Wie die Klassik Stiftung Weimar mit „Ent|Schlossen“ neue Wege beschritt

Das Projekt „Ent|Schlossen“ der Klassik Stiftung Weimar war ein ambitionierter Versuch, die Rolle einer Kulturinstitution neu zu definieren. Mit dem Ziel, Teilhabe an kulturellen Angeboten zu fördern, Zugangsbarrieren abzubauen und die regionale Kulturlandschaft zu stärken, wurden innovative Wege erprobt, um Kultur näher an die Menschen zu bringen. Dabei ging es nicht nur um die Inhalte, sondern auch um die Frage, wie diese Inhalte präsentiert und zugänglich gemacht werden können.

Eine zentrale Leitidee des Projekts war, dass Kulturinstitutionen nicht allein für das Bewahren und Musealisieren zuständig sind. Vielmehr tragen sie auch eine Verantwortung, Räume für Begegnung und Austausch zu schaffen, die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit zu reflektieren und aktive Beiträge zur Gemeinschaft zu leisten. Im Mittelpunkt von „Ent|Schlossen“ standen daher drei Kernmaßnahmen: Partnerschaften eingehen, Räume öffnen und raus gehen.

Die erste Maßnahme, Partnerschaften einzugehen, wurde durch die enge Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteuren aus Kultur, Sozialarbeit und Vereinen verwirklicht. Diese Kooperationen ermöglichten es, gemeinsam Programme zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen zugeschnitten waren. Workshops, Lesungen, Konzerte und weitere Formate fanden an Orten statt, die über die traditionellen Institutionen hinausgingen. Die Einbindung von Sozialträgern und Initiativen trug dazu bei, die Programme inklusiv zu gestalten und Menschen anzusprechen, die bisher wenig Zugang zu kulturellen Angeboten hatten.

Ein besonderes Highlight war die Öffnung von Räumen für die Gemeinschaft, etwa durch die Schaffung des Begegnungsraums CoLabour. Hier wurden Infrastruktur, Mobiliar und Materialien bereitgestellt, um Menschen die Möglichkeit zu geben, den Raum für eigene Ideen zu nutzen. Ob Feierabendtreffen, kleinere Veranstaltungen oder einfach lockere Begegnungen – das CoLabour bot ein flexibles und einladendes Ambiente, das aktiv dazu einlud, Kultur auf eigene Weise zu gestalten. Dies war ein zentraler Schritt, um den kulturellen Raum aus der institutionellen Strenge zu lösen und ihn für neue Zielgruppen und kreative Ansätze zu öffnen.

Die dritte Säule von „Ent|Schlossen“ bestand darin, raus zu gehen und Kultur zu den Menschen zu bringen. Besonders eindrucksvoll zeigte sich dies in der Idee eines Lastenfahrrads, das als mobile Plattform für kulturelle Angebote direkt in die Stadtteile fuhr. Dieses Konzept hatte gleich mehrere Vorteile: Es machte die Angebote sichtbarer, erleichterte den Zugang und bot vor allem Bewohnerinnen und Bewohnern, die möglicherweise weniger mobil sind, die Chance, kulturelle Erfahrungen zu machen. Mit diesem Ansatz ging die Klassik Stiftung bewusst auf diejenigen zu, die sonst eher in ihrer eigenen sozialen oder geografischen „Bubble“ verharren würden, und schuf so neue Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen.

Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Stärkung und Sichtbarmachung marginalisierter Gruppen, insbesondere der sogenannten FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen). Diese Zielgruppe erhielt durch „Ent|Schlossen“ gezielt Bühnen und Möglichkeiten, ihre Themen und Perspektiven einzubringen. Dies geschah beispielsweise durch Lesungen, Konzerte oder Empowerment-Workshops, die dazu beitrugen, kulturelle Räume diverser zu gestalten und gesellschaftliche Vielfalt zu fördern.

Die Maßnahmen von „Ent|Schlossen“ hatten transformative Effekte, die weit über die unmittelbaren Projekte hinausgingen. Sie führten auch innerhalb der Klassik Stiftung zu einem Umdenken. Die Institution begann, ihre eigene Rolle stärker zu hinterfragen und Wege zu suchen, wie sie langfristig inklusiver und zugänglicher werden kann. Es ging dabei nicht nur darum, neue Zielgruppen zu erreichen, sondern auch darum, die eigene Organisation offener und dynamischer zu gestalten.

Ein weiterer Aspekt des Projekts war die Nutzung von Baustellen und Übergangsphasen als Testraum für neue Ideen. So dient das Weimarer Schloss, das seit 2018 saniert wird, als Experimentierfeld, um informelle Begegnungsorte zu schaffen und zukünftige Nutzungskonzepte zu testen. Durch das CoLabour und ähnliche Initiativen wurde ausprobiert, wie Räume genutzt werden können, um eine Balance zwischen historischer Bedeutung und moderner gesellschaftlicher Relevanz zu schaffen.

Zusammenfassend zeigt „Ent|Schlossen“, wie eine Kulturinstitution ihre traditionelle Rolle erweitern und aktiv zu einem lebendigen Teil der Gesellschaft werden kann. Die Verbindung von kultureller Erbevermittlung mit gegenwartsbezogenen Ansätzen hat nicht nur die Teilhabe erhöht, sondern auch neue Perspektiven auf die Bedeutung von Kultur und Gemeinschaft eröffnet. Dieses Modell, das auf Offenheit, Kooperation und Mobilität setzt, könnte als Vorbild für ähnliche Einrichtungen dienen, die sich den Herausforderungen einer immer diverseren und dynamischeren Gesellschaft stellen möchten. Indem Kultur zu den Menschen gebracht wird – sowohl physisch als auch inhaltlich – gelingt es, neue Begegnungen zu schaffen, Barrieren abzubauen und den kulturellen Raum als etwas Lebendiges und Offenes zu definieren.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.