Von der Evaluation zur Liquidation – Das Ende der Ost-Wissenschaft

Wie Artikel 38 des Einigungsvertrages die akademische Landschaft umpflügte und warum ostdeutsche Professoren bis heute eine Rarität sind.

Artikel 38 des Einigungsvertrages liest sich harmlos: Er spricht von der „Erneuerung von Wissenschaft und Forschung“. Doch hinter diesen dürren Worten verbirgt sich einer der radikalsten intellektuellen Kahlschläge der deutschen Geschichte: Die Zerschlagung der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) und die fast vollständige Umstrukturierung der ostdeutschen Universitätslandschaft.

Strukturbruch per Gesetz
Das Wissenschaftssystem der DDR war nach sowjetischem Vorbild zentralisiert: Forschung fand primär an der Akademie statt (ca. 24.000 Mitarbeiter), Lehre an den Universitäten. Dieses System war mit dem föderalen Hochschulmodell der Bundesrepublik inkompatibel. Der Einigungsvertrag garantierte den Bestand der AdW-Institute nur bis zum 31. Dezember 1991. In dieser Zeit sollte der Wissenschaftsrat die Institute evaluieren.

Was folgte, empfanden viele Ost-Wissenschaftler als Demütigung. Westdeutsche Gutachter bewerteten ihre Lebensarbeit. Zwar wurde vielen Instituten in den Naturwissenschaften (Physik, Chemie) hohe Qualität attestiert, doch strukturell passten sie nicht ins Bild. Das Ergebnis: Die Akademie wurde aufgelöst. Die „Filetstücke“ (z.B. in Berlin-Buch oder Adlershof) wurden in die Max-Planck- oder Fraunhofer-Gesellschaft integriert. Der Rest – vor allem Geistes- und Sozialwissenschaften, die als ideologisch belastet galten – wurde abgewickelt. Kritiker sprachen damals pointiert vom Weg „von der Evaluation zur Liquidation“.

WIP und der Brain Drain
Tausende Wissenschaftler standen vor dem Nichts. Um den sozialen Sprengstoff zu entschärfen, legte die Politik das Wissenschaftler-Integrations-Programm (WIP) auf. Mit 600 Millionen DM wurden befristete Stellen an Universitäten geschaffen, um Forschern den Übergang zu ermöglichen. Doch für viele war dies nur eine Galgenfrist. Wer nicht in den Westen ging („Brain Drain“) oder in die Industrie wechselte, musste oft umschulen.

Besonders bitter war der Elitenaustausch an den Universitäten. Lehrstühle für Geschichte, Jura oder Soziologie wurden fast flächendeckend mit Westdeutschen besetzt. Das Argument: Nur unbelastetes Personal könne demokratische Lehre garantieren. Die Folge war jedoch, dass ostdeutsche Perspektiven und Forschungstraditionen aus dem akademischen Diskurs weitgehend verschwanden. Bis heute sind Ostdeutsche in den Führungsetagen der deutschen Wissenschaft massiv unterrepräsentiert – eine direkte Spätfolge der Weichenstellungen des Artikels 38, der eher eine Übernahme als eine Vereinigung der Wissenschaftssysteme organisierte.