Ostdeutsche Identität als Migrationsgeschichte ohne Ortswechsel

Über Nacht wechselten die Waren in den Regalen, Straßennamen verschwanden und in den Büros sprach man plötzlich einen neuen Dialekt. Es war eine Reise in ein fremdes Land, ohne dass sich der eigene Wohnort auf der Karte auch nur einen Millimeter verschob. Die vertraute Kulisse blieb stehen, doch die Regeln des Alltags und das gesellschaftliche Gefüge wurden komplett neu geschrieben.

Dieser Prozess trägt soziologisch betrachtet alle Züge einer klassischen Migration. Neue kulturelle Codes mussten entschlüsselt, die eigene Sprache angepasst und die Entwertung der bisherigen Biografie verarbeitet werden. Es war eine Form der Assimilation, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen wird, weil niemand physisch auswanderte. Stattdessen kam das Ausland zu den Menschen und forderte eine stille Integration.

Im Gegensatz zu osteuropäischen Nachbarländern, die sich weitgehend von innen heraus wandelten, wurden hier gesellschaftliche Strukturen oft von außen ersetzt. Dass Schlüsselpositionen extern besetzt wurden, verstärkte bei vielen das irritierende Gefühl, im eigenen Land zum Fremdkörper zu werden. Einheimischer und Migrant zugleich zu sein, erzeugt eine Spannung, die sich bis heute kaum in einfache politische Raster fügen lässt.

Zwischen dem befreienden Aufbruch und dem Verlust der Deutungshoheit über das eigene Leben liegen unzählige individuelle Erfahrungen. Diese Ambivalenz lässt sich nicht harmonisch auflösen, sondern bleibt eine stetige Auseinandersetzung mit der Frage, wie viel der früheren Identität im gegenwärtigen System Platz finden darf und was unwiederbringlich verblasst ist.

In dieser gebrochenen Geschichte verbirgt sich eine spezifische Erfahrungskompetenz für Wandel, die erst mit zeitlichem Abstand als Ressource erkennbar wird.