Ein soziologischer Blick auf die Sexualität in der DDR der 80er Jahre

Es ist das Jahr 1985. Im Fernsehen der DDR läuft die Sendung „Urania“, ein Format, das Wissenschaft und gesellschaftliche Fragen verbindet. Das Thema dieser Ausgabe: „Wie groß ist der kleine Unterschied?“. Was auf den ersten Blick wie eine rein biologische Fragestellung wirkt, entpuppt sich als eine tiefgehende soziologische Bestandsaufnahme zu Liebe, Partnerschaft und Sexualität im Sozialismus. Der Beitrag, heute ein Dokument der Zeitgeschichte, liefert überprüfbare Daten und Einblicke in die Normen und das Verhalten einer Generation, die ihren Eltern in mancher Hinsicht voraus zu sein schien.

Im Zentrum der Betrachtung stehen die Forschungsergebnisse des Soziologen-Ehepaars Dr. Uta Starke und Professor Kurt Starke, Autoren des Buches „Liebe und Sexualität bis 30“. Ihre Analysen zeichnen das Bild einer Jugend, deren Interesse am anderen Geschlecht deutlich früher erwacht als noch bei vorangegangenen Generationen. Die im Beitrag präsentierten Zahlen belegen diesen Wandel nüchtern: Bereits die Hälfte aller 16-Jährigen verfügte ober über erste sexuelle Erfahrungen. Bei den 17-Jährigen war es nur noch ein Drittel, das noch keine Intimkontakte hatte. Diese Entwicklung löste, wie der Beitrag thematisiert, in der älteren Generation durchaus Besorgnis aus. Sätze wie „Die Jugend ist heute ganz anders“ oder der Vorwurf, die jungen Leute gingen „zu frei“ miteinander um, spiegeln das Spannungsfeld zwischen traditionellen Moralvorstellungen und der gelebten Realität der 80er Jahre wider.

Ein wesentlicher Aspekt der Untersuchung betrifft die Angleichung der Geschlechter. Die Wissenschaftler stellen fest, dass es keine signifikanten Reifungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen mehr gebe. Diese Beobachtung korrespondiert mit einem weiteren, bemerkenswerten statistischen Befund zur weiblichen Sexualität. Während soziologische Erhebungen aus dem Jahr 1972 noch ergaben, dass 45 Prozent der befragten Frauen und Mädchen im Alter von 18 bis 30 Jahren angaben, nie oder nur selten einen Orgasmus erlebt zu haben, sank dieser Wert bis Mitte der 80er Jahre drastisch auf 15 Prozent. Die Sendung wertet dies als Indiz dafür, dass sexuelle Erlebnisfähigkeit und das damit verbundene Glück erlernbar sind und nicht allein genetisch vorherbestimmt seien.

Der Grundton des Beitrags bleibt dabei wissenschaftlich-optimistisch. Sexualität, Sympathie und Zuneigung werden nicht als private Nischenthemen behandelt, sondern als „Kraftquellen“ definiert, aus denen sich sowohl die individuelle Persönlichkeitsentwicklung als auch die Stabilität der Partnerschaft speisen. Der Orgasmusreflex sei zwar physiologisch vorhanden, doch erst das „Lernen“ führe zu einem beglückteren Leben – eine These, die den damals modernen Anspruch der Sexualaufklärung unterstreicht.

Dieses Dokument aus dem Jahr 1985 zeigt, wie in der DDR über Intimität und gesellschaftlichen Wandel gesprochen wurde: analytisch, statistisch untermauert und mit dem klaren Ziel, Normen zu hinterfragen. Es bleibt die Frage, inwieweit diese wissenschaftliche Offenheit den tatsächlichen Alltag in den Familien widerspiegelte.

Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal entscheidet ein einziger Tag darüber, ob man Opfer oder Täter wird, wenn ein Staat beschließt, dass man nicht mehr dazugehört. Teaser: Nadja Klier war 15 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlor. Nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Als Tochter der Bürgerrechtlerin Freya Klier wurde sie 1988 über Nacht aus ihrem Leben in Ost-Berlin gerissen und in den Westen abgeschoben. Was politisch wie eine Lösung aussah, war für die Jugendliche ein traumatischer Bruch: keine Freunde mehr, keine vertraute Umgebung, nur Fremde. Zur gleichen Zeit saß Ingo Hasselbach in einem DDR-Gefängnis. Er war als „Rowdy“ verhaftet worden, weil er gegen sein linientreues Elternhaus rebellierte. Doch statt ihn zu brechen, formte ihn der Knast neu. In den Zellen traf er auf Alt-Nazis, die den jungen Mann radikalisierten. Der Hass auf den SED-Staat wurde zum Motor für eine neue, rechtsextreme Ideologie. Während Nadja im Westen versuchte, Boden unter den Füßen zu bekommen, bereitete sich Hasselbach darauf vor, im Machtvakuum der Wendezeit Neonazi-Strukturen aufzubauen. Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Ursprung haben. Sie erzählen von der Unbarmherzigkeit eines Systems, das keine Abweichung duldete, und von den langen Schatten, die diese Erziehungsmethoden bis heute werfen. Die Narben bleiben sichtbar, auch wenn die Mauern längst gefallen sind. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dass Gefängnisse in der DDR oft als Brutstätten für Rechtsextremismus fungierten, widersprach der offiziellen Staatsdoktrin, war aber bittere Realität. Teaser: Die Biografien von Nadja Klier und Ingo Hasselbach stehen exemplarisch für das Versagen der DDR-Pädagogik und die Härte des staatlichen Zugriffes. Während Klier als Jugendliche 1988 zwangsausgesiedelt wurde, weil ihre Mutter Freya Klier Reformen forderte, durchlief Hasselbach eine Radikalisierung im Strafvollzug. Historisch interessant ist hierbei der Mechanismus der Haftanstalten. Hasselbach, ursprünglich wegen unpolitischer Delikte („Rowdy“) inhaftiert, kam dort in Kontakt mit NS-Kriegsverbrechern. Der staatlich verordnete Antifaschismus verhinderte eine offene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen; stattdessen wuchs im Verborgenen eine Szene heran, die nach 1989 gewaltbereit das öffentliche Bild dominierte. Hasselbachs Weg vom Häftling zum Anführer der „Nationalen Alternative“ und sein späterer Ausstieg über EXIT-Deutschland zeichnen diese Entwicklung präzise nach. Es zeigt sich, wie staatliche Repression Dynamiken freisetzen kann, die später kaum noch kontrollierbar sind. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Eine Abschiebung ist kein Umzug, und ein Gefängnis ist keine Schule – beides sind Orte, an denen Biografien brechen. Teaser: Wir sprechen oft über die Wende als Moment der Befreiung. Für Nadja Klier war das Jahr 1988 bereits das Ende ihrer Kindheit, erzwungen durch die Ausbürgerung aus der DDR. Für Ingo Hasselbach waren die Wendejahre der Startschuss für organisierte Gewalt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Radikalisierung wirft Fragen auf. Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass der Staat manche Kinder vertrieb und andere zu Extremisten erzog? Die Aufarbeitung dieser individuellen Brüche ist oft komplexer als die rein historische Betrachtung von Daten und Fakten. Die Spuren dieser Jahre verblassen nur langsam.