Es ist ein Auftritt, der polarisiert und zugleich historisch tief blicken lässt: Egon Krenz, der letzte Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR, meldet sich zu Wort. In einem umfassenden Referat blickt der heute hochbetagte Politiker nicht nur zurück auf das Scheitern und die Erfolge des „Arbeiter- und Bauernstaates“, sondern formuliert auch eine scharfe Kritik an der gegenwärtigen geopolitischen Lage. Doch statt in Resignation zu verfallen, endet seine Analyse mit einem überraschenden Plädoyer für die Vernunft.
Wenn Egon Krenz das Wort ergreift, dann spricht er nicht nur als Privatmann, sondern als Verkörperung eines untergegangenen Staates. In seinen Ausführungen wird deutlich: Krenz sieht die DDR auch Jahrzehnte nach ihrem Ende keineswegs als historischen Unfall. Für ihn bleibt die Gründung des Staates 1945 eine legitime und notwendige Konsequenz aus den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.
Heimat und Antifaschismus
Krenz zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die als radikaler Gegenentwurf zum Faschismus konzipiert war. Der Versuch, die ökonomischen Wurzeln des Faschismus durch die Abschaffung von Privateigentum an Produktionsmitteln zu beseitigen, sei der Kern dieses Experiments gewesen. Dabei wehrt er sich vehement gegen die alleinige Reduzierung der DDR auf Diktatur und Mauer. Für viele Menschen, so Krenz, sei die DDR Heimat gewesen – ein Ort, an dem das Miteinander über dem Egoismus stand und der Grundsatz „Der Mensch ist dem Menschen ein Freund“ mehr als nur eine Parole war.
Besonders betont er den friedlichen Charakter der DDR-Außenpolitik. Im direkten Vergleich zur Entwicklung der Bundeswehr hebt er hervor, dass die Nationale Volksarmee (NVA) niemals an Kampfhandlungen auf fremdem Boden teilgenommen habe.
Die Wende: Gewaltverzicht als Leistung
Einen breiten Raum in seiner Rückschau nimmt der Herbst 1989 ein. Krenz widerspricht gängigen Narrativen und betont, dass der friedliche Verlauf der „Wende“ kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung der DDR-Führung gewesen sei. Berichte über Schießbefehle oder den geplanten Einsatz von Panzern gegen Demonstranten, etwa in Leipzig, verweist er ins Reich der Legenden.
Auch die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 ordnet er neu ein: Sie war kein geplantes Geschenk zur Wiedervereinigung, sondern eine Notmaßnahme, um in einer unübersichtlichen Situation Blutvergießen zu verhindern. Gleichzeitig übt Krenz Selbstkritik. Die SED-Führung, insbesondere unter Erich Honecker, habe den Bezug zur Realität verloren und notwendige Reformen verschlafen. Die mangelnde ökonomische Produktivität sei am Ende der entscheidende Faktor für die Niederlage im Systemwettbewerb gewesen.
Kritik an der Gegenwart: „Delegitimierung“ und Kriegsgefahr
Der Sprung in die Gegenwart fällt in Krenz’ Analyse düster aus. Er beklagt, was er als gezielte „Delegitimierung“ der DDR empfindet. Der Begriff „Unrechtsstaat“ diene seiner Meinung nach dazu, jede Alternative zum Kapitalismus pauschal zu kriminalisieren. Bitter stößt ihm dabei der Umgang mit dem ostdeutschen Volkseigentum auf, das durch die Treuhand zu 85 Prozent in westdeutsche Hände geflossen sei – für Krenz eine Entwertung ostdeutscher Biografien.
Sein dringlichster Appell richtet sich jedoch an die aktuelle Außenpolitik. Krenz warnt eindringlich vor einem neuen großen Krieg. Die NATO-Osterweiterung identifiziert er als Hauptursache für den Konflikt mit Russland und erinnert an gebrochene westliche Zusagen. Seine Formel bleibt dabei unverändert: Frieden in Europa könne es nur mit, niemals gegen Russland geben. Die aktuellen Waffenlieferungen und das, was er als „Russophobie“ bezeichnet, sieht er als gefährlichen Irrweg.
Ein optimistischer Ausblick
Trotz der schweren Themen und der harten Kritik am Kapitalismus, in dem laut Krenz „das Geld über dem Menschen steht“, weigert sich der ehemalige Staatsratsvorsitzende, das Referat pessimistisch zu beenden.
Er vergleicht die DDR historisch mit der Pariser Kommune – gescheitert, aber dennoch ein wichtiger Vorbote für eine mögliche, gerechtere Gesellschaft der Zukunft. Krenz ist überzeugt, dass der aktuelle Zustand der Welt mit seinen Kriegen und Ungerechtigkeiten nicht das letzte Wort der Geschichte sein kann. Er setzt auf die Lernfähigkeit der Menschen und das Wiedererstarken vernünftiger Kräfte. So schließt der „letzte Mann der SED“ nicht mit Bitterkeit, sondern mit der festen Überzeugung eines Optimisten: Eine friedliche Zukunft ist möglich, wenn die Menschheit sich auf ihre humanistischen Werte besinnt.