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Ferienlager in der DDR: Eine Welt zwischen Freiheit und Regeln, die man nie vergisst

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Für viele Kinder in der DDR waren die Ferienlager das große Sommerziel und der Höhepunkt des Jahres. Noch bevor die Zeugnisse verteilt waren, begann die Aufregung, und man zählte die Tage bis zur Abholung auf Strichlisten. Es war ein Ritual des Packens, bei dem Muttis eine detaillierte Liste erstellten, die von Zahnbürste und Badehose bis hin zu wichtigem Briefpapier reichte – oft fehlten jedoch essenzielle Dinge wie Tischtenniskellen oder Kassetten. Mit klopfendem Herzen versammelte man sich am Abreisetag, oft vor dem Betrieb, der das Lager organisierte, und die lauten Ikarus-Busse transportierten die aufgeregten Kinder in eine Welt, die nach Freiheit und Regeln zugleich roch.

Ankunft in einer neuen Welt
Die Lager, von denen es zeitweise über 6000 in der DDR gab und die häufig vom FDGB oder großen Betrieben organisiert wurden, erschienen riesig. Sie lagen am Waldrand, in Strandnähe oder manchmal mitten im Nirgendwo. Am Eingang warteten die Gruppenleiter, die oft selbst noch jung waren, aber fast immer herzlich und bei der FDJ aktiv waren. Nach der Begrüßung erfolgte die Einteilung in altersgleiche Gruppen, Jungen und Mädchen getrennt. Der erste Weg führte zur Unterkunft, wo Betten bezogen und Taschen in klapprigen Spinden verstaut wurden – wer sich auskannte, sicherte sich das untere Bett, da es oben oft zu heiß war.

Ein durchgetakteter Tag voller Abenteuer und Pflicht
Der Tag im Ferienlager war kein Tag wie zu Hause; er war durchgetaktet. Früh am Morgen, noch ehe die Sonne richtig aufgegangen war, rief ein Pfiff oder der Gruppenleiter zum Aufstehen und Antreten. Frühsport war Pflicht, egal ob Hampelmänner oder Rundenlauf, und danach folgte der erste Appell des Tages. Man stand in Reih und Glied, Blick nach vorn, und das offizielle Motto lautete: „Seid bereit – immer bereit!“.

Der Vormittag war voller Programm: Stationsläufe, Bastelrunden oder Naturerkundungen. Auf dem Sportplatz wurde gelacht und gestritten, und beim Seilziehen kämpften Gruppen gegeneinander. Einmal pro Lager gab es die Lagermeisterschaft, ein „großes Ding“, bei dem jeder mitmachen musste. Ob Wurfspiele, Tischtennisturnier oder Liegestütz-Wettbewerbe – die Siegerurkunden wurden mit Stolz entgegengenommen, man fühlte sich „stolz wie ein Olympiasieger“.

Ein besonderes Highlight war das Neptunfest, das meist am zweiten Wochenende stattfand. Neptun selbst, oft mit Pappkrone und Bart aus Mobschnur, stieg aus dem See und wurde von angemalten Wassergeistern begleitet. Wer noch nicht getauft war, wurde geschnappt, eingeseift, mit Wasser übergossen oder im See getaucht – manchmal musste man sogar einen gruseligen Trank aus Brausepulver in Gurkenwasser mit Essig trinken.

Der Nachmittag bot mehr Freiraum. Nach der obligatorischen Mittagsruhe konnte man Tischtennis, Skat oder Mau-Mau spielen oder kleine Ausflüge zu versteckten Lichtungen oder alten Bunkern unternehmen. Diese freien Stunden waren besonders wertvoll, da man sich in ihnen verlieren konnte, in Gesprächen, im Spiel oder einfach in der Sonne.

Gemeinschaft, erste Gefühle und geheime Abenteuer
Im Ferienlager entstand Gemeinschaft, nicht weil sie befohlen wurde, sondern weil sie einfach passierte. Doch die Tage waren nicht nur durchorganisiert. Nachts entwickelte sich eine eigene Dynamik; das Austesten von Grenzen gehörte dazu. Kleine Streiche wie Zahnpasta auf der Türklinke oder Wasserbomben waren an der Tagesordnung. Die schlimmste Strafe war es, nach Hause geschickt zu werden, was glücklicherweise selten vorkam. Die älteren Kinder, oft mutiger und übermütiger, schlichen heimlich aus dem Lager oder lauschten an den Baracken der Mädchen – manche rauchten sogar heimlich oder tranken Schnaps. Das oberste Gebot war: „sich bloß nicht erwischen lassen“. Doch in diesen Momenten lernte man auch Verantwortung und gegenseitige Hilfe.

Ferienlager waren oft auch der Ort der allerersten großen Gefühle. In der siebten Klasse wurde das „uninteressante andere Geschlecht“ plötzlich zum wichtigsten Thema. Am Lagerfeuer oder bei der Lagerdisco passierten die ersten Flirts, heimlich wurden Zettel getauscht, und ein Blick oder ein Kichern konnte alles verändern. Ein Abschiedskuss war der Höhepunkt dieser jungen Romanzen, Gefühle, die in Filmen wie „Sieben Sommersprossen“ festgehalten wurden und die ersten Schritte aus der Kindheit markierten.

Doch nicht jeder Moment war leicht. Heimweh schlich sich besonders in den ersten Nächten durch die Ritzen der Barackenfenster. Briefe nach Hause waren ein „Rettungsanker“, oft wichtiger war jedoch der beigelegte Geldschein, der wie „Weihnachten im Juli“ war und den Kauf von Süßigkeiten im Konsum ermöglichte. Trotz kleinerer Konflikte und Mutproben wie dem nächtlichen Gang zur Toilette, waren es gerade diese Herausforderungen, an denen die Kinder wuchsen. Am Ende zeigte sich immer der Zusammenhalt: Weinte einer, saß jemand daneben; wurde jemand vermisst, suchten alle. Das Ferienlager war trotz seiner Rauheit ein Schutzraum.

Zwischen Völkerfreundschaft und sozialistischer Erziehung
Die Ferienlager in der DDR waren auch ein Ort der politischen Bildung – „Sozialismus zum Anfassen“. Die politische Erziehung war stets präsent, vom Fahne hissen und gemeinsamen Singen beim Appell bis hin zu kleinen Vorträgen über Themen wie Frieden oder Klassenkampf. Werte wie Gemeinschaft statt Egoismus, Ordnung und gegenseitige Hilfe wurden in Spielen und Aufgaben vermittelt. Für die Kinder war dies normal, da das Lager die organisierte, disziplinierte und solidarische Welt der DDR in Miniatur widerspiegelte.

Interessanterweise öffneten sich einige Lager auch über die Grenzen hinaus. Zwischen 1950 und 1960 nahmen DDR-Ferienlager sogar westdeutsche Kinder auf. Organisiert über die „zentrale Arbeitsgemeinschaft Frohe Ferien für alle Kinder“, sollte Kindern aus kinderreichen oder arbeitslosen Haushalten ein kostenloser Aufenthalt ermöglicht werden, um ihnen die „vermeintlichen Vorzüge des Sozialismus“ nahezubringen. Trotz anfänglicher Unterschiede in Akzent, Kleidung und Verhalten, prägten oft gemeinsame Tischtennis-Matches oder Lagerfeuerabende die Erinnerung, nicht die Ideologie. Nach dem Mauerbau endeten diese Westkontakte abrupt, kehrten aber in den 70er- und 80er-Jahren im Zuge der Entspannungspolitik kurzzeitig zurück. Nun kamen Kinder aus sozialistischen Bruderstaaten wie Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei, aber auch wieder westdeutsche Kinder aus DKP-nahen Haushalten. Der offizielle Zweck war „Völkerfreundschaft“ und „internationale Solidarität“, doch oft entstand etwas ehrlicheres: tiefgehende Freundschaften. Es wurden Adressen, Schokolade und Geschichten getauscht, und manchmal fand eine heimliche Kassette mit Rockmusik aus dem Westen ihren Weg in die Koffer. Die Kinder verstanden sich oft besser als die Ideologien, die sie begleiteten.

Der Abschied und die bleibenden Erinnerungen
Der letzte Tag kam für die meisten viel zu schnell. Koffer wurden mit einem „riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten“ gefüllt und oft musste man sich mit einem Freund daraufsetzen, um ihn wieder zubekommen. Der Abschied schlich sich langsam ein, in den letzten Liedern, den verstohlenen Blicken und einem letzten Kuss der Sommerliebe. Manchen Tränen folgten stille Blicke aus dem Busfenster, und schon auf halber Strecke wurden die schönen Momente zu unvergesslichen Erinnerungen. Zu Hause wurde fast alles erzählt – von Nachtwanderungen bis zur Lagerdisco. Doch eines war allen klar: „Ferienlager, nächstes Jahr auf jeden Fall wieder“.

Diese Zeit, die vielleicht vergangen ist, wird niemals vergessen – eine Ära voller Regeln und Freiheit, voller erster Gefühle und prägender Erfahrungen, die das kollektive Gedächtnis einer Generation formten.

Berlins Geisterbahnhöfe: Unsichtbare Zeitkapseln der Teilung

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Manchmal, wenn man mit der Berliner U-Bahn durch die dunklen Tunnel rauscht, taucht plötzlich ein leerer, stiller Bahnsteig auf. Was man in diesem flüchtigen Moment sieht, ist kein Zufall, sondern ein stummes Überbleibsel des Kalten Krieges. Willkommen in der faszinierenden und oft gespenstischen Welt der Berliner Geisterbahnhöfe – Orte, an denen die Geschichte der Teilung tief unter der Erde weiterlebt.

Die U-Bahn als Nervensystem einer Weltstadt
Bevor Berlin durch die Mauer in zwei Hälften geschnitten wurde, war die Stadt ein pulsierendes Zentrum, eine Weltstadt mit über vier Millionen Menschen und einem unstillbaren Bedürfnis nach Bewegung. Die U-Bahn, deren erster Zug bereits 1902 rollte, war das Herzstück dieser Metropole. Sie war nicht nur ein technisches Wunderwerk, sondern auch ein ästhetisches: Architekten wie Alfred Grenander schufen aus einfachen Haltestellen begehbare Kathedralen des Alltags. Die U-Bahn war das Nervensystem, das Kieze, Menschen und Welten miteinander verband. Selbst die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, bei denen Viadukte in Schutt gelegt und Tunnel geflutet wurden, konnten das System nicht dauerhaft lahmlegen – schon wenige Tage nach Kriegsende rollten wieder Züge, ein Zeugnis der Berliner Widerstandskraft.

Die schleichende Spaltung unter der Erde
Die Teilung Berlins kam nicht mit einem Paukenschlag, sondern schleichend und bürokratisch. Während Berlin oberirdisch zur geopolitischen Sollbruchstelle zwischen vier Siegermächten und ihren Ideologien wurde, fuhr die U-Bahn tief unten in den Tunneln zunächst einfach weiter. Das Netz blieb technisch verbunden, obwohl zwei Betreiber – die BVG im Westen und die BVB im Osten – entstanden waren.

Besondere Kopfschmerzen bereiteten den Verantwortlichen die Nord-Süd-Linien U6 und U8. Diese Linien fuhren von West nach West, durch das Herz Ost-Berlins. Ein infrastrukturelles Paradoxon: Die Bahnhöfe lagen im Osten, aber die Züge gehörten dem Westen. Aus Angst vor einer Blockade durch den Osten rüstete der Westen pragmatisch auf, baute Wendeanlagen und entwarf Sicherheitskonzepte. Die wichtigste Regel: Nie durfte mehr als ein Zug gleichzeitig im Ostabschnitt unterwegs sein, um bei einem plötzlichen Zuschlagen des Ostens nicht alle Fahrzeuge zu verlieren. Eine düstere Vorahnung bewahrheitete sich im Juni 1953, als die West-BVG beim Volksaufstand der DDR kurzzeitig 18 Züge verlor. Der Schock saß tief, und die Vorsicht wurde noch größer.

Der 13. August 1961: Die Geburt der Geisterbahnhöfe
Diese absurde Koexistenz hielt fast ein Jahrzehnt an. Doch dann kam der Moment, der alles veränderte: der 13. August 1961. Über Nacht verwandelte sich Berlin in eine getrennte Stadt. Was oben mit Soldaten, Stacheldraht und Beton begann, setzte sich unten im Untergrund fort. Die U-Bahn, einst ein Symbol der Verbindung, wurde über Nacht zur Grenzzone. Die Züge aus dem Westen durften zwar weiterhin durch Ost-Berlin fahren, aber sie durften nicht halten, die Türen nicht öffnen – nur durchrauschen. Die Bahnhöfe im Osten wurden abgeschlossen, versiegelt und verdunkelt. Das Phänomen der Geisterbahnhöfe war geboren.

Diese Geisterbahnhöfe waren keine stillgelegten Stationen am Stadtrand. Nein, sie befanden sich mitten im Herzen der Stadt, leer, schwarz und lautlos. Die Namen verschwanden, die Lampen wurden abgeschaltet. Wer aus dem Westen kam, fuhr minutenlang durch Dunkelheit, vorbei an verbotenen Orten, wo Grenzpolizisten mit Gewehren hinter Gittern auf leeren Bahnsteigen standen. In diesen Momenten wurde der Kalte Krieg auf beklemmende Weise sichtbar. Der Osten sicherte diese dunklen Stationen mit Stacheldraht im Gleisbett, Druckplatten und Lichtschranken, um Fluchtversuche zu verhindern.

Die Ausnahme und die Absurdität der Kosten
Eine bemerkenswerte Ausnahme war der Bahnhof Friedrichstraße, der einzige offiziell geöffnete Zugang zur DDR per U-Bahn. Er funktionierte wie ein Grenzbahnhof im Untergrund, komplett mit Schleusen, Passkontrollen und Transitbereichen, die mehr an einen Flughafen als an Nahverkehr erinnerten.

Trotz aller ideologischer Feindschaft blieben die Tunnel aus rein finanziellen Gründen offen. Die West-BVG zahlte der DDR jedes Jahr rund 20 Millionen D-Mark für das Durchfahrtsrecht. Eine absurde Geschäftsbeziehung. Kommunikation gab es kaum; bei Störungen im Osten blieben die Züge im Westen einfach stehen, man wartete und hoffte. Die U-Bahn wurde so zur Bühne eines surrealen Schauspiels.

Französische Straße: Der Bahnhof, der zweimal verschwand
Wenn es einen Bahnhof gibt, der die Geschichte der Berliner Teilung besser erzählt als jedes Geschichtsbuch, dann ist es die Französische Straße. 1923 eröffnet, lag sie mitten im pulsierenden Herzen der Hauptstadt. Doch 1961, mit dem Mauerbau, wurde sie zur Geisterstation erklärt. Der Bahnsteig lag im Ostsektor, die Züge aus dem Westen durften nicht mehr halten. Die Lichter gingen aus, die Eingänge wurden zugemauert, das Personal abgezogen, ersetzt durch Volkspolizei mit Maschinenpistolen. Fast drei Jahrzehnte lang war sie ein Mahnmal, ein leerer Bahnsteig voller Bedeutung, sichtbar für die Fahrgäste in den vorbeifahrenden Zügen.

Nach dem Mauerfall 1990 wurde die Französische Straße wiedereröffnet. Plötzlich gab es wieder Schritte auf dem Bahnsteig, Stimmen, haltende Züge. Doch die Geschichte sollte hier nicht enden. Im Jahr 2020, mit der Fertigstellung der lang geplanten U5-Verlängerung, wurde in unmittelbarer Nähe die neue, moderne Umsteigestation Unter den Linden eröffnet. Nur etwa 200 Meter entfernt – zu nah für zwei Haltestellen in einem effizienten Netz. Die Konsequenz: Die Französische Straße wurde erneut geschlossen. Diesmal ohne Drama, ohne Wachturm, ohne Mauer – einfach, weil es planerisch sinnvoll war. Sie wurde stillgelegt, nicht abgerissen, nur geschlossen. Die alten Eingänge stehen noch, versiegelt mit Gittern, die Rolltreppen schweigen. Manchmal brennt noch Licht am Bahnsteig, vielleicht für Wartungsarbeiten, vielleicht aus Sentimentalität.

Ein Ort der Erinnerung im Stillen
Die Französische Straße ist heute ein Geisterbahnhof im wörtlichsten Sinne. Kein Mahnmal, kein Museum, kein offizielles Denkmal, sondern einfach ein Ort, der da ist, aber nicht betreten werden darf. Sie ist ein „Unort mit Charakter“, eine stille Klammer zwischen dem Berlin, das war, und dem, das noch kommen wird. Ein Bahnhof, der zweimal verschwindet, ist mehr als nur Infrastruktur; er ist ein Gedächtnisort, ein architektonischer Abdruck von Geschichte. Die Geisterbahnhöfe waren keine geplanten Denkmäler, und genau das macht sie so ehrlich. Sie wurden stehen gelassen, vergessen oder bewusst ignoriert, und doch haben sie überlebt – als stille Kulissen in einem unterirdischen Drama, das niemand aufführte, aber jeder mitspielte.

Die Berliner U-Bahn ist mehr als ein Verkehrsmittel; sie ist ein Archiv, eine Zeitmaschine auf Schienen. Oben verändert sich die Stadt, unten bleibt sie manchmal stehen – und genau darin liegt ihre Kraft. Wenn du das nächste Mal durch Berlin fährst, schau genauer hin. Vielleicht rollst du gerade durch eine Geschichte, die du noch nicht kanntest. Vielleicht entdeckst du einen Bahnsteig, der nichts tut und trotzdem etwas sagt. Und vielleicht merkst du dann, dass auch die stillsten Orte in einer Stadt eine Stimme haben – man muss nur wissen, wo man hinhört.

SVT18.16 Görlitz – Der elegante Star kehrt zurück

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Ein historisches Meisterwerk deutscher Eisenbahngeschichte, der VT 18.16, auch bekannt als SVT18.16 Görlitz, steht kurz vor seiner Rückkehr auf die Gleise. Nach einer jahrelangen Ruhephase und einer aufwendigen Restaurierung, die bereits 7 Millionen Euro gekostet hat, soll der einst so elegante Triebwagen schon bald wieder über die Schienen flitzen. Die ersten Probefahrten sind für August am Harz Nordrand zwischen Öburg und Aschersleben geplant.

Der VT 18.16 war einst der Star der Deutschen Reichsbahn. Vom Waggonbau Görlitz entwickelt, wurde der Prototyp 1963 auf der Frühjahrsmesse in Leipzig vorgestellt. Der Zug wurde speziell für den internationalen Verkehr konzipiert und verkehrte auf Strecken nach Skandinavien, Österreich und ins heutige Tschechien. Seine Bezeichnung SVT steht für Schnellverbrennungstriebwagen, da er dieselhydraulisch betrieben wurde – praktisch angesichts der nicht durchgängigen Elektrifizierung und unterschiedlichen Systeme. Die Zahlen 18 und 16 in seinem Namen weisen darauf hin, dass beide Triebfahrzeuge zusammen 1800 PS leisteten und der Zug bis zu 160 km/h schnell fahren konnte. Zwischen 1965 und 1968 wurden sieben weitere Triebzüge gebaut. Der letzte SVT wurde im Jahr 2003 ausgemustert. Der hier restaurierte Zug stammt übrigens aus dem Bestand des DB Museums in Nürnberg.

Die Wiederbelebung dieses „Stars“ ist ein Mammutprojekt, das von unermüdlichem Einsatz und Leidenschaft getragen wird. Im Führerstand bereitet sich Michael Brandes darauf vor, den 1000 PS Motor des Triebwagens zu starten, ein Moment voller Anspannung und Aufregung. Ein Teil des Zuges kann bereits aus eigener Motorkraft rollen, während an anderen Segmenten noch fleißig gearbeitet wird. Der Zug ist derzeit vierteilig, wobei ein weiterer Wagen in der Werkshalle entdeckt wurde und der letzte Teil noch versteckt ist.

Herzblut und Handarbeit: Die unsichtbaren Helden der Restaurierung
Die Restaurierung des SVT18.16 Görlitz, die von der 2018 gegründeten SVT Görlitz GmbH initiiert wurde, die den Zug 2019 zunächst witterungsgeschützt nach Dresden überführte, ist vor allem das Werk zahlreicher engagierter Eisenbahnfans. Diese Freiwilligen stecken ihre Freizeit und ihr Herzblut in das Projekt. Viele Arbeiten wären schlichtweg unbezahlbar, wäre da nicht der unermüdliche Einsatz dieser Menschen.

Zu den umfangreichen Aufgaben gehören:

• Der Einbau neuer Druckluftschläuche für die Bremsanlage, da die alten Schläuche nicht mehr verwendet werden konnten. Dies ermöglicht in Kürze die Durchführung erster Bremsversuche.

• Die komplette Aufarbeitung sämtlicher Fenster des Zuges, eine Aufgabe, die von einem einzelnen Restaurator mit großer Hingabe bewältigt wurde. Für ihn ist der Zug eine lebenslange Begleitung; er sah ihn bereits als 12-jähriges Kind regelmäßig zwischen Berlin und Wien verkehren.

Die Arbeiten finden in Halberstadt bei der Verkehrsindustriesysteme GmbH (VIS) statt, einem Standort mit über 180 Jahren Eisenbahngeschichte, der nach 1949 zu einem wichtigen Hersteller von Reisezugwagen für die Deutsche Reichsbahn wurde und heute noch Fahrzeuge instand hält.

Originaltreue trifft Barrierefreiheit
Das Ziel der Restaurierung ist die originalgetreue Wiederbelebung des VT 18.16. Doch das Projekt blickt auch in die Zukunft und öffnet Türen für Neues: Um den problemfreien Zugang für mobilitätseingeschränkte Personen zu ermöglichen, wird ein zweiter, klappbarer Türflügel an den Türen angebracht. Dieser kann eingeklappt werden, um die Türöffnung zu verbreitern. Im Innenraum, der wieder besichtigt werden konnte, sind Details wie Gardinen und die acht Sitzplätze im Zweite-Klasse-Abteil zu sehen.

Das gesamte Projekt hat bisher 7 Millionen Euro verschlungen und ist darauf angewiesen, dass geplante touristische Sonderfahrten Geld in die Kassen spülen. Es wird höchste Eisenbahn, dass der Zug in Betrieb genommen werden kann, denn die Fertigstellung der restlichen Arbeiten ist für das dritte Quartal dieses Jahres geplant, womit das Projekt eine geplante Verzögerung von fast zwei Jahren aufholen würde. Die erste Sonderfahrt ist bereits für den 6. September geplant, mit dem Ziel, jährlich 40 bis 50 Sonder- und Charterfahrten durchzuführen. Der Zug kann nicht in seine alte Halle in Dresden zurückkehren, aber eine neue Halle wird derzeit in Radebeul gebaut.

Neben dem SVT Görlitz konnten Besucher beim Tag der offenen Tür in Halberstadt auch andere interessante Wagen bestaunen, darunter sogenannte Orient Express- oder Rheingoldwagen, die ebenfalls auf ihr neues Leben warten und restauriert werden sollen.

Mit den bevorstehenden Probefahrten und dem Start der Sonderfahrten rückt der Traum vieler Eisenbahnfreunde und die Wiederbelebung eines wertvollen Stücks Eisenbahngeschichte in greifbare Nähe. Der alte neue SVT Görlitz wird bald wieder zu sehen sein – so wie einst.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Der „Punk unter den Historikern“ im Kampf für Freiheit und Widerspruch

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Berlin. In einer Zeit, in der die Grundfesten von Demokratie und Freiheit vielerorts auf dem Prüfstand stehen, fordert der Historiker und Autor Ilko-Sascha Kowalczuk mit scharfen Analysen und einer unerschrockenen Haltung zum aktiven Widerspruch auf. Für ihn geht es um nichts Geringeres als „Demokratie versus Diktatur“ und „Freiheit versus Unfreiheit“, eine Auseinandersetzung, die ihn aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit der Diktatur der DDR zutiefst persönlich antreibt.

Kowalczuk, der sich selbst als „diktaturgeschädigt“ bezeichnet, ist bekannt für seine provokative Art, die ihm den Ruf einbrachte, der „Punk unter den Historikern“ zu sein. Er wirkt „wie sowas anderes“ inmitten von Konvention und Langeweile in der Geschichtswissenschaft. Diese Haltung sei jedoch keine Attitüde, sondern Ausdruck seines Wesens und seiner Überzeugung, dass wir nur „wirklich weiter mit Widerspruch, mit Widerstand, mit Dagegenhalten“ kommen. Für ihn ist dies das „Salz in der Suppe von Demokratie und Freiheit“ und der „Motor der Entwicklung“.

Widerspruch als Motor der Demokratie, nicht als Gebrüll
Kowalczuk differenziert klar zwischen „Widerstand“ und „Widerspruch“. Während Widerstand an Diktaturen gebunden und dort notwendig ist, um die Diktatur zu überwinden, ist in einer parlamentarischen Demokratie die Opposition die zentrale Kraft, um die Demokratie lebendig zu halten. Es gehe darum, „Opposition mit Widerspruch, mit Dagegenhalten“ zu üben.

Er räumt ein, dass es scheinbar viel Widerspruch gebe, insbesondere in sozialen Medien, wo allem „immer Widerspruch“ begegnet werde. Doch er bezweifelt, dass dies echter Widerspruch ist. Für Kowalczuk hat Widerspruch mit Substanz zu tun und muss „rational nachvollziehbar“ sein. Er kritisiert, dass Meinungen oft zu Fakten erklärt werden und dass eine „hohe zum Beispiel Wissenschaftsfeindlichkeit“ die Gesellschaft durchzieht. Stattdessen brauche es „empirisch basierte Aussagen“, um Lösungen zu finden und nicht, um einander „niederzubrüllen“. Er plädiert zudem für einen „konstruktiven Journalismus“, der auch Positives berichtet und diejenigen in den Mittelpunkt rückt, die das Land durch Ehrenämter am Laufen halten.

Demokratie ist für ihn keine „Konsensangelegenheit“, sondern eine „Kompromissgesellschaft“. Es sei entscheidend, den politischen Gegner als solchen anzuerkennen und ihm zu unterstellen, „das Beste für unsere Gesellschaft“ zu wollen, selbst wenn er ganz andere Wege vorschlägt. Nur so bleibe man „koalitionsfähig“ und könne Kompromisse erarbeiten. Die Verwandlung politischer Gegner in Feinde, wie in den USA durch Trump zur Meisterschaft geführt, sei eine langfristige Strategie zur Zerstörung der demokratischen Grundordnung.

Ostdeutschland als „Brennglas unserer Welt“
Ein zentrales Thema in Kowalczuks Arbeit ist Ostdeutschland, das er als „Brennglas unserer Welt“ bezeichnet. Er sieht es als ein „Feldversuch“ oder „Mahnmal“, denn in Ostdeutschland passiert „seit vielen Jahren ungefähr seit 20 Jahren alles früher schneller und radikaler als anderswo“. Was sich dort herausbilde, geschehe in vier bis acht Jahren auch im Westen.

Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Die Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 war eine „größte Zäsur“. Millionen Menschen verloren Arbeitsplätze und Institutionen. Der „Transformationsschock“ im Osten war hart, auch wenn der bundesdeutsche Sozialstaat die Gesellschaft auffing. Was nicht kompensiert werden konnte, waren „kulturelle Verluste“ mit „mentalen Folgen“. Kowalczuk erläutert, dass im Osten der Arbeitsplatz nicht nur der Broterwerb war, sondern ein ganzes Lebensgefühl und umfassende soziale, kulturelle und versorgende Funktionen bot. Mit dem Wegfall dieser Arbeitsplätze und Institutionen brach ein ganzer Lebenskontext weg, was zu einem „Phantomschmerz“ führte.

Er widerspricht der verbreiteten Rede von der verlorenen „Gemeinschaft“ im Osten. Er erklärt, dass die DDR eine „verstaatlichte Gesellschaft“ war, in der Staat und Gesellschaft eins gedacht wurden und Organisationen eigentlich staatlich waren. Die Menschen wurden in einen kollektivistischen Anpassungsdruck sozialisiert, der die „organisierte Verantwortungslosigkeit“ förderte. Kowalczuk selbst erlebte dies als Kind und Jugendlicher, als seine Umgebung ihn zum „Feind konstruierte“, nur weil er sich nicht bedingungslos anpassen wollte. Diese Erfahrung prägte ihn zutiefst und führte zu seiner „politischen DNA“, „nie wieder die Fresse zu halten“.

Die gefährliche Verharmlosung der Diktatur
Die Beschäftigung mit dem Osten ist für viele eine „lebendige Gegenwart“, da die Vergangenheit immer zum Vergleich dient. Doch Kowalczuk warnt energisch vor der „Verharmlosung und Verharmlosung der Diktatur als tödliches Gift“. Er hat „null Verständnis“ dafür, wenn jemand eine Diktatur „verharmlost“ oder „schöngeredet“. Sein eigenes „Diktaturschaden“ macht ihn zum unerbittlichen Kämpfer gegen solche Narrative. Er litt „körperlich“ unter dem Gefühl der Unfreiheit, als ein „scheiß Staat vorschreiben wollte, wo ich hinfahre, was ich für Bücher lese, welche Musik ich höre“.

Das Problem sei, dass viele in der DDR nicht merkten, dass sie in einer Diktatur lebten. Er kritisiert, dass selbst die angepassten Lebensweisen in der DDR heute oft nostalgisch verklärt werden, anstatt sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Er sieht dahinter einen „tiefen Hass auf den liberalen Verfassungsstaat“, der sich in der Nähe zu Putin-Narrativen oder der Verherrlichung des Putin-Regimes zeige. Für Kowalczuk sind geschichtspolitische Debatten deshalb relevant, weil sie „ganz viel mit unserer Gegenwart und unserer Zukunftsgestaltung zu tun“ haben.

Ein unermüdlicher Kämpfer für Freiheit
Kowalczuk versteht seinen Job als Historiker als einen „politischen Job“. Er ist nicht naiv gegenüber der Welt, erkennt aber an, dass wir in der „besten aller bisherigen Welten“ leben, verglichen mit früheren Zeiten, trotz der aktuellen Krisen. Dennoch lehnt er es ab, sich zurückzulehnen. Er empfindet eine tiefe Notwendigkeit, sich für die Verteidigung der Freiheit einzusetzen. Es gebe keine Pflicht dazu, aber er fühlt sie.

Für ihn funktioniert Freiheit „nur, wenn es für alle da ist“. Er will seine Freiheit nicht denjenigen ausliefern, „die diese Freiheit abschaffen wollen wie die faschistische AfD wie die leninistische wie das leninistische Bündnis von Sarah Wagenknecht“. Seine Wut und sein Engagement sind sein Motor, um „die anderen nicht das Feld zu überlassen“.

Am Ende des Gesprächs auf die Frage, was er auf eine große Plakatwand am Alexanderplatz schreiben würde, antwortet Kowalczuk kurz und prägnant: „Freiheit.“ Eine Botschaft, die seine Arbeit, seine Persönlichkeit und sein unermüdliches Eintreten für die Grundwerte unserer Gesellschaft zusammenfasst.

Das erste WBS 70-Wohnhaus in Neubrandenburg erhält ein neues Dach

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Neubrandenburg – Es ist ein Gebäude von besonderer Bedeutung für die Stadt Neubrandenburg und die deutsche Architekturgeschichte: das Wohnhaus in der Koschaliner Straße 1 bis 7. Dieses Gebäude ist nicht nur ein Zuhause für seine Bewohner, sondern auch ein Zeugnis seiner Zeit – es ist das allererste in Plattenbauweise der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) errichtete Gebäude überhaupt. Als Ikone der Architektur steht es unter Denkmalschutz und wird dementsprechend behutsam erhalten und gepflegt. Genau das war in den vergangenen Wochen der Fall, als das Gebäude einer dringenden Instandsetzung unterzogen wurde.

Akute Gefahr am Giebel
Anfang Juni bot sich den Passanten ein ungewohntes Bild: Betonplatten vom Dach und Gebäudekörper lagerten vor dem Haus, und das Gebäude war teilweise eingerüstet. Der Grund dafür war ein akutes Schadensbild im Giebelbereich: Eine sogenannte Drempelplatte drohte sich herauszudrücken und abzustürzen. Der Drempel ist der Bereich zwischen dem letzten Obergeschoss und dem eigentlichen Dach, wo auch das Regenwasser über einen Dachsteg in der Mitte in die Stränge abgeleitet wird. Nach all den Jahren hatte sich dieser Dachsteg an einer Stelle gesenkt und drückte nun gegen die Drempelplatte der Giebelfassade.

Komplexe Rettungsaktion mit Fachkräften
Um das Problem zu beheben, musste das Dach im entsprechenden Bereich geöffnet und abgedeckt werden. Bereits im Mai begannen die Arbeiten, bei denen ein nicht gerade kleiner Kran zum Einsatz kam, um Betonplatte für Betonplatte sicher nach unten zu befördern. Für die Bauphase wurde zudem eine provisorische Behelfsdachabdeckung installiert.

Die Instandsetzung war ein Paradebeispiel für koordinierte Zusammenarbeit und Professionalität, besonders da es sich um ein bewohntes Objekt handelte. Insgesamt waren vier spezialisierte Unternehmen an dem Projekt beteiligt:

• Ein Unternehmen für den Rückbau und die Montage der einzelnen Betonelemente.

• Der Gerüstbauer, der das Behelfsdach über den Drempelbereich setzte, während das eigentliche Dach komplett geöffnet war.

• Ein Dachdeckerunternehmen, das die Abdichtung wiederherstellte.

• Ein weiteres Unternehmen, spezialisiert auf die Wiederherstellung der Fugen in Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt.

Herausforderung Denkmalschutz: Exaktheit bis ins Detail
Die besondere Herausforderung bei dieser Instandsetzung war die Auflagen des Denkmalschutzes. Die äußerlich sichtbaren Plattenelemente des schadhaften Bereichs mussten so aufgearbeitet werden, dass ein stimmiges, originalgetreues Gesamtbild des Gebäudes erhalten bleibt. Bei solchen Denkmalschutzprojekten geht es immer um Exaktheit bis hin zu Farbnuancen und Fugmaßen. Dieser Feinschliff wurde zum Abschluss der Baumaßnahme vorgenommen.

Erfolgreicher Abschluss
Das große Finale fand am letzten Junitag statt, erneut unter Einsatz des großen Krans. Das Behelfsdach hatte seinen Zweck erfüllt und wurde abgebaut. Der Dachsteg sitzt nun wieder fest in Position, sodass Drempel und Dachabdeckung anschließend Stück für Stück geschlossen und fachgerecht abgedichtet werden konnten.

Mit dieser aufwendigen Instandsetzung wurde das WBS 70-Original gesichert – als Zuhause für seine Bewohner und als unverzichtbares Architekturdenkmal für Neubrandenburg.

Sachsens MP Michael Kretschmer – Minderheitsregierung als Chance

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Dresden/Berlin. Michael Kretschmer (CDU), der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, hat in einem aktuellen Interview mit dem YouTube-Kanal „Jung & Naiv“ ausführlich über die besonderen Herausforderungen seiner Minderheitsregierung, den Umgang mit der erstarkten AfD sowie die drängendsten sozialen und wirtschaftlichen Sorgen der Bevölkerung gesprochen.

Minderheitsregierung in Sachsen: Pragmatismus statt Fraktionszwang
Kretschmer bezeichnet die Minderheitsregierung in Sachsen als eine „echte Herausforderung“, die er jedoch als Ausdruck des Wählerauftrags und nicht als Problem betrachtet. Er sieht darin eine Rückbesinnung auf Prinzipien der Kommunalpolitik, in der es laut ihm keine Koalitionsverträge oder Fraktionszwang gibt und der Fokus auf das Zuhören und die sachliche Auseinandersetzung liege.

Die Regierungsarbeit wird durch einen sogenannten „Konsultationsmechanismus“ gestaltet: Gesetzesvorschläge der Regierung werden allen im Parlament vertretenen Parteien – CDU, SPD, BSW, Linke, Grüne und AfD – vorgelegt, um Mehrheiten zu finden, bevor das eigentliche Gesetzgebungsverfahren beginnt. Kretschmer betont, dass alle gewählten Abgeordneten „die gleichen Rechte und Pflichten“ hätten, nämlich an der Gesetzgebung mitzuwirken und das Beste für das Land zu tun. Als Beispiel für erfolgreiche Konsultationen nannte er den Haushalt, in dem Vorschläge von Grünen und Linken zur Kultur- und Sportförderung sowie zur Feuerwehrunterstützung aufgenommen wurden, auch wenn diese ursprünglich wegen der Haushaltslage gekürzt worden wären. Verhandlungen mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) für eine breitere Mehrheit seien gescheitert, da die BSW eine Regierungsbeteiligung damals nicht gewollt habe.

AfD: „Gesichert rechtsextrem“, aber kein Verbot als Lösung
Ein zentrales Thema war die Alternative für Deutschland (AfD). Kretschmer hob hervor, dass der sächsische Landesverband der AfD im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern vom Landesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird. Dies sei ein Resultat der „konsequenten Art Kampf gegen Rechtsextremismus“ in Sachsen.

Trotz dieser Einstufung spricht sich Kretschmer gegen ein bundesweites AfD-Verbotsverfahren aus. Er argumentiert, dass die juristischen Hürden dafür sehr hoch seien und ein Scheitern des Verfahrens der AfD einen „Persilschein“ ausstellen und sie stärken würde, ähnlich wie es bei der NPD der Fall war. Stattdessen sei der „Wert einer solchen Einstufung“ (als gesichert rechtsextrem) „riesig hoch“, da sie dem „mündigen, bewusst entscheidenden Bürger“ Informationen für seine Wahlentscheidung liefere. Kretschmer zufolge muss man „den Nährboden“ entziehen, auf dem die AfD gedeiht, indem man die eigentlichen Probleme der Menschen löst.

Bezüglich der Rhetorik der AfD, wie der vom Interviewer zitierten Aussage des sächsischen AfD-Chefs, ihn „jagen“ zu wollen, zeigte sich Kretschmer unbeeindruckt und betonte, er lasse sich „nicht treiben lassen, nicht jagen lassen, nicht verrückt machen lassen“. Er forderte die Bürger auf, sich gegen die „Verrohung der Sprache“ zu wehren.

Wirtschaft und Soziales als Mittel zur Problemlösung
Kretschmer ist überzeugt, dass die effektivste Strategie gegen den Populismus darin besteht, die „Probleme aus der Welt [zu] schaffen, die aus Sicht der Bevölkerung die drängendsten Sorgen sind“. Basierend auf Nachwahlbefragungen sieht er die Hauptsorgen der Deutschen in den Bereichen Migration, Energiekosten, der Rolle des Staates und dem Ukraine-Krieg.

• Renten und Pflege: Angesprochen auf niedrige Renten und wachsende Altersarmut verwies Kretschmer auf die Stabilisierung des Rentenniveaus als „extrem teure Maßnahme“ der Bundesregierung. Er räumte ein, dass viele Menschen die Pflegekosten nicht mehr tragen können und in die Sozialhilfe rutschen. Er schlug einen „Zwischenweg“ für die Pflegeversicherung vor, bei dem Geringverdiener Zuschüsse erhalten, um Sozialhilfebezug zu vermeiden, was auch die Kommunen entlasten würde. Dies sei jedoch nur durch ein starkes Wirtschaftswachstum finanzierbar.

• Ungleichheit und Vermögenssteuer: Kretschmer lehnte die Forderung nach einer Vermögenssteuer oder höheren Erbschaftssteuern ab. Er argumentierte, dass dies Investitionen behindere und zur Kapitalflucht führe, da Vermögen bereits versteuert worden sei. Sein Fokus liegt darauf, Deutschland zu einem attraktiven Investitionsstandort zu machen, um so Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu generieren und damit letztlich auch soziale Leistungen finanzieren zu können.

• Wohnungsbau und Mieten: Die hohen Mietkosten und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum seien hauptsächlich auf „überzogene Standards“ und staatliche Vorgaben im Wohnungsbau zurückzuführen, die das Bauen zu teuer machten. Kretschmer forderte eine Reduzierung dieser Standards, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

• Mindestlohn: Kretschmer bekräftigte seine grundsätzliche Kritik am Mindestlohn in seiner aktuellen Höhe. Er argumentierte, dass er Arbeitsplätze vernichte und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands schwäche, indem er beispielsweise die heimische Erdbeerproduktion gegenüber günstigeren Importen unrentabel mache. Er behauptete, dass „alles, was unter der Produktivität ist, … in diesem Land nicht mehr stattfinden“ werde.

Energie, Verteidigung und Ukraine: Kretschmers Visionen
Beim Ausbau der Windkraft in Sachsen beklagte Kretschmer den Widerstand der Anwohner, der darauf zurückzuführen sei, dass diese nicht ausreichend beteiligt würden. Er sprach sich dafür aus, die unmittelbar Betroffenen an den Erträgen der Windräder zu beteiligen.
Hinsichtlich der Verteidigungsausgaben äußerte Kretschmer Skepsis gegenüber dem 2%-Ziel des BIP. Er plädierte dafür, die militärischen Fähigkeiten der europäischen Mitgliedstaaten „stärker [zu] bündeln“, um mit „deutlich niedrigeren“ Ausgaben auszukommen. Die Europäische Union sei die „Lebensversicherung“ Deutschlands und müsse ihre Kraft im Verteidigungsbereich besser nutzen.

Zum Ukraine-Krieg bekräftigte Kretschmer die Notwendigkeit der Hilfe für die Ukraine angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffs. Gleichzeitig betonte er, dass eine diplomatische Lösung notwendig sei, da der militärische Weg allein nicht zum Erfolg führen werde. Er sprach sich dafür aus, auch wieder mit Russland und Präsident Putin ins Gespräch zu kommen, was er selbst zuletzt 2021 getan habe. Er wies die Behauptung, russische Narrative zu verbreiten, entschieden zurück.

Schließlich bewertete Kretschmer das neue Cannabisgesetz als einen „großen Fehler“, der die „Büchse der Pandora“ geöffnet habe. Er ist überzeugt, dass das Gesetz nicht mehr rückgängig zu machen sei und zu einer „wesentlich höheren Anteil von Menschen“ mit psychischen Erkrankungen und Suchtproblemen führen werde.

Die erstaunliche Verwandlung des Senftenberger Sees

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Senftenberg, Lausitz. Er ist der Tourismusmagnet zwischen Sachsen und Berlin, die „Mutter der Seen“ im Lausitzer Seenland und ein Vorreiter, von dem sich andere Regionen die Entwicklung abschauen können. Doch wer heute am stolzen Stadthafen von Senftenberg flaniert oder die schiffbare Verbindung zum Geierswalder See nutzt, mag kaum glauben, dass dieser Ort vor nur wenigen Jahrzehnten noch vom Braunkohlebergbau geprägt war. Die Geschichte des Senftenberger Sees ist eine bemerkenswerte Erzählung von Wandel, Weitsicht und dem unermüdlichen Willen, aus einer zerstörten Landschaft ein Paradies zu schaffen.

Die Geburt einer Vision: Von der Grube zum Gewässer
Mitte der 1960er Jahre bestimmten im Lausitzer Revier noch Förderbrücken und Absetzer das Bild. Seit 1940 wurde im Tagebau Niemt Braunkohle gefördert, ein Kapitel, das Energie für das Land und Arbeitsplätze sicherte, auf der anderen Seite aber auch Umweltschäden verursachte. Am 15. Mai 1966 verließ der letzte Kohlezug die Grube, und die Förderbrücke wurde gesprengt – ein emotionaler Moment für die Bergleute.
Die Idee, den Tagebau in einen See zu verwandeln, war jedoch schon früh geboren worden. Fachleute erkannten, dass es zu wenig Abraum gab, um die gewaltigen Krater wieder zu füllen. Bereits 1958 erhielt der Architekt des Lausitzer Seenlandes, Otto Rind, den Auftrag, die Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz zu planen. Seine Vision einer geschlossenen Seenlandschaft, die den Senftenberger, Geierswalder, Partwitzer und Sedlitzer See umfassen sollte, stieß anfänglich auf Unglauben bei den Bergleuten. Doch die Festlegung des Rates des Bezirkes in den 60er Jahren, den See auszubauen, weil Lauchhammer und Senftenberg nicht ausreichend mit Naherholungsgebieten ausgestattet waren, ebnete den Weg.

Ein Prestigeobjekt der DDR: Die „Badewanne der Sachsen“
Die ersten Arbeiten für den neuen See erledigten die Bergleute der Grube Niemt noch selbst, indem sie mit einem Abraumbagger den künftigen Badestrand modellierten. Nur anderthalb Jahre nach dem Ende des Bergbaus begann die Flutung am 15. November 1967 um 10 Uhr. Der Senftenberger See entwickelte sich schnell zu einem Prestigeobjekt der damaligen DDR-Führung, die der Welt zeigen wollte, wie man mit Tagebaurestlöchern umgeht – sowohl in Bezug auf den Ausbau als auch die Geschwindigkeit der Realisierung.

Am 1. Juni 1973 wurde das Naherholungsgebiet Senftenberger See am Großkoschener Strand feierlich eröffnet, ein Jahr später folgte die Strandanlage in Peickwitz. Hans-Jürgen Lukas, ein Hobbyhistoriker aus Großkoschen, erinnert sich an ein „Volksfest“ mit vielen Menschen, die glücklich und zufrieden waren. Der Senftenberger See wurde zu einer wichtigen touristischen Adresse in der DDR, besonders für die Menschen aus Sachsen, die ihn liebevoll die „Badewanne der Sachsen“ nannten und das Gefühl der Ostsee mitten in der Lausitz schätzten. Das Kinderferienlager und der Freizeitpark Großkoschen waren stark frequentiert, und das Jahr 1982 war ein Rekordjahr mit 2,3 Millionen Besuchern.

Herausforderungen und Neuanfang nach 1989
Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 änderte sich die Situation schlagartig. Plötzlich standen den Menschen im Osten völlig neue Reiseziele zur Verfügung, und der Senftenberger See verlor seine Anziehungskraft. Die Besucherzahlen sanken dramatisch, da das bisherige Angebot nicht mehr ausreichend war, um mit renommierten Tourismusregionen im Westen zu konkurrieren.

Um dieser Situation zu begegnen, wurde 1991 die Erholungsgebiet Senftenberger See GmbH gegründet. Das Unternehmen sah sich mit erheblichen Mängeln in der Infrastruktur und Bausubstanz konfrontiert – der „Erblast der DDR“. Doch die neuen Tourismusmanager orientierten sich konsequent an den Erfordernissen des Tourismusmarktes. Ein Familienpark, ein Campingplatz, ein Wassersportzentrum und ein hervorragendes Radwegenetz wurden zu Säulen des Erfolgsrezepts. Höhepunkte dieser Entwicklung waren die Einweihung des Amphitheaters in Großkoschen im Jahr 2001 und insbesondere die Eröffnung des Stadthafens am 23. April 2013.

Die Zukunft ist vernetzt: Das Lausitzer Seenland wächst zusammen
Das Jahr 2013 markierte einen weiteren Meilenstein: Am 1. Juni wurde die erste Schleusung durch den Koschener Kanal vollzogen. Diese schiffbare Wasserstraße, die von 2007 bis 2013 gebaut wurde, verbindet den Senftenberger See mit dem Geierswalder See und ist ein symbolischer Start für den Verbund von zukünftig zehn Seen im länderübergreifenden Seenland. Es war ein besonderes Ereignis, da erstmals ein zweiter See angebunden und Ländergrenzen zwischen Brandenburg und Sachsen überwunden wurden.

Heute empfängt der Senftenberger See jährlich über 60.000 Urlauber in seinen Anlagen. Die Region erlebt eine „leichte Goldgräberstimmung“, da viele investieren und sehen, dass hier etwas passiert. Der Strukturwandel wird sichtbar durch den Bau des Stadthafens und des Kanals. Die Verantwortlichen stecken voller neuer Ideen und bauen weiter an diesem „Jahrhundertprojekt“, das nicht nur für Touristen, sondern auch für die Einheimischen eine hohe Lebensqualität zurückbringt. Der Senftenberger See ist eine wahre Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie aus einer einst durch den Bergbau gezeichneten Landschaft ein blühendes Urlaubsparadies werden konnte.

Die Liebe in Kuba zu den ostdeutschen MZ-Motorrädern

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Santiago de Cuba, die zweitgrößte Stadt der Insel mit rund einer halben Million Einwohnern, ist das Herzland der MZ-Motorräder aus der ehemaligen DDR. Über 10.000 dieser Maschinen sollen hier noch fahren, was mehr als die Hälfte aller zugelassenen Motorräder in der Stadt ausmacht. Diese hohe Dichte an MZ-Motorrädern im Verhältnis zur Bevölkerung macht Kuba weltweit einzigartig und zu einem wahren „lebendigen Museum für Made in Zschopau“.

Ein Erbe der DDR-Gastarbeiter Viele Tausend Kubaner waren in den 1980er Jahren Gastarbeiter in der DDR. Sie nutzten die seltene Gelegenheit, sich dort eine MZ zu kaufen und brachten diese wertvollen Maschinen mit zurück auf die Insel. Damals kostete eine MZ beispielsweise 4.150 DDR Mark. Heute kann ein solcher Oldtimer in Kuba bis zu 10.000 US-Dollar wert sein. Eine der Hauptgründe für den Kauf war die Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen und die Erlaubnis der Botschaft, der Chefs und der Regierung, Motorräder während des Studiums oder der Arbeit in der DDR zu importieren. Die MZ galt als eines der Exportschlager der DDR und wurde in über 100 Länder verkauft. Besonders beliebt waren die Modelle MZ 175 und 250 Kubikzentimeter aus Zschopau, bekannt für ihre Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit.

Meister der Improvisation und Pflege Die MZ-Motorräder in Kuba sind nicht nur Transportmittel, sondern Kultobjekte, die liebevoll gepflegt werden. Da die MZ-Fabrik in der ehemaligen DDR nach ihrer endgültigen Insolvenz 1991 geschlossen wurde, sind Ersatzteile extrem selten. Kubaner sind daher Weltmeister im Improvisieren: Sie behelfen sich mit Nachbauten, nutzen gebrauchte Teile von anderen Motorradmarken, die angepasst werden müssen, oder recyceln alles, was sie finden können, selbst Teile aus stillgelegten Bussen. Dieses Wirtschafts-Embargo der USA zwingt die Menschen zu Kreativität.

Die Reparatur und Wartung der MZ erfolgt oft in improvisierten Motorradwerkstätten, die sich häufig in Wohnhäusern befinden und auf bestimmte Bereiche wie Stoßdämpfer, Vergaser oder Elektrik spezialisiert sind. Umelio beispielsweise kümmert sich ausschließlich um Motoren der MZ ETZ 250, da er diese Marke für besonders robust hält: „Dieses Modell kennt kein Limit, solange man dieses Motorrad gut behandelt, gibt es für jedes Problem eine Lösung“.

Die Robustheit und einfache Bauweise der MZ machen sie ideal für die oft schlechten Straßen Kubas mit vielen Schlaglöchern. Vieles kann selbst repariert werden, und die Pflege ist einfach. Die wöchentliche Kettenwartung beispielsweise trägt zur Langlebigkeit bei, was auf Kuba entscheidend ist, da Haltbarkeit das Wichtigste ist.

Die MZ im kubanischen Alltag In Kuba ist Benzin knapp, es gibt nur wenige Autos, und der öffentliche Nahverkehr besteht hauptsächlich aus Motorrädern. Die MZ wird für alles genutzt: als Transportmittel im Alltag, für Taxifahrten (Santiago ist die einzige Stadt mit offiziellen Taxi-Lizenzen für Motorräder), für Familienausflüge oder um Freunde zu besuchen. Sie ist ein schnelles Fahrzeug, das gut vorankommt, wenig Benzin verbraucht und nicht zu groß ist. Die Kubaner fahren wann immer sie können mit ihrer MZ zum Strand, um dort das Wochenende zu verbringen oder Geburtstage zu feiern.

Die MZ ist so tief in der kubanischen Kultur verwurzelt, dass die Kubaner ihre Motorräder liebevoll „motosykletter Allemann“ nennen – deutsches Motorrad. Die Maschinen sind nicht nur praktisch, sondern auch ein Statussymbol: „Das ist der Motorrad und das wertvollste Pferd, das sind diese hier und die Mädchen, die Mädchen stehen voll drauf“.

Trotz täglicher Herausforderungen wie Stromausfällen, die Reparaturen verzögern können, oder der Knappheit von Materialien, stirbt die Hoffnung auf Kuba zuletzt. Die MZ-Motorräder sind ein lebendiger Beweis für die Ingenieurskunst der DDR und die erfinderische Anpassungsfähigkeit der Kubaner, die diese Kultmaschinen über 30 Jahre am Laufen halten.

Das stille Verschwinden der Stadt Suhl

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Mitten in Deutschland, am südwestlichen Rand des Thüringer Waldes, liegt ein Stadtteil, der fast so groß wie eine Kleinstadt ist und doch kurz davorsteht, komplett zu verschwinden. Suhl-Nord, einst für 14.000 Menschen gebaut, ist heute ein Sinnbild für Verfall und Vergessen. Es ist eine Geschichte von Aufstieg, Fall und der Suche nach einer neuen Identität.

Ein Traum aus Beton: Die Geburt von Suhl-Nord Ende der 1970er Jahre erlebte die DDR einen Baurausch. Suhl wuchs rasant, Betriebe brummten, und der Wohnraummangel drängte nach einer schnellen Lösung. Auf dem Ziegenberg, einem kahlen Hügel nördlich des Stadtzentrums, entstand Suhl-Nord – ein komplett neuer Stadtteil, geplant am Reißbrett und gegossen in Beton. Die Vision war klar: funktionale, schnell gebaute, kostengünstige und dennoch komfortable Wohnungen für Tausende Menschen. Der Baustoff der Stunde waren Platten, ermöglicht durch das System WBS70 (Wohnungsbauserie 1970).

In nur zehn Jahren entstanden über 5.600 Wohnungen in Hochhäusern mit fünf, sechs oder elf Stockwerken. Obwohl die Fassaden grau waren, boten die Wohnungen für viele Familien einen Quantensprung: zwei oder drei Zimmer mit Balkon, Einbauküche, Warmwasser aus der Wand und Zentralheizung. Dazu kamen breite Gehwege, große Innenhöfe und Spielplätze. Suhl-Nord sollte ein sozialistisches Ideal verwirklichen, ein Ort, an dem man das Viertel kaum verlassen musste. Kindergärten, Schulen, ein Ärztehaus und eine zentrale Kaufhalle – das Herz der Nahversorgung – alles war darauf ausgelegt, den Alltag zu vereinfachen.

Mitte der 80er-Jahre brummte das Viertel. Knapp 14.000 Menschen lebten auf dem Ziegenberg. Es war dicht, lebendig und energiegeladen. Die Häuser waren voll, die Innenhöfe belebt, Spielplätze waren Zentren der Nachbarschaft und die Bänke Treffpunkte für Rentner. Für viele war Suhl-Nord nicht einfach nur Wohnraum, es war Heimat.

Der Bruch von 1989 und die schleichende Leere Doch jede Utopie hat ihr Verfallsdatum. Während in Suhl-Nord noch gekocht und gelacht wurde, schlichen sich Gerüchte von Veränderungen ein. Das Jahr 1989 brachte die Wende, die Mauer fiel – Jubel, Aufbruch, Hoffnung, aber auch Unsicherheit. Was für viele ein Tor zur Freiheit war, bedeutete für Stadtteile wie Suhl-Nord den Beginn eines langsamen, schleichenden Verschwindens.

Die Betriebe, auf denen Suhl gebaut war – Rüstungsfirmen, Maschinenbau, Zulieferwerke – wurden abgewickelt. Was eben noch als systemrelevant galt, hatte plötzlich keinen Platz mehr in der neuen Ordnung. Der Arbeitsmarkt der Bundesrepublik war kein Ort für die einstigen Kombinate. Die Menschen reagierten: Wer jung, mobil und hoffnungsvoll war, zog in den Westen. Wohnungen wurden frei, erst eine, dann zwei, dann ein ganzes Stockwerk. Leerstand begann, nicht nur als technischer Begriff, sondern als spürbare Realität: Türen, die nicht mehr zufallen, Flure, die hallen, und klingeln, die niemand mehr hört.

Ein kurzes Aufatmen und das unaufhaltsame Schrumpfen Für einen kurzen Moment schien die Geschichte noch einmal abbiegen zu wollen. Anfang der 90er-Jahre tauchten neue Namen auf: Krone Verbrauchermarkt, Cardimarkt, westliche Händler witterten Chancen. 1994 wurde das Rennsteigkarree, ein Einkaufszentrum, gebaut, und 1996 eröffnete sogar ein Family Center mit Aldi. Die Menschen hatten wieder einen Ort zum Einkaufen, zum Verweilen, zum Alltag.

Doch es war zu spät. Die Abwanderung war schneller als jedes Bauprojekt. Die neue Infrastruktur wirkte wie eine Filmkulisse – sauber, modern, aber merkwürdig leer. Geschäfte und Straßen füllten sich nicht. Das Viertel, einst so durchdacht, hatte plötzlich zu viele Wege, die ins Nichts führten.

Der „Rückbau“: Wenn Heimat dem Bagger weicht Die Antwort auf einen Stadtteil, der zu groß für seine Gegenwart geworden war, war brutal, aber konsequent: Man begann, ihn zu verkleinern, zu löschen. Der Rückbau begann nicht mit Presslufthammer, sondern mit Stille. Im Jahr 2001 zog die Stadt Suhl die Reißleine. 5.600 Wohnungen, aber kaum noch Menschen, die darin wohnen wollten. Der Beschluss: Rückbau.

Dieser Prozess ist tiefgreifend, denn es geht nicht nur um Steine, sondern um Schicksale, Lebensgeschichten und Erinnerungen. Block für Block wird entkernt: Erst verschwinden die Bewohner, dann die Fenster, dann das Dach, bis nur noch ein Gerippe steht. Doch der Abriss verläuft nicht reibungslos. Geldmangel und Bürokratie verzögern die Fördermittel, sodass auf dem Papier Stehendes oft nicht zur Praxis passt. Manche Häuser stehen jahrelang leer, wie eingefrorene Ruinen, weder lebendig noch tot. Die Schneekopfstraße 30 bis 36 ist ein Beispiel dafür, wo Blöcke viel zu lange dem Verfall überlassen blieben und nur noch von der Feuerwehr als Trainingsgelände genutzt werden. Der letzte Supermarkt im Family Center, ein Aldi, schloss bereits 2016. Suhl-Nord wird kleiner, aber nicht schnell, sondern zäh, verworren, unvollständig.

Die letzten Ausharrenden: Leben im Schatten des Abrisses In diesem Zwischenraum aus Vergangenheit und Abriss leben immer noch Menschen. Keine Tausende mehr, nicht einmal Hunderte pro Straße, aber einige wenige. Manche, weil sie nicht gehen konnten, andere, weil sie nicht wollten. Wer heute in Suhl-Nord lebt, lebt in einer Welt zwischen Beton und Erinnerung. Die Wohnung mag noch dieselbe sein, aber das Viertel ist ein anderes. Wo früher jemand Ball spielte, liegt heute Moos auf dem Asphalt. Wo man früher Nachbar war, ist man heute allein.

Für viele dieser letzten Bewohner ist weggehen keine Option. Sie haben hier geheiratet, Kinder großgezogen, Abschiede erlebt. Die Tapete im Wohnzimmer ist nicht einfach nur Wand, sie ist Geschichte. Doch der Alltag ist härter geworden. Der Bus fährt seltener, Arzttermine sind mit Taxi oder langen Fußwegen verbunden. Die Stadt bietet Ersatzwohnungen an, schöner, zentraler, vielleicht sogar günstiger. Aber ein Umzug ist ein Schnitt, und viele sagen: „Ich habe mein ganzes Leben in diesem Viertel verbracht, ich will auch hier bleiben“. Diese Entscheidung verdient Respekt, denn sie ist nicht bequem; es ist ein Leben im Schatten des Abrisses, ein Alltag mit bröckelndem Treppenhaus, aber festem Willen.

Ein Blick nach vorn: Gewerbe statt Wohnblocks Suhl-Nord soll bis auf wenige Ausnahmen – vielleicht ein Ärztehaus, das alte Einkaufszentrum – komplett verschwinden. Beton wird zu Staub, Geschichte zu Fläche. Doch auf dem Gelände, wo einst Wohnungen standen, soll etwas Neues wachsen: Ein Gewerbe- und Forschungsgebiet. Geplant sind rund 50 Hektar für Zukunftsthemen wie Holzbau, nachhaltige Werkstoffe und Forsttechnologie. Ziel ist es, einen Hotspot für klimafreundliche Materialien zu schaffen. Die Fachhochschule Erfurt, die LG Thüringen und die Stadt Suhl sind mit an Bord und wünschen sich ein anderes Ende für das Kapitel Suhl-Nord.

Auch an die Wege wird gedacht: Fahrradachsen sollen das neue Areal durchziehen, ein Steg könnte es mit dem Flugplatz Suhl-Goldlauter verbinden. Die Kanalisation bleibt, Glasfaser wird verlegt – die Infrastruktur ist bereits vorhanden und muss nur neu angeschlossen werden. Doch die Umsetzung ist eine andere Sache als der Plan: Fördermittel verzögern sich, Genehmigungen auch, und einige Blöcke, die längst weg sein sollten, stehen immer noch wie Mahnmale aus grauem Guss.

Suhl-Nord im Kontext: Ein stilles Drama in Ostdeutschland Suhl-Nord ist kein Unfall und kein Einzelfall. Es ist Teil eines größeren Musters, eines stillen Dramas, das sich seit über 30 Jahren durch viele ostdeutsche Städte zieht. Ganze Viertel, einst stolz geplant und dicht bewohnt, gerieten ins Rutschen. Nach der Wende brach das System weg, für das diese Stadtteile gebaut wurden. Fabriken schlossen, Kombinate wurden abgewickelt, die Perspektive löste sich auf. Wer konnte, zog weg. Die, die blieben, blieben oft allein zurück – zu groß waren die Wohnungen, zu leer die Straßen, zu wenig Hoffnung im Fundament.

Halle-Neustadt, Hoyerswerda, Leipzig-Grünau, Gera-Lusan – sie alle erzählen ähnliche Geschichten. Hoyerswerda verlor die Hälfte seiner Einwohner, Halle-Neustadt schrumpfte von 90.000 auf unter 50.000. Dies ist keine Zufälligkeit, sondern die Folge von Transformation ohne Netz, von zu großen Plänen und einer Politik, die lange dachte, die Zeit würde es schon richten. Wenn Städte schrumpfen, braucht es Strategien, klare, mutige Entscheidungen. Stattdessen wurden vielerorts einfach Fenster zugemauert, in der Hoffnung, dass niemand fragt, warum es so still ist.

Fragen an die Zukunft Ist Rückbau wirklich die einzige Lösung? Oder fehlt uns nur die Fantasie für das Danach? Vielleicht geht es nicht darum, alles zu erhalten, aber auch nicht darum, alles zu löschen. Vielleicht geht es darum, mit Verantwortung abzubauen, Orte zu würdigen, die Geschichte tragen, und Menschen, die darin gelebt haben.

Suhl-Nord gibt keine einfachen Antworten, aber es stellt gute Fragen. Es geht darum, wie wir mit Veränderung umgehen und wie viel Vergangenheit wir uns für die Zukunft leisten wollen. Suhl-Nord, einst ein Symbol sozialistischer Wohnkultur, wird zu einem Testfeld für eine neue Ära – ein Ort, an dem die Geschichte des Verschwindens auf die Hoffnung eines Neuanfangs trifft.

Feldheim: Das Dorf, das die Energiewende lebt und die Welt inspiriert

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Feldheim, ein scheinbar gewöhnliches Dorf in Brandenburg, ist weit mehr als das – es ist ein Leuchtturmprojekt der Energiewende, das schon vor über zehn Jahren realisiert wurde und bis heute funktioniert. Was hier geschah, ist keine ferne Utopie mehr, sondern gelebte Realität, in der sich Bürger, Kommune und lokale Unternehmen zusammengeschlossen haben, um ihre eigene Energieversorgung aufzubauen.

Die Anfänge: Windkraft als Keimzelle einer Vision Die Geschichte begann im Herbst 1993, kurz nach der Wende, als der damals noch fast studentische Michael Raschemann von Energiequelle in einer Gemeindevertretersitzung seine Idee vorstellte: Windenergieanlagen in Feldheim zu bauen. Die Stimmung im Dorf war frustrierend, es fehlten die Mittel, um den Ort zu verbessern. Doch die Feldheimer erkannten eine Chance. Trotz anfänglicher Skepsis und der Diskussion über Vor- und Nachteile gab man Raschemann die Möglichkeit, die ersten Windräder aufzustellen, auch weil sie über 1000 Meter vom Ort entfernt lagen. Dies war der Beginn einer über 20-jährigen Zusammenarbeit, die auf Zeit und Vertrauen basierte. Man schlug politisch und wirtschaftlich den richtigen Weg ein, ohne es damals richtig zu wissen.

Vom Wind zur Vollversorgung: Ein intelligentes Netz entsteht Der Startschuss fiel mit der Windkraft. Doch die Vision reichte weiter. Als die lokale Landwirtschaft vor Schwierigkeiten stand, entstand die Idee, in Biogas zu investieren. Ursprünglich sollte damit eine Sauenanlage mit Wärme versorgt werden, da die Ölkosten zu hoch waren. In enger Abstimmung mit der Agrargenossenschaft wurde eine Biogasanlage gebaut. Bald darauf fragten Anwohner nach einem Wärmeanschluss, was dazu führte, dass ein umfassendes Wärmenetz für das gesamte Dorf realisiert wurde – gleichzeitig mit der Verlegung von Stromleitungen.

Heute verfügt Feldheim über ein eigenes Strom- und Wärmenetz. Die Energieversorgung ist intelligent und robust aufgestellt:

• Windkraft ist die primäre Quelle.

• Solaranlagen ergänzen das Portfolio.

• Die Biogasanlage speist bei Windstille oder Wartungsarbeiten im Windpark Strom ins Netz ein, ist aber aufgrund höherer Kosten nur dann aktiv. Sie dient auch als Hauptenergiequelle für die Wärmeversorgung.

• Ein Stromspeicher (seit 2015) sorgt für zusätzliche Versorgungssicherheit bei unzureichendem Wind oder kann Feldheim bei einem Netzausfall für eine gewisse Zeit versorgen.

• Für die Wärmeversorgung ergänzen eine Hackschnitzelheizung und ein Power-to-Heat-System (Booster) die Biogasanlage. Dies sichert die Versorgung auch bei dauerhafter Kälte oder Ausfall der Biogasanlage und ermöglicht die Umwandlung von Windstrom in Wärme.

Dieses Zusammenspiel verschiedener Energiequellen gewährleistet eine hohe Versorgungssicherheit. Seit 2009 hatte Feldheim keinen einzigen Tag ohne Wärmeversorgung. Das Dorf kann sich weitgehend selbst versorgen, ohne fossile Energien nutzen zu müssen.

Bürgerbeteiligung als Erfolgsmodell Ein zentraler Pfeiler des Erfolgs ist die intensive Bürgerbeteiligung und das geschaffene Vertrauen. Die Feldheimer wurden von Anfang an mitgenommen. Die „Feldheim Energie“ ist eine Gesellschaft, die wie ein Gemeindewerk funktioniert. Die Bewohner sind sowohl Kunden als auch Miteigentümer und können die Entscheidungen beeinflussen. Dieses Modell ermöglicht es den Bürgern, direkt von den niedrigen Preisen und der Versorgungssicherheit zu profitieren.

Die Windmühlen um Feldheim produzieren jährlich etwa 200 Millionen Kilowattstunden, wovon das Dorf nur 0,5 Prozent benötigt. Die Wärmekilowattstunde wurde mit 7,5 Cent kalkuliert, während der Strompreis über 10 Cent günstiger angeboten und für 10 Jahre festgeschrieben werden konnte. Dies sichert nicht nur die Zukunft, sondern macht das Leben bezahlbar.

Nachhaltige Entwicklung und internationale Aufmerksamkeit Die Vorteile der Energiewende in Feldheim gehen weit über die Energieversorgung hinaus. Im Jahr 2016 wurde eine eigene Stiftung ins Leben gerufen, um Gelder aus den Energieprojekten legal und nachhaltig der Gemeinde zukommen zu lassen, insbesondere den Vereinen und Strukturen, die das gesellschaftliche Leben prägen. Dadurch wurden Infrastrukturprojekte wie neue Straßenbeleuchtung, Gehwegbau, Unterstützung für Vereine, eine Umgehungsstraße, Fenster im Dorfgemeinschaftshaus und ein beleuchteter Fußballplatz realisiert. Dies hat dazu geführt, dass junge Leute wieder ins Dorf ziehen und das Dorfleben aufblüht.

Feldheim ist zu einem internationalen Vorbild geworden. Das Interesse ist ungebrochen; vor Corona besuchten bis zu 3.000 Menschen jährlich aus aller Welt das Dorf, darunter Präsidenten und Regierungsvertreter. Selbst die Frau des ehemaligen japanischen Premierministers Abe besuchte Feldheim, um die Energiewende kennenzulernen, und ein japanischer Schauspieler turnte in der Maissilage, um die Ungefährlichkeit erneuerbarer Energien zu demonstrieren.

Eine Botschaft für Deutschland und die Welt Feldheim zeigt, dass die Energiewende machbar ist, wenn man das Machbare als Ziel setzt und gemeinsam mit den Menschen vor Ort arbeitet, anstatt mit der Brechstange vorzugehen. Es ist ein Beweis dafür, dass Akzeptanz für große Energieprojekte entsteht, wenn die lokale Bevölkerung über unterschiedliche Beteiligungsmöglichkeiten am Erfolg teilhaben kann.

Die hier produzierten großen Energiemengen werden in Ballungsräumen, Gewerbe und Industrie benötigt. Deutschland, einst Exportweltmeister bei Automobilen, hat die Chance, das Thema Energie zu einem neuen Exportschlager zu machen. Feldheim gibt Politikern Rückenwind, sich den schwierigen Diskussionen zu stellen und zu zeigen: „Lasst uns doch mal Feldheim besuchen.“

Feldheim ist stolz auf das Erreichte und blickt optimistisch in die Zukunft. Es ist der Beweis, dass man die Herausforderungen der Energiewende meistern und die Technologien erfolgreich umsetzen kann, indem man informiert, aufklärt und die Bevölkerung einbezieht, anstatt über deren Köpfe hinweg zu bauen. Für die Bewohner von Feldheim ist es die eigene Zukunft.