Ein stiller Tod und ein lauter Schrei: Der Fall Matthias Domaschk

Ein junger Mann steigt in einen Zug, um zu einer Geburtstagsfeier zu fahren, und kommt in einem Sarg zurück. Die offizielle Version: Suizid. Die Wahrheit: Ein politisches Verbrechen.

1981 starb der 23-jährige Matthias Domaschk in der U-Haft der Stasi. Sein Tod wurde zum Wendepunkt für die Opposition in Jena. Statt Angst löste er Wut aus – und Aktionen, die an Kreativität und Mut kaum zu überbieten waren.

Matthias Domaschk war kein Rädelsführer, er war einfach nur „anders“. Er trug lange Haare, engagierte sich in der Jungen Gemeinde und wollte sein Leben selbst bestimmen. Das reichte der Stasi, um ihn am 10. April 1981 in einem Zug bei Jüterbog zu verhaften. Er wurde in die Untersuchungshaftanstalt Gera verschleppt und tagelang verhört. Am 12. April war er tot. Die Stasi behauptete, er habe sich mit seinem Hemd erhängt. Seine Freunde glaubten das keine Sekunde. Ein lebenslustiger junger Mann, der Vater einer kleinen Tochter war und heiraten wollte, bringt sich nicht wegen einer Ausweiskontrolle um.

Sein Tod wirkte wie ein Fanal. Statt sich einschüchtern zu lassen, ging die Jenaer Szene in die Offensive. Die Beerdigung wurde zu einer stummen Demonstration mit über hundert Teilnehmern, überwacht von Kameras der Staatssicherheit. Was folgte, war ein Katz-und-Maus-Spiel. Freunde wie Roland Jahn platzierten Todesanzeigen in Zeitungen („Ein Jahr ohne Dich“), schnitten sie aus und klebten sie als Plakate an Litfaßsäulen – mit Klebstoff, den die Stasi kaum abkratzen konnte.

Unvergessen bleibt die Aktion mit der Skulptur: Zum Jahrestag stellten Freunde eine 200 Kilo schwere Plastik auf dem Friedhof auf. Als die Stasi sie heimlich entfernte, fotografierte Roland Jahn dies aus einem Versteck. Das Foto landete im „Spiegel“ und blamierte das Regime weltweit. Der Fall Domaschk zeigte: Die Macht des Staates endete dort, wo Menschen ihre Angst verloren.

Bärbel Bohley und die Entstehung der Opposition in der DDR

Journalistischer Text - Seite (Teaser) Die Entscheidung zur Rückkehr in ein geschlossenes System Ein schmuckloses Dokument und der Wille einer einzelnen Frau standen gegen den Apparat eines ganzen Staates. Ich betrachte diesen Lebensweg und sehe, wie Bärbel Bohley im August 1988 eine Entscheidung traf, die für viele Außenstehende kaum nachvollziehbar war. Anstatt im sicheren Westen zu bleiben, kehrte sie in die DDR zurück, wohlwissend, dass dort erneute Überwachung und Gängelung auf sie warteten. Diese individuelle Haltung, im Land zu bleiben, um es zu verändern, erscheint mir als der eigentliche Kern des späteren Umbruchs. Es fällt auf, dass die Gründung des Neuen Forums im Herbst 1989 kein spontaner Akt war, sondern die Folge dieser beharrlichen Vorarbeit. Wenn ich auf den 9. November blicke, sehe ich nicht nur die jubelnde Masse an der Grenze, sondern auch die Pressekonferenz in einem Hinterhof, bei der Bohley die Legalität der Opposition verkündete. Es waren diese kleinen, fast unsichtbaren Momente der Organisation, die das Fundament für die friedliche Revolution legten.