Der Untergrund-Weg in die Freiheit: Massenflucht durch die Berliner Kanalisation

Berlin, Neue Grünstraße – Unsichtbar für die meisten Passanten, verbirgt sich unter einem gewöhnlichen Gullydeckel in der Neuen Grünstraße in Berlin eine außergewöhnliche Geschichte der Flucht und des Überlebens. Dieser Ort, heute Teil der belebten Stadt, war einst eine „gottverlassene Gegend“, geprägt von Trümmergrundstücken – Überresten des Krieges, die von der DDR nicht wiederaufgebaut wurden. Nur ein einziges Haus, das Paul Gerhard Haus Nummer 27, stand damals noch, beleuchtet von einer einsamen Peitschenlaterne über der Straße. Doch gerade diese trostlose Abgeschiedenheit machte die Gegend zu einem strategischen Punkt für diejenigen, die den Weg in die Freiheit suchten.

Wie uns Dr. Weigel berichtet, trafen sich hier Menschen, um den Spuren der Fluchten „aus der Zone“, wie man die DDR früher nannte, zu folgen. Durch einen bestimmten Gully an dieser Stelle kletterten mindestens ein bekannter Theologe und seine Frau in das unterirdische Kanalisationssystem. Das Besondere an dieser Kanalisation war, dass sie nicht zur nahegelegenen Spree führte, sondern zum Landwehrkanal, mit einem leichten Gefälle. Dieses Gefälle war ein Vorteil, da bei Regen das Wasser in Fließrichtung half und die Flucht nicht gegen den Strom erfolgen musste.

Die Bedingungen unter Tage waren extrem. Die Kanalisation war ein Mischkanal, der sowohl Regenwasser als auch die Kloake der umliegenden – wenn auch kaum vorhandenen – Häuser transportierte. Der Wasserstand war stark vom Regen abhängig und konnte laut einem Flüchtling bis zur „Unterkante Oberlippe“ ansteigen, was die Fortbewegung erschwerte. Normalerweise beträgt die Höhe im Kanal etwa 1 Meter, was bedeutete, dass man nicht aufrecht gehen konnte, sondern robben musste. Dazu kam die absolute Dunkelheit; ohne Taschenlampe sah man überhaupt nichts. Trotz dieser widrigen Umstände und des Gestanks zögerte niemand, der hier die Chance zur Flucht sah. Wie Dr. Weigel festhält, gab es nach der Grenzschließung am 13. August nur noch wenige Gelegenheiten, und viele sahen dies als ihre letzte Chance. Niemand habe zurückgezuckt oder gesagt, es stinke zu sehr. Selbst eine ältere Dame, die ohnmächtig wurde, kroch nach dem Erwachen weiter.

Die Flucht durch die Kanalisation war logistisch extrem aufwendig. Organisiert wurde sie maßgeblich von einem Freund Dr. Weigels, namens Dieter Team. Drei entscheidende Dinge wurden getan:

1. Es wurden „Deckelmänner“ aus dem Westen rekrutiert. Dies waren routinierte Helfer, die wussten, was zu tun war – sie öffneten und schlossen die Gullydeckel. Im Gegensatz zu früheren, weniger organisierten Fluchten, bei denen der Entkommene selbst den nächsten Fluchtwilligen als Deckelmann informieren musste, kamen diese Helfer speziell vom Westen rüber, um die Deckelarbeit zu übernehmen.

2. Um den offenen Gullydeckel zu tarnen, wurden Autos davor und dahinter geparkt. Gelegentliche Passanten sollten so nichts Auffälliges bemerken.

3. Das Gitter in der Röhre wurde aufgesägt. Die DDR hatte bereits in den 1950er Jahren alle Rohre zwischen Ost und West ab einer Höhe von 40 cm vergittert, angeblich um „Schmuggler und Spionage“ zu verhindern – eine Begründung, die Dr. Weigel als „lächerlich“ und Ausdruck einer „manischen Angst Angstpsychose“ bezeichnet. Die Gitter waren meist ein Stück weit auf der Ostseite platziert. Das Aufsägen dauerte drei Tage und Nächte.

Als die Flucht professionell organisiert wurde, lief der Einstieg sehr schnell ab. Die Flüchtlinge hielten die Arme hoch und wurden von den westlichen Deckelmännern in Sekundenschnelle in den Gully hinuntergelassen. So konnten innerhalb von 1 bis 1,5 Minuten 10 bis 15 Personen unter die Erde gebracht werden. Dort mussten sie sich schnell in die Röhre begeben. Im Kanal selbst gab es eine Struktur: ein Anführer vorne, jemand am Ende, der die Gruppe zusammenhielt, und ein Helfer auf der Ostseite, der sicherstellte, dass niemand in die falsche Richtung kroch. Die Anweisung war, sich am Kleidungsstück des Vordermanns festzuhalten und schnell hinterherzukriechen.

Durch diese spezifische Kanalisation entkamen in einem Zeitraum von knapp drei Wochen, vom 25. September bis zum 14. Oktober 1961, etwa 500 Menschen. Dies war die größte Massenflucht durch die Kanalisation, die es je gab. Insgesamt flohen durch das Kanalisationsnetzwerk, unter Einbeziehung von zwei weiteren Röhren, etwa 800 Menschen.

Eine Besonderheit dieser Fluchten war, dass oft ganze Familien und Freunde mitgenommen wurden. Anfangs waren Gruppen kleiner, aber schnell wuchsen sie an – aus neun geplanten Personen wurden einmal 27. Auch Kinder konnten mitgenommen werden, da sie keine falsche Identität annehmen mussten. Die Menschen, die flohen, wussten, dass die Gelegenheit begrenzt war und dachten oft: „Wo ich durchkomme, kommen auch meine Freunde und meine Familie durch“.

Eine entscheidende Rolle spielten die Bewohner des einzigen stehenden Hauses, des Paul Gerhard Hauses. Dort wohnte ein Ehepaar, er im Rollstuhl, sie mit einem Hund. Anfangs musste der Fluchtablauf an die Spaziergänge der Frau angepasst werden. Später jedoch war die Frau eindeutig auf der Seite der Fluchthelfer und richtete ihre Gassi-Runden nach deren Planungen. Obwohl sie aufgrund des Rollstuhls nicht selbst fliehen konnten, halfen sie, wo sie konnten. Der Rollstuhlfahrer leistete später noch besondere Hilfe, wie berichtet wird.

Heute erinnert nur wenig an diese dramatischen Ereignisse. Ein Gullydeckel in der Nähe trägt die Inschrift „Einstieg zur Freiheit“, ein Projekt, das mit Zustimmung der Stadtverwaltung umgesetzt wurde. Leider ist dieser Gully oft zugeparkt. Eine kurzzeitig am Haus angebrachte Gedenktafel musste entfernt werden, da die Hausbewohner dies nicht wünschten. So ist an diesem historischen Ort heute kaum etwas zu sehen.
Die Geschichten dieser Fluchten durch die Berliner Kanalisation zeugen von einem unbändigen Willen zur Freiheit, der Menschen selbst in die dunkelsten und unwürdigsten Gänge trieb. Sie sind ein beeindruckendes Beispiel für Mut, Organisation und die Bereitschaft, unter schwierigsten Bedingungen für die eigene Freiheit zu kämpfen.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.