Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

Ein Gespräch über den Verlust von Heimat und die Radikalisierung im Gefängnis zeigt die Spätfolgen staatlicher Härte.

Wenn man über die späten Jahre der Deutschen Demokratischen Republik spricht, dominieren oft die Bilder der friedlichen Revolution oder der Massenflucht. Doch im Schatten dieser historischen Zäsuren liegen Biografien, die bereits vor dem Mauerfall durch staatliche Eingriffe unwiderruflich verändert wurden. Das Zusammentreffen von Nadja Klier und Ingo Hasselbach offenbart zwei diametral entgegengesetzte Lebenswege, die dennoch denselben Ursprung in der Repressionsmechanik des SED-Staates haben. Beide waren Jugendliche, als der Staat massiv in ihr Leben eingriff – mit Folgen, die weit über das Jahr 1989 hinausreichen.

Nadja Klier, Jahrgang 1973, erlebte eine Kindheit zwischen Dresden und Ost-Berlin, die zunächst von den Freiheiten eines künstlerischen Elternhauses geprägt war. Als Tochter der Theaterregisseurin Freya Klier wuchs sie in einem Umfeld auf, das sich zunehmend kritisch mit den Zuständen im Land auseinandersetzte. Während sie als Teenagerin noch versuchte, durch Westmusik und kleine Regelverstöße ihre eigene Nische zu finden, geriet ihre Mutter immer stärker ins Visier der Staatssicherheit. Die Kritik der Mutter am Regime und ihre Forderungen nach Reformen blieben nicht ohne Konsequenzen für die Tochter.

Der entscheidende Bruch in Kliers Biografie vollzog sich 1988. Der staatliche Druck auf die Familie wurde so groß, dass die Ausbürgerung forciert wurde. Für die damals 15-jährige Nadja bedeutete die Abschiebung nach West-Berlin nicht den Gewinn von Freiheit, sondern den totalen Verlust ihrer Heimat. Über Nacht wurde sie aus ihrem sozialen Gefüge gerissen, verlor Freunde, Schule und vertraute Orte. Diese Erfahrung der Entwurzelung, die politisch oft als Erfolg der Opposition gefeiert wurde, war für die betroffene Jugendliche ein Trauma. Der Westen war fremd, die Orientierung fehlte, und das Gefühl des Verlusts wog schwerer als die neuen Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite des Spektrums steht Ingo Hasselbach, geboren 1967. Sein Weg in den Konflikt mit dem Staat begann nicht durch das Elternhaus, sondern als Rebellion gegen dieses. Hasselbach stammte aus einer linientreuen Familie, seine Eltern arbeiteten als Journalisten für das System. Sein Aufbegehren gegen die Eltern und die engen Grenzen der DDR führte ihn schnell in die Mühlen der Justiz. Als sogenannter „Rowdy“ verhaftet, landete er im Gefängnis. Was als Disziplinierungsmaßnahme des Staates gedacht war, entwickelte sich zum Katalysator für eine radikale Ideologie.

Im Strafvollzug der DDR traf der junge Hasselbach nicht auf Resozialisierung, sondern auf inhaftierte Alt- und Neonazis, darunter teils noch einsitzende Kriegsverbrecher. In der hermetischen Abriegelung des Gefängnisses, geprägt von Hass auf das kommunistische System, radikalisierte er sich. Die Haftanstalten fungierten hier als Brutstätten des Rechtsextremismus, ein Phänomen, das in der offiziellen Staatsdoktrin der DDR, die sich als antifaschistisch definierte, nicht existieren durfte. Hasselbach verließ das Gefängnis nicht geläutert, sondern als überzeugter Neonazi, bereit, den Kampf gegen den Staat mit anderen Mitteln fortzuführen.

Die Zeit der Wende und das darauffolgende Machtvakuum in Ostdeutschland erlebten beide Protagonisten völlig unterschiedlich. Während Nadja Klier im Westen versuchte, Fuß zu fassen und das Trauma des Verlusts zu verarbeiten, nutzte Hasselbach die unklaren Verhältnisse im Osten. Er wurde federführend in rechtsextremen Netzwerken aktiv, gründete die „Nationale Alternative“ und besetzte Häuser. Die Jahre 1989 und 1990 waren für ihn Jahre der Expansion und der Gewalt, begünstigt durch einen Staat, der sich auflöste, und einen neuen Staat, der noch nicht angekommen war.

Erst die Eskalation der Gewalt mit den Brandanschlägen auf türkische Asylbewerber in Mölln und Solingen führte bei Hasselbach zu einem Umdenken. Die Konfrontation mit den tödlichen Konsequenzen seiner Ideologie und die kritischen Fragen eines Dokumentarfilmers leiteten seinen Ausstieg ein. Er wurde Mitbegründer der Aussteigerorganisation EXIT-Deutschland und widmet sich heute der Prävention. Nadja Klier hingegen hat ihre Geschichte als Autorin und Fotografin aufgearbeitet. Beide Biografien zeigen, wie tief sich politische Systeme in persönliche Lebensläufe einschreiben können, lange nachdem die Systeme selbst verschwunden sind.

Silvester 1989: Ein Jahreswechsel im politischen Niemandsland

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es gibt Nächte, die riechen anders als alle anderen zuvor, eine Mischung aus Schwefel, Sekt und einer Kälte, die man in der Aufregung kaum spürt. Teaser: Wer sich an den 31. Dezember 1989 erinnert, denkt oft zuerst an die Bilder vom Brandenburger Tor. An die Menschenmassen, die sich dort drängten, wo wenige Wochen zuvor noch Schießbefehl herrschte. Doch die Realität dieser Nacht war komplexer als die Fernsehbilder. Es war eine Nacht des absoluten Vakuums. Die alte Ordnungsmacht, die Volkspolizei, hatte sich fast vollständig zurückgezogen. Sie stand am Rand, defensiv, unsichtbar gemacht durch die eigene Geschichte. Das schuf Raum für Euphorie, aber auch für eine gefährliche Form der Anarchie. Millionen D-Mark, ausgezahlt als letztes Begrüßungsgeld, waren in den Tagen zuvor in westdeutsches Feuerwerk umgesetzt worden. Der Himmel über dem Osten leuchtete so hell und laut wie nie zuvor. Es war ein fast trotziges Verprassen, getrieben von der Freude über die Freiheit, aber auch von der klammheimlichen Angst, was das eigene Geld bald noch wert sein würde. Während in Berlin die Gerüste unter der Last der Feiernden wankten, kämpfte die Regierung Modrow im Hintergrund schlicht darum, dass in den Kraftwerken die Kohle nicht ausging. Diese Gleichzeitigkeit von Rausch und Kollaps, von privatem Glück an der geöffneten Grenze im Harz oder Thüringen und der staatlichen Agonie in Ost-Berlin, macht diesen Jahreswechsel so einzigartig. Es war der Moment, in dem die DDR zwar noch auf der Landkarte existierte, aber in den Köpfen der Menschen bereits Geschichte war. Als die Sonne am Neujahrsmorgen über den Müllbergen aus West-Verpackungen und Ost-Glas aufging, war die Stille fast lauter als der Lärm der Nacht. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Zwischen dem juristischen Fortbestand der DDR und ihrem faktischen Ende lag in dieser Nacht nur eine dünne Schicht aus Feierlaune und Chaos. Teaser: Die Silvesternacht 1989/90 markiert eine historische Anomalie. Völkerrechtlich war die DDR noch ein souveräner Staat, doch im Inneren war das Machtmonopol bereits erloschen. Die Sicherheitsorgane, einst omnipräsent, kapitulierten vor der schieren Masse der Menschen. Am Brandenburger Tor, wo 500.000 Menschen den Jahreswechsel begingen, wurde dies am deutlichsten: Die Volkspolizei griff selbst bei der Demontage von Staatssymbolen oder gefährlichen Kletteraktionen kaum noch ein. Gleichzeitig wirkte im Hintergrund eine ökonomische Dynamik, die den politischen Prozess beschleunigte. Das Ende der Barauszahlung des Begrüßungsgeldes führte zu einem letzten Konsumrausch, der die wirtschaftliche Asymmetrie zwischen den beiden deutschen Staaten in jeder explodierenden Rakete am Himmel sichtbar machte. Die Politik, ob in Bonn oder Ost-Berlin, hinkte dem Geschehen auf der Straße hinterher. Es war eine Nacht, die zeigte, wie schnell Institutionen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Angst weicht. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Freiheit lässt sich nicht verordnen, aber in jener Nacht konnte man sie kaufen – für 100 D-Mark Begrüßungsgeld in Form von Raketen. Teaser: Der Jahreswechsel 1989 war vielleicht die ehrlichste Abstimmung, die je in der DDR stattfand. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab – hin zu den Plätzen, rauf auf die Mauern, weg von den staatlichen Vorgaben. Die Sorge um die Sparguthaben mischte sich mit der Ekstase des Augenblicks. Dass dabei auch Denkmäler zu Bruch gingen und die Sicherheit litt, war der Preis für diesen unregulierten Übergang. Am nächsten Morgen blieb das Gefühl, dass nun alles möglich, aber nichts garantiert war.