In der offiziellen Lesart der Deutschen Demokratischen Republik war Reichtum ein Relikt des verhassten Kapitalismus. Die Losungen an den Fabrikmauern priesen Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität. Doch hinter den grauen Fassaden der Plattenbauten und den hohen Mauern der Funktionärssiedlungen etablierte sich eine Realität, die den sozialistischen Traum ad absurdum führte: Eine Klassengesellschaft, in der nicht das Bankkonto, sondern Beziehungen, Parteibücher und der Zugang zu „Westgeld“ über den sozialen Status entschieden.
Schon früh zeigte sich, dass „Gleichheit“ eine hohle Phrase war. Während der Arbeiterstaat offiziell die Bescheidenheit predigte, wuchs hinter den Kulissen ein Netz aus Privilegien. Ein Parteiausweis oder der richtige Posten öffneten Türen, die dem gewöhnlichen Bürger verschlossen blieben. Es entstand eine Währung, die stabiler war als die Mark der DDR: Beziehungen. Wer jemanden kannte, der jemanden kannte, bekam das begehrte Ersatzteil, die Baugenehmigung oder den Platz im Ferienheim. Das Wort „organisieren“ wurde zum Synonym für das Überleben im Mangel.
Die wahre Elite jedoch, die Nomenklatura, lebte in einer völlig anderen Sphäre. In abgeschirmten Siedlungen wie Wandlitz genoss die SED-Führung einen Lebensstandard, der dem Westen in nichts nachstand – importierte Delikatessen, westliche Unterhaltungselektronik und maßgeschneiderte Kleidung. Die Doppelmoral war atemberaubend: Während man dem Volk den Konsumverzicht als revolutionäre Tugend verkaufte, trank man selbst französischen Cognac und fuhr schwedische Volvos.
Doch nicht nur die politische Elite profitierte. Es bildete sich eine „graue Ökonomie“ aus Handwerkern, Gastronomen und findigen „Organisatoren“, die die Lücken der Planwirtschaft nutzten. Sie waren die heimlichen Millionäre des Ostens. Ihr Reichtum war jedoch ein gefährliches Geheimnis. Man konnte ihn nicht zeigen. Luxus musste unsichtbar bleiben, versteckt hinter unscheinbaren Gartenzäunen, denn Neid und die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit waren ständige Begleiter.
Auf staatlicher Ebene perfektionierte Alexander Schalck-Golodkowski dieses System mit dem Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo). Der Staat selbst wurde zum größten Hehler und Devisenschieber, um den bankrotten Sozialismus durch Geschäfte mit dem Klassenfeind am Leben zu erhalten. Ein zynischer Pakt: Die DDR brauchte den Kapitalismus, um ihre Existenz zu finanzieren.
Als die Mauer 1989 fiel, kollabierte nicht nur ein politisches System, sondern auch dieses Schattenreich. Die D-Mark, einst das Sehnsuchtsobjekt, wurde zum Richter. Viele der alten Netzwerke zerfielen, doch die Geschichte dieser geheimen Parallelgesellschaft bleibt ein Lehrstück über die Unmöglichkeit, die menschliche Natur per Dekret zu ändern. Was blieb, war die Erkenntnis: Wer im Sozialismus etwas brauchte, musste jemanden kennen – der ehrlichste Satz der DDR-Geschichte.