Archäologen legen Zwangsarbeiterlager der Henschel-Flugzeugwerke frei

Schönefeld, Brandenburg – Jahrzehntelang lag die Vergangenheit unter einer Decke des Vergessens, verborgen durch Grenzanlagen und ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis der DDR-Führung. Doch nun, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, fördert die jüngste Disziplin archäologischer Forschung in Schönefeld Zeugnisse eines brutalen und menschenverachtenden Zwangssystems zutage: die Überreste der ehemaligen Zwangsarbeiterlager der Henschel-Flugzeugwerke.

Auf dem weitläufigen Gelände zwischen Diepensee, dem heutigen Flughafen Schönefeld und der Waltersdorfer Chaussee, entstand ab 1934 das damals modernste Flugzeugwerk der Welt. In zwei modernen Produktionshallen fertigten 16.000 Menschen Sturzkampf- und Langstreckenbomber für Hitler-Deutschland. Eine streng geheime Lufterprobungsstelle in Diepensee testete zudem Vorläufer späterer Marschflugkörper. Zur Aufrechterhaltung dieser Rüstungsindustrie wurden bis 1943 allein in Schönefeld sieben Lager für zahllose Zwangsarbeiter errichtet, deren genaue Standorte bisher nur lückenhaft bekannt waren.

Ein Raum des Vergessens wird zurückgewonnen Die Bauarbeiten für die Grenzanlagen der DDR zu Westberlin und zum hermetisch abgeriegelten Flughafen Schönefeld zerstörten nach dem Krieg wichtige Zeugnisse aus der NS-Zeit. Oberirdisch ist von den Lagern nichts mehr erhalten geblieben. Erst durch den Oberbodenabtrag können Archäologen nun die Reste des ehemaligen Lagers 5 freilegen. Dieses Lager, eines der größten, beherbergte schätzungsweise 3.600 bis 5.000 Menschen und umfasste 81 Baracken. Auf dem Areal befanden sich zudem Luftschutzbunker, eine Leichenhalle, Kantinen und Sanitärgebäude.

Die freigelegten Betonteile liefern ein wichtiges Datum: den 1. März 1943, die Hochzeit des von Hitler-Deutschland entfesselten Weltkrieges. Genau hier wurden die Angriffswaffen für diesen Krieg gebaut.

Archäologische Befunde erzählen Geschichten Die Archäologen um Christoph Kunz haben erste konkrete Spuren gefunden, die Hinweise auf die ausgebeuteten Männer und Frauen aus ganz Europa geben, die an diesen Ort verschleppt wurden. Zu den Fundstücken, die das Lagerleben dokumentieren, gehören unter anderem:

• Stacheldraht, der die Umfriedung und Einzäunung des Geländes belegt.
• Diverse Barackenbestandteile, wie ein Blitzableiter.
• Ein Schild von einer Baracke mit kyrillischer Aufschrift „für Frauen“, was darauf hindeutet, dass es sich um eine Frauenbaracke handelte.
• Mehrere Zeltringe, die darauf schließen lassen, dass Kriegsgefangene und andere Gefangene auch in Zelten untergebracht waren. Dies war oft provisorisch notwendig, nachdem Baracken durch Bombardierungen – insbesondere durch Stabbrandbomben, die mit Phosphor gefüllt waren – abgebrannt waren.

Die Baracken selbst besaßen keine Betonfundamente, sondern wurden in einer Pfostenbauweise errichtet. Typische Befunde sind Pfostengruben und Pfostenstandspuren. Die Archäologen finden verkohlte Pfosten, die deutlich zeigen, dass die Gebäude abgebrannt sind. Im kalten Winter nach dem Krieg, als es an Baumaterial mangelte, wurden die abgebrannten Baracken komplett abgerissen.

Licht ins Dunkel bringen Obwohl es viele schriftliche Aufzeichnungen, Fotos und Filme aus dieser Zeit gibt, bleiben viele Fragen ungeklärt. Die archäologischen Grabungen können hier „Licht ins Dunkel bringen“ und fehlende Puzzleteile zur Geschichte der Zwangsarbeit und der NS-Rüstungsindustrie liefern. Die Archäologie des 21. Jahrhunderts hat bereits viele Erinnerungslücken geschlossen, und angesichts schwindender Zeitzeugen wird dieser gesellschaftliche Aspekt immer bedeutsamer. Die Funde in Schönefeld sind ein weiteres Zeugnis dafür, was alles möglich ist, um die Vergangenheit sichtbar zu machen und an die Opfer eines dunklen Kapitels der Geschichte zu erinnern.

Der Einsatz sowjetischer Schneefräsen im DDR-Winterdienst 1978/79

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Der plötzliche Temperatursturz am 28. Dezember 1978 veränderte den Alltag in der DDR innerhalb weniger Stunden grundlegend. Teaser: Wenn über den Katastrophenwinter gesprochen wird, stehen oft die Bilder der eingeschneiten Dörfer und der isolierten Insel Rügen im Vordergrund. Doch die Wiederherstellung der Infrastruktur war ein logistischer Kraftakt, der weitgehend von einer spezifischen Maschine abhing. Die sowjetische Schneefräse auf Basis des ZIL-LKWs war kein komfortables Arbeitsgerät. Mit einem Motor, der 150 PS leistete und eng mit militärischen Aggregaten verwandt war, fraß sie sich durch Schneewände, die bis zu drei Meter hoch waren. Für die Männer, die diese Maschinen bedienten, bedeutete der Einsatz im Norden der Republik eine extreme physische Belastung. Fahrer wie Heinz Mittelbach aus dem Erzgebirge wurden quer durch das Land beordert, um die Verkehrswege an der Küste freizulegen. In Schichten von bis zu 14 Stunden arbeiteten sie sich Meter für Meter voran. Dabei entwickelten sie eigene Fahrtechniken, um die massiven Verwehungen überhaupt bewältigen zu können. Es war ein Kampf gegen die Elemente, geführt mit einer Technik, die auf reine Robustheit ausgelegt war und keine Fehler verzieh. Die damaligen Strukturen ermöglichten eine schnelle, zentrale Umverteilung von Ressourcen von Süd nach Nord, doch die Naturgewalten zeigten auch die Grenzen dieses Systems auf. Die ZIL-Fräsen blieben noch lange nach diesem Winter ein vertrautes Bild auf den Straßen und sind teilweise bis in die jüngste Vergangenheit im Einsatz geblieben. Ihre Geschichte erzählt viel über den Umgang mit Ressourcen und die Prioritätensetzung in der DDR-Infrastrukturplanung. Es bleibt das Bild einer Landschaft, die langsam ihre Konturen zurückgewinnt. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Die gesetzlichen Grundlagen für den Winterdienst in der DDR unterschieden sich signifikant von den heutigen Regelungen. Teaser: Während heute oft von der Räumung nach „besten Kräften“ die Rede ist, existierte in der DDR eine Winterordnung, die den staatlichen Organen enge zeitliche Vorgaben setzte. Theoretisch bestand der Anspruch, dass Hauptverkehrswege innerhalb von zwei Stunden nach Schneefallbeginn beräumt sein mussten. Dies entsprach einem Rechtsanspruch des Bürgers gegenüber dem Staat, der eine hohe Erwartungshaltung an die Verfügbarkeit der Infrastruktur knüpfte. Im Katastrophenwinter 1978/79 traf dieser Anspruch auf eine Wetterlage, die jede Planung obsolet machte. Der Einsatz der schweren sowjetischen ZIL-Fräsen, die bis zu 1000 Tonnen Schnee pro Stunde bewegen konnten, war die materielle Antwort auf diese Herausforderung. Die Langlebigkeit dieser Technik, die teilweise über 40 Jahre im Dienst blieb, ist dabei ein technikhistorisches Detail, das die Pragmatik des ostdeutschen Winterdienstes unterstreicht. Die Straßen waren irgendwann wieder frei.