Wie junge Stimmen das Bild vom Osten verändern

Montagabend in Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands. Wieder versammeln sich Menschen zum Protestmarsch – zum 258. Mal seit 2020. Die sogenannten Montagsdemos haben sich hier etabliert, anfangs gegen die Corona-Maßnahmen, später gegen Migration, die Bundesregierung, inzwischen auch gegen die Aufrüstungspolitik. Der Anlass diesmal: Die Übernahme des traditionsreichen Waggonbauwerks durch einen Rüstungskonzern. Panzer statt Personenwaggons – für viele ein Symbol verfehlter Industriepolitik.

Doch Görlitz ist mehr als nur Bühne für Protest. Nur wenige Meter weiter stehen zwei junge Frauen mit einem selbstgebastelten Plakat in der Hand. Hannah Müller und Veronika Vogel, beide Mitte zwanzig, studieren und bloggen unter dem Namen „Eastplaning“ über das Leben im Osten. Sie kontern mit Gegenrede, Dialogangeboten und einem klaren Ziel: „Wir wollen nicht, dass die Rechten das Bild vom Osten prägen.“

Kontraste in der Altstadt
Der Kontrast könnte kaum größer sein: Auf der einen Seite vermummte Demonstrierende mit teils verschwörungsideologischen Parolen, auf der anderen Seite zwei Bloggerinnen, die Geschichte und Gegenwart differenziert erklären wollen. „Was ich richtig furchtbar finde, ist, dass einige sich sogar DDR-Parolen aneignen“, sagt Vogel. „Dabei hat das überhaupt nichts mit dem zu tun, was diese Parolen damals bedeutet haben.“

Der Protest richtet sich gegen die künftige Rüstungsproduktion im Waggonwerk. Der Betrieb war einst einer der bedeutendsten Arbeitgeber in der DDR. Jetzt, nach Jahren der Unsicherheit, soll hier wieder investiert werden – allerdings nicht in Schienenfahrzeuge, sondern in militärische Fahrzeuge. Für Müller ein problematischer Richtungswechsel: „Ich bin nicht gegen Industrie, aber ich finde, wir hätten in nachhaltigere Mobilität investieren sollen.“

Junge Stimmen gegen alte Zuschreibungen
Die beiden Bloggerinnen sind keine Aktivistinnen im klassischen Sinne. Ihre Beiträge handeln von regionaler Geschichte, Kultur, gesellschaftlichen Entwicklungen. Und immer wieder geht es um ein Thema: die westdeutsche Wahrnehmung Ostdeutschlands – oft klischeebeladen, oft defizitorientiert.

„Wir tun immer noch so, als wäre der Osten ein isolierter Sonderfall, ein Exot im eigenen Land“, sagt Müller. Dabei sei es längst an der Zeit, Ostdeutschland nicht nur als Problemzone, sondern als Möglichkeitsraum zu begreifen. „Hier ist noch nicht alles fertig – das ist das Spannende“, ergänzt Vogel. Die Unfertigkeit sehen sie nicht als Mangel, sondern als Gestaltungschance. „Deshalb bleiben wir hier.“

Alltag zwischen Grenzstädten
Görlitz und sein polnisches Pendant Zgorzelec sind durch eine Brücke verbunden – geografisch und auch menschlich. Viele Pendler, gemischte Familien, enge wirtschaftliche Beziehungen. Müller erinnert sich: „Ich war als Kind in Polen im Kindergarten. Damals gab es noch Grenzkontrollen, heute ist es normal, einfach rüberzugehen.“ Rund die Hälfte der ausländischen Einwohner von Görlitz kommt aus dem Nachbarland. Und dennoch: Vorurteile existieren – auch unter Jugendlichen. „Ich war auf dem Gymnasium die einzige mit polnischem Hintergrund – das wurde mir schon manchmal spürbar gemacht“, sagt sie.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, setzen sich die beiden Bloggerinnen für Verständigung ein. Ihr Projekt „Eastplaning“ will nicht nur aufklären, sondern auch Perspektiven schaffen. Für Ostdeutsche, die sich vom öffentlichen Diskurs nicht repräsentiert fühlen, und für Westdeutsche, die besser verstehen wollen.

Hoffnung statt Stigma
Görlitz ist kein Einzelfall. Die Kombination aus wirtschaftlicher Unsicherheit, demografischem Wandel und politischen Umbrüchen trifft viele Orte im Osten. Doch die Antwort darauf ist vielfältig. In einer alten Industrieanlage der Stadt befindet sich heute ein Kulturzentrum. Dort, erzählen Müller und Vogel, wurde einst ein Zuckerfest gefeiert – mit Henna-Tattoos, internationalen Gerichten, offenem Austausch. „Solche Orte zeigen: Hier passiert was. Hier entsteht Zukunft.“

Und auch sonst tut sich etwas: Direkt neben dem Platz der Montagsdemos entsteht ein neues Forschungszentrum. Die Hoffnung ist, dass junge Menschen nach ihrem Studium wieder in die Region zurückkehren – so wie Müller und Vogel. „Es gibt viel zu erklären – im Osten und über ihn“, sagen sie. Und solange Klischees dominieren, wollen sie weiterbloggen. Gegen ein Image, das ihrem Alltag nicht gerecht wird.

Der SPIEGEL-Beitrag beleuchtet exemplarisch am Fall Görlitz die Widersprüche und Chancen Ostdeutschlands. Er zeigt, dass es abseits von Protest und Polarisierung junge Stimmen gibt, die für einen anderen Diskurs stehen – selbstbewusst, kritisch und hoffnungsvoll. Der Osten bleibt kompliziert – aber genau darin liegt seine Kraft.

DDR-Alltag im Januar 1990 zwischen Wirtschaftsreform und Massenabwanderung

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn man auf die erste Januarwoche des Jahres 1990 blickt, sieht man eine Gesellschaft, die versucht, in der Auflösung so etwas wie Normalität zu simulieren. Teaser: Die Zahlen, die das Bundesinnenministerium zu Jahresbeginn veröffentlicht, sind mehr als nur Statistik. Über 343.000 Menschen haben die DDR im Jahr 1989 verlassen. Das ist der Hintergrund, vor dem sich in diesen Tagen alles abspielt. Während die großen politischen Räder drehen – die SED zieht sich aus der Armee zurück, neue Parteien formieren sich für den Mai – versucht die Verwaltung, den Alltag zu organisieren. Es ist eine seltsame Mischung aus großer Geschichte und kleinteiliger Regulierung. Da wird einerseits ein Wechselkurs von 3:1 festgelegt, andererseits treten detaillierte Regeln für den ambulanten Handel in Kraft. Man darf jetzt Waldfrüchte ohne Genehmigung verkaufen, muss aber für selbstgebastelte Waren Preise beantragen. In Gransee gründen sich Mittelstandsverbände, während in Bitterfeld zum ersten Mal ein Umweltbeauftragter versucht, das Ausmaß der Schäden zu erfassen. Gleichzeitig endet in Berlin ein Stück der Nach-Mauerfall-Ausnahme: Die kostenlose Fahrt in Bus und Bahn für DDR-Bürger ist vorbei. Zwei Mark kostet das Ticket jetzt. Es sind diese kleinen Momente, in denen die neue Realität greifbar wird, jenseits der großen runden Tische. Reiseführer sind auf beiden Seiten ausverkauft. Die Menschen wollen wissen, wo sie eigentlich leben und wohin sie jetzt fahren können. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Der Januar 1990 markiert den Punkt, an dem aus dem politischen Protest des Vorjahres eine administrative Transformation wird. Teaser: Die Nachrichtenlage der ersten Januarwoche liest sich wie ein Inventarbericht eines Staates im Umbau. Mit der Einrichtung eines Ministeriums für Umwelt und Naturschutz und der Benennung von Umweltbeauftragten in Regionen wie Bitterfeld reagiert die Führung auf die offensichtlichen ökologischen Defizite. Es ist der Versuch, staatliche Strukturen an die Forderungen der Bürger anzupassen. Wirtschaftlich beginnt mit dem Kurs von 3:1 und neuen Handelsbestimmungen eine Phase der Monetarisierung. Der "Verband der mittelständischen privaten Betriebe", der sich in Gransee gründet, steht symbolisch für das Ende der reinen Planwirtschaft. Politisch ist der Rückzug der SED-Parteiorganisationen aus der NVA und den Grenztruppen das vielleicht wichtigste Signal dieser Tage. Die Entflechtung von Partei und bewaffneten Organen ist die Grundvoraussetzung für die anstehenden freien Wahlen. In den Buchhandlungen sind Reiseführer Mangelware. Das Interesse an der eigenen, nun offenen Geografie übersteigt das Angebot bei weitem. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Zwischen dem Ende der Gratis-Fahrten in Westberlin und den neuen Preisen für den ambulanten Handel kommt die Marktwirtschaft in kleinen Schritten an. Teaser: Während die Politik sich auf den Mai vorbereitet und Programme schreibt, schafft die Realität Fakten. 343.000 Menschen weniger in einem Jahr – diese Zahl steht über allem. Die Reaktion ist eine Mischung aus Liberalisierung und dem Versuch, die Kontrolle zu behalten. Jeder Schritt, von der Preisbewilligung für Handwerkswaren bis zum ersten Umweltbeauftragten in Bitterfeld, erzählt von der Suche nach neuen Regeln. Die alte Ordnung gilt nicht mehr, die neue ist noch nicht geschrieben.