
Ein Brief an Verwandte im Westen, ein Telefonat mit Freunden oder ein Gespräch im Hausflur – für viele Menschen im Bezirk Gera gehörten solche Situationen zum Alltag. Was die meisten nicht wussten: Oft blieben diese privaten Momente nicht unbeobachtet.
Die Staatssicherheit stützte sich dabei nicht allein auf Inoffizielle Mitarbeiter. Einen tiefen Einblick in das Leben der Bürger verschaffte ihr die Postkontrolle der Abteilung M. Im heutigen Stasi-Unterlagen-Archiv Gera lagern noch rund 173.000 Briefumschläge. Sie sind Zeugnisse einer Arbeit, die meist im Verborgenen stattfand. Briefe und Pakete wurden geöffnet, Inhalte fotografiert oder kopiert und anschließend wieder verschlossen. In den Akten finden sich bis heute Briefnegative, Passbildkopien und abgefangene Schecks. Bei rund 750.000 Einwohnern im Bezirk enthielten die Unterlagen Informationen zu etwa 500.000 Personen.
Noch näher am Alltag setzte ein anderes System an. In der Kreisdienststelle Saalfeld führte die Staatssicherheit sogenannte AKP-Karteien. Die Karten waren nach Orten, Straßen und Hausnummern sortiert. Erfasst wurden Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld der Beobachteten: Nachbarn, Kollegen oder Bekannte. Sie gaben Auskünfte über Gewohnheiten, Kontakte oder Äußerungen anderer Bürger. Anders als Inoffizielle Mitarbeiter verfügten sie häufig weder über einen Decknamen noch über eine formelle Verpflichtung.
In manchen Mehrfamilienhäusern sammelte die Staatssicherheit Informationen von mehreren Bewohnern gleichzeitig. Der eine berichtete über den Nachbarn gegenüber, ein anderer über Gespräche im Treppenhaus oder Besucher am Wochenende. Oft wussten die Beteiligten nichts voneinander.
Hinzu kam die Telefonüberwachung durch die Abteilung 26. Tausende Tonträger mit aufgezeichneten Gesprächen blieben erhalten. Zusammen ergaben Postkontrolle, Telefonüberwachung und die Auskünfte aus dem direkten Wohn- und Arbeitsumfeld ein dichtes Bild des Alltags im Bezirk Gera.
Die heute zugänglichen Akten zeigen nicht nur die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Sie erzählen auch von Menschen, deren Briefe gelesen, deren Gespräche mitgehört und deren private Lebensbereiche dokumentiert wurden – häufig, ohne dass sie jemals davon erfuhren.