Das Gesundheitswesen der Deutschen Demokratischen Republik nimmt in der historischen Betrachtung eine komplexe Zwischenstellung ein. Es wird in der Erinnerung vieler ehemaliger Bürger oft als funktionierender Teil des Alltags wahrgenommen, während die historische Forschung gleichzeitig die strukturellen Defizite und die politische Instrumentalisierung aufzeigt. Diese Ambivalenz prägt bis heute den Diskurs über die medizinische Versorgung im Osten Deutschlands und erfordert eine differenzierte Analyse jenseits einfacher Bewertungen.
Ein zentrales Merkmal der ambulanten Versorgung war die Poliklinik. Anders als im westdeutschen Modell der niedergelassenen Einzelpraxen, das auf unternehmerischer Selbstständigkeit basierte, setzte der staatliche Gesundheitsapparat auf Zentralisierung und Kooperation unter einem Dach. In diesen Einrichtungen arbeiteten Allgemeinmediziner, Fachärzte und Laboranten räumlich eng zusammen, was Wege für Patienten verkürzte und Doppeluntersuchungen vermied.
Diese Struktur folgte nicht nur medizinischen, sondern auch ökonomischen Imperativen einer Planwirtschaft. Der sozialistische Staat betrachtete die Gesundheit seiner Bürger primär als Arbeitskraft, die es zu erhalten galt. Das dichte Netz der Betriebsambulatorien in den großen Kombinaten ermöglichte eine medizinische Betreuung direkt am Arbeitsplatz, wodurch Ausfallzeiten minimiert und die Produktion gesichert werden sollten. Gesundheit war somit auch eine Ressource im wirtschaftlichen Wettstreit der Systeme.
Ein weiteres Kennzeichen war der umfassende Zugriff des Staates auf die Prävention. Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen waren weitgehend verpflichtend und wurden administrativ streng überwacht. Während dies zu hohen Durchimpfungsraten und der frühen Eindämmung von Infektionskrankheiten wie Polio führte, basierte dieser Erfolg auf einem paternalistischen Verständnis, das wenig Raum für individuelle Entscheidungen ließ. Der Körper des Bürgers wurde zum Objekt staatlicher Fürsorge, die zugleich immer auch Kontrolle bedeutete.
Trotz der organisatorischen Dichte litt das System zunehmend unter der realsozialistischen Mangelwirtschaft. In den achtziger Jahren wurde der Rückstand zu westlichen Standards bei Medizintechnik und Pharmazie offensichtlich. Ärzte und Pflegepersonal waren oft gezwungen, fehlende Ressourcen durch Improvisation und persönliches Engagement auszugleichen, da moderne Diagnosegeräte wie Ultraschall oder CT sowie westliche Spezialmedikamente in der Breite fehlten.
Der Zugang zu knappen medizinischen Gütern war dabei nicht immer gleich verteilt, was die theoretische Klassengleichheit untergrub. Informelle Netzwerke und persönliche Beziehungen spielten eine wesentliche Rolle, um Versorgungsengpässe zu umgehen. Wer über Kontakte verfügte oder Zugang zu Westwährung hatte, konnte die eigene Versorgungslage individuell verbessern. Dies führte zu einer informellen Hierarchisierung der Patientenbehandlung, die der offiziellen Staatsdoktrin widersprach.
Mit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 erlebte das ostdeutsche Gesundheitswesen einen radikalen Systembruch. Die Übertragung des bundesdeutschen Systems führte zur weitgehenden Auflösung der Polikliniken zugunsten niedergelassener Ärzte. Für das medizinische Personal bedeutete dies oft eine Entwertung ihrer bisherigen Berufsbiografien und die Notwendigkeit, sich in einem marktwirtschaftlichen Umfeld völlig neu zu orientieren. Qualifikationen mussten neu nachgewiesen, Strukturen neu erlernt werden.
Für viele Patienten ging der Gewinn an technischer Qualität und Medikamentenverfügbarkeit mit einem Verlust an vertrauten Strukturen einher. Die Auflösung der staatlichen Fürsorge wurde oft als Wegfall einer sozialen Sicherheit empfunden. Die neue Notwendigkeit, sich im komplexen Versicherungssystem selbst zu orientieren und Zuzahlungen zu leisten, stand im Kontrast zur vorherigen, wenn auch kontrollierten, kostenlosen Rundumversorgung, was die heutige wehmütige Rückschau erklärt.
In der gegenwärtigen gesundheitspolitischen Debatte erfährt das Erbe der DDR-Medizin eine späte, sachliche Würdigung. Die Etablierung Medizinischer Versorgungszentren greift strukturelle Vorteile der einstigen Polikliniken wieder auf. Dies verdeutlicht, dass die organisatorische Form der interdisziplinären Zusammenarbeit unabhängig von der politischen Ideologie eine effiziente Antwort auf Versorgungsfragen sein kann, ohne die politischen Rahmenbedingungen der DDR zu verklären.