Ein Tag in Dessau-Roßlau: Wo Geschichte auf Moderne trifft und Kultur auf Natur

Dessau-Roßlau, die drittgrößte Stadt Sachsen-Anhalts, liegt nur eine Autostunde von Leipzig und zwei Stunden von Dresden entfernt im Norden Deutschlands. Sie ist eine Stadt, die auf einzigartige Weise Moderne mit Geschichte und kulturelle Vielfalt mit Natur vereint. Mit über 226.000 Gästeübernachtungen im vergangenen Jahr zieht sie Touristen aus aller Welt an, was nicht zuletzt an ihrer Rolle als Geburtsstätte der Bauhauskunstrichtung und als ehemalige Heimat der Fürsten von Anhalt-Dessau liegt.

Schatzhaus der alten Kunst: Die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau Ein wichtiger kultureller Anziehungspunkt ist die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. Sie befindet sich mitten in der Stadt, unweit des Hauptbahnhofs, im Park Georgium, der zum UNESCO Welterbe Gartenreich Dessau-Wörlitz gehört. Direktor Ruben Rebmann bezeichnet die Galerie als ein „Schatzhaus der alten Kunst aus Anhalt“, das verschiedene Sammlungen zusammenfasst und tiefe Einblicke in die kulturelle Tradition des alten Landes Anhalt ermöglicht.

Die Galerie legt ihren Schwerpunkt auf Gemälde des Barock, der Renaissance und des 18. Jahrhunderts, hat ihre Sammlung jedoch bis in die Moderne fortgesetzt. Dadurch ist sie eng mit zwei UNESCO-Welterbekomplexen der Region verbunden: dem Gartenreich Dessau-Wörlitz und dem Bauhaus Dessau. Ein besonderes Anliegen des Direktors ist es, die lange nicht sichtbare Sammlung wieder sichtbar zu machen, beispielsweise durch Sonderausstellungen, wie eine über Kinderbildnisse von Borg bis zur Romantik, und die großzügige Bereitstellung von Bildern im Netz, die Besucher auch fotografieren dürfen. Die Dauerausstellung im Schloss Georgium, wo einst Mitglieder der Fürstenfamilie lebten, ist bereits wiedereröffnet. Viele Gemälde gehen auf die Kunstsammlung von Prinzessin Henriette Amalie von Anhalt-Dessau zurück.

Ruben Rebmanns persönliches Highlight ist ein niederländisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert von Albert Cuyp, das den antiken Mythos des Sängers Orpheus darstellt. Auf reizende Weise wird Orpheus hier als holländischer Junge mit blonden Locken gezeigt, umgeben von Tieren – darunter ein Hund, der zum Betrachter schaut, und ein halb verstecktes Schwein hinter einem Elefanten.

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz: Ein Gesamtkunstwerk Nur wenige Schritte trennen die moderne Architektur des Bauhauses von der üppigen Kulturlandschaft des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs. Dieser Park ist ein Gesamtkunstwerk, das Architektur mit Gartengestaltung vereint. Eine Gondelfahrt über den Wörlitzer See und durch die Kanäle bietet eine besondere Perspektive auf die vielen Bauwerke und Attraktionen.

Der Gondolier Günther Ries, liebevoll „der Admiral“ genannt, kennt als echter Wörlitzer viele Insidertipps. Er erzählt, dass das Schloss Wörlitz, eine ehemalige Sommerresidenz der Fürstenfamilie von Anhalt-Dessau, eines der ersten Bauwerke des deutschen Klassizismus war und nach dem Vorbild englischer Landhäuser errichtet wurde. Seine Innenausstattung ist bis heute fast vollständig erhalten.

Eine bemerkenswerte Hintergrundinformation, die Günther Ries teilt, ist die Geschichte von Hans Hallervorden, dem Großvater des berühmten Dessauers Dieter Hallervorden. Hans Hallervorden war bis 1946 Parkdirektor und rettete unter anderem die Wörlitzer Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 vor der Zerstörung. Die Familie Hallervorden besucht das Gartenreich bis heute gerne und schätzt den sympathischen Gondolier.

Weitere architektonische Novitäten im Gartenreich sind der Nympheum, der Venustempel und das Gotische Haus, welches der Ausgangspunkt für die Epoche der Neugotik in Deutschland war und stilistische Einflüsse aus Venedig und England aufweist. Im Park leben zudem besondere Bewohner: mehrere blaue Pfauen laufen dort frei herum.

Dieter Hallervorden kehrt heim: Kultur in der Marienkirche Für die Abendunterhaltung kehrt man in die Innenstadt von Dessau-Roßlau zurück, genauer gesagt in die Marienkirche. Hier hat der in Dessau-Roßlau geborene Künstler, Kabarettist und Sänger Dieter Hallervorden das Mitteldeutsche Theater eröffnet. Hallervorden, seit über 17 Jahren Ehrenbürger der Stadt, möchte mit diesem Engagement etwas an seine Heimat zurückgeben und das kulturelle Angebot erweitern. Seine Wurzeln liegen hier; sein Elternhaus, seine Schule und die Nähe zum Betätigungsfeld seines Großvaters in Wörlitz prägten ihn.

Das Rückgrat des Spielplans bilden Theaterstücke. Ein persönlicher Favorit Hallervordens ist das Stück „Adel verpflichtet“, eine mörderische Komödie, in der ein Schauspieler, unterstützt von einem großen Ensemble, in acht verschiedene Rollen schlüpft. Neben seiner eigenen Aufführung im Stück „Winterrose“ treten viele andere renommierte Künstler wie Elke Heidenreich, Bernhard Hoëcker und Harald Schmidt auf. Qualität und Liebe zum Detail stehen im Mittelpunkt des Programms.

Auf seine lange und erfolgreiche Karriere angesprochen, betont Hallervorden die Bedeutung von Hartnäckigkeit: „Immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen, Ziele verfolgen gegen alle Widerstände und sich seinem Seelen treu bleiben“. Er weist jedoch auch darauf hin, dass eine Karriere in der Unterhaltungsbranche, insbesondere als Schauspieler, ein sehr schwerer Weg ist, da viel mehr Schauspieler ausgebildet werden als gebraucht. Er selbst sieht sich als Glückskind, das den richtigen Beruf ergriffen hat, und zeigt sich demütig angesichts der Tatsache, dass die Menschen ihn nach 65 Jahren im Beruf immer noch sehen möchten.

Dessau-Roßlau, eingebettet zwischen Elbe und Mulde, erweist sich als perfekter Ort, um in vergangene Zeiten einzutauchen und gleichzeitig ganz im Hier und Jetzt zu sein. Eine Reise dorthin verspricht, Moderne, Geschichte, Kultur und Natur auf unvergessliche Weise zu erleben.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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