Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik ist auch eine Geschichte des staatlichen Zugriffs auf das Private. Besonders deutlich wird dies beim Thema Zwangsadoptionen, das lange Zeit als Randphänomen betrachtet wurde. Eine im Januar 2026 veröffentlichte Studie wirft nun ein neues Licht auf das Ausmaß dieser Eingriffe. Von rund 95.000 Adoptionen zwischen 1945 und 1990 erfolgten demnach mindestens 10.450 Fälle nicht primär zum Wohl des Kindes, sondern aufgrund politischer Willkür oder einer ideologisch geprägten Interpretation von Erziehungsunfähigkeit. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich nicht um bedauerliche Einzelfälle handelte, sondern um eine systematische Praxis, die tief in der Struktur des SED-Staates verankert war.
Um die Mechanismen hinter diesen Zahlen zu verstehen, muss man den ideologischen Anspruch der DDR an die Erziehung betrachten. Das Familiengesetzbuch von 1965 definierte in Paragraph 21 das Ziel, Kinder zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu formen. Eltern hatten die Pflicht, ihre Kinder im Sinne des Staates zu erziehen. Wer diesem Bild nicht entsprach, geriet schnell ins Visier der Behörden. Der Schutz der Familie, wie er in demokratischen Verfassungen verankert ist, trat hinter dem Erziehungsanspruch des Kollektivs zurück. Der Staat verstand sich als oberster Vormund, der intervenieren durfte und musste, wenn die häusliche Sozialisation nicht den politischen Normen entsprach.
Ein zentrales Instrument der Repression war der Paragraph 249 des Strafgesetzbuches, der sich gegen „asoziales Verhalten“ richtete. Die Definition dessen, was als asozial galt, war bewusst vage gehalten und bot weiten Interpretationsspielraum. Arbeitslosigkeit, häufiger Partnerwechsel, Alkoholprobleme oder schlicht eine nonkonforme Lebensweise konnten ausreichen, um kriminalisiert zu werden. Für viele alleinerziehende Mütter oder politisch Missliebige wurde dieser Paragraph zur Falle. Eine Verurteilung führte oft nicht nur zu Haftstrafen oder Arbeitserziehung, sondern fast automatisch zum Entzug des Sorgerechts. Die Kinder wurden den Eltern entzogen, während diese im Gefängnis saßen, und oft noch vor der Haftentlassung zur Adoption freigegeben.
Die Rolle der Jugendhilfe in der DDR ist in diesem Kontext kritisch zu beleuchten. Anders als in westlichen Systemen, wo die Inobhutnahme eines Kindes als letztes Mittel gilt, agierten die DDR-Behörden oft präventiv und repressiv. Berichte der Staatssicherheit, aber auch Meldungen von Nachbarn oder Lehrern, konnten Auslöser für Maßnahmen sein. Dabei wurde der Begriff der Kindeswohlgefährdung politisch instrumentalisiert. Nicht die physische Vernachlässigung stand zwingend im Vordergrund, sondern die Sorge, das Kind könnte in einem „feindlich-negativen“ Milieu aufwachsen. Heime fungierten dabei oft nur als Durchgangsstationen, um die Kinder auf eine Vermittlung in linientreue Familien vorzubereiten.
Besonders perfide waren die Methoden, mit denen Eltern zur Freigabe ihrer Kinder gedrängt wurden. Betroffene berichten von massiver psychischer Druckausübung durch Behördenmitarbeiter. Müttern wurde suggeriert, sie seien überfordert und könnten ihren Kindern keine Zukunft bieten. Es wurde mit Gefängnis gedroht, sollte keine „freiwillige“ Einwilligung zur Adoption unterschrieben werden. Diese Unterschriften, oft unter Tränen und Zwang geleistet, dienten später als juristische Legitimation für den Vorgang. In extremen Fällen, etwa nach Geburten, wurde Eltern mitgeteilt, ihr Säugling sei verstorben, während das Kind tatsächlich einer anderen Familie zugeführt wurde.
Für die betroffenen Kinder, wie das Beispiel der 1972 im Alter von vier Jahren zwangsadoptierten Katrin Bär zeigt, hatte der Eingriff lebenslange Folgen. Viele erfuhren erst im Erwachsenenalter, dass ihre Biografie auf einer Lüge basierte. Der Verlust der leiblichen Familie, der Namenswechsel und die Umerziehung führten zu tiefen Identitätskrisen. Das Gefühl, nirgendwo wirklich dazuzugehören, begleitet viele Opfer bis heute. Die Adoptiveltern hingegen handelten oft im guten Glauben, ein Kind aus schlechten Verhältnissen gerettet zu haben, ohne die wahren Hintergründe der Trennung zu kennen. Dies macht die Aufarbeitung auch innerhalb der Familien zu einem schmerzhaften Prozess.
Die historische Einordnung verlangt auch einen Blick auf die gesellschaftliche Realität der DDR. Nicht jeder Eingriff des Jugendamtes war politisch motiviert; auch in der DDR gab es echte Verwahrlosung, die ein Einschreiten erforderte. Doch die Grenzen zwischen notwendigem Kinderschutz und staatlicher Willkür waren fließend. Das System nutzte alltägliche Krisen – Scheidungen, finanzielle Not, Überforderung – als Hebel, um Zugriff auf die nächste Generation zu erhalten. Wer sich nicht anpasste, riskierte das Liebste. Diese latente Drohung war Teil der Herrschaftssicherung und disziplinierte die Gesellschaft bis in den privatesten Bereich hinein.
Die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung dieser Vorgänge gestaltet sich bis heute schwierig. Viele Akten wurden in der Wendezeit vernichtet oder sind in verschiedenen Archiven verstreut, was die Beweisführung für Betroffene erschwert. Zudem galten die Adoptionen nach DDR-Recht oft als formal korrekt abgeschlossen, da die erzwungenen Einwilligungserklärungen vorlagen. Dies führt zu der bitteren Realität, dass viele Täter – Richter, Jugendamtsmitarbeiter, Heimleiter – nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Sie konnten sich darauf berufen, nach geltenden Gesetzen gehandelt zu haben, auch wenn diese Gesetze Unrecht legitimierten.
Die aktuelle Studie von 2026 und die Arbeit von Betroffenenverbänden haben das Thema wieder in den Fokus gerückt. Die Forderungen zielen heute weniger auf strafrechtliche Verfolgung, die aufgrund von Verjährung kaum noch möglich ist, sondern auf Rehabilitierung und Akteneinsicht. Es geht um die Anerkennung des Leids und die Korrektur der offiziellen Biografien. Für die Opfer ist es essenziell, dass der Staat bestätigt: Ihnen geschah Unrecht, sie wurden nicht von ihren Eltern verstoßen. Die Entschädigung ist dabei oft zweitrangig gegenüber dem Wunsch nach Wahrheit und dem Schließen der Lücken in der eigenen Lebensgeschichte.
Abschließend bleibt die Erkenntnis, dass die Zwangsadoptionen in der DDR eine Mahnung darstellen, wie fragil das Recht auf Familie sein kann, wenn staatliche Ideologie über das Individuum gestellt wird. Die Aufarbeitung ist ein Wettlauf gegen die Zeit, da sowohl die Generation der leiblichen Eltern als auch die der Täter alt wird und stirbt. Was bleibt, ist die Verantwortung der Gesellschaft, zuzuhören und die Geschichten der „gestohlenen Kinder“ als Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte zu bewahren. Nur durch das Wissen um diese Mechanismen kann verhindert werden, dass sich staatliche Übergriffigkeit unter anderen Vorzeichen wiederholt.