Musikalische Lesung mit City-Legende Toni Krahl in Wurzen

Wurzen. Am Abend des 12. April öffnete das Kulturhaus Schweizer Garten in Wurzen seine Pforten für einen besonderen Gast: Toni Krahl. Der Musiker, der fast fünf Jahrzehnte lang als Frontmann der legendären Band City bekannt war, lud vor rund 100 Gästen zu einer „musikalischen Lesung“ ein. Bewaffnet mit seiner Gitarre und seinem Buch, bot Krahl gemeinsam mit seinem Gesprächspartner Kai Suttner, dem ehemaligen Tourmanager der Pudies, einen Abend voller persönlicher Einblicke, Geschichten und natürlich Musik. Suttner führte mit dem „roten Faden“ durch das Programm, um Krahl, der sich manchmal „ein bisschen verwurstelt“, zu leiten und allerhand Persönliches und Hintergründiges zu entlocken.

Der Abend in Wurzen war eine Mischung aus Gesprächen, Lesungen aus Krahls Buch und immer wieder eingestreuten Liedern. Ein zentrales Thema war das Ende von City. Die Band hatte 2022 mit ihrer Abschiedstournee „quasi die letzte Runde“ gedreht. Krahl sprach vom „kollektiven Suizid“ der Band nach dem viel zu frühen Tod ihres Kollegen Klaus. Sie hätten beschlossen, das gemeinsame Vermächtnis – 50 Jahre zu erreichen, was auch Teil von Klaus‘ Therapie während seiner Krankheit gewesen sei – noch zu erfüllen. Dies sei ihnen auch in seinem Namen auf „sehr ehrenvolle und erfolgreiche“ Weise gelungen. City war und ist Krahls Leben, und er würde es im Grunde „noch mal genauso“ machen, auch wenn er ein paar Fehler vermeiden würde, die man aber vorher nicht wissen könne.

Auch das 1987 erschienene City-Album „Casablanca“ wurde thematisiert. Dieses Album markierte laut Krahl einen wichtigen Schritt: „city war nicht mehr nur am Fenster city lehnte sich weit hinaus mit klarem Blick auf die Realitäten draußen“. Die Platte mit Texten aus der Feder von Alfred Rösler-Kleint galt zu DDR-Zeiten als mutig und fand große Beachtung. Textzeilen wie „wollen wir uns kennenlernen müssen wir das Haus verlassen“ oder „wenn du Lastiges er wie aus einem Wel wandern wann wandern wann“ zeugen von dieser Haltung.

Toni Krahl spielte die Lieder an diesem Abend so, wie sie entstanden sind: mit Gitarre und Gesang. Er erklärte, dass die Band die Songs erst später im Studio einspielte, am Sound feilte und abmischte. Den wohl bekanntesten City-Hit, „Am Fenster“, spielte er jedoch nicht, da dieser Song laut ihm nur mit Geige wirke. Ohnehin habe er keinen einen Lieblingstitel, das sei wie einen Lieblingskind aus fünf Kindern auszuwählen. Auch wenn „Am Fenster“ durch seinen Erfolg und das „über Nacht in die Herzen der Leute gespielt“ eine Sonderstellung habe, seien ihm die anderen Lieder genauso viel wert.

Seit dem Ende von City befindet sich Toni Krahl im „Unruhezustand“. Er freute sich unglaublich, dass ihm die Band Silly zutraute und ihm „ihre Lieder anvertraut“. Er musste sich mit deren ganz anderen Themenvielfalt und Musik „schwer auseinandersetzen“ und die Songs für die Bühne „zu meinen machen“, da er nicht „die Telefonmo singen“ könne. Er teilte sich das Mikrofon mit Julia Neigel, einer „wunderbaren Sängerin“ und „radikal netten“ Kollegin. Nach zwei tollen Jahren sei nun aber Zeit für neue Pläne, denn Krahl kann nach eigener Aussage „die Füße nicht stillhalten“.

Die neuen Pläne münden in seinem ersten Soloalbum, das im September erscheinen soll. Es ist aber nicht gänzlich solo, da er eine Band gegründet hat: Tony Ko die Kings vom Prinzlauerberg (Kings mit X geschrieben). Das Album enthält ausschließlich neue Songs, die auch auf die Bühne gebracht werden sollen. Bei Live-Auftritten will die Band aber auch „kräftig mit der City Fahne wedeln“, da Krahl große Sehnsucht nach den alten Songs hat. In Wurzen gab er bereits eine Kostprobe des neuen Materials.

Die Besetzung von Tony Ko verspricht musikalische Qualität: Neben Krahl gehören dazu Reinhard Peter Reit (Gitarrist von Rockhaus), Tobias Unterberg (Cello, früher bei der Folk-Punk-Band zu Insta Buckets), André Kunze (Keyboards, Produzent der letzten sechs City-Alben und laut Krahl ein toller Künstler) sowie Carsten Klick am Schlagzeug (Projektmusiker, der u.a. mit Joachim Witt und Silly gespielt hat).

Toni Krahl sieht sein neues Album als „logische Fortsetzung“ von City, auch wenn die Musik durch die Zusammenarbeit mit anderen Individuen vielleicht etwas anders klingen wird. Seine musikalischen Wurzeln in den 70ern und 80ern seien aber unverkennbar. Mit einem Augenzwinkern merkte er an, dass er zur Verfügung stehe, wenn gesagt werde, „der Ostrck muss hier gerettet werden“.

Das Publikum in Wurzen zeigte sich begeistert. Krahl hatte sichtlich Spaß an der Musik. Die Gäste genossen die Anekdoten und die Geschichten aus Krahls langem Schaffen. Es sei faszinierend gewesen, die Geschichte von damals zu hören, und die Musik habe emotional berührt – „gab ein Sachen da waren wir schon in Tränen da ne“. Nach dem Konzert nahm sich Toni Krahl noch Zeit, signierte geduldig Alben, Bücher und CDs und stellte sich für Fotos zur Verfügung. Der Abend zeigte: Auch nach dem Ende von City ist Toni Krahl künstlerisch noch lange nicht am Ziel, sondern voller Energie und neuer Pläne.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl