Das erste WBS 70-Wohnhaus in Neubrandenburg erhält ein neues Dach

Neubrandenburg – Es ist ein Gebäude von besonderer Bedeutung für die Stadt Neubrandenburg und die deutsche Architekturgeschichte: das Wohnhaus in der Koschaliner Straße 1 bis 7. Dieses Gebäude ist nicht nur ein Zuhause für seine Bewohner, sondern auch ein Zeugnis seiner Zeit – es ist das allererste in Plattenbauweise der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) errichtete Gebäude überhaupt. Als Ikone der Architektur steht es unter Denkmalschutz und wird dementsprechend behutsam erhalten und gepflegt. Genau das war in den vergangenen Wochen der Fall, als das Gebäude einer dringenden Instandsetzung unterzogen wurde.

Akute Gefahr am Giebel
Anfang Juni bot sich den Passanten ein ungewohntes Bild: Betonplatten vom Dach und Gebäudekörper lagerten vor dem Haus, und das Gebäude war teilweise eingerüstet. Der Grund dafür war ein akutes Schadensbild im Giebelbereich: Eine sogenannte Drempelplatte drohte sich herauszudrücken und abzustürzen. Der Drempel ist der Bereich zwischen dem letzten Obergeschoss und dem eigentlichen Dach, wo auch das Regenwasser über einen Dachsteg in der Mitte in die Stränge abgeleitet wird. Nach all den Jahren hatte sich dieser Dachsteg an einer Stelle gesenkt und drückte nun gegen die Drempelplatte der Giebelfassade.

Komplexe Rettungsaktion mit Fachkräften
Um das Problem zu beheben, musste das Dach im entsprechenden Bereich geöffnet und abgedeckt werden. Bereits im Mai begannen die Arbeiten, bei denen ein nicht gerade kleiner Kran zum Einsatz kam, um Betonplatte für Betonplatte sicher nach unten zu befördern. Für die Bauphase wurde zudem eine provisorische Behelfsdachabdeckung installiert.

Die Instandsetzung war ein Paradebeispiel für koordinierte Zusammenarbeit und Professionalität, besonders da es sich um ein bewohntes Objekt handelte. Insgesamt waren vier spezialisierte Unternehmen an dem Projekt beteiligt:

• Ein Unternehmen für den Rückbau und die Montage der einzelnen Betonelemente.

• Der Gerüstbauer, der das Behelfsdach über den Drempelbereich setzte, während das eigentliche Dach komplett geöffnet war.

• Ein Dachdeckerunternehmen, das die Abdichtung wiederherstellte.

• Ein weiteres Unternehmen, spezialisiert auf die Wiederherstellung der Fugen in Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt.

Herausforderung Denkmalschutz: Exaktheit bis ins Detail
Die besondere Herausforderung bei dieser Instandsetzung war die Auflagen des Denkmalschutzes. Die äußerlich sichtbaren Plattenelemente des schadhaften Bereichs mussten so aufgearbeitet werden, dass ein stimmiges, originalgetreues Gesamtbild des Gebäudes erhalten bleibt. Bei solchen Denkmalschutzprojekten geht es immer um Exaktheit bis hin zu Farbnuancen und Fugmaßen. Dieser Feinschliff wurde zum Abschluss der Baumaßnahme vorgenommen.

Erfolgreicher Abschluss
Das große Finale fand am letzten Junitag statt, erneut unter Einsatz des großen Krans. Das Behelfsdach hatte seinen Zweck erfüllt und wurde abgebaut. Der Dachsteg sitzt nun wieder fest in Position, sodass Drempel und Dachabdeckung anschließend Stück für Stück geschlossen und fachgerecht abgedichtet werden konnten.

Mit dieser aufwendigen Instandsetzung wurde das WBS 70-Original gesichert – als Zuhause für seine Bewohner und als unverzichtbares Architekturdenkmal für Neubrandenburg.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl