, wenn alle Vorschriften eingehalten werden. Die Entlagerung sei nur deswegen so teuer, weil sie nicht gewollt sei; tatsächlich existierten toxische Abfalllager, die giftigeren Müll aufnähmen. Zudem seien Brennstäbe zu 100% wiederverwertbar, und Deutschland verfüge über Kernbrennstoff für 500 Jahre Energieerzeugung. Hartig pries Small Modular Reactors (SMRs) als sichere, kostengünstige und flexible Lösung für die Zukunft, die auch die Abfallproblematik lösen könnten und international stark vorangetrieben würden, aber in Deutschland ignoriert.

Diskussion: Von CO2-Nutzen bis zur politischen Legitimation
Die anschließende Diskussionsrunde zeigte die breite Palette an Meinungen und Frustrationen des Publikums. Eine Frage zum Recycling von Solarpanelen und Windradflügeln hob die Schwierigkeiten hervor, während Kernkraft als vollständig recycelbar dargestellt wurde.
Kritik wurde an den im „Net Zero Valley“-Antrag genannten Projekten wie der Gigawatt-Fabrik der LEAG, Rocktech Lithium in Guben und dem Hydrogen-Projekt in Jänschwalde geäußert, da diese in Verzug seien oder Finanzierungsprobleme hätten. Dr. Negemann räumte Verzögerungen ein, betonte aber die strategische Bedeutung der Projekte und die Notwendigkeit, Pipeline-Projekte für die Bewerbung darzustellen.

Eine emotionale Debatte entzündete sich um CO2. Ein Zuhörer forderte eine „Lanze für das ach so giftige CO2“ und argumentierte, es sei essenziell für Pflanzen und die Begrünung der Erde. Er bezeichnete die gesamte CO2-Diskussion als „Schwachsinn“, die nur der Rechtfertigung der CO2-Steuer diene. Es wurde angeführt, dass Deutschland nur einen winzigen Bruchteil des globalen CO2-Ausstoßes verursache.

Die Frage nach der Energiesicherheit nach dem Kohleausstieg, insbesondere im Hinblick auf Polens Kernkraftausbau, wurde gestellt. Dr. Negemann konnte hier keine konkrete Antwort geben und verwies auf den Import von Atomstrom aus anderen Ländern, der jedoch Wertschöpfung ins Ausland verlagere. Er äußerte jedoch Optimismus bezüglich zukünftiger technologischer Fortschritte bei der Energiespeicherung.

Ein wiederkehrendes Thema war die allgemeine Bürokratie und die Frage, warum nicht generell die Bedingungen für Unternehmen verbessert, sondern stattdessen „Sonderwirtschaftszonen“ geschaffen würden. Dr. Negemann verteidigte das „Net Zero Valley“ als eine Chance, die Experimentierklausel des EU-Gesetzes zu nutzen, um von bestehender Regulatorik abzuweichen. Er betonte, dass die Lausitz Vorschläge mache, wie dies konkret umgesetzt werden könne, und dass dies eine „Riesenchance“ für die Region sei.

Die Rolle der Politik und die Entmündigung der Gesellschaft durch hohe Steuern und Subventionen wurden ebenfalls kritisch beleuchtet. Ein Zuhörer plädierte für eine „komplette Reform in diesem Land“ und mehr Freiheit für die Wirtschaft.

Schließlich wurde die Frage nach der Legitimation der „Lausitz“ aufgeworfen, die sich für das Projekt bewirbt. Dr. Negemann erklärte, dass ein achtköpfiges Gremium aus Vertretern der IHKs, HWKs, Landkreise und kreisangehörigen Städte und Gemeinden die politische Legitimation habe, da diese Vertreter gewählt oder durch Mitgliedschaften in Kammern legitimiert seien.

Der Abend endete mit der Erkenntnis, dass die Debatte um die Energiepolitik und die Zukunft der Lausitz weit über das Technische hinausgeht und tief in Fragen von Vertrauen, politischer Steuerung und gesellschaftlichen Werten verwurzelt ist. Das Bürgerforum Cottbus wird die Diskussionen am 11. September mit einem Themenabend zum Bargeld und am 1. August mit dem nächsten Stadtgespräch zur „Agenda 2030“ fortsetzen.

Der Schwimmer, der der Ostsee und der Stasi trotzte

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Boltenhagen an der Ostsee, Sommer 1969. Die Suchscheinwerfer der DDR-Grenztruppen streifen über die Dünen, der Strand ist nachts Sperrgebiet. Doch ein 19-jähriger Mann namens Axel Mitbauer versteckt sich in einem Strandkorb. Sein Ziel: die Flucht über die eiskalte Ostsee in den Westen. „Wenn man mich gegriffen, auf jeden Fall ’nen Schauprozess gemacht und dann wäre ich für Jahre gekommen. Ich hätte nichts mehr machen können, mein Leben wäre komplett zu Ende gewesen“, erinnert sich Mitbauer. Es war der Wettkampf seines Lebens gegen die Kälte der Ostsee, für den seine Mutter ihn mit Vaseline einrieb, mehr konnte sie für ihren einzigen Sohn nicht tun.

Vom Liebling der DDR zur Staatsfeind-Hoffnung
Axel Mitbauer war ein Ausnahmetalent, ein „Lieblingskind der DDR“. Mit acht Jahren wurde sein Schwimmtalent entdeckt, er kam auf eine Sportschule in Leipzig, trainierte sechs, sieben Stunden am Tag. Der Sport war seine Heimat, seine Familie, wo er ein wunderbares Leben führen durfte. Mitbauer wurde zweimaliger DDR-Meister. Doch trotz seiner privilegierte Stellung im Sport wollte er abhauen.

Die erste konkrete Fluchtmöglichkeit bot sich 1968 bei einem Wettkampf in Budapest. Heimlich sprach er einen westdeutschen Schwimmer und dessen Trainer Werner Ufer an, die ihm ihre Hilfe zusicherten. Mitbauer hätte sich am liebsten nach einem Wettkampf ins Auto gesetzt und wäre mit den beiden in die Bundesrepublik Deutschland gefahren. Eine andere Vereinbarung sah vor, dass Ufer ein Passbild von Mitbauer bekommen sollte, um in Essen einen ähnlich aussehenden jungen Mann zu finden, dessen Pass auszuleihen. Man hätte Mitbauer dann in Österreich oder Italien abgeholt, wo er politisches Asyl beantragen konnte.

Das Stasi-Drama von Hohenschönhausen
Wenige Wochen später, im Juli 1968, trat Werner Ufer bei den Deutschen Meisterschaften in West-Berlin an. Vor den Fernsehinterviews übergab er seinem Trainer einen Brief für Mitbauer, der Informationen zu dessen geplanter Flucht enthielt. Doch Ufer legte die Briefe auf die Ablage im Auto, wo sie bei einer Kontrolle gefunden wurden. „Was sind das für Briefe?“, fragte der Kontrolleur, und Ufer wurde festgenommen. Er landete im berüchtigten Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Noch am selben Tag wurde auch Axel Mitbauer verhaftet. Wochenlang verhörte die Stasi den DDR-Schwimmer und den BRD-Trainer. Mitbauer saß in Haft, während in Mexiko die Olympischen Spiele begannen, wo zum ersten Mal Deutschland West und Deutschland Ost mit eigenen Mannschaften gegeneinander antraten – und Mitbauer, eine DDR-Medaillenhoffnung, fehlte. Die Stasi versuchte, Mitbauer zum Spitzel zu machen. Er sollte Aussagen machen, die den Trainer als „Menschenhändler“ belasten würden, um eine großangelegte Propagandaaktion gegen die Bundesrepublik wegen „organisiertem Menschenhandel im Sport“ zu starten. Doch Mitbauer blieb standhaft.

Nach sieben Wochen kam Mitbauer frei, während Ufer neun Monate in Haft blieb und dann ausgetauscht wurde. Die Stasi machte Mitbauer klar, dass er in der DDR keine sportliche Zukunft mehr hatte. Man sperrte ihn „lebenslang für alle Sportarten“.

Der mutige Sprung in die Freiheit
Mit seinen 19 Jahren war seine Karriere zerstört. Auf einer Party erfuhr Mitbauer vom Ostseebad Boltenhagen, von dem aus man das westdeutsche Ufer erkennen konnte. Er schätzte die Entfernung in seinem DDR-Schulatlas auf 30 km. Eines Tages sagte er spontan zu seiner Mutter: „Ich schwimme von da nach da“.

Mit dem Zug fuhr Mitbauer zur Ostsee, verfolgt von zwei Mitarbeitern der Staatssicherheit. Als der Zug in Schwerin hielt und wieder anfuhr, warf er sein Zeug raus und sprang ab. Er versteckte sich auf einem Zeltplatz an der Küste, seine Mutter kam später nach. Eine Woche lang beobachtete er die Grenzpatrouille. Der Suchscheinwerfer musste einmal pro Stunde eine Minute lang abkühlen – in dieser Zeit musste Mitbauer Strand und Sandbänke überwinden, um ins tiefe Wasser zu gelangen.

Als der Moment gekommen war, rannte er los, ohne oben zu schwimmen oder zu strampeln, er tauchte einfach ins Wasser. Seine Mutter schlich zum Zelt und nahm den Frühzug zurück nach Leipzig. Kurz danach kam die Stasi und fragte sie nach ihrem Sohn. Sie log, ihr Sohn habe einen Fluchtversuch unternommen, aber sei erschossen worden. Zwei Stunden lang weinte sie – die Stasi wusste nicht, wie sie mit ihr umgehen sollte.

Rettung und ein neues Leben
Nach vier Stunden Kampf mit der Ostsee, seine einzige Orientierung waren die Sterne, erreichte Axel Mitbauer gegen ein Uhr nachts eine Boje kurz vor dem bundesdeutschen Ufer. Er hievte sich hoch und verbrachte sieben Stunden bei Windstärke 5 auf der Boje. Am frühen Morgen entdeckte er ein Passagierschiff auf dem Weg nach Travemünde. Er winkte, ein Mann sah ihn und informierte den Kapitän. Zuerst dachte der Kapitän, Mitbauer sei lediglich jemand, der Bojen wartet. Doch als sie mit einem Feldstecher genauer hinsahen, erkannten sie, dass es sich um einen einzelnen Mann handelte.

Die Fähre drehte, kam zurück, und Mitbauer wurde mit einer Strickleiter an Bord geholt, in Decken gehüllt und in die Kajüte des Ersten Offiziers gebracht. Dort bekam er „das schönste Steak seines Lebens“.

In der Bundesrepublik wurde die Flucht des DDR-Schwimmers als Sensation gefeiert, Mitbauer wurde zum Helden des Kalten Krieges. Die Stasi war blamiert und reagierte sofort mit der totalen Überwachung des DDR-Sports. Neue Richtlinien von 1971 führten zu einer „totalen Erfassung“ nicht nur der Sportler selbst, sondern ihres gesamten Umfelds – eine gigantische Aufgabe.

Axel Mitbauer ist heute ein erfolgreicher Schwimmtrainer in Karlsruhe. Seine Mutter durfte sechs Jahre nach seiner Flucht aus der DDR ausreisen. Im Westen wurde er noch Europameister. Als Trainer arbeitete er überall, auch in Italien und der Schweiz, aber nie im Osten, nie in seiner Heimatstadt Leipzig. Er weiß, dass er für manche dort immer noch der „Republikflüchtling“ ist, aber für die meisten ist er derjenige, „der letztendlich den richtigen Weg gewählt“ hat.

Axel Mitbauer hat einen Sohn, ein Schwimmtalent wie der Vater und bereits deutscher Jugendmeister. Erstmals nach 40 Jahren zeigte Mitbauer seinem Sohn den Strand, an dem sich sein Leben entschieden hatte. Es war der Beginn seines neuen Lebens. Axel Mitbauer hatte Mut und Glück. Fast 200 Menschen jedoch starben bei dem Versuch, über die Ostsee zu flüchten.