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Eine Reise durch vergessene DDR-Küchenschätze

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Berlin/Leipzig – Wer dachte, alle Klassiker der DDR-Küche zu kennen, der irrt sich gewaltig. Jenseits von Soljanka und Broiler gab es eine Fülle an Gerichten, die nicht nur den Gaumen verwöhnten, sondern ganze Generationen prägten und Geschichten von Erfindungsgeist, Zusammenhalt und dem Gefühl von Zuhause erzählen. Diese kulinarischen Schätze, oft aus der Not geboren, aber stets mit viel Herz zubereitet, waren weit mehr als bloße Nahrung – sie waren ein Spiegel der Zeit und der Menschen, die sie aßen.

Herzhaftes für Leib und Seele: Hauptgerichte mit Charakter
Ein Sonntags-Highlight, das trotz seines Namens keine tierischen Spuren aufwies, war der „Falsche Hase“. Dieser Hackbraten, innen zart und außen knusprig, barg oft eine Überraschung: ein leuchtendes, hart gekochtes Ei im Inneren. Mit alten Brötchen, Senf, Zwiebeln und viel Gefühl von Hand geformt, war er ein Versprechen, dass man auch aus wenig etwas machen konnte, das nach viel schmeckte. Er roch immer nach Zuhause.

In Thüringen duftete der Sommer nach Bier, Rauch und gebratenem Fleisch. Das „Thüringer Rostbrätel“, ein über Nacht in einer Marinade aus Bier, Knoblauch und Kümmel eingelegter Schweinenacken, wurde auf echtem Feuer gegrillt, nicht auf einem Gasgrill. Die mitgegrillten Zwiebeln karamellisierten und klebten später wie „goldene Medaillen“ am Brötchen. Es war mehr als nur Essen; es war ein Gefühl von Glut, Fleisch, Freunden und einem Stück DDR, das nie ganz verschwand.

Ein Festmahl, das sich leise anschlich, war das „Sächsische Zwiebelfleisch“. Scharf angebratenes Schweinefleisch, bedeckt mit so vielen Zwiebeln, dass sie die Hauptrolle spielten, wurde geschmort, bis alles zart war. Dazu gab es Salzkartoffeln und manchmal einen Klecks Senf. Es roch nach Heimat, Geduld und Mühe und galt als „Sonntagsbekenntnis“. Kein Fertiggericht konnte es ersetzen, und aufgewärmt schmeckte es am nächsten Tag noch besser – ein echtes Familienessen für Regentage.

Die „Gefüllten Paprikaschoten“ waren ein kleines Ereignis. Prall gefüllt mit Hack, Zwiebeln, Gewürzen und manchmal Reis, schwammen sie in einer blubbernden Tomatensoße, deren Duft Wärme versprach. Sie standen oft wie „kleine Soldaten mit rotem Helm“ im Bräter und erinnerten an Nachmittage bei der Oma – vertraut, geborgen, wohlgefällig. Ähnlich viel Geduld und Gefühl steckten in den „Krautrulladen“. Blanchierter Kohl, gefüllt mit Hackfleisch, Zwiebeln und altbackenem Brötchen, wurde geduldig eingerollt, angebraten und geschmort. Es war „Slowfood mit Herz“, das satt und stolz auf das machte, was man mit den eigenen Händen schaffen konnte.

Die „Leber Berliner Art“ war eine „Kindheitsprüfung“. Kurz gebratene Leber mit süßen Apfelscheiben, glasigen Zwiebelringen und Kartoffelpüree bot ein Kontrastprogramm aus herzhaft und fruchtig, bitter und weich. Sie war „streng, herb, nahrhaft“ und für viele ein Charaktertest auf dem Teller. Auch das Leberagu war kein Lieblingsessen, sondern „ein Statement“. Gewürfelte Leber, scharf angebraten mit süßlichen Zwiebeln in einer sämigen Soße, war „ernst gemeinte Nahrung“. Viele Kinder verzogen das Gesicht, doch Erwachsene aßen es aus Überzeugung. Es schmeckte „nach früher und nach einem Land, das nichts verschwendet hat“.

Für kalte Tage gab es den „Rosenkohl-Kartoffeleintopf“. Er dampfte auf dem Herd, während draußen Matschwetter herrschte. Mit zerfallenden Kartoffeln, Rosenkohl und kleinen Wurststückchen war er ein Gericht, das „bis in die Zehen wärmte“ und das Gefühl gab: „Drinnen war es gut“. Der „Gebackene Blumenkohl“ hingegen war eine Überraschung. Goldbraun und knusprig paniert, schmeckte er „wie Schnitzel“ und bewies, dass aus wenig viel werden konnte, wenn man es richtig anpackte.

Snacks und einfache Genüsse: Für den schnellen Hunger unterwegs
Die „Kettwurst“ war „heiß, rot, Kult“. Kein Hotdog, sondern „Ostgenialität im Brötchen“. Eine wurstlose Wurst, mit dickem, würzigem Ketchup überzogen, wurde in ein senkrecht ausgestochenes Brötchen geschoben. Entwickelt im DDR-Gastroinstitut, wurde sie mit Stolz im Stehen gegessen und schmeckte „nach Stadt, nach Freiheit, nach was Eigenem“.

Der ostdeutsche Gegenentwurf zum Hamburger war die „Grilletter“. Eine saftige Frikadelle aus Schweinehack in einem festen Brötchen, dazu Ketchup oder Tomatensoße, manchmal Kraut. Sie war ein Versprechen auf „Geschmack mit Haltung“.

Eine einfache, aber nahrhafte Mahlzeit war die „Bratstulle mit Pilzen“. Eine dicke Scheibe Brot, in Butter gebraten und mit einer dampfenden, würzigen Pilzpfanne belegt, transportierte den Esser kurz in den Spreewald im Herbst. Sie war ein „Abendessen, wenn die Zeit knapp war“, das satt machte und für einen Moment alles gut erscheinen ließ.

Die „Bockwurst mit Brötchen“ war „einfach, aber niemals egal“. Heiß aus dem Wasser gezogen, mit knackender Pelle, einem frischen Brötchen und einem ordentlichen Klecks Senf. Sie war der „stille Held jeder Mittagspause“ und ein „Begleiterin durchs Leben – verlässlich und immer genau richtig“.

Puren Hunger stillte die „Schmalzstulle“. Eine dicke Scheibe Brot, bestrichen mit weißem Schweineschmalz, manchmal mit Grieben oder Zwiebelringen und einem Hauch Pfeffer. Sie fand sich in Schulbrotdosen und auf Baustellen und sagte: „Du brauchst nicht viel, nur ein bisschen Fett, Brot und Zeit“.

Ein Dauerbrenner in Betriebsküchen und Schulspeisungen war die „Graupensuppe“. Mit Graupen, Gemüse und manchmal Wurst oder Speck kochte sie lange und war ein verlässliches, ehrliches Gericht, das satt machte und mit jedem Löffel wärmer wurde.

Süße Erinnerungen: Kuchen und Desserts für besondere Momente
Der „Schneewittchenkuchen“ sah aus „wie ein Märchen und schmeckte wie Kindheit“. Mit einem dunklen Schokoladenboden, einer dicken Schicht Vanillepudding, roten Kirschen und einem glänzenden Schokokuss-Überzug (manchmal mit Fett gestreckt, damit er reichte), war er ein kleines Fest in Kastenform – Pflicht auf Geburtstagen und sonntags.

Der „Huckelkuchen“, auch Prophetenkuchen genannt, war ein „Meisterstück“, obwohl er „wie ein Unfall“ aussah. Mit goldbraunen Hügeln, unperfekt und ehrlich, wurde der weiche Teig einfach mit Löffeln Quarkmasse bekleckert, bevor er beim Backen eine süße Landschaft bildete. Er war „nie hübsch, aber immer gut“ und deshalb so geliebt.

Der „LPG-Kuchen“ war „groß, schlicht und nie allein“. Gebacken für die Gemeinschaft auf Blechen, belegt mit Gartenfrüchten wie Äpfeln, Pflaumen oder Rhabarber, schmeckte er nach Nachbarschaft, Festzelt und Dorfnachmittag mit Filterkaffee. Er war mehr als nur ein Kuchen; er war „gelebte Gemeinschaft in Zucker und Teig gebacken“.

Klein, aber voller Weihnachtsgefühl war der „Quarkstollen“. Quark, Mehl, Backpulver, Rosinen, Mandeln, Zitronat und ein Hauch Rumaroma wurden zu einem Teig verknetet, geformt und gebacken. Außen knusprig, innen saftig und dick in Puderzucker gehüllt, kündigte er oft schon vor dem ersten Advent die Weihnachtszeit an.

Ein absolutes Highlight in der Eisdiele war der „Schwedeneisbecher“. Drei Kugeln Vanilleeis, Apfelmus, ein ordentlicher Schuss Eierlikör und überquellende Sahne – serviert im hohen Glas – waren „ein Erlebnis“. Er schmeckte nach Sonntag, Ausflug und „Heute war ein guter Tag“.

Auch das „Drei Farben Halbgefrorenes“ war „bunt, eiskalt und heimlich ein kleiner Star“. Schicht für Schicht aus Schokolade, Frucht und Vanille mit Mandeln, alles aus geschlagener Sahne und im Imalgefäß eingefroren. Wenn man es anschnitt, leuchteten die Farben, und jeder am Tisch schwieg einen Moment, denn es war klar: „Heute gibt’s was Besonderes“.

Diese Gerichte waren nicht nur ein Teil des Alltags in der DDR, sondern auch Ausdruck einer Mentalität, die aus wenig viel machte und den Wert von Gemeinschaft und Familie hochhielt. Sie sind heute vielleicht fast vergessen, doch die Erinnerungen an ihren Duft und Geschmack berühren auch heute noch und erzählen, „wer wir waren“.

Antisemitische Vorfälle in Sachsen-Anhalt erreichen alarmierendes Niveau

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Magdeburg. Der aktuelle Jahresbericht der Meldestelle Antisemitismus RIAS Sachsen-Anhalt für das Jahr 2024 zeigt einen besorgniserregenden Anstieg und eine „Verhärtung der Einstellungen“ antisemitischer Vorfälle im Land. Die Präsentation in der Magdeburger Synagoge, moderiert von Elisa Kiro von OFFEK e.V., dem Träger der Meldestelle, hob die weitreichenden Folgen für jüdinnen und Juden hervor und unterstrich die Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Reaktion.

Insgesamt wurden RIAS Sachsen-Anhalt im Jahr 2024 landesweit 202 antisemitische Vorfälle bekannt, was einer Zunahme von 13 Prozent im Vergleich zu den 178 dokumentierten Fällen im Vorjahr 2023 entspricht. Besonders alarmierend ist, dass der Anstieg primär durch gewalttätigere Vorfallsarten wie gezielte Sachbeschädigungen, Bedrohungen und Angriffe begründet ist.

Dr. Wolfgang Schneiß, Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt und gegen Antisemitismus, beschrieb die Ergebnisse als „Panoptikum der Scheußlichkeiten“ und betonte, dass die Landesregierung die Situation nicht ignorieren werde. Er hob hervor, dass Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus damit beginnen müssten, ihn zu erkennen und sichtbar zu machen, und kündigte eine Aufstockung der Mittel für RIAS Sachsen-Anhalt an, um deren Präsenz im Flächenland zu stärken.

Marina Chernivsky, Geschäftsführerin von OFFEK e.V., sprach von „tektonischen Verschiebungen“ im Sicherheitsempfinden jüdischer Menschen. Sie betonte, dass jeder antisemitische Vorfall ein Angriff auf die Integrität, Identität und Zukunftsperspektiven der Betroffenen sei und ein Symbol für tiefere gesellschaftliche Strukturen. OFFEK, die Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Gewalt und Diskriminierung, hat im ersten Jahr nach den Massakern vom 7. Oktober 2023 rund 1900 Fälle bundesweit beraten, davon 100 in Sachsen-Anhalt. Chernivsky unterstrich, dass diese hohe Zahl die Überwindung einer „sehr hohen Schwelle“ durch die Ratsuchenden zeige.

Erscheinungsformen und Täterprofile
Der Bericht identifiziert verschiedene Erscheinungsformen des Antisemitismus. Der Post-Shoah-Antisemitismus hat sich im Vergleich zu 2023 fast verdoppelt und ist mit 87 Fällen die am häufigsten erfasste Form. Dazu gehören Angriffe auf die Erinnerung an die Shoah, Verharmlosung oder Leugnung sowie antisemitische Verherrlichung des Nationalsozialismus. Besonders auffällig waren hier Vorfälle um wichtige Gedenktage wie den 7. Oktober, 9. Oktober und 9. November, bei denen Stolpersteine gestohlen oder beschädigt und Gedenkveranstaltungen gestört wurden.

Der Israelbezogene Antisemitismus blieb im Jahr 2024 auf hohem Niveau und zeigt sich vermehrt auf Versammlungen (28 im Jahr 2024 gegenüber 11 in 2023). Ein neues Phänomen ist der Anti-israelische Aktivismus, der 2024 erstmals mit 25 Vorfällen auftrat und insbesondere im Umfeld von Universitäten und Hochschulen in den Großstädten etabliert ist. Diese Gruppen nutzen Demonstrationen, Kundgebungen und Flugblätter zur Verbreitung antisemitischer Aussagen, einschließlich der Delegitimierung und Dämonisierung Israels sowie der Glorifizierung terroristischer Handlungen gegen Israel.

Die Verfasser des Berichts, Marie-Christin Batz und Dr. Michael Schüssler von RIAS Sachsen-Anhalt, wiesen darauf hin, dass Antisemitismus in allen Lebensbereichen stattfindet: am häufigsten im öffentlichen Raum wie Straßen und Nahverkehr, aber auch zunehmend in Bildungseinrichtungen, Kultureinrichtungen und im persönlichen Nahbereich wie dem Wohnumfeld und am Arbeitsplatz.

Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft
Inesa Mislitzerka, Vorsitzende des Landesverbands jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, schilderte die zutiefst erschütternden Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaft. Sie berichtete von persönlichen Erlebnissen wie zertrampelten Blumen am Denkmal der zerstörten Synagoge nach einer Gedenkfeier zur Pogromnacht und einem angezündeten Mesusa am Haus des Rabbiners. Solche Vorfälle führten zu großer Sorge und dem Gefühl, dass der Schutz nicht aus der Gesellschaft komme. Jüdinnen und Juden seien gezwungen, ihre jüdische Identität und Symbole zu verbergen, um Angriffen zu entgehen.

„Nach dem 7. Oktober wissen jüdinnen und Juden in Deutschland, wo sie leben und woran sie sind“, erklärte Marina Chernivsky. Die Zunahme der Gewaltbereitschaft sei eine Realität, die das jüdische Leben in allen Bereichen durchdringe und die Teilhabe einschränke.

Forderungen und Ausblick
Die Sprecher appellierten an die Gesellschaft, eine klare Haltung einzunehmen, die Bildung zu verbessern und eine konsequente Strafverfolgung sicherzustellen. Dr. Schneiß betonte, dass Antisemitismus auch ein „Türöffner für andere Feindlichkeiten und Radikalisierungen“ sei und in Deutschland eine besondere Verpflichtung bestehe, ihm entgegenzutreten.

Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt setzt auf Bildungsarbeit, beispielsweise durch Führungen in der neuen Magdeburger Synagoge, um Vorurteile abzubauen und ein wahrhaftiges Bild des Judentums zu vermitteln. Zudem werden Präventionsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit der Polizei angeboten, um Gemeindemitgliedern Strategien zum Umgang mit antisemitischen Übergriffen zu vermitteln.

Die Meldestelle RIAS Sachsen-Anhalt, die unabhängig von politischen Weisungen arbeitet, kooperiert eng mit jüdischen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Beratungsnetzwerken. Sie agiert dabei streng betroffenenorientiert und gibt gemeldete Straftaten nicht automatisch an die Polizei weiter, sondern nur im Auftrag der Ratsuchenden und nach Abwägung der individuellen Situation. Diese Herangehensweise schafft Vertrauen und ermöglicht es Betroffenen, ihre Erfahrungen sicher zu teilen.

Obwohl die Zahlen des RIAS-Berichts erschütternd sind, betonen die Experten, dass sie nur einen Teil des Gesamtbildes widerspiegeln. Das wahre Ausmaß von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen zeige sich auch in Studien, Beratungsfällen und dem veränderten gesellschaftlichen Klima, das mehr Bedrohungspotenziale schaffe.

Mecklenburgs „Rabenfluss“ – Ein Paradies für Naturfreunde und Wassersportler

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Die Warnow schlängelt sich über etwa 150 Kilometer durch das Herz Mecklenburgs und mündet schließlich in Warnemünde in die Ostsee. Doch weit mehr als nur eine Verbindung zum Meer ist dieser Fluss ein Zentrum für Erholung, Sport und einzigartige Naturerlebnisse. Von einem historischen Flussbad in Rostock bis hin zu abenteuerlichen Kanutouren und süßen Verführungen am Ufer – die Warnow bietet eine vielfältige Landschaft, die von engagierten Menschen geprägt und belebt wird. Ihr slawischer Name, der „Rabenfluss“ bedeutet, deutet bereits auf die ursprüngliche Natur hin, die sie bis heute bewahrt hat.

Das Flussbad Rostock: Eine urbane Oase mit Tradition
Mitten in Rostock, auf der Seite des Mühlendamms, liegt das Flussbad, das mit 102 Jahren das älteste Flussbad an der Warnow ist. Hier baden Einheimische und Besucher im Süßwasser, oft im angenehmen Schatten des Geländes. Uwe Richter, Bademeister und Vereinschef des Wassersportvereins Warnow, sorgt hier für Ordnung und Sicherheit. In der Hochsaison tummeln sich manchmal bis zu 2000 Menschen im Bad, obwohl Uwe zu Saisonbeginn noch nicht mit einem großen Ansturm rechnet.

Das Flussbad ist mehr als nur eine Badestelle; es ist ein Treffpunkt, an dem die Gemeinschaft im Vordergrund steht. Hier finden Sommerfeste für Rostocker Förderschulen statt, und Kinder lernen im Sommer Schwimmen. Eine wichtige Regel im Flussbad ist, dass Kinder erst ab dem Bronze-Schwimmabzeichen in den tiefen Schwimmerbereich dürfen, während Kinder mit „Seepferdchen“ im Nichtschwimmerbecken bleiben müssen. Uwe Richter, ein gelernter Maschinenbauer, leitet das Flussbad seit 19 Jahren und kümmert sich um alles – von der Organisation über Reparaturen bis hin zur Sicherheit. Seine Arbeit ist hochkonzentriert, da er jeden Badegast im Blick haben muss, um Gefahren frühzeitig zu erkennen. Eine Herausforderung stellt derzeit eine private Badestelle direkt gegenüber dar, die ohne Badeaufsicht betrieben wird und Sicherheitsbedenken aufwirft.

Abenteuer auf dem Wasser: Kanutouren und wilde Natur
Weiter südlich, in Eickhof, betreibt Brit Abeln ihr Naturdorf mit Heuhotel und Paddler-Herberge und bietet Kanuverleih an. Ein Zweier-Kanu kostet 40 Euro, ein Dreier 50 Euro pro Tag, inklusive Ausrüstung und Shuttleservice. Brit Abeln, ursprünglich Landschaftsarchitektin und studierte Landwirtin, hat das Geschäft nach der Erkrankung und dem Tod ihres Partners allein übernommen und führt es seit 2010 mit Leidenschaft. Ihr Wissen aus ihren ursprünglichen Berufen kann sie gut einbringen, sei es bei der Gestaltung des Areals oder im Umgang mit ihren Pferden, die für sie eine wichtige Entspannung darstellen. Besonders ihre blinde Stute Kessie liebt es, in der Warnow zu baden.

Auf der Warnow sind Motorboote verboten, aber das Paddeln ist ausdrücklich erlaubt. Für geübte Paddler bietet sich eine anspruchsvolle Tour durch das urige Warnow-Durchbruchstal an, beginnend am Seitenfluss Mildenitz. Diese Strecke ist bekannt für Stromschnellen und Baumhindernisse, die ein gewisses Kopfgeschick und vorausschauendes Denken erfordern. Aussteigen ist hier aufgrund geschützter Flussmuscheln nicht erlaubt. Die Warnow ist Heimat einer vielfältigen Tierwelt, darunter Aale, Hechte, Forellen, Siebenschläfer, Fischotter, Eisvögel und Biber. Wanderungen durch den Naturwald entlang des Flusses ermöglichen es, Dachsbauten und Spechte zu entdecken, wobei Totholz zum Schutz der Insekten und Käfer im Wald verbleibt.

Süße Verführungen: Angelika Latzkes Eispavillon in Bützow
Eine beliebte Anlaufstelle für Paddler und Radfahrer des Kopenhagen-Berlin-Radwegs ist Angelika Latzkes Eispavillon in Bützow. Direkt am alten Hafen und neben einer Anlegestelle gelegen, ist er kaum zu verfehlen. Angelika, die zuvor 20 Jahre als Verwaltungsleiterin in einem Hotel in Warnemünde gearbeitet hatte, wagte vor 13 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit, um etwas Neues zu entdecken.

Der Eispavillon bietet neben Eis auch Torten und Pikantes an. Das Team, das sieben Personen umfasst, stellt Eisbecher frisch zu und verkauft Kugeln. Neue Ideen aus dem Team, wie das spezielle Salzkaramell-Eis, werden gerne in die Speisekarte aufgenommen. Angelikas Mann Thomas, ein gelernter Landwirt, ist die Seele der Eisproduktion. Er stellt das Eis zu Hause in der Eisküche her, tüftelt an Rezepten wie dem aufwendigen Schwarzwälder-Kirsch-Eis mit 80-prozentigem Kirschwasser und achtet auf jedes Detail, um die perfekte Konsistenz zu erreichen. Seine Arbeitszeiten in der Eisküche sind oft 12 bis 14 Stunden lang. Neben dem Eispavillon ist Thomas auch mit einem Eismobil unterwegs, um Feste und Veranstaltungen in den Nachbardörfern zu beliefern.

Das alte Gebäude des Eispavillons, ursprünglich 1936 als Blumenladen gebaut, hat eine reiche Geschichte; zu DDR-Zeiten wurde hier sogar Bockwurst verkauft. Obwohl das Geschäft viel Arbeit und den Verlust von Privatleben bedeutet, ist es für Angelika und Thomas eine absolute Erfüllung.

Die Warnow – ein Fluss, der nicht nur Badegäste, Paddler und Naturliebhaber anzieht, sondern auch Menschen wie Uwe, Brit und die Latzkes, die mit Herz und Seele dazu beitragen, dass dieser einzigartige Ort ein Paradies mit Suchtpotenzial bleibt.

Zeitreise nach Wernigerode: Seltene Wartburg-Modelle lassen Ost-Nostalgie aufleben

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Wernigerode im Harz bildete die perfekte Kulisse für eine exklusive Präsentation: Vier seltene Modelle der Wartburg 311 und 312 Baureihe, Symbole des Wirtschaftsaufschwungs in Ostdeutschland Mitte der 1950er Jahre, versetzten die Zuschauer in eine vergangene Ära automobiler Ingenieurskunst.

Der Traumwagen: Wartburg 313 Sport
Als „schönster und elegantester Wartburg“ gefeiert, wurde der 313 Sport Roadster im Jahr 1957 der Öffentlichkeit vorgestellt. Seine ersten Prospektaufnahmen entstanden hier im Schloss Wernigerode. Bis 1960 fertigte die ehemalige Firma Gläser in Dresden lediglich 469 dieser beeindruckenden Fahrzeuge. Mit seiner sportlich-eleganten Erscheinung faszinierte der 313 nicht nur die Menschen in der DDR, sondern gewann auch auf internationalen Ausstellungen Schönheitswettbewerbe. Sein Design, das an italienische Sportwagen erinnerte, verbarg einen typischen Dreizylinder-Zweitaktmotor, der dank Doppelvergaseranlage 50 PS leistete und eine Höchstgeschwindigkeit von 145 km/h ermöglichte. Im Innenraum glänzte der Wagen mit edlem Leder und Formen, die zum Verweilen einluden. Für die meisten DDR-Bürger blieb der 313 Sport ein unerfüllter Traum, da die wenigen Exemplare ausschließlich hohen Genossen, verdienten Sportlern und berühmten Schauspielern vorbehalten waren. Holger Nagler ist einer der glücklichen Besitzer, der seinen 313er 1993 in Merseburg erwerben konnte – damals noch zu einem vergleichsweise geringen Preis, nachdem er sich lange um das Auto bemüht hatte.

Der Familienfreund: Wartburg Camping
Ganz anders positionierte sich der Wartburg Camping, der heute als „Lifestyle Kombi“ bezeichnet würde. Dieses Modell machte in der DDR Tausende von Familien mobil. Während lange auf neue Modelle gewartet wurde, modernisierte und wertete man die alten Modelle mit viel Erfindergeist auf. Das gezeigte Camping-Modell ist ein typisches Beispiel dafür, ein bunter Mix aus verschiedenen Wartburg-Epochen.

Luxus auf Rädern: Wartburg 312/300 Cabrio
Nicht ganz so eine „Kanone“ wie der 313 Sport, aber dennoch beeindruckend, war das Wartburg 312/300 Cabrio. Es war in der Anschaffung fast doppelt so teuer wie ein gewöhnlicher Trabbi und bot einen Luxus, von dem der Otto Normalverbraucher nur träumen konnte.

Der fleißige Helfer: Wartburg 311 Schnelltransporter
Der Stolz eines jeden Handwerkers war der praktische und seltene Wartburg 311 Schnelltransporter. Er war ein beliebtes Fahrzeug für den Einsatz in der Landwirtschaft, Industrie und auf dem Bau. Auch diesen Wartburg konnte nicht jeder kaufen; man musste ein ausgewiesener Bedarfsträger mit offensichtlich sehr guten Beziehungen „nach oben“ sein, um einen solchen Schnelltransporter zu erhalten.

Am Bahnhof der Harzer Schmalspurbahn verabschiedeten sich die vier „Eisenacher Beautys“ und hinterließen den Wunsch auf ein Wiedersehen.

Sehnsucht nach gestern: Wenn Nostalgie und Ostalgie auf die Gegenwart treffen

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Rügen/Chemnitz. Ein Gefühl wie ein „Tag wie Gold in den Adern“, eine Mischung aus Wärme, Geborgenheit und der tiefen Sehnsucht nach Vergangenem, begleitet von einer leisen Wehmut über das Verlorene – das ist Nostalgie. Diese Emotion, die immer mehr das Interesse der Forschung weckt, birgt sowohl Potenzial als auch Risiken. Besonders prägnant zeigt sich dies in Deutschland, wo die Wiedervereinigung für viele nicht nur Freude über den Mauerfall, sondern auch den Verlust alter Gewissheiten und Lebensgewohnheiten bedeutete.

Auf der Ostseeinsel Rügen, im „Betriebsferienlager Gera“, scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Alles dort erinnert an DDR-Zeiten. Für Urlauber wie Hendrik Sor aus Dessau, der als Kind regelmäßig dort Ferien machte, ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit. Tausende verbrachten in der DDR ihre schönsten Tage des Jahres auf Rügen, oft ohne dass die diktatorische Realität oder die eingeschränkte Reisefreiheit eine Rolle spielte.

Ostalgie: Zwischen persönlicher Erinnerung und gesellschaftlicher Debatte
Die sogenannte „Ostalgie“ ist eine spezielle Form der Nostalgie, die sich auf die DDR-Zeit bezieht. Für die meisten ist sie primär eine Auseinandersetzung mit der eigenen Jugend und den persönlichen schönen Momenten, die sie trotz des politischen Systems erlebten – wie Musik hören oder Spaß mit Freunden. Es bedeutet nicht, dass sie das politische System zurückhaben wollen. Vielmehr soll es ein „unterhaltsames Geschichtserleben“ ermöglichen.

Ein zentrales Element des Nostalgie-Campinplatzes ist die „Karl Marxstädter Schulküche“, die dreimal pro Woche mit einfachen DDR-Gerichten wie Senfeier und Soljanka lockt. Diese Rezepte, die angeblich original aus einer Karl Marxstädter Schulküche stammen, treffen den Geschmack vieler Gäste und erinnern sie an „früher“. Manch einer verkleidet sich sogar für eine „Ossi-Party“.

Doch die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit war und ist eine Quelle gesellschaftlicher Debatten. Schon kurz nach der Wende wurde Nostalgie oft als Vorwurf an bestimmte Gruppen verwendet, die angeblich zu stark zurückblickten und nicht an der Gegenwart partizipierten. Während Erinnerungen an die bundesrepublikanische Geschichte als „normal“ oder „richtig“ galten, wurde alles Ostdeutsche als „Vergangenheit“ und damit als Ostalgie kritisiert.

Die Schattenseiten der Verklärung
Für Menschen, die unter dem DDR-Regime litten, wie die Rentnerin Astrid Bodenstein aus Dresden, kann Ostalgie wie eine „Verharmlosung des Unrechtssystems“ wirken. Sie lehnt es ab, wenn ihre Stadt, die sich nach der Wende bewusst für den Namen Chemnitz statt Karl Marxstadt entschied, durch solche Referenzen an die ungeliebte Vergangenheit erinnert wird. Gerade frühere Oppositionelle befürchten eine Glorifizierung der DDR.

Dennoch war die Wende für viele Ostdeutsche ein gravierender Umbruch. Nicht jeder, der sich mit dem System arrangiert hatte, fand sich im Kapitalismus leicht zurecht. Ihre anfängliche Skepsis sollte nicht automatisch als Ostalgie oder als generelles Votum gegen die Bundesrepublik missverstanden werden.

Identität und Heilwirkung
Letztlich ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit unvermeidlich, denn „die Biografie lässt sich nicht abschütteln“. Nostalgie hat viel mit Kultur und Heimat zu tun und trägt zur Identitätsfindung bei. Besonders nach einem klaren Bruch wie der Wiedervereinigung ist es eine „Arbeit“, eine neue Identität zu finden und das Alte zu integrieren.

Obwohl Nostalgie kein Allheilmittel ist, kann sie als ein Mittel dienen, um „Gesundes zu wecken“. Die Erzählungen aus der Vergangenheit können uns im Hier und Jetzt stärken und uns helfen, positive Annahmen über die Zukunft zu treffen. Wir dürfen und sollen nostalgisch sein, denn es gehört zu uns.

Zwischen Klischee und Realität: Junge Stimmen aus Ostdeutschland räumen auf

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Mühlhausen/Sömmerda, Thüringen. „Die Ossis können nicht richtig reden, die haben so einen Akzent.“ „Ihr seid doch alle rechts.“ „Ein dummes, zurückgebliebenes Volk.“ – Dies sind nur einige der Stereotypen, mit denen Menschen aus Ostdeutschland immer noch konfrontiert werden. Doch Mareike (25) aus Mühlhausen und Paul (26) aus Sömmerda, beide aus Thüringen, treten in einem Video des YouTube-Kanals „follow me.reports“ an, um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen. Sie betonen die Wichtigkeit, über die fortbestehenden Kategorien Ost- und Westdeutschland zu sprechen, da diese weiterhin existieren.

Paul identifiziert sich stark mit seiner Heimat und möchte anderen zeigen, wie schön es dort ist. Er fährt stolz einen Trabi seines Vaters, den er als „schönen Gag“ oder „Spielzeug“ beschreibt, obwohl das Auto früher eher als unpraktisch galt. Auch Mareike, die aus Hessen nach Mühlhausen gezogen ist, spricht über ostdeutsche Traditionen wie die Jugendweihe, die im Westen weniger bekannt ist. Sie bestätigt, dass die Thüringer Bratwurst, oft klischeehaft mit der Region verbunden, tatsächlich ein beliebtes Gericht ist, obwohl sie selbst nicht unbedingt Senf dazu isst.

Tiefergehende Unterschiede jenseits der Stereotypen
Die beiden jungen Thüringer machen deutlich, dass das Leben im Osten keineswegs „schlimm“ ist, auch wenn sie selbst in einem Plattenbau aufgewachsen ist, der nicht immer „super“ war. Dennoch fühlen sie sich ihrer Heimat sehr verbunden. Sie erkennen an, dass Ost-West-Unterschiede in vielerlei Hinsicht weiterhin bestehen.

Im Rahmen eines „Fakt oder Fake“-Spiels beleuchten sie strukturelle Ungleichheiten. So wird ein anfänglich als „Fake“ deklarierter Lohnunterschied von 8.000 Euro brutto pro Jahr zwischen Ost- und Westdeutschland schnell als „Fakt“ entlarvt, dessen tatsächlicher Wert sogar bei 13.000 Euro brutto jährlich liegt – fast 1.000 Euro pro Monat mehr im Westen. Diese finanzielle Diskrepanz wird als „sehr krass“ empfunden, da die Lebenshaltungskosten, insbesondere für Lebensmittel, im Osten nicht wesentlich niedriger sind.

Ein weiterer drastischer Unterschied zeigt sich beim Erbe: Während in Bayern und Baden-Württemberg nach Steuerabzug im Schnitt 250.000 Euro pro Sterbefall vererbt werden, sind es in Ostdeutschland lediglich 10.000 Euro. Dies wird als „heftig“ und „ungerecht“ empfunden.

Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass 43 Prozent der Ostdeutschen sich als Bürger und Bürgerin zweiter Klasse sehen – eine Zahl, die Mareike als „viel zu viel“ bezeichnet. Die mangelnde politische Mitbestimmung, insbesondere die geringe Präsenz ostdeutscher Politiker in großen Parteien, trägt dazu bei, dass sich viele Menschen von der Politik nicht repräsentiert fühlen.

Zwischen Vorurteilen und Identität
Das Klischee vom „rechtsradikalen Osten“ wird ebenfalls angesprochen. Mareike räumt ein, dass es Entwicklungen wie Pegida oder Ereignisse in Sonneberg gibt, die wahrgenommen werden. Dennoch sei Radikalität in jeder Form nicht gesund, und die Wahlergebnisse in Deutschland seien mittlerweile überall ähnlich. Paul findet es schade, dass solche Vorkommnisse dazu führen, dass Menschen Angst haben, in den Osten zu reisen. Er selbst verbindet Dresden, eine Stadt, in der er seinen Meister gemacht hat, überhaupt nicht mit Pegida, sondern sieht sie als eine der schönsten Städte überhaupt. Andere Community-Stimmen bestätigen, dass es im Osten auch viele Menschen gibt, die sich gegen rechte Tendenzen engagieren.

Die Identifikation mit „dem Osten“ ist generationsabhängig. Mareike, die sieben Jahre nach der Wende geboren wurde, meint, man könne eigentlich nicht mehr von „dem Osten“ oder „dem Westen“ sprechen. Auch Wolfgang, der die DDR als Bäcker erlebte und die Waffe aus christlichen Gründen verweigerte, sehnt sich nicht nach der DDR zurück und schätzt die Freiheit zu reisen und alles sagen zu dürfen in einer Demokratie. Er empfand die DDR als Zeit des Mangels und der Planwirtschaft, die er nicht wiederhaben möchte.

Eine sehr persönliche und bewegende Anekdote teilt Mareike, deren Vater Ende der 90er-Jahre einen Übergriff von Neonazis erlebte. Dies prägte ihre Kindheit mit der Sorge, dass so etwas wieder passieren könnte. Sie betont die Tragik, dass ein Kind in Deutschland Angst um seine Eltern haben muss aufgrund von Aussehen oder Herkunft. Sie erwähnt, dass in Ostdeutschland der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund geringer ist.

Trotz der Unterschiede gibt es eine starke ostdeutsche Identität. Paul und Mareike identifizieren sich beide als ostdeutsch und betonen, dass diese Identifikation im Osten oft stärker ausgeprägt ist als die regionale Zugehörigkeit im Westen. Sie fühlen sich in der Region wohl und möchten dort bleiben. Für sie bedeutet es, ostdeutsch zu sein, sich der Historie der Region bewusst zu sein und zu seinem Dialekt zu stehen. Die Beobachtung, dass in ostdeutschen Haushalten meist die „Mutti das Sagen“ hat, wird darauf zurückgeführt, dass Mütter oft Haushalt und Arbeit gleichermaßen meistern mussten.

Der Weg nach vorn: Offenheit und Verständnis
Für das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland wünschen sich Mareike und Paul vor allem Offenheit, Kommunikation, Verständnis und Interesse aneinander. Wer über Ostdeutsche urteilt, sollte sich deren Alltag ansehen. Sie hoffen, dass Kamerateams nicht nur dann kommen, wenn die AfD gewinnt, und dass im Westen mehr über das Leben in der DDR in den Schulen gelehrt wird.

Letztlich sollte es keine Ungerechtigkeiten und krassen finanziellen Unterschiede mehr geben. Kulturelle und regionale Besonderheiten hingegen empfinden sie als schön und wünschenswert. Ihre Botschaft lautet: „Kommt vorbei, besucht uns. Und wir kommen im Gegenzug auch euch besuchen“. Mareike und Paul zeigen, dass junge Menschen im Osten reflektiert und gerne in ihrer Heimat leben können, und sie treten aktiv für ein vielfältigeres und vorurteilsfreies Bild Ostdeutschlands ein.

Leipzig-Plagwitz: Vom Brachland zum begehrten Stadtquartier

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Leipzig-Plagwitz, einst geprägt von Verfall und Leerstand, hat sich in den letzten Jahren zu einem der dynamischsten und begehrtesten Stadtteile Leipzigs entwickelt. Diese bemerkenswerte Transformation ist maßgeblich auf die gezielte Anwendung des Bund-Länder-Programms „Stadtumbau“ zurückzuführen, das dem Viertel neues Leben eingehaucht hat.

Die schwierige Ausgangslage Die Situation in Plagwitz-Lindenau war vor Beginn der Maßnahmen alarmierend: extreme Verfall der Gebäudesubstanz, kaum nutzbarer Wohnraum, desolate Straßen und eine schlechte Umweltsituation. Die Kernfrage lautete, ob es überhaupt möglich sei, dieses Viertel wieder zu einem attraktiven Wohnquartier zu machen.

Strategische Interventionen durch „Stadtumbau“ Das Programm „Stadtumbau“ wurde zweigeteilt eingesetzt: Der Programmteil „Rückbau“ diente dazu, Brachen zu beräumen und ruinöse Gebäude vom Markt zu nehmen, um die städtische Situation zu stabilisieren. Gleichzeitig wurde von Beginn an der Programmteil „Aufwertung“ intensiv genutzt. Durch diese Aufwertung entstanden öffentliche Grünflächen, soziale Infrastrukturen wie Kindergärten und Schulen wurden ertüchtigt und Kultureinrichtungen erhielten Unterstützung. Das Ergebnis ist ein Stadtteil, der auch für Leipziger Verhältnisse eine einzigartige Mischung aus verschiedenen Einkommensschichten und Lebensstilen aufweist – eine Zusammensetzung, die sich organisch entwickelt hat und nicht am Reißbrett konzipierbar gewesen wäre. Die Hoffnung besteht darin, diese Mischung auch angesichts des gesamtstädtischen Wachstums und des enormen Drucks auf Mieten und Nachfrage zu erhalten. Ein wichtiges Ziel war es dabei, die öffentlichen Räume so zu gestalten, dass sie von allen gemeinsam genutzt werden können. Die Karl-Heine-Straße dient als eindrückliches Beispiel dafür, wie eine Mischung aus vielen Interventionen ein lebendiges Stadtquartier entstehen lassen kann.

Schlüsselinvestitionen für neue Lebensqualität Als entscheidende Schlüsselinvestitionen werden heute der Stadtteilpark Plagwitz und die Revitalisierung des Karl-Heine-Kanals hervorgehoben. Die Säuberung des Kanals, die Anlage eines Radweges und die Schaffung von Grünflächen auf einem ehemaligen Güterbahnhof haben dem Stadtteil eine völlig neue Qualität verliehen. Auch das Areal am Lindenauer Hafen, das erstmals im Zuge der Bewerbung Leipzigs für die Olympischen Sommerspiele 2012 in den Fokus der Stadtplaner geriet und ursprünglich als Standort für das olympische Dorf vorgesehen war, hat sich zu einem „neuen Stück Leipzig“ entwickelt – einem völlig neuen Stadtquartier mit 500 Wohnungen.

Bürgerschaftliches Engagement als Erfolgsfaktor Ein wesentliches Element dieses Erfolgs war die frühe Einbindung zivilgesellschaftlicher Initiativen, insbesondere am Plagwitzer Bahnhof. Beispiele hierfür sind ein Bauspielplatz für die Jugendarbeit, urbane Landwirtschaft und Nachbarschaftsgärten – Orte, die den Menschen ermöglichen, das Areal aktiv zu nutzen. Die Städtebauförderung spielte eine entscheidende Rolle, indem sie es ermöglichte, visionäre Investitionen zu realisieren, die mit reinen Eigenmitteln im städtischen Haushalt wahrscheinlich noch nicht politisch durchsetzbar gewesen wären. Plagwitz ist somit ein lebendiger Beweis dafür, wie strategische Förderung und bürgerschaftliches Engagement aus einem ehemaligen Problemviertel ein pulsierendes und lebenswertes urbanes Zentrum schaffen können. Lebendige Stadtquartiere sind notwendig, damit die Menschen in der Stadt wohnen bleiben.

Ostberlins Mitte: Eine Zeitreise durch die legendären Jahrzehnte

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Berlin-Mitte, ein Stadtbezirk, der Erinnerungen weckt und Geschichten erzählt. Eine aktuelle Dokumentation des rbb nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die 60er, 70er und 80er Jahre und enthüllt, wie sich die Stadt einst anfühlte und aussah. Von den strahlenden Aushängeschildern der DDR bis zu den verborgenen, bröckelnden Fassaden – die „Mitte“ war ein Ort der Kontraste, in dem sich Alltag mit Mauer, Zuckertüte und einem Hauch Erotik mischte.

Der Alexanderplatz: Vom gesichtslosen Trümmerfeld zum „Weltstadtplatz“ Der Alexanderplatz war die „allererste Adresse in Ostberlin“ und wurde nach seiner gesichtslosen Zerstörung im Krieg Mitte der 60er Jahre massiv umgestaltet. Die junge Republik wollte hier zeigen, dass es bergauf geht, und schuf einen großzügigen, mit allem Notwendigen ausgestatteten „Weltstadtplatz“. Er war ein beliebter Treffpunkt zum Staunen, Einkaufen, Flanieren und Flirten. Die Weltzeituhr war ein zentraler Verabredungspunkt, oft von der Stasi überwacht. Der Brunnen in der Mitte des Platzes, offiziell „Brunnen der Völkerfreundschaft“ genannt, war im Volksmund als „Nuttenbrunnen“ oder „Nuttenbrosche“ bekannt und immer belebt. Jedes Jahr im Dezember verwandelte sich der Alex in den größten Weihnachtsmarkt des Landes, der Millionen von Besuchern anzog und mit Zuckerwatte und Ponyreiten eine Idylle schuf. Für viele Berliner war der Alex schlichtweg das „Zentrum“.

Der Fernsehturm: Ein ehrgeiziges Projekt über den Wolken Als ehrgeiziges Projekt Mitte der 60er Jahre mitgebaut, war der Fernsehturm mit seiner Einweihung im Oktober 1969 ein Symbol der Zukunftsvision der Genossen. Die 203 Meter hohe Aussichtsetage und das moderne Drehrestaurant, das Tele-Café, waren ein „Muss“ für Berliner und Besucher. Eine Stunde im rotierenden Café zu verbringen, war „sensationell“, auch wenn der Blick auf West-Berlin nur einen Teil der Umdrehung ausmachte.

Konsum und Kultur: Von Westhosen bis Wagner-Opern Das Centrum Warenhaus am Alex galt als „erstes Haus am Platz“ und bot Waren, die sonst nirgendwo in der DDR erhältlich waren, ein Beweis gegen die Mangelwirtschaft für Touristen. Hier gab es eine überwältigende Menge an Spielsachen und später die begehrten West-Jeans.

In der Kongresshalle am Alex fanden Modenschauen statt, insbesondere für die Jugendweihe, einem wichtigen Tag für viele Jugendliche, der oft mit großzügigen Geldgeschenken verbunden war.

Das Palasthotel, ein Fünf-Sterne-De-Luxe-Hotel an der Karl-Liebknecht-Straße, war für Normalbürger nicht zugänglich und bot Prominenten wie Leonard Bernstein und Gorbatschow Luxus mit frischen Blumen, Obst und Rotwein. Gerüchte über Top-Manager, Spione, Stasi und Prostituierte an der Sinusbar im Keller kursierten. Das asiatische Restaurant „Jade“ im Hotel war ein „Highlight“, dessen exotisches Angebot und hoher Preis eine „Jahresendprämie“ kosten konnten.

Die Berliner Staatsoper Unter den Linden war eine Renommierbühne mit Weltklasse-Aufführungen zu moderaten Preisen. Auch nach der Sanierung in den 80er Jahren blieben die Preise erschwinglich, was es auch Studenten ermöglichte, kulturelle Erlebnisse zu genießen. Besonders beeindruckend waren die bis zu neun Stunden dauernden Wagner-Opern.

Alltag und Widerstand: Einblicke in das Leben der Berliner Der rbb-Spaziergang führt auch in die weniger schicken Gegenden hinter der Mitte, wo Putz bröckelte und Einschusslöcher aus dem Krieg noch sichtbar waren – ein Zeichen der Vernachlässigung zu DDR-Zeiten. Die Leipziger Straße hingegen war mit modernen Hochhäusern und zentraler Heizung ein begehrter Wohnort für Künstler, kinderreiche Familien, Diplomaten und westliche Journalisten. Von dort aus konnte man die Mauer und sogar West-Berlin sehen.

Das Nikolaiviertel, ein neues Stadtviertel, das zum 750. Geburtstag Berlins 1987 entstand, sollte ein Gefühl von Geschichte und Nationalgefühl vermitteln. Trotz seiner detailgetreuen Rekonstruktion wirkte es auf manche wie ein „potemkinsches Dorf“ oder „Disneyland“. Der Geruch der „Trabbis“ war für Westbesucher ungewohnt und störend.

Die Mühlendammschleuse am Märkischen Ufer war Tag und Nacht in Betrieb, und hier wurde in den 80ern die beliebte Fernsehsendung „Modekiste“ gedreht, die die neuesten Mode-Trends präsentierte.

Der Bärenzwinger im Köllnischen Park war über Jahrzehnte ein Anziehungspunkt, wo die Wappentiere Jette und Nante und ihre Jungen die Berliner erfreuten. Nicht weit davon befand sich die berühmte Ballettabteilung der Musikschule Berlin-Mitte, wo strenge Lehrerinnen den Traum vom Primaballerina-Dasein lehrten.

Die Große Hamburger Straße, einst ein Ort jüdischen Lebens, wurde während der NS-Zeit zum Sammellager für 50.000 Berliner, die von dort in den Tod deportiert wurden – eine „gruselige“ Erinnerung an die Geschichte. Die nahegelegene Sophienstraße hingegen wurde zur 750-Jahr-Feier aufwendig saniert und zu einer „Vorzeigestraße“ mit Alt-Berliner Charme. Die Sophienkirche, eine der wenigen erhaltenen Barockkirchen, wurde in den Monaten vor der Wende zum Schutzraum für Oppositionelle.

Die Wilhelm-Pieck-Straße, heute Torstraße, war eine typische Arbeitergegend mit kleinen Läden und Institutionen wie dem Fahrradladen von Herrn Masch. Hoffeste in modernisierten Wohnungen waren hier beliebt. Im „Jojo“ trafen sich die Jugendlichen, auch wenn Punkrocker oft keinen Einlass fanden.

Die Umweltbibliothek im Keller der Zionskirche am Zionskirchplatz war ein wichtiger Kristallisationspunkt der friedlichen Revolution, wo Untergrundzeitungen gedruckt wurden, die Informationen über Umweltsünden der Regierung verbreiteten. Nach einer Stasi-Razzia im November 1987 wurde die Kirche zu einem Zentrum der Opposition.

Am Arkonaplatz feierte man 1984 die Übergabe der zweimillionsten Wohnung seit 1971 durch Erich Honecker, ein Vorzeigeobjekt des Wohnungsbauprogramms. Die private Fleischerei Kayser versorgte den Kiez seit Jahrzehnten mit preiswerten Fleisch- und Wurstwaren und war ein „Geheimtipp“.

Abschied und Neubeginn: Das Brandenburger Tor Die Chausseestraße war der Ort eines prägenden Ereignisses im Leben eines Zeitzeugen: der erste Kuss vor dem Bau der Mauer im August 1961. Hier lag auch das „Stadion der Weltjugend“, wo 1973 die Weltfestspiele stattfanden, die für einige Tage ein Gefühl von Freiheit und eine ungewohnte Fülle an Konsumgütern brachten. Das Ballhaus an der Chausseestraße war bekannt für seine Tischtelefone und erotischen Shows, wie die Auftritte von Rainer Genss. Der Dorotheenstädtische Friedhof, ein „Pantheon großer Namen“ wie Hegel und Brecht, lud zur stillen Einkehr ein.

Der Friedrichstadt-Palast an der Friedrichstraße, ein 1984 neu eröffneter Showtempel, wurde schnell zu Ostberlins „schönstem Vergnügungstempel“ mit spektakulärer Technik und der „längsten Girl-Reihe der Welt“. Er zelebrierte erotischen Tanz, was damals noch eine Besonderheit war. Die Friedrichstraße selbst galt als „kulturelles Herz Berlins“ mit Geschäften, Restaurants und Theatern.

Der Bahnhof Friedrichstraße war als „Tränenpalast“ bekannt, ein Grenzkontrollpunkt, wo sich Familien oft ungewiss auf lange Abschiede einstellten. Nur Rentner und wenige Ausnahmen durften von Ost nach West reisen, was für viele ein zynisches Gefühl hinterließ.

Das Brandenburger Tor, einstige Grenze und unwirkliches Wahrzeichen, stand für die Sehnsucht nach „drüben“. Im November 1989 kletterten Hunderte auf die Mauer, um einen Blick nach drüben zu werfen. Am 22. Dezember 1989 wurde das Tor schließlich geöffnet, ein historischer Moment, der Hunderttausende in die Mitte Berlins zog. „Das war das, was man immer wollte“.

Diese Reise durch Ostberlins Mitte zeigt, wie sich die eigene Geschichte der Bewohner untrennbar mit der Welt- und politischen Geschichte verknüpfte.

Mitteldeutschlands Chemiewerke kämpfen mit der Last der Geschichte

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In Mitteldeutschland, wo heute moderne Chemieparks florieren und Arbeitsplätze sichern, liegt eine düstere Vergangenheit begraben. Die Region um Leuna, Böhlen, Zeitz und Schkopau war im Zweiten Weltkrieg eine strategisch entscheidende Hochburg der Kriegsindustrie. Doch die massiven Bombenangriffe der Alliierten hinterließen nicht nur Zerstörung, sondern auch ein Erbe, das die Menschen bis heute beschäftigt: unzählige Blindgänger und massive Bunkeranlagen, deren Geschichten und Gefahren über 75 Jahre nach Kriegsende weiterhin präsent sind.

Das Fundament des Krieges: Treibstoff und Kautschuk aus Mitteldeutschland
Lange vor dem eigentlichen Kriegsbeginn, wurden in Mitteldeutschland ab 1935 die Grundsteine für eine Chemieindustrie gelegt, die das Dritte Reich unabhängiger von kritischen Importen machen sollte. Nirgendwo sonst in Deutschland produzierte man zu dieser Zeit so viel Treibstoff und Kautschuk. Die Werke in Leuna, die bereits seit dem Ersten Weltkrieg Sprengstoff herstellten, waren entscheidend für die Gewinnung von synthetischem Benzin aus Kohle – eine kostspielige, aber kriegswichtige Produktion, die von den Nazis mit Millionen Reichsmark subventioniert wurde.

Ein Jahr nach der Grundsteinlegung für das Treibstoffwerk in Böhlen-Lippendorf im März 1935, begannen im April 1936 die Bauarbeiten für die Buna-Werke in Schkopau. Hier entstand eine großtechnische Versuchsanlage, die durch ein weltweit neues Verfahren die Massenherstellung von Synthese-Kautschuk für die Reifen von Kriegsfahrzeugen ermöglichte. Weitere kriegswichtige Betriebe, darunter ein Treibstoffwerk in Lützkendorf bei Krumpa (ab Oktober 1936) und ein weiteres in der Nähe von Zeitz (ab Mai 1937), folgten. Hermann Göring persönlich war für die Planung und den Bau dieser neuen Chemiefabriken verantwortlich, deren Hauptgebäude in rotem, hart gebrannten Klinker errichtet wurden, um ewig zu halten. Diese Chemiebetriebe wurden bis Kriegsende die größten Verbraucher der mitteldeutschen Braunkohle und waren ein entscheidender Baustein für die Kriegsambitionen der Nationalsozialisten. Schon im August 1939 flogen deutsche Bomber mit Kerosin aus Leuna über Warschau.

Die „Flakhölle Leuna“: Ziel der alliierten Bomben
Die strategische Bedeutung der mitteldeutschen Chemieindustrie machte sie ab 1944 zur Achillesferse der Wehrmacht und zu primären Zielen der alliierten Bomberflotten. Obwohl die Werke aufgrund ihrer Lage in Mitteldeutschland und ihrer Entfernung zu westeuropäischen Kriegsgegnern zunächst als sicher galten, begannen am 12. Mai 1944 mit der sogenannten Treibstoffoffensive massive Luftangriffe. Über 900 Bomber teilten sich die Ziele auf Leuna, Krumpa, Böhlen und Zeitz auf, wobei auch umliegende Dörfer in den Fokus gerieten. Während Großstädte wie Dresden oder Chemnitz rund 7.000 Tonnen Bombenlast und Magdeburg oder Leipzig etwa 10.000 Tonnen abbekamen, lagen die Werke bei Zeitz, Krumpa und Böhlen mit rund 5.000 Tonnen nur wenig dahinter. Leuna und Merseburg wurden mit insgesamt 18.000 Tonnen sogar weit übertroffen. Nirgendwo sonst in Mitteldeutschland liegt so viel Munition im Boden wie hier.

Zum Schutz der kriegswichtigen Industrie und deren Führungspersonal wurde ab 1940 das größte zweckgebundene Bauprogramm der Menschheitsgeschichte im Reich umgesetzt: der Bau von Bunkern. In Leuna waren sieben Hochbunker geplant, einer davon sollte Platz für 800 Menschen bieten. Diese massiven Stahlbetonkonstruktionen, oft mit Wänden von über zwei Metern Dicke, sollten die Werksführung bei Luftangriffen schützen, damit die Produktion weiterlaufen konnte. Andreas Bock, ein erfahrener Feuerwehrmann in Böhlen-Lippendorf, forscht seit Jahrzehnten an diesen Bunkern, die er als „Zeugnis einer Zeit, als hier Weltgeschichte entschieden wurde“, bezeichnet. Er bewundert die Belüftungsanlagen, die sowohl elektrisch als auch über Muskelkraft betrieben werden konnten, sowie die massiven Türen und Schleusen, die für die Sicherheit der Kommandozentrale bei Luftangriffen entscheidend waren.

Doch nicht alle fanden Schutz in diesen massiven Bauwerken. Tausende Zwangsarbeiter schufteten, um die Riesen aus Beton zu bauen, mussten aber während der Bombardements draußen bleiben. Für die Zivilbevölkerung, wie die Großmutter von Matthias Koch aus Mücheln, gab es keine solchen Hochbunker; sie mussten sich in Eigeninitiative Luftschutzstollen graben. Dafür waren pro Platz etwa 75 Stunden Arbeit nötig; eine vierköpfige Familie brauchte so rund 300 Stunden, um sich das Recht auf einen Platz zu sichern.

Zusätzlich zu den Bunkern entstand der „Mitteldeutsche Flakgürtel“ – eine riesige Zone überwachten Flugraums mit über 1.000 schweren und hunderten kleineren Flugabwehrgeschützen, die sich von Halle über Merseburg bis nach Zeitz zog. Die Bomberpiloten nannten die Region aufgrund der enormen Dichte der Flugabwehr „Flakhölle Leuna“. Doch trotz der 1.100 Geschütze und der Überlappung der Schussfelder waren die Abwehrmaßnahmen am Ende wirkungslos, als die Flotten der Alliierten mit bis zu 1.000 Flugzeugen gleichzeitig einflogen. Die Flieger drangen immer weiter nach Osten vor, und am 8. auf den 9. April 1945 wurde das letzte produzierende Treibstoffwerk außer Gefecht gesetzt.

Das bleibende Erbe: Blindgänger und Altlasten
Die Bombardierungen, die vor über 75 Jahren stattfanden, beschäftigen die Region bis heute. Besonders in Leuna, wo der Chemiestandort per se kampfmittelbelastet ist. Schätzungen zufolge sind bis zu 20% der auf Leuna abgeworfenen Bomben Blindgänger – das wären 3.600 Tonnen. Bei sämtlichen Erdarbeiten in den wachsenden Chemieparks muss der Kampfmittelräumdienst hinzugezogen werden. Andrea Spitzer, Leiterin des Katastrophenschutzes im Saalekreis, muss regelmäßig Evakuierungen anordnen, wenn Munition beseitigt werden muss. Zehn-Zentner-Bomben, Luftminen, sogar alte Flakgeschütze – es gibt fast nichts, was nicht schon aus dem Boden geholt wurde. Die Entschärfung ist ein enormes Wagnis, besonders angesichts der vielen Rohrleitungen mit brennbaren Materialien in einem aktiven Chemiepark. Selbst eine kontrollierte Sprengung, wie sie Andreas Bock erlebte, kann noch in 800 Metern Entfernung Fenster zerbersten lassen.

Ein Ingenieur in Zeitz, Christian Schulz-Giesdorf, wird sich nach eigener Aussage noch sein ganzes Leben mit den Altlasten auf dem ehemaligen Rangierbahnhof des Hydrierwerks beschäftigen müssen. Dort sind erhebliche Mengen Öl und Benzin in den Boden gesickert – ein Erbe des Transports von Treibstoff an die Front. Diese Altlasten müssen über ein kilometerlanges Drainagenetz gesammelt und gereinigt werden, ein Prozess, dessen Ende nicht absehbar ist und vielleicht noch Generationen beschäftigen wird. Karl Mück, ebenfalls ein Ingenieur aus Zeitz, erinnert sich an die mühevolle Arbeit, die massiven Bunker nach dem Krieg abzureißen; sie waren so stabil gebaut, dass sie nur durch spektakuläre Abkipp-Verfahren entfernt werden konnten. Einige Bunker waren so massiv, dass die Versuche der DDR, sie zu entfernen, aufgegeben wurden, weil der Aufwand zu immens war.

Erinnerung und Zukunft
Trotz der Kriegslasten wurde die Region nach dem Krieg wiederaufgebaut. Unter sowjetischer Besatzung und später in der DDR wurden die Werke schnell wieder hochgefahren, um dem „Klassenfeind Paroli zu bieten“. Heinz Remann, ein „Buna-Urgestein“ und Archivar, der 46 Jahre lang im Werk tätig war, erlebte diesen Wiederaufbau mit und war stolz auf das, was aus dem Werk gemacht wurde. Heute sind es moderne Industriegebiete, die auf der gewachsenen Infrastruktur aufbauen.

Doch das Thema Blindgänger wird nach Schätzungen noch 150 Jahre eine Rolle spielen. Menschen wie Matthias Koch, dessen Familiengeschichte eng mit dem Krieg um Leuna verbunden ist, und Andreas Bock sehen es als ihre Aufgabe, die Spuren zu suchen und die Erinnerungen an den Krieg und seine Ursachen zu bewahren. Sie appellieren an junge Menschen, die Geschichte zu hinterfragen, die Großeltern zu fragen und Zusammenhänge zu erkennen. Denn nur so kann verstanden werden, dass der Zweite Weltkrieg in Mitteldeutschland nicht nur zu Ende ging, weil Hitler der Treibstoff ausging, sondern hier auch die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen wurden, dass er ihn wagen konnte. Die Schatten der Vergangenheit sind lang, und ihre Aufarbeitung ist eine fortwährende Aufgabe für die gesamte Region.

Einsteins Berliner Sensation: Als die Relativität die Welt eroberte

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Treptow, 2. Juni 1915 – Ein historischer Tag für die Wissenschaft und für Berlin: Vor genau 110 Jahren präsentierte Albert Einstein, damals 36 Jahre alt und Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, seine revolutionäre Relativitätstheorie der breiten Öffentlichkeit. Der Ort des Geschehens war die Archenhold-Sternwarte in Treptow, wo ein gut gefüllter Saal – auch mit vielen interessierten Laien – gespannt den Ausführungen des Physikers lauschte.

Es war eine Sensation, denn was Einstein an diesem Tag vorstellte, war für viele unvorstellbar komplex, aber gleichzeitig äußerst anschaulich erklärt. Die Tragweite dieser Theorie war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig bekannt, doch sie sollte die Wissenschaft für immer verändern. Einstein, ein guter Freund des Sternwartenleiters Friedrich Archenhold, wanderte zu Fuß zur Sternwarte, eine seiner bekannten Eigenheiten, da er niemals Auto fuhr und stets zu Fuß unterwegs war, oft sogar barfuß in seinen Schuhen.

Das staunende Publikum in Treptow hörte an diesem denkwürdigen Tag zum ersten Mal die Grundzüge der Relativitätstheorie, zu der auch die wohl berühmteste Formel der Welt gehört: E=mc². Diese Formel beschreibt ein von Einstein entdecktes Naturgesetz und legt Energie (E), Masse (m) und die Lichtgeschwindigkeit im Quadrat (c²) zueinander in Beziehung. Sie besagt im Wesentlichen, dass Energie in Masse und Masse in Energie umgewandelt werden kann.

Vier Jahre nach Einsteins wegweisendem Vortrag wurde die Relativitätstheorie erstmals praktisch nachgewiesen, was den visionären Physiker zu einem globalen Superstar machte. Zu seinen bahnbrechenden Ideen gehörten auch die der Schwarzen Löcher im Universum und ihrer Auswirkungen auf das Umfeld – die Vorhersage, dass alles, was einem Schwarzen Loch zu nahekommt, für immer darin verschwindet.

Einsteins Theorien haben die Wissenschaft revolutioniert und sind bis heute grundlegend für unser Verständnis des Universums. Besonders in der Astronomie, Kosmologie und Astrophysik wären viele heutige Entdeckungen und Erkenntnisse ohne die Relativitätstheorie undenkbar. Auch 110 Jahre nach seinem Vortrag in der Treptower Sternwarte entdecken Wissenschaftler immer noch neue Aspekte, die auf Einsteins Genialität basieren. Er war ein „super kluger Kopf“ und hat „die Welt damit ein bisschen auf den Kopf gestellt“.