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Zartes Handwerk aus Burgau: Weißes Gold für Jena

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November 1900 – Burgau bei Jena

Ein heller Arbeitssaal, große Fenster, lange Holztische. Auf den Drehscheiben formen geübte Hände aus weichem Ton dünnwandige Tassen und Teller. Es klirrt leise, wenn fertige Stücke vorsichtig abgestellt werden. In der Luft liegt der trockene, pudrige Geruch von Kaolin und gebranntem Ton. Frauen sitzen dicht nebeneinander und bemalen mit ruhiger Hand filigrane Ornamente. Jeder Pinselstrich muss sitzen.

Am 29. November 1900 wird in Jena ein neues Unternehmen offiziell ins Handelsregister eingetragen: die „Porzellan-Manufaktur Burgau a. S. Ferdinand Selle“. In Burgau, damals noch ein Ort vor den Toren der Stadt, entsteht damit ein Industriebetrieb, der eine neue wirtschaftliche Richtung ergänzt. Während Jena bereits durch die optische Industrie geprägt ist, wächst hier eine andere Form der Produktion heran – die Herstellung von feinem Gebrauchsporzellan.

Das Material gilt seit Jahrhunderten als „weißes Gold“. Seine Herstellung verlangt Erfahrung, Geduld und präzise Handarbeit. In Burgau entstehen Teller, Tassen, Kannen und Schalen, häufig gestaltet im Stil des Jugendstils, der um 1900 die Formensprache vieler Alltagsgegenstände beeinflusst. Geschwungene Linien, florale Muster und dezente Dekore prägen das Erscheinungsbild der Stücke.

Die Arbeit in der Manufaktur ist sorgfältig organisiert. Einige Arbeiter formen den Rohling, andere glasieren die Stücke oder überwachen die Brennöfen. Besonders präzise ist die Arbeit der Porzellanmalerinnen. Mit feinen Pinseln tragen sie Ornamente auf, die dem Geschirr seinen charakteristischen Ausdruck verleihen. Viele von ihnen sind stolz darauf, Teil dieser Herstellung zu sein, deren Produkte bald über Thüringen hinaus gehandelt werden.

Die Burgauer Porzellanproduktion steht beispielhaft für die industrielle Entwicklung der Region um 1900. Neben wissenschaftlichen und technischen Innovationen entstehen auch Betriebe, in denen traditionelles Handwerk und industrielle Fertigung miteinander verbunden werden.

Manche dieser Stücke haben Jahrzehnte überdauert. In vielen Haushalten werden sie bis heute aufbewahrt – als Gebrauchsgegenstand, Erinnerungsstück oder stiller Zeuge einer Zeit, in der in Burgau aus Ton feines Porzellan entstand.

Vorhang auf für die Träume: Das neue Jenaer Stadttheater

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1900 (Oktober) – Engelplatz, Jena

Das schwere Rascheln von weichem Samt und das gespannte Murmeln des elegant gekleideten Publikums erfüllten den Saal. Damen in langen Kleidern und Herren im dunklen Gehrock rückten ihre Plätze zurecht, während aus dem Orchestergraben leise Instrumente gestimmt wurden. In der Luft lag der süßliche Duft von Schminkpuder, Parfüm und dem warmen Gaslicht der Kronleuchter. Alles schien an diesem Abend ein wenig feierlicher als sonst – als wüsste jeder im Raum, dass gerade ein neues Kapitel der Stadtgeschichte begann.

Der 14. Oktober 1900 war für Jena ein besonderer Tag. Das bisher privat geführte „Köhlersche Theater“ war in den Besitz der Stadt übergegangen und öffnete nun als „Jenaer Stadttheater“ seine Türen. Damit erhielt die Universitätsstadt erstmals ein Haus, das offiziell der städtischen Kultur gewidmet war. Für viele Bürger bedeutete das weit mehr als nur eine organisatorische Veränderung. Es war ein Zeichen dafür, dass Jena wuchs – wirtschaftlich, geistig und kulturell.

Schon lange vor Beginn der Vorstellung drängten sich die Menschen am Engelplatz. Droschken rollten über das Pflaster, Laternen warfen warmes Licht auf die Fassaden, und vor dem Eingang bildeten sich kleine Gruppen, die lebhaft über Schauspieler, Stücke und Erwartungen sprachen. Man hatte den besten Anzug aus dem Schrank geholt, Hüte geschniegelt und Handschuhe angelegt. Ein Theaterabend war nicht nur Unterhaltung – er war gesellschaftliches Ereignis.

Im Saal selbst lag eine gespannte Vorfreude. Als schließlich das Licht gedimmt wurde und der schwere Vorhang sich langsam hob, verstummte jedes Gespräch. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Dann begann das Spiel auf der Bühne – und mit ihm eine Reise in andere Welten. Dramen, Komödien und musikalische Aufführungen sollten in den kommenden Jahren Generationen von Jenaern begleiten.

Mit der Eröffnung des Stadttheaters bekam die Stadt ein kulturelles Zentrum, einen Ort der Fantasie und der Begegnung. Hier wurde gelacht, mitgefiebert und manchmal auch nachdenklich geschwiegen. Das Theater wurde zum Spiegel der Zeit – und zugleich zu einem Raum, in dem sich die Bürger für ein paar Stunden aus dem Alltag lösen konnten.

Herbstmarkt vor dem Jenaer Rathaus: Wenn der „Schnapphans“ über das Markttreiben wacht

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September 1900 – Historischer Marktplatz, Jena

Es ist ein klarer Herbstmorgen in Jena. Über das Kopfsteinpflaster des Marktplatzes rollen schwere Holzkarren, deren Räder im gleichmäßigen Rhythmus knarren. Pferde schnauben vor den Wagen, während Bauern aus den umliegenden Dörfern ihre Körbe und Säcke abladen. In der Luft liegt der Duft von frisch geernteten Äpfeln, Kohlköpfen, Wurzelgemüse und noch warmem Brot. Händler preisen lautstark ihre Waren an, Käufer bleiben stehen, prüfen die Früchte der Ernte und beginnen zu handeln.

Der Markt vor dem historischen Rathaus bildet um die Jahrhundertwende einen der lebendigsten Orte der Stadt. Hier begegnen sich Bauern, Handwerker, Händler und Bürger. Frauen mit Einkaufskörben vergleichen Preise, Kinder laufen neugierig zwischen den Ständen hindurch, und immer wieder bleiben Menschen stehen, um Neuigkeiten auszutauschen. Der Wochenmarkt ist nicht nur ein Ort des Handels, sondern auch ein Treffpunkt für Gespräche, Begegnungen und kurze Pausen im Alltag.

Die landwirtschaftlichen Produkte stammen überwiegend aus den Dörfern rund um Jena. Besonders im Herbst sind die Stände reich gefüllt: Äpfel aus den Obstgärten, Kohl und Rüben von den Feldern, frische Eier, Butter und Brot. Die Märkte spielen eine wichtige Rolle für die Versorgung der schnell wachsenden Stadtbevölkerung. Viele Familien sind darauf angewiesen, hier frische und erschwingliche Lebensmittel zu kaufen.

Über allem ragt das historische Rathaus mit seinem Turm. Dort oben bewegt sich eine Figur, die für viele Jenenser zu einem vertrauten Symbol geworden ist: der „Schnapphans“. Zur vollen Stunde schnappt die mechanische Figur nach einer goldenen Kugel – ein kleines Schauspiel, das die Aufmerksamkeit der Marktbesucher immer wieder auf sich zieht.

So verbindet sich auf dem Marktplatz Handel mit städtischem Leben. Zwischen Körben voller Gemüse, Pferdefuhrwerken und dem Stimmengewirr der Händler zeigt sich ein Stück Alltagsgeschichte – ein Moment aus einer Zeit, in der Märkte das Herz vieler Städte bildeten und das Leben sich oft genau hier, zwischen den Ständen, abspielte.

Der Wendepunkt 1957: Vom Dialog zum militärischen Drill

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1957 markierte einen drastischen Einschnitt im DDR-Jugendstrafvollzug. Nach Unruhen wurden pädagogische Experimente beendet und durch strenge Disziplinarmaßnahmen ersetzt.

Die späten 1950er Jahre brachten spürbare Veränderungen im gesellschaftlichen Klima der DDR. Nach einer Phase vorsichtiger Experimente in Pädagogik und Erziehung setzte zunehmend eine Atmosphäre der Verhärtung ein. Diese Entwicklung machte auch vor den Mauern der Jugendstrafanstalten nicht halt. Das Jahr 1957 gilt deshalb als ein markanter Wendepunkt im Umgang mit straffällig gewordenen Jugendlichen.

Besonders deutlich zeigte sich dieser Wandel in Einrichtungen wie dem Jugendhaus Dessau. Zuvor hatte man dort versucht, neue pädagogische Wege zu gehen. Die Jugendlichen sollten Verantwortung übernehmen, in begrenztem Umfang ihren Alltag mitorganisieren und durch Gespräche sowie Einsicht zu einer Veränderung ihres Verhaltens gelangen. Der Ansatz orientierte sich teilweise an reformpädagogischen Ideen und an Vorstellungen kollektiver Selbstverwaltung.

Doch diese Phase endete abrupt. Auslöser war unter anderem eine Meuterei im Jugendhaus Ichtershausen. In der Folge wurden zahlreiche als schwer erziehbar eingestufte Jugendliche in andere Einrichtungen verlegt, darunter auch nach Dessau. Mit ihnen änderte sich auch der Umgangston innerhalb der Anstalten. Die Leitung setzte nun verstärkt auf Disziplin, Kontrolle und klare Hierarchien.

„Wir sind kein Jugendhaus Makarenko“, lautete eine der Parolen, mit denen die neue Linie begründet wurde. Statt pädagogischer Experimente prägten nun militärischer Drill, strenge Tagesabläufe und scharfe Reglementierungen den Alltag. Die ursprünglich angedachte Selbstverwaltung verwandelte sich zunehmend in ein System von Funktionshäftlingen, die innerhalb der Gruppen für Ordnung sorgen sollten. Dabei kam es nicht selten zu Spannungen, bei denen stärkere Jugendliche Druck auf schwächere ausübten.

Der Anspruch des Staates, sozialistische Persönlichkeiten zu formen, stand damit in einem spürbaren Spannungsverhältnis zur Realität hinter den Anstaltsmauern. Der Alltag war weniger von pädagogischer Begleitung als von Disziplin und Kontrolle geprägt.

Die Rückschau auf diese Entwicklung zeigt, wie sensibel Erziehungsmodelle auf politische und gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Sie erinnert zugleich daran, dass nachhaltige pädagogische Arbeit Zeit, Vertrauen und Geduld benötigt. Gerade aus den Brüchen und Fehlentwicklungen der Vergangenheit lassen sich wichtige Erkenntnisse für eine menschlichere und verantwortungsvollere Gestaltung von Erziehung und Jugendhilfe gewinnen.

Internationale Züge und Naturverbundenheit – Die Jenzig-Gesellschaft wird geboren!

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Der Wonnemonat Mai des Jahres 1900 präsentierte sich in Jena als eine faszinierende Mischung aus neu gewonnener internationaler Anbindung und einer tiefen, romantischen Rückbesinnung auf die heimatliche Natur. Gleich am 1. Mai erlebte die Infrastruktur der Stadt einen enormen Bedeutungszuwachs: Der Saalbahnhof, idyllisch im Osten der Stadt gelegen, wurde offiziell zum regulären Haltepunkt für die prestigeträchtigen und schnellen Fernzüge auf der Nord-Süd-Magistrale zwischen der Reichshauptstadt Berlin und der bayerischen Metropole München (mit direkter Weiterführung bis nach Rom) erhoben.

Jena war nun endgültig an das Herz des europäischen Eisenbahnnetzes angeschlossen, was den Handel der optischen Instrumente massiv beschleunigte und den Zuzug von Gelehrten sowie Touristen signifikant erleichterte. Doch während die stählernen Lokomotiven fauchend in den Bahnhof einfuhren, zog es die Jenaer Bürgerschaft an den sonnigen Frühlingstagen massenhaft hinaus ins Grüne.

Am 16. Mai 1900 manifestierte sich diese Liebe zur umgebenden Natur in einem formalen Akt: Engagierte Bürger aus Jena und dem benachbarten, noch eigenständigen Wenigenjena fanden sich zusammen und gründeten die „Jenzig-Gesellschaft e. V.“. Dieser Verein widmete sich mit großer Leidenschaft der Erschließung und Pflege des 385 Meter hohen Jenzig, dem markanten „Berg der Berge“ Jenas, der mit seiner steil abfallenden Kalksteinflanke das Stadtbild majestätisch dominiert.

Die Vereinsmitglieder begannen sofort mit der Planung von Wanderwegen und der Kultivierung der Hänge, um diesen Naturraum für die durch den neuen 8-Stunden-Tag freizeitgewohnte Arbeiterschaft sowie das gehobene Bürgertum als Naherholungsgebiet zugänglich zu machen.

Der Mai 1900 veranschaulichte somit perfekt die Jenaer Dualität dieser Epoche: Einerseits der rasante technische Fortschritt und die Anbindung an die weite Welt, andererseits die tiefe, vereinsorganisierte Verwurzelung in der landschaftlichen Schönheit des Saaletals.

Wandel der ostdeutschen Industriekultur: Geschichte und Gegenwart

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Der Diskurs über die ostdeutsche Industriekultur gewinnt zusehends an Relevanz. Netzwerke bieten Räume, um historische Brüche und Perspektiven sachlich zu beleuchten. Historische Schnittstellen wie das an der einstigen Systemgrenze gelegene Technikmuseum Berlin dienen dabei als wichtige Vermittler für einen fundierten, gesamtdeutschen und aufarbeitenden Dialog.

Die materielle Industriegeschichte des Ostens unterscheidet sich strukturell gravierend von westdeutschen Pfaden. Prägend waren Demontagen nach dem Zweiten Weltkrieg, Verstaatlichungen sowie die Einbindung in sowjetische Wirtschaftsstrukturen. Diese tiefgreifenden Prozesse veränderten nicht nur ökonomische Rahmenbedingungen, sondern formten nachhaltig biografische Lebensläufe der Menschen.

Nach 1990 erlebte Ostdeutschland einen weitreichenden Zusammenbruch seiner industriellen Basis. Der rasant fortschreitende Wegfall ganzer Produktionszweige und das Agieren der Treuhand führten zum Verlust wichtiger sozialer Mikrostrukturen. Diese schlagartigen biografischen Einschnitte hinterließen in vielen Regionen ein langanhaltendes Gefühl der Entwertung und fehlenden Anerkennung.

Forschungen zur Erinnerungskultur weisen darauf hin, dass sich solche Verlusterfahrungen über Generationen in spezifischen Erzählmustern manifestieren. Es dominieren oft Schilderungen von Abbrüchen und mangelndem Gehör im gesellschaftlichen Diskurs. Diese tradierten Antihelden-Narrative prägen die Identitätsbildung und erfordern eine besonders aufmerksame, sensible Form der Kommunikation.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit historischen Industrieanlagen zeigt jedoch ein immenses Potenzial für den Neuaufbau. Beispiele wie der Finowkanal in Eberswalde belegen, wie Fabriken durch lokales Engagement zu lebendigen Kulturräumen werden. So wandeln sich historische Brüche in ein Fundament für eine zukunftsgewandte Regionalentwicklung, die eine verbindende und zuversichtliche Strahlkraft besitzt.

Juli 1945: Der Grundstein der Diktatur – Kulturelle Umarmung und eiserner Block

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Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) mit der systematischen Etablierung hegemonialer Strukturen. Am 3. und 4. Juli 1945 erfolgte die Gründung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung. Dies war ein strategischer Schritt der Kommunisten, um die bürgerliche und intellektuelle Elite des Landes frühzeitig an sich zu binden und in den stalinistischen Staatsaufbau zu integrieren.

Kurz darauf, am 14. Juli, bildeten Vertreter der KPD, SPD, CDU und LDPD in Berlin den antifaschistisch-demokratischen Block. Diese Blockbildung diente als fundamentales Instrument, um oppositionelle Kräfte durch den Zwang zum Konsens zu neutralisieren. Die bürgerlichen Parteien wurden institutionell eingebunden, jedoch ihrer Handlungsautonomie beraubt, was die Grundlage für das spätere System der Blockparteien bildete.

Parallel zu dieser innenpolitischen Strukturierung fanden im Juli auch auf geopolitischer und verwaltungstechnischer Ebene entscheidende Weichenstellungen statt. Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 tagte die Potsdamer Konferenz der Siegermächte, bei der wichtige Beschlüsse zur Demilitarisierung, Dezentralisierung und Entnazifizierung gefasst wurden. Um die eigene Zone ökonomisch und administrativ zu durchdringen, veranlasste die SMAD am 23. Juli 1945 die Schließung der Großbanken in der SBZ.

Nur wenige Tage später, am 27. Juli 1945, erließ die SMAD den Befehl Nr. 17, der die Gründung von zunächst elf Deutschen Zentralverwaltungen anordnete. Diese bildeten den bürokratischen Kern des künftigen ostdeutschen Staates. Zudem wurde bereits am 1. Juli in Berlin eine einheitliche Versicherungsanstalt geschaffen, die alle vorherigen 156 Versicherungsträger bündelte. So wurden im Juli 1945 die entscheidenden Fundamente für einen zentralistisch gelenkten Staat gelegt, der von der SMAD und der KPD dominiert wurde.

Jugendhaus Dessau 1953: Ein Versuch mit Selbstverwaltung im Strafvollzug

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Ein grauer Morgen im Jahr 1953. In einem Gebäude in Dessau versammeln sich Jugendliche in einem Aufenthaltsraum. Stimmen werden laut, andere hören aufmerksam zu. Es wird diskutiert, abgewogen, manchmal auch gestritten. Anders als in vielen vergleichbaren Einrichtungen dieser Zeit soll hier nicht allein die Anweisung von oben gelten. Im neu gegründeten Jugendhaus Dessau wird ein pädagogisches Experiment versucht – eines, das innerhalb des frühen DDR-Strafvollzugs ungewöhnlich erscheint.

Der Leiter der Einrichtung, Helmut Hannig, setzt auf ein Modell der begrenzten Selbstverwaltung. Jugendliche sollen in Gruppen Verantwortung übernehmen, ihren Alltag teilweise mitgestalten und Konflikte nicht nur durch Anordnung von oben klären lassen. Regelverstöße werden in Versammlungen angesprochen, Entscheidungen teilweise gemeinsam diskutiert. Die Idee dahinter ist ein pädagogischer Ansatz, der auf Mitwirkung und Selbsterziehung setzt. Durch Beteiligung am Gruppenleben sollen die Jugendlichen lernen, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen und Orientierung für ihr weiteres Leben zu finden.

Der Alltag im Jugendhaus bleibt dennoch klar strukturiert. Arbeit, Ausbildung und feste Tagesabläufe bestimmen den Rhythmus der Tage. Aufstehen, Arbeitszeiten, Unterricht und Freizeit folgen einem geregelten Plan. Auch die institutionellen Rahmenbedingungen sind deutlich spürbar. Das Jugendhaus ist Teil des Strafvollzugssystems der frühen DDR und damit eingebunden in staatliche Vorgaben, Aufsicht und Kontrolle.

Gerade in dieser Verbindung aus pädagogischem Anspruch und staatlicher Struktur liegt die Besonderheit des Dessauer Experiments. Innerhalb eines streng organisierten Systems wird versucht, Räume für Mitverantwortung und gemeinschaftliche Entscheidungen zu schaffen. Für einige der Beteiligten blieb diese Phase später als ungewöhnliche Erfahrung in Erinnerung – als ein kurzer Moment, in dem im Alltag des Jugendstrafvollzugs auch neue Wege erprobt wurden.

Sommerfrische an der Saale: Wie Jena vor über hundert Jahren der Hitze entfloh

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Das fröhliche Kreischen badender Kinder mischt sich mit dem sanften Plätschern des Wassers an den Ufersteinen. Die Luft flirrt, es riecht nach trockenem Gras, feuchtem Lehm und wilden Wiesenblumen. Wer an einem heißen Julitag an der Saale steht, kann sich diese Szene mühelos vorstellen. Sie fängt die Atmosphäre eines unbeschwerten Sommers im Jahr 1900 rund um die historische Camsdorfer Brücke in Jena ein.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Universitätsstadt in rasantem Tempo. Die aufstrebende Industrie brachte Arbeit und Wohlstand, füllte die engen Straßen des Tals jedoch auch mit Lärm und dichtem Staub. Wenn die Sommersonne die Gassen aufheizte, sehnten sich die hart arbeitenden Jenenser nach Erfrischung. Moderne Freibadlandschaften, wie wir sie heute kennen, gab es in dieser Form noch nicht. Die Natur bot die naheliegendste und zugleich schönste Abhilfe: Das kühle Nass der fließenden Saale wurde zum zentralen Rückzugsort für die vom Alltag erschöpften Städter.

An den flachen Sandbänken des Flusses entfaltete sich an den Wochenenden ein buntes, lebendiges Treiben. Familien breiteten im schützenden Schatten der ausladenden Uferbäume ihre einfachen Picknickdecken aus und entflohen der Hitze. Die entspannte Stimmung am Wasser wirkte dabei wie ein unsichtbares Band zwischen den Menschen. Es war ein wunderbarer Ort des kollektiven Durchatmens, an dem gesellschaftliche Grenzen für einige Stunden verschwammen. Handwerker erholten sich hier Seite an Seite mit Professoren und Studenten. Im gemeinsamen Erleben der sommerlichen Leichtigkeit traten Standesunterschiede in den Hintergrund.

Diese historische Momentaufnahme zeigt, wie tief das Bedürfnis nach Natur und Entschleunigung in uns verwurzelt ist. Auch wenn sich das Stadtbild Jenas und unsere Freizeitgewohnheiten in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt haben, ist die Sehnsucht nach dieser idyllischen Sommerfrische geblieben. Die Saale windet sich noch immer als lebendiges blaues Band durch das Tal und lädt heute wie damals dazu ein, die Seele baumeln zu lassen. Das Rauschen der Blätter und der Blick auf das glitzernde Wasser wecken eine zeitlose Lebensfreude, die uns jeden Sommer aufs Neue umarmt und mit heller Zuversicht erfüllt.

Warum wir den Geist von 1990 genau jetzt brauchen – Vorhang auf für die Hoffnung!

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Manchmal wacht man auf und spürt ganz deutlich: Der alte Rahmen passt nicht mehr. Das bisherige Leben zwickt wie ein zu heiß gewaschener Pullover. Genau dieses universelle Gefühl greift das neue Berlin-Musical „WIR SIND AM LEBEN“ von Plate & Sommer auf – und wirft uns direkt hinein in das wohl faszinierendste Vakuum der jüngeren deutschen Geschichte: Berlin im Jahr 1990.

Im Zentrum dieses Wirbelsturms steht Rosi. Ihr alter Friseursalon in der DDR ist Geschichte, die Kinder Nina und Mario sind längst nach West-Berlin abgehauen, und ihre Heimatstadt Wittenberg fühlt sich an wie ein Käfig. Wenn Rosi – grandios verkörpert von Musical-Star Steffi Irmen – mit gepacktem Koffer in ihrem Song proklamiert: „Ich brauch Farbe und Volum’n / Mehr Glanz im Leben“, dann ist das ein meisterhafter Kniff. Es ist nicht nur das Vokabular einer Friseurin, es ist die pure, trotzige Hymne einer Frau, die beschließt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie hat mehr Leben als eine Katze und macht sich auf die Suche nach ihren Kindern und nach sich selbst.

Man könnte meinen, das sei einfach nur ein nostalgischer Blick zurück in eine wilde Epoche, in der jeden Tag ein neuer Club öffnete. Doch wer genau hinschaut, erkennt, wie sehr diese Geschichte den Nerv unserer heutigen Zeit trifft.

Wir leben heute in einer Ära der rasanten Umbrüche. Die Komplexität der Welt überfordert uns oft, alte Gewissheiten bröckeln, und nicht selten schleicht sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Doch der Blick auf 1990, auf diesen herrlich chaotischen, besetzten Altbau „Konsum Hoffnung“, erinnert uns an eine rohe, unbändige Kraft: In jedem Ende, in jedem Zusammenbruch liegt auch die absolute Freiheit, alles neu zu denken.
Besonders berührend ist dabei das improvisierte Sorgentelefon, das die jungen Protagonisten in ihrem besetzten Haus einrichten. In unserer heutigen, digital dauervernetzten, aber paradoxerweise oft so einsamen Welt ist das ein wunderschönes Bild. Es spiegelt unsere tiefste Sehnsucht wider: Echte Nähe und jemanden, der in all dem Lärm einfach mal aufrichtig zuhört.

„WIR SIND AM LEBEN“ ist weit mehr als nur ein Titel, es ist ein Aufruf. Vielleicht sollten wir uns alle ab und zu ein Beispiel an Rosi nehmen. Wenn die Umstände erdrückend wirken, dürfen wir den Staub abschütteln, nach vorne blicken und unsere eigene Bühne bauen. Wir alle haben das Recht auf unseren eigenen Laufsteg, auf neue Träume und einen Neuanfang. Egal, wie herausfordernd das Hier und Jetzt manchmal scheint: Die eigene innere Kerze geht nie aus. Es ist absolut fantastisch zu wissen, dass wir jeden Tag die Chance haben, unserem Leben wieder etwas mehr Glanz, Farbe und Volumen zu verleihen. Vorhang auf für die Hoffnung!