Offiziell besaß die DDR eine Regierung mit Ministerien, Staatssekretären und einem Ministerrat. Nach außen sollte der Eindruck eines regulären Staatsapparates entstehen, wie man ihn auch aus anderen Ländern kannte. Doch hinter den Kulissen existierte eine zweite Ebene der Macht, die weitgehend unsichtbar blieb: das Zentralkomitee der SED, kurz ZK. Dort liefen die entscheidenden politischen Fäden zusammen. Nicht die Ministerien bestimmten die Richtung des Landes, sondern die Partei.
Das Zentralkomitee funktionierte wie eine gigantische Schattenregierung. Rund 40 spezialisierte Abteilungen überwachten nahezu jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens – von Wirtschaft und Landwirtschaft über Kultur, Medien und Bildung bis hin zu Sicherheitsfragen und Außenpolitik. Für fast jedes staatliche Ministerium existierte im ZK eine entsprechende Parteistruktur, die die eigentlichen Entscheidungen vorbereitete. Die staatlichen Behörden hatten diese anschließend umzusetzen.
Besonders deutlich zeigte sich dies in der Wirtschaftspolitik. Große Produktionsziele, Investitionsentscheidungen oder Versorgungsschwerpunkte wurden nicht zuerst in Ministerien diskutiert, sondern innerhalb der Parteiapparate abgestimmt. Die zuständigen ZK-Abteilungen verfügten dafür über umfangreiche Statistiken, Berichte und Analysen. In Berlin entstand ein hochmodernes Verwaltungsnetz mit eigenen Rechenzentren und Datenbanken – ungewöhnlich leistungsfähig für die damalige Zeit. Die Partei wollte jederzeit wissen, wo es Produktionsprobleme gab, welche Betriebe Rückstände meldeten oder wo politische Unruhe entstehen konnte.
Juristisch besaßen die Funktionäre des ZK oft keine direkte Weisungsbefugnis gegenüber Ministern oder Behördenleitern. Doch in der Realität spielte das kaum eine Rolle. Wer die „Empfehlungen“ der Partei ignorierte, riskierte das Ende seiner Karriere. Entscheidungen wurden daher häufig bereits im Sinne des ZK vorbereitet, bevor sie überhaupt offiziell beraten wurden. Der Ministerrat wirkte dadurch oft wie ein ausführendes Verwaltungsorgan, das Beschlüsse der Partei lediglich bestätigte.
Für viele Bürger blieb dieses Machtgefüge unsichtbar. Nach außen sprach die DDR von Volksvertretung, Parlamenten und staatlicher Verwaltung. Tatsächlich aber lag die zentrale Steuerung in den Händen weniger Parteifunktionäre. Das Zentralkomitee war damit nicht nur die Schaltzentrale der SED, sondern das eigentliche Machtzentrum des Staates – eine politische Parallelstruktur, die das öffentliche Leben bis in viele Details hinein bestimmte.