Magdeburgs 800. Stolperstein: Ein Denkmal gegen das Vergessen

Magdeburg setzt ein weiteres Zeichen gegen das Vergessen: In diesen Tagen wird der 800. Stolperstein in der Stadt verlegt. Diese kleinen, glänzenden Gedenksteine, die vor den letzten selbstgewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus in das Pflaster eingelassen werden, erinnern an Schicksale, die niemals in Vergessenheit geraten dürfen. Das Netzwerk der „Stolpersteinpaten“ wächst stetig und sorgt dafür, dass die Erinnerung an die Namen auf den mittlerweile 16 Jahre lang verlegten Stolpersteinen lebendig bleibt.

Wilhelm Kronheim: Ein angesehener Kaufmann und sein tragisches Ende
Der 800. Stolperstein, der am 3. April um 10:30 Uhr in der Sternstraße 22 verlegt wird, erinnert an Wilhelm Kronheim, einen angesehenen und für die Magdeburger Wirtschaft wichtigen jüdischen Kaufmann. Wilhelm Kronheim, geboren 1875, heiratete am 7. Oktober 1908 Anna Stern aus Paderborn. Seine Hochzeit war auch der Anlass für seinen Einstieg in den Getreidehandel, zunächst in der Firma seines Schwagers Julius Hesse.

Schon bald wollte er sich selbstständig machen und gründete eine Getreideagentur, bevor er am 27. Juni 1913 seine eigene Firma „Willem Kronheim für Getreide, Futtermittel und Sämereien“ in der Otto-von-Guericke-Straße gründete. Dies war auch das Jahr, in dem sein Sohn Heinz geboren wurde.

Die Familie Kronheim lebte in einem repräsentativen Wohnhaus in der Otto-von-Guericke-Straße 65, was zeigte, dass man mit dem Getreidehandel durchaus erfolgreich sein konnte. Wilhelm Kronheim engagierte sich auch in der jüdischen Gemeinde als Repräsentant der Synagogengemeinde und Vorsitzender der Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum. Eine prägende Rolle spielte er im Oktober 1929, als er als einziger Magdeburger die „Erklärung deutscher Juden“ unterzeichnete. Diese Erklärung war eine Reaktion auf ein Massaker an der jüdischen Gemeinde in Hebron, bei dem 60 Menschen ums Leben kamen. Kronheim rief zur Mäßigung auf und vertrat die Ansicht, dass die Stabilisierung jüdischen Lebens in Deutschland Vorrang haben sollte, anstatt Palästina als jüdische Heimstätte zu betrachten.

Doch seine Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde das Geschäft seines Vaters in Guben von SA-Angehörigen überfallen und schwer beschädigt. Die Familie Kronheim verließ Magdeburg und zog 1936 zunächst nach Miran, 1938 dann weiter nach Amsterdam in der Hoffnung auf Sicherheit. Doch die Nazis überfielen im Mai 1940 auch Holland. Wilhelm Kronheim wurde festgesetzt und sollte deportiert werden. Ihm wurde vorgeworfen, 97.101 Reichsmark Reichsfluchtsteuer hinterzogen zu haben, wofür er 1937 vom Landgericht Berlin zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus und einer Geldstrafe von 30.000 Reichsmark verurteilt worden war. Auf dem Transport in ein Konzentrationslager nahm sich Wilhelm Kronheim in Kleve im Gefängnis das Leben, um der Deportation zu entgehen. Sein Sohn Heinz konnte nach Australien gebracht werden und überlebte, ebenso wie seine Frau Anna, die später in Australien verstarb.

Herz Baruch und Gertrud Beibus: Zwischen Deportation und stiller Güte
Ein weiteres Schicksal, an das die Stolpersteine erinnern, ist das von Herz Baruch und Gertrud Beibus. Gertrud Beibus, geborene Ebe, wurde 1892 in Magdeburg geboren und war Schneiderin. Sie heiratete 1919 Herz Baruch, der aus Polen stammte. Das Ehepaar eröffnete 1921 in der Bahnhofstraße 49a ein Geschäft für Imkereibedarfsartikel unter dem Namen „Grete Ebe“, dem Mädchennamen von Gertrud. Diese Namenswahl erwies sich als Schutz, da der Name Beibus in den von den Nazis angelegten Listen jüdischer Geschäfte nicht auftauchte und sie so einiges an Verleumdung erspart blieb.

Herz Baruch wurde jedoch Ende Oktober 1938 im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ verhaftet und nach Polen abgeschoben. Es gelang ihm unter dramatischen, unbekannten Umständen, nach Magdeburg zurückzukehren. Auf der Volkszählungsliste vom 17. Mai 1939 findet sich sein Name wieder an der Adresse Bahnhofstraße 49a. Doch kurz nach Kriegsbeginn, am 9. September 1939, wurde er erneut als „feindlicher Ausländer“ verhaftet und am 3. Oktober 1939 in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Nur zehn Tage später, am 13. Oktober 1939, wurde Herz Baruch dort ermordet.

Seine Frau Gertrud überlebte die NS-Zeit und verstarb am 12. November 1973 in Magdeburg. Sie war zeitlebens von den Erlebnissen traumatisiert, wie ihre Angst vor dem Knallen und Blitzen von Silvesterfeuerwerk zeigte, das sie an den Krieg erinnerte. Trotz ihres eigenen Leidens zeigte sie eine bemerkenswerte Güte: Sie verschenkte Wechselgeld vom Einkauf und sorgte dafür, dass Kinder in ihrem Haus zu Ostern und Weihnachten Schokolade oder Geschenke bekamen.

Die Familie Koh: Ein Textilhandel und vielfältige Verfolgung
Auch die Geschwister Koh – Jenny, Max, Alfred, Willi und Meta – lebten in Magdeburg, an der ehemaligen Adresse Stefansbrücke 24-25. Ihr Haus hatte sogar einen Namen: „Zu den zwei Tauben“, dessen Gedenkstein bis heute erhalten und im Museum aufbewahrt wird. Der Vater, Louis Koh, war zunächst Klempnermeister, wechselte dann aber zum Kohlenhandel, indem er als Vertreter für die günstigen, wenn auch qualitativ minderwertigen Maria-Schin-Kohlen tätig wurde. Später begründete die Familie einen Textilhandel in der Stefansbrücke, einer Straße, die für ihre Kleidermacher bekannt war.

Die Verfolgung traf auch die Familie Koh auf unterschiedliche Weise. Alfred Koh und Willi Koh wurden 1938 bei der „Polenaktion“ nach Buchenwald verschleppt, dort gequält und misshandelt. Man nahm ihnen das Versprechen ab, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Alfred und seine Frau Friede Rapsch wanderten daraufhin nach Shanghai aus, wo sie unter schwierigen Bedingungen in einem Ghetto leben mussten.

Alfred verstarb dort am 4. August 1945. Friede konnte sich retten und kehrte nach Deutschland zurück, wo sie 1961 in Berlin verstarb. Über das Schicksal von Willi und Elise Koh, die ebenfalls nach Shanghai gingen, ist leider nichts bekannt.

Meta Koh, die ledig geblieben war, blieb in Magdeburg. Sie wurde in eines der Judenhäuser in der Westendstraße gebracht und von dort am 18. November 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. Max Koh wurde von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Jenny Koh und ihr Mann Heinrich Boldes entzogen sich der Verfolgung, indem sie sich am 10. März 1943 gemeinsam in ihrer Wohnung in Berlin das Leben nahmen.

Diese Geschichten, die durch die Stolpersteine und die Erinnerungsarbeit erzählt werden, sind ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Nachfahren von Überlebenden aus den USA und Israel werden am 4. April erneut die Gelegenheit nutzen, über die Lebenswege ihrer Angehörigen zu berichten und so die lebenslangen Schmerzen, die durch die Naziverbrechen zugefügt wurden, ins Bewusstsein zu rufen. Die Verlegung jedes einzelnen Stolpersteins ist ein Akt der Erinnerung und des Gedenkens, der sicherstellt, dass die Opfer des NS-Regimes nicht vergessen werden.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl